Deutsch­land bleibt ein Schlüsselmarkt

Seit April leitet Sveinn Sölvason die globalen Geschicke des börsennotierten Hilfsmittelherstellers Össur. Zuvor war der neue CEO und Nachfolger des sich in den Ruhestand verabschiedeten Jon Sigurdsson bereits als Finanzchef beim isländischen Unternehmen tätig. Kurz nach seinem Amtsantritt nutzte Sölvason die Gelegenheit, um sich auf der OTWorld ein aktuelles Bild von der Branche zu machen.

Im Gespräch mit der OT-Redak­ti­on schil­dert Sveinn Söl­va­son den Umgang von Össur mit den aktu­el­len gesell­schafts- und gesund­heits­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen, wie er die glo­ba­len Wachs­tums­po­ten­tia­le ein­schätzt und wel­che beson­de­re Rol­le der Stand­ort Deutsch­land einnimmt.

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OT: Herr Söl­va­son, Sie über­neh­men den Chef­pos­ten bei Össur in schwie­ri­gen Zei­ten. Wo sehen Sie vor dem Hin­ter­grund von Pan­de­mie, stei­gen­den Roh­stoff- und Lie­fer­kos­ten sowie dem Krieg in der Ukrai­ne die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen für Ihr ­glo­bal agie­ren­des Unternehmen?

Sveinn Söl­va­son: Glück­li­cher­wei­se erholt sich ein Groß­teil der Welt von der Coro­na-Pan­de­mie, aber gleich­zei­tig spü­ren wir wie die meis­ten glo­ba­len Unter­neh­men natür­lich auch die Aus­wir­kun­gen der Her­aus­for­de­run­gen in den Lie­fer­ket­ten und die durch den Krieg in der Ukrai­ne ent­stan­de­ne Unsi­cher­heit. Die Nach­fra­ge nach unse­ren Pro­duk­ten ist nach wie vor groß und wir bemü­hen uns, die Lie­fer­ket­ten und die Beschaf­fung von Pro­duk­ten so gut wie mög­lich zu orga­ni­sie­ren. Össur geht sehr gestärkt aus der Pan­de­mie her­vor und blickt wei­ter­hin opti­mis­tisch in die Zukunft.

OT: Klei­ne­re Unter­neh­men haben bis heu­te mit der Ein­füh­rung der Medi­cal Device Regu­la­ti­on (MDR) zu kämp­fen. Medi­zin­pro­duk­te-Ver­bän­de ver­wei­sen auf weni­ger ver­füg­ba­re Pro­duk­te auf dem Markt bis hin zu Fir­men­schlie­ßun­gen. Inwie­weit ist ein Unter­neh­men wie Össur mit Blick auf die Ein­füh­rung neu­er Pro­duk­te von der MDR betroffen?

Söl­va­son: Ich kann mir durch­aus vor­stel­len, dass dies für klei­ne­re Unter­neh­men wei­ter­hin eine Her­aus­for­de­rung dar­stellt. Die MDR stellt erhöh­te Anfor­de­run­gen an die Kli­ni­sche Bewer­tung und die Über­wa­chung nach dem Inver­kehr­brin­gen mit ver­bes­ser­ter Vali­die­rung der Leis­tung von Medi­zin­pro­duk­ten und der Pati­en­ten­si­cher­heit. Össur hat meh­re­re Jah­re lang dar­an gear­bei­tet, um für das Inkraft­tre­ten der Ver­ord­nung gerüs­tet zu sein. Wir sind sehr stolz dar­auf, dass unser glo­ba­les Qua­li­täts­ma­nage­ment­sys­tem die MDR-Anfor­de­run­gen erfüllt. Die Ver­fah­ren und Pro­zes­se sind vor­han­den, der regu­la­to­ri­sche Rah­men ist in unse­re all­ge­mei­ne Arbeits­wei­se ein­ge­bet­tet und die Pro­dukt­ein­füh­rung ist bei uns nicht beeinträchtigt.

OT: Össur ist spä­tes­tens seit dem Bör­sen­gang 1999 auf ste­tem Wachs­tums­kurs. Wie sehen aktu­ell die Aus­sich­ten für Euro­pa, Asi­en und Nord­ame­ri­ka aus?

Söl­va­son: Heu­te erwirt­schaf­ten wir den größ­ten Teil unse­res Umsat­zes in den wohl­ha­ben­den Gesund­heits­sys­te­men der Welt, d. h. in Nord­ame­ri­ka, Aus­tra­li­en, Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, den Bene­lux-Län­dern, Skan­di­na­vi­en und Deutsch­land. Dies sind gut aus­ge­stat­te­te Gesund­heits­märk­te, in denen es einen eta­blier­ten Weg der Erstat­tung für pro­the­ti­sche Lösun­gen gibt. Die Mehr­heit der Men­schen mit Ampu­ta­ti­on befin­det sich jedoch in ande­ren Regio­nen, in denen die Infra­struk­tur und die Gesund­heits­sys­te­me weni­ger ent­wi­ckelt sind. Hier wer­den wir in den nächs­ten drei bis zehn Jah­ren das meis­te Wachs­tum erzie­len, wenn­gleich es auch in den wohl­ha­ben­den Märk­ten immer noch eine gro­ße Chan­ce gibt, die Qua­li­tät der ange­wand­ten Pro­the­sen­lö­sun­gen zu ver­bes­sern. Dort haben wir sowohl die Tech­no­lo­gie als auch die Bereit­schaft zur Inno­va­ti­on, und zwar nicht nur beim Pro­dukt, son­dern auch bei der Art und Wei­se, wie wir mit Men­schen mit Ampu­ta­ti­on umge­hen und wie wir ihnen gute Lösun­gen anbie­ten, die ihr Leben posi­tiv verändern.

OT: Wie ist es in Ihrem Unter­neh­men um den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt bestellt, bzw. wie sieht die stra­te­gi­sche Balan­ce ­zwi­schen Pro­dukt­ent­wick­lun­gen an den eige­nen For­schungs- und Ent­wick­lungs­stand­or­ten im Ver­gleich zu Zukäu­fen ­exter­ner Fir­men und Lizen­zen aus?

Söl­va­son: Inno­va­ti­on war für Össur schon immer ein wich­ti­ger Antrieb. Wir haben maß­geb­lich dazu bei­getra­gen, die Mess­lat­te in Bezug auf die Lebens­qua­li­tät von Men­schen mit Ampu­ta­ti­on durch neue Inno­va­tio­nen höher zu legen, indem wir in Tech­no­lo­gien und Lösun­gen inves­tiert haben, die die Mobi­li­tät erhö­hen. Dies ist der Kern unse­res Unter­neh­mens­zwecks und dar­auf kon­zen­trie­ren wir uns auch wei­ter­hin. Dies gilt sowohl für unse­re eige­nen Inno­va­tio­nen als auch für den Erwerb neu­er Tech­no­lo­gien, wenn sich die Gele­gen­heit dazu bie­tet. Anfang die­ses Jah­res haben wir mit der neu­en, drit­ten Genera­ti­on des „Power Knee“, des welt­weit ers­ten motor­be­trie­be­nen Mikro­pro­zes­sor-Knies, ein bahn­bre­chen­des Pro­dukt auf den Markt gebracht. Men­schen mit Ampu­ta­ti­on kön­nen von einer moto­ri­schen Unter­stüt­zung pro­fi­tie­ren und unser „Power Knee“ kann mit sei­ner Motor- oder Mus­kel­kraft einen sehr gro­ßen funk­tio­nel­len Ein­fluss auf das Leben der Betrof­fe­nen haben. Man erhält mehr Kraft und mehr Unter­stüt­zung bei der Fort­be­we­gung, wäh­rend man sich bei einem her­kömm­li­chen Pro­the­sen­knie­ge­lenk ganz auf sei­ne eige­ne Kraft ver­las­sen muss. Für eine nicht all­zu kräf­ti­ge Per­son ist dies ein sehr gro­ßer Schritt in Bezug auf mehr Funk­tio­na­li­tät und eine bes­se­re Lebens­qua­li­tät. Dies ist ein wich­ti­ger Aspekt, denn unse­re Auf­ga­be ist es auch, die Gesund­heits­sys­te­me davon zu über­zeu­gen, dass die Anschaf­fung von Pro­duk­ten wie dem „Power Knee“ eine gute Inves­ti­ti­on ist. Die­ses Pro­dukt ist für jedes Gesund­heits­sys­tem, das es ein­führt, von Vor­teil, da die Kos­ten über die gesam­te Lebens­dau­er des Nut­zers gerin­ger sind, der mobi­ler und gesün­der bleibt und außer­dem sel­te­ner stürzt.

OT: Össur Deutsch­land hat im letz­ten Jahr in Köln einen neu­en Stand­ort bezo­gen und auch die haus­ei­ge­ne Aca­de­my dort­hin ver­legt. Wel­che Rol­le spielt der deut­sche Markt im glo­ba­len Kon­text und was ver­spre­chen Sie sich von der Nähe zum zen­tra­len Lager­stand­ort in Eindhoven?

Söl­va­son: Deutsch­land ist schon immer einer unse­rer Schlüs­sel­märk­te und wir schät­zen die lang­jäh­ri­ge Part­ner­schaft mit unse­ren zahl­rei­chen Kund:innen und Kolleg:innen sehr. Die gut aus­ge­bil­de­ten Arbeits­kräf­te, das Inter­es­se an Nach­hal­tig­keits­fra­gen, der fort­schritt­li­che Gesund­heits­markt und die sta­bi­le Infra­struk­tur machen Deutsch­land zu einem idea­len Stand­ort für uns, um unser Geschäft vor­an­zu­trei­ben, sowohl in Bezug auf die Inno­va­ti­on von Pro­duk­ten als auch von Dienstleistungen.

OT: Ihr Vor­gän­ger Jon Sigurds­son hat 2020 mit Blick auf den deut­schen Markt betont, dass er kei­ne Betei­li­gun­gen an ­OT-Betrie­ben anstre­be, solan­ge der Wett­be­werb dies nicht ­erfor­dert. Tei­len Sie die­se Posi­ti­on zwei Jah­re spä­ter oder fin­det in die­ser Sache aktu­ell ein Umden­ken statt?

Söl­va­son: Ich tei­le sei­ne Posi­ti­on in die­ser Hin­sicht und unser Ziel ist es, wei­ter­hin dau­er­haf­te Part­ner­schaf­ten mit unse­ren Kund:innen in Deutsch­land auf­zu­bau­en und Pro­duk­te und Ser­vice­lö­sun­gen anzu­bie­ten, von denen Ärzt:innen, Geschäftsinhaber:innen und Patient:innen glei­cher­ma­ßen profitieren.

OT: Sie arbei­ten seit 2009 für Össur und wis­sen um den gro­ßen Stel­len­wert der „Cor­po­ra­te Values“. Was ist Ihr per­sön­li­cher Ansatz, die­se zu pfle­gen und weiterzuentwickeln?

Söl­va­son: Ich glau­be fest an Team­ar­beit und Wer­te. Die Össur-Wer­te Ehr­lich­keit, Spar­sam­keit und Mut sind der Kitt, der die 4.000 Össur-Mitarbeiter:innen welt­weit zusam­men­hält. Wir för­dern die­se Wer­te in unse­rem Ver­hal­ten unter­ein­an­der und gegen­über unse­ren Kund:innen und Sta­ke­hol­dern. Bei Össur legen wir gro­ßen Wert auf Zusam­men­ar­beit und Team­work und wir set­zen uns ehr­gei­zi­ge Zie­le. Ich wer­de jeden Tag ermu­tigt, mein Bes­tes zu geben, da ich von lei­den­schaft­li­chen und moti­vier­ten Men­schen umge­ben bin.

OT: Letz­te Fra­ge: Sie gel­ten als begeis­ter­ter ­Renn­rad­fah­rer. ­Wer­den Sie sich bei Ihrem nächs­ten Deutsch­land­be­such die Zeit neh­men, um die schöns­ten Stre­cken des Rhein­lands kennenzulernen?

Söl­va­son: Das hof­fe ich sehr! Rad­fah­ren ist eine groß­ar­ti­ge Mög­lich­keit die Natur zu genie­ßen und die Umge­bung ken­nen­zu­ler­nen. Ich weiß, dass ich es sehr genie­ßen wür­de auf schö­nen Stre­cken unter­wegs zu sein.

Die Fra­gen stell­te Micha­el Blatt.

 

 

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