Kau­er­gang ver­ste­hen und kor­ri­gie­ren: Die Bedeu­tung des „Unter­schen­kel-Boden-Win­kels“

P. Niesner
Dieser Fachartikel beleuchtet die biomechanischen Grundlagen des Kauergangs und analysiert die Auswirkungen struktureller und funktioneller Ursachen. Praxisnahe Fallbeispiele zeigen, wie eine gezielte orthetische Versorgung zur Verbesserung des Gangbilds und zur Reduktion des Energieaufwands beitragen kann. Die vorgestellten Fallbeispiele verdeutlichen, wie biomechanische Maßnahmen die Mobilität steigern und den Energieaufwand beim Gehen selbst bei komplexen Fällen reduzieren können. Ziel ist es, die Zusammenhänge zwischen Ursachen, biomechanischen Auswirkungen und Kompensationsmechanismen zu verdeutlichen und damit die Grundlage für eine effektive Versorgung zu schaffen.

Ein­lei­tung

Der Kau­er­gang, auch als „Crou­ch­ing Gait“ bekannt, ist ein patho­lo­gi­sches Gang­bild, das durch über­mä­ßi­ge Knie­beu­gung und inef­fi­zi­en­te Bewe­gungs­ab­läu­fe gekenn­zeich­net ist. Die­se Fehl­stel­lung führt nicht nur zu einem erhöh­ten Ener­gie­auf­wand beim Gehen, son­dern belas­tet Gelen­ke und Mus­ku­la­tur erheb­lich. Die Ursa­chen für die­ses Gang­bild sind viel­fäl­tig und haben Ein­fluss auf die Kon­struk­ti­ons­merk­ma­le einer Orthesenversorgung.

Eine zen­tra­le Rol­le spielt der Unter­schen­kel-Boden-Win­kel, des­sen bio­me­cha­ni­sche Bedeu­tung für ein sta­bi­les und effi­zi­en­tes Gang­bild häu­fig unter­schätzt wird.

Die häu­figs­ten Ursa­chen las­sen sich in zwei Grup­pen unterteilen:

  1. Funk­tio­nel­le Ursa­chen: schlaf­fe oder spas­ti­sche Läh­mung, ins­be­son­de­re der Waden­mus­ku­la­tur1 2 3
  2. Struk­tu­rel­le Ursa­chen: Ein­schrän­kung der Gelenk­be­weg­lich­keit, ins­be­son­de­re bei Knie­beu­ge- und Hacken­fuß­kon­trak­tu­ren4

Bei funk­tio­nel­len Ursa­chen sind die Chan­cen auf eine signi­fi­kan­te Ver­bes­se­rung durch eine Orthe­sen­ver­sor­gung höher, wäh­rend bei struk­tu­rel­len Kon­trak­tu­ren die Mög­lich­kei­ten begrenzt sind – jedoch blei­ben auch hier posi­ti­ve Ver­än­de­run­gen erreich­bar5 6 7.

Unter­schen­kel-Boden-Win­kel und sei­ne Wir­kung auf das Gangbild

Der Unter­schen­kel-Boden-Win­kel beschreibt den Win­kel zwi­schen Unter­schen­kel und der Boden­ebe­ne und soll­te nicht mit dem Unter­schen­kel-Fuß-Win­kel ver­wech­selt werden.

  • Unter­schen­kel-Boden-Win­kel: Win­kel zwi­schen dem Unter­schen­kel und der Boden­ebe­ne, unab­hän­gig von der Stel­lung des OSG
  • Unter­schen­kel-Fuß-Win­kel: Ent­spricht der Stel­lung des obe­ren Sprung­ge­lenks und beschreibt die Posi­ti­on des Fußes rela­tiv zum Unterschenkel

Ein Kau­er­gang und damit eine über­mä­ßi­ge Unter­schen­kel­vor­nei­gung kann sowohl bei einem Spitz­fuß als auch bei einem Hacken­fuß auf­tre­ten. Die Stel­lung des obe­ren Sprung­ge­lenks ist davon unab­hän­gig zu betrach­ten (Abb. 1).

Der Unter­schen­kel-Boden-Win­kel liegt bei ca. 90° zum Boden (bis zu 7° Vor­nei­gung gilt als phy­sio­lo­gisch). Eine über­mä­ßi­ge Vor­nei­gung führt zu einer kom­pen­sa­to­ri­schen Knie­beu­gung, um den Kör­per­schwer­punkt über der Unter­stüt­zungs­flä­che zu halten.

Eine über­mä­ßi­ge Rück­nei­gung der Tibia führt zu einem Genu recur­va­t­um, wodurch das Knie­ge­lenk pas­siv gesi­chert wird. Die­se pas­si­ve Siche­rung ist jedoch mit einem erhöh­ten Ver­schleiß des Knie­ge­lenks und einer Über­deh­nung der knie­si­chern­den Band­struk­tu­ren ver­bun­den8. Sowohl bei einer Tibia­vor- als auch rück­nei­gung sind viel­fäl­ti­ge Kom­pen­sa­ti­ons­me­cha­nis­men zu erwar­ten (Abb. 2).

Die Beweg­lich­keit des obe­ren Sprung­ge­lenks ist häu­fig durch patho­lo­gi­sche Ver­än­de­run­gen ein­ge­schränkt, was den Win­kel zwi­schen Fuß und Unter­schen­kel vor­gibt (Abb. 3a). Ein anschau­li­ches Bei­spiel hier­für ist ein kon­trak­ter Spitz­fuß. Wird die­ser nicht durch eine Fer­sen­er­hö­hung aus­ge­gli­chen, kann fol­gen­de kom­pen­sa­to­ri­sche Bewe­gung auf­tre­ten: Die betrof­fe­ne Per­son ver­sucht, die Unter­stüt­zungs­flä­che zu ver­grö­ßern und die Fer­se zum Boden zu brin­gen, um nicht aus­schließ­lich auf den Zehen­spit­zen lau­fen zu müs­sen. Auf­grund der Dor­sal­ex­ten­si­ons-Ein­schrän­kung im obe­ren Sprung­ge­lenk gelingt dies jedoch nur durch eine Rück­nei­gung des Unter­schen­kels, was zu einem Genu recur­va­t­um führt9.

Durch einen Spitz­fuß­aus­gleich wird der Boden näher an die Fer­se gebracht, wodurch eine kom­pen­sa­to­ri­sche Aus­gleichs­be­we­gung über­flüs­sig wird. Trotz des patho­lo­gisch ver­än­der­ten Win­kels im obe­ren Sprung­ge­lenk kann der Unter­schen­kel in Ver­bin­dung mit einer Fer­sen­er­hö­hung in einem Win­kel von ca. 90° zur Boden­ebe­ne posi­tio­niert wer­den10 (Abb. 3b).

Funk­tio­nel­le Ursa­che des Kau­er­gangs: schlaf­fe Läh­mung der Wadenmuskulatur

Die Plant­ar­flex­o­ren über­neh­men eine ent­schei­den­de Rol­le bei der Sta­bi­li­sie­rung des Knie­ge­lenks durch das soge­nann­te „plant­ar­fle­xi­on-knee exten­si­on cou­ple“ 11. In Mid-Stance kippt der Unter­schen­kel nach vor­ne, ein Pro­zess, der auch als „Ank­le Rocker“ bezeich­net wird. Die Plant­ar­flex­o­ren brem­sen die Vor­wärts­be­we­gung der Tibia. Ein unkon­trol­lier­tes Nach-vor­ne-Kip­pen des Unter­schen­kels wird durch exzen­tri­sche Mus­kel­ar­beit, ins­be­son­de­re des M. soleus, ver­hin­dert12 13. Die­se kon­trol­lier­te Bewe­gung ermög­licht eine effi­zi­en­te Sta­bi­li­sie­rung des Knie­ge­lenks. Nur in der frü­hen Mid-Stance-Pha­se wird das Knie­ge­lenk durch den M. quad­ri­ceps femo­ris kurz aktiv sta­bi­li­siert. Mit zuneh­men­der Ver­schie­bung des Kör­per­vek­tors vor das Knie­ge­lenk wird die Sta­bi­li­sie­rung durch den M. qua­dri­zeps femo­ris über­flüs­sig. Das Knie nimmt eine pas­siv sta­bi­le Posi­ti­on ein, wodurch der mus­ku­lä­re Ener­gie­auf­wand redu­ziert wird14. Die Kopp­lung zwi­schen Plant­ar­fle­xi­on und Knie­ex­ten­si­on ist essen­zi­ell für die Sta­bi­li­sie­rung der unte­ren Extre­mi­tät. Die­se bio­me­cha­ni­sche Inter­ak­ti­on wird als „Plant­ar­fle­xi­on-Knee Exten­si­on Cou­ple“ bezeichnet.

Eine Schwä­che in der Waden­mus­ku­la­tur beein­träch­tigt die Kopp­lung zwi­schen Plant­ar­fle­xi­on und Knie­ex­ten­si­on erheb­lich. Wenn die Waden­mus­ku­la­tur den Unter­schen­kel­vor­schub nicht aus­rei­chend brem­sen kann, kippt der Unter­schen­kel zu weit nach vor­ne. Das Knie muss vom M. qua­dri­zeps allei­ne ener­gie­auf­wän­dig sta­bi­li­siert wer­den; aller­dings ist die­ser nicht in der Lage, den Unter­schen­kel zurück­zu­füh­ren, da er kei­ne direk­te Ver­bin­dung zum obe­ren Sprung­ge­lenk besitzt. Dadurch kommt es zu einer über­mä­ßi­gen Vor­nei­gung des Unter­schen­kel-Boden-Win­kels, die eine kom­pen­sa­to­ri­sche Knie­beu­gung sowie inef­fi­zi­en­te Bewe­gungs­ab­läu­fe nach sich zieht15. Eine Schwä­che oder Läh­mung der Waden­mus­keln trägt damit wesent­lich zur Ent­wick­lung eines Kau­er­gangs bei16 17.

Fall­bei­spiel 1: Ein 6‑jähriger Pati­ent mit schlaf­fer Läh­mung der Waden­mus­ku­la­tur infol­ge einer Mye­lo­me­nin­go­ze­le (MMC) zeig­te durch den Ein­satz einer AFO (ank­le-foot ortho­sis, Knö­chel-Fuß-Orthe­se) aus Car­bon­tech­nik eine deut­li­che Ver­bes­se­rung des Unter­schen­kel-Boden-Win­kels. Die ent­schei­den­den Kon­struk­ti­ons­merk­ma­le sind eine ven­tra­le Unter­schen­kel­an­la­ge, kom­bi­niert mit einem dor­sa­len Anschlag und lan­gem Vor­fuß­he­bel, die zusam­men eine opti­ma­le Kor­rek­tur des Unter­schen­kel-Boden-Win­kels ermöglichen.

Die Ergeb­nis­se zei­gen, dass der Unter­schen­kel-Boden-Win­kel mit der AFO im Stand von 17° bar­fuß auf ca. 7° redu­ziert wer­den konn­te, was eine Ver­bes­se­rung von 10° dar­stellt. Gleich­zei­tig ver­rin­ger­te sich der Knie­win­kel von 30° auf 18°, was eine Ver­bes­se­rung von 12° ergibt. Die­se Ver­än­de­run­gen ver­deut­li­chen die posi­ti­ve Wir­kung des Unter­schen­kel-Boden-Win­kels auf die Knie­stel­lung (Abb. 4).

Struk­tu­rel­le Ursa­che für einen Kau­er­gang: Gelenkkontrakturen

Kon­trak­tu­ren, die durch eine Ver­kür­zung ver­schie­de­ner Struk­tu­ren ent­ste­hen kön­nen, haben erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Bio­me­cha­nik des Gehens18 19.

Knie­beu­ge­kon­trak­tur

Bei einer Knie­beu­ge­kon­trak­tur ver­bleibt das Knie­ge­lenk sowohl bei akti­ver als auch bei pas­si­ver Bewe­gung in einer gebeug­ten Position.

Im Stand ver­schiebt die feh­len­de Knie­stre­ckung den Kör­per­schwer­punkt hin­ter das Knie­ge­lenk. Dadurch ent­steht ein knie­beu­gen­des Dreh­mo­ment, wel­ches durch eine ver­stärk­te Akti­vi­tät der Qua­dri­zeps­mus­ku­la­tur aus­ge­gli­chen wer­den muss20.

Um den Kör­per­schwer­punkt über die Unter­stüt­zungs­flä­che zu brin­gen und einen auf­rech­ten Stand zu ermög­li­chen, tre­ten kom­pen­sa­to­ri­sche Aus­gleichs­be­we­gun­gen auf. Ein typi­sches Kom­pen­sa­ti­ons­mus­ter umfasst eine ver­stärk­te Dor­sal­ex­ten­si­on im obe­ren Sprung­ge­lenk sowie eine ver­mehr­te Fle­xi­on im Hüft­ge­lenk, beglei­tet von einer ante­rio­ren Becken­kip­pung, die sich in einer Hyper­lor­do­se der Len­den­wir­bel­säu­le fort­setzt21. Die­se Kör­per­hal­tung führt zu einem erheb­li­chen Ener­gie­ver­brauch in den exten­die­ren­den Mus­kel­grup­pen22.

Fall­bei­spiel 2: Ein 16-jäh­ri­ger Pati­ent mit spas­ti­scher Tetrapa­re­se infol­ge einer infan­ti­len Zere­bral­pa­re­se (GMFCS Level 4) zeigt beid­sei­tig Hacken-Knick­fü­ße sowie aus­ge­präg­te Knie­kon­trak­tu­ren. Durch den Ein­satz von einem Paar AFOs aus stei­fem Car­bon­fa­ser­ma­te­ri­al, kom­bi­niert mit ven­tra­ler Anla­ge, einem lan­gen teil­fle­xi­blen Vor­fuß­he­bel und einem maxi­mal kor­ri­gier­ten OSG-Win­kel, konn­te der Unter­schen­kel-Boden-Win­kel und damit auch der Knie­win­kel signi­fi­kant ver­bes­sert werden.

Bei der Ver­sor­gung mit einem Paar kur­zen Knö­chel-Fuß-Orthe­sen betrug der Knie­win­kel ca. 52°. Mit der oben beschrie­be­nen AFO mit ven­tra­ler Anla­ge konn­te der Knie­win­kel auf 28° redu­ziert wer­den, was einer deut­li­chen Ver­bes­se­rung von 24° ent­spricht. Die dar­aus resul­tie­ren­de Ener­gie­er­spar­nis ermög­lich­te es dem Pati­en­ten, wie­der Freu­de am Lau­fen zu fin­den. Nach nur weni­gen Mona­ten kon­ti­nu­ier­li­cher Nut­zung der Orthe­sen konn­te er sei­ne Geh­stre­cke von nahe­zu null auf etwa 300 Meter steigern.

Die­ses Ergeb­nis zeigt ein­drück­lich, dass selbst bei aus­ge­präg­ten Gelenk­kon­trak­tu­ren der Unter­schen­kel-Boden-Win­kel opti­miert wer­den kann, wodurch eine erheb­li­che Ener­gie­er­spar­nis erzielt wird. Dies führ­te zu mehr Bewe­gungs­frei­heit und einer gestei­ger­ten Lebens­qua­li­tät für den Pati­en­ten (Abb. 5).

Kon­trak­ter Hackenfuß

Die bio­me­cha­ni­schen Aus­wir­kun­gen eines fixier­ten Hacken­fu­ßes kön­nen denen einer Knie­beu­ge­kon­trak­tur stark ähneln, unter­schei­den sich jedoch grund­le­gend in ihrer Ursa­che. Dem­entspre­chend vari­ie­ren auch die Kon­struk­ti­ons­merk­ma­le der orthe­ti­schen Ver­sor­gung. Um prä­zi­se zwi­schen pri­mä­ren Ursa­chen und sekun­dä­ren Kom­pen­sa­ti­ons­mus­tern unter­schei­den zu kön­nen, sind eine sorg­fäl­ti­ge Ana­mne­se mit Pal­pa­ti­on aller gro­ßen Gelen­ke der unte­ren Extre­mi­tät sowie geziel­te Mus­kel­funk­ti­ons­tests unver­zicht­bar23.

Im phy­sio­lo­gi­schen Gang­zy­klus erfolgt der ers­te Boden­kon­takt mit der Fer­se (Initi­al Cont­act), wodurch ein Fer­sen­kipp­he­bel – auch als „Heel Rocker“ bezeich­net – akti­viert wird. Die­ser Hebel beschleu­nigt den Fuß in Rich­tung Plant­ar­fle­xi­on. Um eine adäqua­te Stoß­dämp­fung wäh­rend der Last­über­nah­me sicher­zu­stel­len, wird das Absen­ken des Fußes durch die exzen­tri­sche Mus­kel­ar­beit der ven­tra­len Unter­schen­kel­mus­ku­la­tur kon­trol­liert und gebremst. Das Knie­ge­lenk wird leicht gebeugt und trägt eben­falls zur Stoß­dämp­fung bei. Die­se Pha­se des Gang­zy­klus wird als „Loa­ding Respon­se“ bezeich­net24 25.

Liegt jedoch eine Ein­schrän­kung der Plant­ar­fle­xi­on im obe­ren Sprung­ge­lenk vor, ist der Betrof­fe­ne nicht in der Lage, die not­wen­di­ge Stoß­dämp­fung wäh­rend der Loa­ding Respon­se adäquat durch­zu­füh­ren. Da sich der Fuß nicht absen­ken kann, kommt es zu einer exzes­si­ven Beschleu­ni­gung der Tibia nach vor­ne. Dies führt zu einer ver­stärk­ten Knief­le­xi­on, die durch Akti­vi­tät des M. quad­ri­ceps femo­ris sta­bi­li­siert wer­den muss. Die­ser Mecha­nis­mus ent­steht eben­falls, wenn die Plant­ar­fle­xi­on im OSG durch eine Unter­schen­kel­or­the­se mit Plant­ar­an­schlag und dor­sa­ler Scha­le ein­ge­schränkt wird26.

Fall­bei­spiel 3: Bei einer 19-jäh­ri­gen Pati­en­tin wur­den durch eine beid­sei­ti­ge Waden­in­suf­fi­zi­enz infol­ge von MMC beid­sei­tig kon­trak­te Hacken­fü­ßen (OSG DE/PF 50–12‑0) ver­ur­sacht. Eine Ver­sor­gung mit einer AFO mit dor­sa­len Car­bon­fe­dern in Ver­bin­dung mit einem stei­fen Vor­fuß konn­te zwar die Waden­schwä­che kom­pen­sie­ren und das über­mä­ßi­ge Nach-vor­ne-Kip­pen der Tibia begren­zen, jedoch blieb das Gang­bild mit Orthe­sen allein unzu­rei­chend ver­bes­sert (Abb. 6).

Der Grund liegt dar­in, dass die AFO den patho­lo­gi­schen OSG-Win­kel, der durch die Kon­trak­tur im Hacken­fuß vor­ge­ge­ben ist, nicht kor­ri­gie­ren kann. Die­se Kon­trak­tur führ­te zu einer Unter­schen­kel­vor­nei­gung, die das Gang­bild nega­tiv beein­fluss­te und eine ver­stärk­te Knie­beu­gung ver­ur­sach­te. Da die Knie­ge­len­ke der Pati­en­tin nicht betrof­fen waren, konn­te ein bio­me­cha­ni­scher Trick ange­wandt wer­den, um den Unter­schen­kel-Boden-Win­kel im Stand auf 90° zu brin­gen: der Ein­satz von Schu­hen mit Nega­tiv­ab­satz (Abb. 7). Die­se ein­fa­che Maß­nah­me führ­te zu einer deut­li­chen Ver­bes­se­rung der bio­me­cha­ni­schen Para­me­ter – sowohl im Stand als auch im Gang.

Wäh­rend der Orthe­sen­an­pro­be tes­te­ten wir zunächst die Idee des Nega­tiv­ab­sat­zes. Die Kun­din lief nur weni­ge Meter mit einer pro­vi­so­risch ange­brach­ten Erhö­hung der Bal­len­rol­le und sag­te dann vol­ler Über­zeu­gung: „Mir ist egal, wie die Schu­he aus­se­hen wer­den – das will ich haben!“ Die­ses Zitat unter­streicht den sofort spür­ba­ren und gro­ßen Mehr­wert für die Kundin.

In der Video­ana­ly­se zeig­te die Pati­en­tin in der ter­mi­na­len Stand­pha­se mit nor­ma­len fla­chen Schu­hen einen Knie­win­kel von 20°. Durch den Ein­satz von Schu­hen mit Nega­tiv­ab­satz konn­ten die­ser Wer­te deut­lich um 10° ver­bes­sert wer­den. Lei­der konn­te ein Ablö­sen der Fer­se trotz ver­bes­ser­tem Knie­win­kel nicht erreicht wer­den. Posi­tiv her­vor­zu­he­ben sind jedoch zusätz­li­che Effek­te, wie eine ver­bes­ser­te Hüft­stre­ckung, ein redu­zier­tes Arm­pen­del – was auf eine Ener­gie­er­spar­nis hin­deu­tet – sowie eine auf­rech­te­re Rumpf­hal­tung mit Blick­rich­tung nach vorne.

Die­se Ergeb­nis­se ver­deut­li­chen ein­drucks­voll die bio­me­cha­ni­sche Wirk­sam­keit der Opti­mie­rung des Unter­schen­kel-Boden-Win­kels. Das Bei­spiel zeigt, dass auch bei kom­ple­xen Fäl­len ein­fa­che bio­me­cha­ni­sche Maß­nah­men zu signi­fi­kan­ten Ver­bes­se­run­gen füh­ren kön­nen. Es soll dazu ermu­ti­gen, auch unkon­ven­tio­nel­le Lösun­gen in Betracht zu zie­hen, wenn damit eine bio­me­cha­ni­sche Ver­bes­se­rung erreicht wer­den kann.

Fazit

Der Unter­schen­kel-Boden-Win­kel ist ein Schlüs­sel­fak­tor für ein sta­bi­les und effi­zi­en­tes Gang­bild. Das Ver­ständ­nis der bio­me­cha­ni­schen Zusam­men­hän­ge ermög­licht eine prä­zi­se­re Ana­ly­se des Kau­er­gangs und schafft die Grund­la­ge für geziel­te ortho­pä­die­tech­ni­sche Lösun­gen27 28.

Die Fall­bei­spie­le ver­deut­li­chen, wie eine indi­vi­du­el­le Ver­sor­gung, etwa durch AFOs oder bio­me­cha­ni­sche Tricks, nicht nur den Ener­gie­auf­wand beim Gehen redu­ziert, son­dern auch die Mobi­li­tät und Lebens­qua­li­tät der Betrof­fe­nen nach­hal­tig ver­bes­sert. Ein fun­dier­tes Ver­ständ­nis der Bio­me­cha­nik eröff­net somit neue Mög­lich­kei­ten, Pati­en­ten gezielt und wir­kungs­voll zu unter­stüt­zen29.

 

Die Autorin:
Pia Nies­ner
Ortho­pä­die­tech­nik-Meis­te­rin
Ortho­lo­gisch – Ortho­pä­die­tech­nik ­ein­fach logisch erklärt
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Tel. 0170–7406589

Kurs­lei­tung
FSO – Fort­bil­dungs-Semi­nar für ­Ortho­pä­die­tech­nik e.V.
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Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Nies­ner P. Kau­er­gang ver­ste­hen und kor­ri­gie­ren: Die Bedeu­tung des „Unter­schen­kel-Boden-Win­kels“. Ortho­pä­die Tech­nik, 2025; 76 (4): 54–57

 

 

Quel­len­ver­zeich­nis

  1. Lintanf J et al. Effect of ank­le-foot ort­ho­ses on gait, balan­ce and gross motor func­tion in child­ren with cere­bral pal­sy: a sys­te­ma­tic review and meta-ana­ly­sis. Cli­ni­cal Reha­bi­li­ta­ti­on, 2018; 32 (9): 1175–1188
  2. Böhm H, Döder­lein L, Lewens D, Dus­sa CU. Was kön­nen Unter­schen­kel­or­the­sen zur Ver­bes­se­rung des Gang­bil­des bei Kin­dern mit Zere­bral­pa­re­se leis­ten? Ortho­pä­die Tech­nik, 2020; 71 (1): 20–27
  3. Brun­ner R, Rutz E. Bio­me­cha­nics and mus­cle func­tion during gait. Jour­nal of Children’s Ortho­pae­dics, 2013; 7 (5): 367–371. doi: 10.1007/s11832-013‑0508‑5
  4. Böhm H, Döder­lein L, Lewens D, Dus­sa CU. Was kön­nen Unter­schen­kel­or­the­sen zur Ver­bes­se­rung des Gang­bil­des bei Kin­dern mit Zere­bral­pa­re­se leis­ten? Ortho­pä­die Tech­nik, 2020; 71 (1): 20–27
  5. Böhm H, Döder­lein L, Lewens D, Dus­sa CU. Was kön­nen Unter­schen­kel­or­the­sen zur Ver­bes­se­rung des Gang­bil­des bei Kin­dern mit Zere­bral­pa­re­se leis­ten? Ortho­pä­die Tech­nik, 2020; 71 (1): 20–27
  6. Rogo­zinski BM et al. The effi­ca­cy of the flo­or-reac­tion ank­le-foot ortho­sis in child­ren with cere­bral pal­sy. The Jour­nal of Bone and Joint Sur­gery (Am), 2009; 91 (10): 2440–2447
  7. Böhm H, Hösl M, Bra­atz F, Döder­lein L. Effect of flo­or reac­tion ank­le-foot ortho­sis on crouch gait in pati­ents with cere­bral pal­sy: What can be expec­ted? Pro­sthe­tics and Ortho­tics Inter­na­tio­nal, 2018; 42 (3): 245–253
  8. Götz-Neu­mann K. Gehen ver­ste­hen – Gang­ana­ly­se in der Phy­sio­the­ra­pie. 4. Auf­la­ge. Stutt­gart: Thie­me, 2016 
  9. Böhm H, Döder­lein L, Lewens D, Dus­sa CU. Was kön­nen Unter­schen­kel­or­the­sen zur Ver­bes­se­rung des Gang­bil­des bei Kin­dern mit Zere­bral­pa­re­se leis­ten? Ortho­pä­die Tech­nik, 2020; 71 (1): 20–27
  10. Böhm H, Hösl M, Bra­atz F, Döder­lein L. Effect of flo­or reac­tion ank­le-foot ortho­sis on crouch gait in pati­ents with cere­bral pal­sy: What can be expec­ted? Pro­sthe­tics and Ortho­tics Inter­na­tio­nal, 2018; 42 (3): 245–253
  11. Brun­ner R, Rutz E. Bio­me­cha­nics and mus­cle func­tion during gait. Jour­nal of Children’s Ortho­pae­dics, 2013; 7 (5): 367–371. doi: 10.1007/s11832-013‑0508‑5
  12. Brun­ner R, Rutz E. Bio­me­cha­nics and mus­cle func­tion during gait. Jour­nal of Children’s Ortho­pae­dics, 2013; 7 (5): 367–371. doi: 10.1007/s11832-013‑0508‑5
  13. Götz-Neu­mann K. Gehen ver­ste­hen – Gang­ana­ly­se in der Phy­sio­the­ra­pie. 4. Auf­la­ge. Stutt­gart: Thie­me, 2016 
  14. Brun­ner R, Rutz E. Bio­me­cha­nics and mus­cle func­tion during gait. Jour­nal of Children’s Ortho­pae­dics, 2013; 7 (5): 367–371. doi: 10.1007/s11832-013‑0508‑5
  15. Lintanf J et al. Effect of ank­le-foot ort­ho­ses on gait, balan­ce and gross motor func­tion in child­ren with cere­bral pal­sy: a sys­te­ma­tic review and meta-ana­ly­sis. Cli­ni­cal Reha­bi­li­ta­ti­on, 2018; 32 (9): 1175–1188
  16. Böhm H, Döder­lein L, Lewens D, Dus­sa CU. Was kön­nen Unter­schen­kel­or­the­sen zur Ver­bes­se­rung des Gang­bil­des bei Kin­dern mit Zere­bral­pa­re­se leis­ten? Ortho­pä­die Tech­nik, 2020; 71 (1): 20–27
  17. Dre­witz H, Schmalz T, Blu­men­tritt S. Bio­me­cha­ni­sche Wir­kung von dyna­mi­schen GRA­FOs bei Pati­en­ten mit Kau­er­gang. Ortho­pä­die Tech­nik, 2013; 64 (7): 1–10
  18. Böhm H, Döder­lein L, Lewens D, Dus­sa CU. Was kön­nen Unter­schen­kel­or­the­sen zur Ver­bes­se­rung des Gang­bil­des bei Kin­dern mit Zere­bral­pa­re­se leis­ten? Ortho­pä­die Tech­nik, 2020; 71 (1): 20–27
  19. Böhm H, Hösl M, Bra­atz F, Döder­lein L. Effect of flo­or reac­tion ank­le-foot ortho­sis on crouch gait in pati­ents with cere­bral pal­sy: What can be expec­ted? Pro­sthe­tics and Ortho­tics Inter­na­tio­nal, 2018; 42 (3): 245–253
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