Mehr Stu­di­en braucht das Land

Rund 1.000 Teilnehmer:innen verschiedenster Professionen und Disziplinen nutzten die 63. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP) vom 8. bis 11. September 2021 in Aachen für ihre Fort- und Weiterbildung.

Ver­ant­wort­lich für das Pro­gramm zeich­ne­ten die bei­den Tagungs­prä­si­den­ten PD Dr. Knuth Rass, Chef­arzt im Zen­trum für Venen und peri­phe­re Arte­ri­en an der Eifel­kli­nik St. Bri­gi­da in Sim­mer­ath, sowie PD Dr. Hou­man Jalaie, Lei­ter des Euro­päi­schen Venen­zen­trums Aachen-Maas­tricht und Lei­ter der Kom­mis­si­on Phle­bo­lo­gie der Deut­schen Gesell­schaft für Gefäß­chir­ur­gie, Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum der RWTH Aachen. Im Gespräch mit der Redak­ti­on erklärt PD Dr. Rass, wel­che viel­ver­spre­chen­den Mög­lich­kei­ten die Digi­ta­li­sie­rung für das Fach­ge­biet eröff­net und war­um mehr Evi­denz nötig ist.

OT: Wie ist Ihr Kon­zept bei Referent:innen und Teilnehmer:innen vor Ort sowie im Netz angekommen?

Knuth Rass: Wir hat­ten das Glück, mit dem Euro­con­gress einen wun­der­ba­ren Ver­an­stal­tungs­ort gefun­den zu haben. Die rela­tiv libe­ra­le Coro­na-Schutz­ver­ord­nung in Aachen hat es uns zusätz­lich erleich­tert, 860 Teilnehmer:innen vor Ort begrü­ßen zu kön­nen. Zusätz­lich nutz­ten 180 Teilnehmer:innen unse­ren Stream, in dem die Ver­an­stal­tun­gen aus zwei Sälen live über­tra­gen wur­den. Die Reso­nanz, die uns erreicht hat, war durch­weg posi­tiv – egal, ob sei­tens der Referent:innen, Teilnehmer:innen oder der Industrie.

OT: Nach wel­chen Kri­te­ri­en haben Sie die The­men für die  Live-Streams ausgewählt?

Rass: Tech­nisch waren nur Über­tra­gun­gen aus zwei Sälen mög­lich. Daher haben wir uns für einen Live-Stream der vier Ple­nar­sit­zun­gen mit inter­na­tio­na­len Gäs­ten zu den ganz gro­ßen The­men Throm­bo­se, Post­throm­bo­ti­sches Syn­drom, Vari­ko­se und Ästhe­tik ent­schie­den. In einem zwei­ten Strang haben wir wis­sen­schaft­li­che Sit­zun­gen mit Part­ner­fach­ge­sell­schaf­ten wie der Deut­schen Gesell­schaft für Gefäß­chir­ur­gie und Gefäß­me­di­zin e. V. (DGG) oder der Deut­schen Gesell­schaft für Lym­pho­lo­gie e. V. (DGL) über­tra­gen las­sen. Teilnehmer:innen ste­hen die Vide­os auch nach dem Ende unse­rer Jah­res­ta­gung noch für drei Mona­te zur Verfügung.

OT: Sie haben in die­sem Jahr zwei neue For­ma­te ange­bo­ten. Wie war die Reso­nanz auf die Neuheiten?

Rass: Hier geht es um die ziel­grup­pen­ge­naue Anspra­che. Für jün­ge­re Kolleg:innen struk­tu­rier­te der „Wei­ter­bil­dungs­pfad“ erst­mals alle Kon­gress­the­men von der Dia­gnos­tik bis zur endo­ve­nö­sen The­ra­pie. Immer­hin  16 Teilnehmer:innen nutz­ten die­ses Ange­bot. Neu war auch der Auf­bau­kurs Sono­gra­fie Haut, Sub­cu­tis und Lymph­kno­ten der Deut­schen Gesell­schaft für Ultra­schall in der Medi­zin (DEGUM) mit 23 Teilnehmer:innen. Die­se Kur­se sind z. T. rar gesät. Sie rich­ten sich an Der­ma­to­lo­gen. Phle­bo­lo­gie gehört eben­falls zu ihrer Aus­bil­dung und mit dem neu­en For­mat möch­ten wir die inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit stär­ken und wei­te­re Der­ma­to­lo­gen auch für die Phle­bo­lo­gie gewinnen.

Digi­ta­le Tools als Ergänzung

OT: Wie schät­zen Sie den Digi­ta­li­sie­rungs­trend auf dem  Gebiet der Phle­bo­lo­gie ein?

Rass: Von die­ser Ent­wick­lung ver­spre­che ich mir eini­ges. Prof. Dr. Joa­chim Dis­se­mond vom Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Essen sprach in sei­nem Vor­trag über Sen­so­rik in Wund­auf­la­gen. Die­se kann einen Bei­trag bei der Über­wa­chung des Wund­ver­ban­des leis­ten, indem sie die Tem­pe­ra­tur oder den PH-Wert misst und kom­mu­ni­ziert oder einen Ver­bands­wech­sel anmahnt, um etwai­ge Infek­tio­nen zu ver­hin­dern. Prof. Dr. Micha­el Jün­ger von der Kli­nik und Poli­kli­nik für Haut­krank­hei­ten der Uni­ver­si­täts­me­di­zin Greifs­wald stell­te auf der Jah­res­ta­gung eine der­ma­to­lo­gi­sche App vor, mit der er Patient:innen tele­me­di­zi­nisch in deren häus­li­cher Umge­bung betreut – in Zusam­men­ar­beit mit den Pfle­ge­diens­ten und Hausärzt:innen vor Ort. Zukünf­tig soll es auch mög­lich sein, Arbeits­un­fä­hig­keits­be­schei­ni­gun­gen oder Rezep­te über die App zu schi­cken. Auch das ist ein guter Ansatz. Denn die meis­ten betrof­fe­nen Patient:innen mit chro­ni­schen Wun­den sind wenig mobil. Ähn­lich wie in Meck­len­burg-Vor­pom­mern müs­sen sie auch bei uns in der Eifel wei­te Wege hin­ter sich brin­gen, um sich bei Expert:innen vor­zu­stel­len. Inso­fern ist eine App sicher nicht schlecht, um sich im Team von Fach- und Hausärzt:innen sowie Wundtherapeut:innen aus­zu­tau­schen. Den­noch gilt hier eben­falls: Wir brau­chen mehr Versorgungsstudien.

OT: Kön­nen smar­te oder digi­ta­le Tech­ni­ken dem  Fach­ärz­te­man­gel entgegenwirken?

Rass: Die Tele­me­di­zin ist mehr und mehr im Kom­men. Sie bie­tet aber kei­ne umfas­sen­de Lösung für den Man­gel an Fachärzt:innen und Wundtherapeut:innen.

Mehr Stu­di­en – mehr Evidenz

OT: Dr. Ari­na Ten Cate vom Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Maas­tricht prä­sen­tier­te eine Stu­die, nach der die Com­pli­an­ce – die  Ein­hal­tung der ver­schrie­be­nen Tra­ge­zei­ten – bei Kom­pres­si­ons­the­ra­pie mit nied­ri­ge­rem Druck höher ist. Was bedeu­tet das  für Deutschland?

Rass: Das ist tat­säch­lich die ers­te kli­ni­sche Stu­die zum The­ma. Sie bestä­tigt unse­re Erfah­run­gen aus der Pra­xis, dass es bes­ser ist, eine gerin­ge­re Kom­pres­si­ons­klas­se zu ver­schrei­ben, wel­che die Patient:innen dann auch wirk­lich tra­gen. Die Stu­die gibt den Fachärzt:innen mehr Sicher­heit bei der Ver­schrei­bung der Kom­pres­si­ons­klas­sen und zeigt, wie wich­tig Stu­di­en sind.

OT: Mehr­fach wur­de ange­spro­chen, dass es noch immer zu  wenig Evi­denz gebe. Wie lässt sich das ändern?

Rass: In der Tat ist vie­les mit zu wenig Evi­denz auf dem Markt. Die Medi­zin­pro­duk­te-Ver­ord­nung (Medi­cal Device Regu­la­ti­on – MDR) der Euro­päi­schen Uni­on für alle Medi­zin­pro­duk­te, die seit die­sem Mai ver­bind­lich in Deutsch­land gilt, ist sicher ein guter Ansatz. Den­noch – wir brau­chen mehr Stu­di­en, mehr Evi­denz. Das wür­de hel­fen, die The­ra­pie unse­rer Patient:innen zu opti­mie­ren und stär­ker am indi­vi­du­el­len Befund aus­zu­rich­ten. Um dies zu rea­li­sie­ren, wäre in vie­len Berei­chen eine bes­se­re For­schungs­för­de­rung notwendig.

Klar­heit schaf­fen – indi­vi­du­el­le  Befun­de beachten

OT: Seit Sep­tem­ber 2020 ist die neue Leit­li­nie „Lipö­dem“ in  Arbeit. Wel­che Fort­schrit­te erwar­ten Sie in die­sem Bereich?

Rass: Die Leit­li­nie soll­te in ers­ter Linie für mehr Klar­heit sor­gen bei den Fra­gen: Wann wird die Dia­gno­se Lipö­dem gestellt? Bei wel­chen Indi­ka­tio­nen ist die Lymph­drai­na­ge ange­zeigt? Wann ist eine Lipo­suk­ti­on indi­ziert? Wie beein­flus­sen Ernäh­rung und Gewicht die Erkran­kung? Bei letz­ter Fra­ge zeigt die Pra­xis bei­spiels­wei­se deut­lich, dass die Beschwer­den mit der Gewichts­re­duk­ti­on nachlassen.

OT: Wel­che neu­en Erkennt­nis­se zu den wei­te­ren klas­si­schen Phle­bo­lo­gie-The­men neh­men Sie aus dem dies­jäh­ri­gen Kon­gress mit?

Rass: Auf dem Kon­gress wur­de von Prof. Dr. Achim Mum­me über eine ran­do­mi­sier­te Lang­zeit­stu­die mit einer Nach­be­ob­ach­tung der Patient:innen über zehn Jah­re und eine aktu­el­le Meta-Ana­ly­se zum The­ma Ope­ra­ti­on oder endo­ve­nö­se The­ra­pie der Stamm­va­ri­ko­se der V. saphena magna berich­tet. Die­se zei­gen im Lang­zeit­ver­lauf eine gewis­se Über­le­gen­heit der ope­ra­ti­ven Vor­ge­hens­wei­se gegen­über der endo­ve­nö­sen The­ra­pie. Das Ergeb­nis täuscht aber dar­über hin­weg, dass bei den teil­neh­men­den Patient:innen unter­schied­li­che Befun­de vor­la­gen. Wir brau­chen Stu­di­en, die bei­de The­ra­pie­for­men bei Pati­en­ten­grup­pen mit glei­chen ana­to­mi­schen Gege­ben­hei­ten ver­glei­chen. Dann kom­men wir viel­leicht zu einem ande­ren Ergeb­nis. Denn ich bin aus mei­ner eige­nen Erfah­rung her­aus über­zeugt, dass die endo­ve­nö­se The­ra­pie ihren Stel­len­wert bei ganz bestimm­ten Indi­ka­tio­nen hat. Hier­bei spie­len die Funk­ti­on der Schleu­sen­klap­pe und der maxi­ma­le Gefäß­durch­mes­ser eine wich­ti­ge Rol­le. Wir müs­sen mehr und mehr anhand der indi­vi­du­el­len Befun­de die The­ra­pie festlegen.

Die Fra­gen stell­te Ruth Justen.

Die 64. Jah­res­ta­gung der Deut­schen Gesell­schaft für Phle­bo­lo­gie fin­det vom 28.9. bis 1.10.2022 in Han­no­ver statt.

Neue AG Lipö­dem der DGP
Im Rah­men der 63. Jah­res­ta­gung der Deut­schen Gesell­schaft für Phle­bo­lo­gie (DGP) wur­de im Anschluss an die Ses­si­on „Lipö­dem“ die Arbeits­ge­mein­schaft „AG Lipö­dem“ gegrün­det. Die Mit­glie­der wähl­ten Dr. Gabrie­le Faer­ber und Dr. Ste­fan Rapprich als Vor­stand der AG sowie wei­te­re vier Bei­rats­mit­glie­der. „Die AG Lipö­dem wur­de gegrün­det, weil wir uns als DGP zustän­dig für die ganz­heit­li­che Behand­lung die­ses Krank­heits­bilds füh­len“, erklär­te Dr. Gabrie­le Faer­ber gegen­über der OT-Redak­ti­on. „Denn die meis­ten Lipödempatient:innen stel­len sich in phle­bo­lo­gi­schen Pra­xen vor, dort wird die Dia­gno­se gestellt und die The­ra­pie ein­ge­lei­tet.“ Der Grün­dung vor­aus­ge­gan­gen war der auf der 62. Jah­res­ta­gung in Leip­zig 2021 ergan­ge­ne Beschluss, eine sol­che AG ins Leben zu rufen. Etwa 70 Mit­glie­der der DGP hat­ten sich dar­auf­hin gemel­det und ihre Bereit­schaft bekun­det, an der AG teilzunehmen. 
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