Jugend.Akademie: „Jeder­zeit auf Stand der Technik“

Digitalisierung ist die Zukunft. Aber heißt das auch, dass additive Fertigung die handwerkliche Arbeit ersetzen wird? „Nein. Aber sie wird die konventionelle ergänzen“, betonte Axel Sigmund, Leiter des Referats Berufsbildung, Digitalisierung und Forschung des Bundesinnungsverbands für Orthopädie-Technik (BIV-OT). Diese Erkenntnis hat sich wie ein roter Faden durch die Programmpunkte der diesjährigen Jugend.Akademie TO gezogen. Erstmals lief die von BIV-OT und Confairmed ausgerichtete Veranstaltung für den Nachwuchs der OT-Branche digital und dazu passend unter dem Motto „Digitale Fertigung“ ab.

Sowohl ein­zeln als auch in Klein­grup­pen und gro­ßen Klas­sen­ver­bün­den ver­folg­ten die mehr als 100 Teilnehmer:innen die Vor­trä­ge der Referent:innen und betei­lig­ten sich aktiv mit Fra­gen und Rück­mel­dun­gen im Chat. Mit Blick auf das Mot­to erklär­te Lars Grun, Vor­sit­zen­der des Berufs­bil­dungs­aus­schus­ses des BIV-OT: „Unser Hand­werk besteht dar­in, alle Fer­ti­gungs­tech­ni­ken so zu beherr­schen, dass wir in der Lage sind für jedes Pro­blem eine Lösung zu fin­den. Wir tra­gen eine gro­ße Ver­ant­wor­tung, dass wir jeder­zeit auf Stand der Tech­nik sind. Und hier­zu zählt auch die Digitalisierung.“

Anzei­ge

Ers­ter und letz­ter Schritt blei­ben beim Orthopädietechniker

Den Anfang mach­te Dr.-Ing. Tom­my Schafran, Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter im Bereich Ange­wand­te Mecha­nik an der Uni­ver­si­tät Pader­born. Er gab einen Ein­blick in die addi­ti­ve Fer­ti­gung (3D-Druck), ver­glich die unter­schied­li­chen Ver­fah­rens­wei­sen und stell­te aktu­el­le For­schungs­an­sät­ze vor. Die Vor­tei­le der addi­ti­ven gegen­über der kon­ven­tio­nel­len Fer­ti­gung lie­gen für Schafran auf der Hand: Dazu gehö­ren neben gro­ßer Design­frei­heit und wei­test­ge­hen­der Kos­ten­neu­tra­li­tät auch eine schnel­le Ver­füg­bar­keit der Pro­duk­te sowie die Mög­lich­keit der Mas­sen­fer­ti­gung und Nach­bil­dung bio­ni­scher Struk­tu­ren. Ein wei­te­rer Gewinn: „Der Auf­wand der Maschi­ne ist unab­hän­gig von der Kom­ple­xi­tät des Bau­teils“, berich­te­te Schafran. Heißt: „Je kom­pli­zier­ter die Form eines Bau­teils, des­to auf­wen­di­ger ist die kon­ven­tio­nel­le Fer­ti­gung. Dem 3D-Dru­cker ist das egal.“ Deut­lich wur­de aber auch: Digi­ta­li­sie­rung kann viel. Sie ist aber nicht das All­heil­mit­tel. „Ich möch­te die Mög­lich­kei­ten und Vor­tei­le the­ma­ti­sie­ren, aber auch ganz klar auf Hin­der­nis­se und Gren­zen ein­ge­hen“, stell­te Schafran gleich zu Beginn der Prä­sen­ta­ti­on klar. „In Zukunft wird es immer eine Kom­bi­na­ti­on aus ver­schie­de­nen Fer­ti­gungs­ver­fah­ren sein“, beton­te er. Und: „Der ers­te und der letz­te Schritt wer­den beim Ortho­pä­die­tech­ni­ker blei­ben“: zum einen das Design und die Kon­struk­ti­on und zum ande­ren die Anwen­dung und Schu­lung des Pati­en­ten mit dem Pro­dukt sowie die Bewertung.
Den Sprung von der Theo­rie in die Pra­xis mach­te Micha­el Krä­mer (Tech­ni­sche Ortho­pä­die, Kli­nik für Ortho­pä­die und Unfall­chir­ur­gie Hei­del­berg). Schritt für Schritt zeig­te er den Aus­zu­bil­den­den am Bei­spiel einer Gesichts­mas­ke, wie sie mit gerin­gem Auf­wand und wenig Kos­ten ein Objekt vom Scan bis zum Druck zu Hau­se rea­li­sie­ren kön­nen. Für den Scan reicht eine Kinect, eigent­lich eine Video­spiel­steue­rung für die Micro­soft Xbox. Per Umfra­ge stell­te sich her­aus, dass bereits 14 Pro­zent der Teil­neh­men­den eine Kinect besit­zen. Den Übri­gen emp­fahl Krä­mer, sich ein gebrauch­tes Modell für um die 40 Euro zuzu­le­gen. Zur Model­lie­rung kommt die kos­ten­lo­se Soft­ware Mesh­mi­xer zum Ein­satz, gedruckt wer­den kann anschlie­ßend über einen Dienst­leis­ter. „Ich wür­de damit nicht ver­sor­gen, aber das Sys­tem ist toll, um dar­an zu ler­nen“, rief Krä­mer den OT-Nach­wuchs dazu auf, das Gezeig­te zu Hau­se auszutesten.

Addi­ti­ve Fer­ti­gung im Unternehmen

Wie addi­ti­ve Fer­ti­gung kon­kret im Unter­neh­men umge­setzt wer­den kann und wel­che Vor­tei­le das für den Ver­sor­gungs­all­tag bie­tet, zeig­ten die Hilfs­mit­tel­her­stel­ler und Spon­so­ren der Jugend.Akademie Bau­er­feind und Otto­bock. Gemein­sam mit Anwen­de­rin Doreen prä­sen­tie­re Jens Volk­mar (Otto­bock), wie mit Hil­fe des 3D-Drucks eine Unter­schen­kel­pro­the­se her­ge­stellt wer­den kann. Dass die­ser Pro­zess auch im All­tag nicht viel mehr als 40 Minu­ten benö­ti­ge, sorg­te für über­rasch­te Reak­tio­nen aus dem Publi­kum. Zeit­gleich gab Alex­an­der Leh­le (Bau­er­feind) den Aus­zu­bil­den­den im vir­tu­el­len Neben­raum einen Ein­blick in die digi­ta­le Ein­la­gen­ver­sor­gung mit der Sys­tem­lö­sung Body­t­ro­nic ID:CAM, die es ermög­licht, Frä­sein­la­gen indi­vi­du­ell zu model­lie­ren und zu fertigen.

Meis­ter? Stu­di­um? Oder lie­ber eine Spe­zia­li­sie­rung? Mög­lich­kei­ten, wie es für die Aus­zu­bil­den­den nach der Gesel­len­prü­fung wei­ter­ge­hen kann, stell­ten Bernd Sib­bel und Dr. Ann-Kath­rin Höm­me von der Bun­des­fach­schu­le für Ortho­pä­die-Tech­nik vor. „Unser Stu­di­en­gang ‚Ortho­pä­die- und Reha­bi­li­ta­ti­ons­tech­nik‘ ist ein­zig­ar­tig. Es ist kein dua­ler Stu­di­en­gang. Es ist ein Voll­zeit­stu­di­en­gang mit erwei­ter­ten Pra­xis­pha­sen“, erläu­ter­te Höm­me, die die ein­zel­nen Modu­le Schritt für Schritt vorstellte.

Inter­na­tio­nal Erfah­run­gen sam­meln, neue Kon­tak­te knüp­fen und die eige­nen Sprach­kennt­nis­se erwei­tern – dar­auf mach­te The­re­sa May­er­höf­fer von MeinAuslandspraktikum.de den Teilnehmer:innen Lust. „Wäh­rend der Aus­bil­dung im Aus­land zu ler­nen ist mög­lich“, erklär­te sie und ver­wies dabei auf die För­der­pro­gram­me „Eras­mus+“ und „Aus­bil­dungWelt­weit“, die die Azu­bis finan­zi­ell unterstützen.

Ortho­pä­die-Tech­nik leicht gemacht – die­ses Ziel hat sich Tho­mas Wet­zel­sper­ger auf die Fah­ne geschrie­ben. Unter dem Namen „gOT it“ betreibt der gelern­te Ortho­pä­die­tech­ni­ker einen You­tube-Kanal mit Erklär- und Lern­vi­de­os rund um die Ortho­pä­die-Tech­nik und Bio­me­cha­nik. Im Rah­men der Jugend.Akademie bot er einen Ein­blick in sei­ne Arbeit. Bil­dung, so Wet­zel­sper­ger, sei der Hebel zum Erfolg. Damit meint er, dass jun­ge Orthopädietechniker:innen Wis­sen ansam­meln sol­len, um anschlie­ßend selbst inno­va­tiv zu den­ken. Des­halb sein Appell: „Traut euch anders zu den­ken!“ An einem ein­fa­chen Zah­len­spiel mach­te er deut­lich, war­um das inno­va­ti­ve Den­ken so wich­tig ist. „Eine gute Idee von euch kann auf einen Schlag viel­leicht 1.000 Men­schen hel­fen. Über­legt ein­mal, wie lan­ge es dau­ert, bis ihr per­sön­lich 1.000 Men­schen ver­sorgt und damit gehol­fen habt.“

Digi­ta­le Jugend.Akademie-Tasche

Zum Abschluss der Ver­an­stal­tung bedank­ten sich Lars Grun, Axel Sig­mund sowie Joy­ce Herr­mann, ver­ant­wort­lich bei der Con­fair­med für die Durch­füh­rung der Jugend.Akademie, bei allen Teil­neh­men­den für ihre Betei­li­gung sowie den Spon­so­ren, die dem OT-Nach­wuchs einen span­nen­den Ein­blick in aktu­el­le Ver­sor­gungs­mög­lich­kei­ten zeig­ten. „Ich freue mich, dass das Inter­es­se und die Betei­li­gung so groß waren“, beton­te Sig­mund. „Es ist uns gelun­gen, die Jugend.Akademie – auch in der vir­tu­el­len Welt – erfolg­reich zu gestal­ten.“ Schon jetzt fie­bert er einem per­sön­li­chen Wie­der­se­hen bei der OTWorld im kom­men­den Jahr ent­ge­gen – dann wie­der in Prä­senz in Leipzig.
Als klei­nes Dan­ke­schön beka­men die Aus­zu­bil­den­den die Jugend.Akademie-Tasche „in die Hän­de“ gedrückt. Dies­mal in digi­ta­ler Form ent­hält sie aller­lei Infor­ma­ti­ons­ma­te­ri­al, u. a. zum The­ma Aus­bil­dung und Stu­di­um sowie die aktu­el­le Aus­ga­be und Son­der­aus­ga­ben der OT.

Tei­len Sie die­sen Inhalt