Infor­mie­ren und Ängs­te neh­men: „Der Lipö­dem Podcast“

108 Folgen hat der Podcast „Der Lipödem Podcast“ sowie sein Vorgänger bereits und Caroline Sprott und Natalie Stark haben noch mehr als genug Gesprächsstoff für ihre Hörerinnen. Sie beleuchten das Thema Lipödem von allen Seiten, geben Tipps, sprechen über ihre eigenen Erfahrungen und lassen auch Gäste zu Wort kommen.

Wer auch nur eine Epi­so­de hört, der merkt schnell, dass die­ser Pod­cast mit gro­ßer Lei­den­schaft betrie­ben wird und sich mit gro­ßem Herz und Offen­heit an Lipö­dem-Betrof­fe­ne richtet.

OT: Wie haben Sie sich kennengelernt?

Caro­li­ne Sprott: Oh, das ist schon lan­ge her, oder? In „Lipö­dem Jah­ren” zumin­dest. Durch die rasan­te Ent­wick­lung des Netz­wer­kes über die ver­gan­ge­nen 10 Jah­re füh­len sich Erin­ne­run­gen inner­halb der Com­mu­ni­ty ganz anders an als im „rea­len Leben“.

Nata­lie Stark: Wir kann­ten uns vom ers­ten Pod­cast-Inter­view im Som­mer 2017 und haben uns dann im Okto­ber 2017 in Göt­tin­gen das ers­te Mal auf dem Lipö­dem-Tag getrof­fen. So gese­hen haben wir uns bis­her auch nur ein­mal live gese­hen, aber es fühlt sich über­haupt nicht so an.

OT: Wie ist die Idee ent­stan­den den „Lipö­dem Pod­cast“ zu machen und wel­che Moti­va­ti­on haben Sie?

Stark: Ich habe mei­ne Dia­gno­se Lipö­dem ver­hält­nis­mä­ßig früh, im Jahr 2002, bekom­men. In all den Jah­ren war ich nie wirk­lich zufrie­den mit der Unter­stüt­zung, die Lipö­dem-Betrof­fe­nen gebo­ten wur­de. Des­halb kam ich nach wirk­lich vie­len Jah­ren mit zahl­rei­chen emo­tio­na­len Ups und Downs zu dem Schluss, ich möch­te selbst for­schen. Da ich aus der Online-Mar­ke­ting-Sze­ne kom­me, kam ich schon recht früh mit Pod­casts in Berüh­rung. Ursprüng­lich woll­te ich einen Lipö­dem-Online-Kon­gress machen, aber ich habe das Video­for­mat gescheut. So ent­schied ich mich für das Pod­cast­for­mat und grün­de­te 2017 den Pod­cast „Mind Body Life – Für ein gutes Leben mit Lipö­dem“. Mei­ne Moti­va­ti­on war, durch Exper­ten­in­ter­views und Erfolgs­ge­schich­ten von Betrof­fe­nen her­aus­zu­fin­den, wie ich mein idea­les Selbst­hil­fe­pro­gramm zusam­men­stel­len kann. Das hat funk­tio­niert! Und 80 Inter­views spä­ter im Som­mer 2019 ist dann Caro­li­ne dazu­ge­sto­ßen und wir haben den Pod­cast umbe­nannt in „Der Lipö­dem Podcast“.

Sprott: Ich war damals eine von Nata­lies ers­ten Inter­view­part­ne­rin­nen und wir merk­ten schnell, dass wir eines beson­ders gut kön­nen: uns unter­halt­sam und dyna­misch aus­tau­schen. Im Lau­fe der Jah­re wur­de das Ver­lan­gen, einen Lipö­dem Pod­cast zu grün­den, immer stär­ker. Aber war­um allein etwas neu eröff­nen, wenn es da drau­ßen doch die per­fek­te Co-Mode­ra­to­rin mit einem ähn­li­chen Her­zens­pro­jekt schon gibt? Ich habe all mei­nen Mut zusam­men­ge­nom­men und Nata­lie gefragt, was sie von der Idee hält, gemein­sam das Pro­jekt wach­sen zu las­sen und neu zu erfin­den. Mit ihrem ent­schie­de­nen „Ja“ bekommt sie mich jetzt zwar nicht mehr so schnell los, dafür genie­ßen wir die Zusam­men­ar­beit wirk­lich sehr.

OT: Sie beleuch­ten das The­ma Lipö­dem von allen Sei­ten. Ler­nen Sie durch Ihren Pod­cast selbst immer noch ein biss­chen dazu?

Sprott: Oh ja, vor allem von­ein­an­der! Unse­re Lipö­dem-Schwer­punk­te könn­ten unter­schied­li­cher nicht sein und so ergän­zen wir uns wun­der­bar in unse­ren Erfah­run­gen. Als Lipö­dem-Mode-Blog­ge­rin und Refe­ren­tin kann ich in Sachen modi­scher Eigen­the­ra­pie, Selbst­be­wusst­sein und Kom­pres­si­on vie­le Erkennt­nis­se tei­len. Dafür teilt Nata­lie ihr Wis­sen über die ayur­ve­di­sche Lebens­art und Mög­lich­kei­ten von alter­na­ti­vem Selbst­ma­nage­ment mit mir. Ich habe schon viel von ihr gelernt!

Stark: Ja, Caro­li­ne hat Recht. Unse­re Selbst­hil­fe-Pro­gram­me sehen sehr unter­schied­lich aus, so dass wir im Gespräch auch immer von­ein­an­der ler­nen. Beson­ders am Anfang habe ich durch die ver­schie­de­nen Inter­views viel dazu gelernt. Ich wür­de sagen, die ers­ten zwei Jah­re waren wie eine Selbst­the­ra­pie. Mein Ziel war es ja, über die Inter­views mein Leben mit Lipö­dem zu ver­bes­sern – und gleich­zei­tig auch das aller Zuhö­re­rin­nen. Und das ist mir gelun­gen! Sechs Mona­te nach Pod­cast-Start bin ich auf eine Betrof­fe­ne gesto­ßen, die mit Ayur­ve­da ihren Zustand signi­fi­kant ver­bes­sern konn­te. Ich habe zwei Mona­te spä­ter eine Ayur­ve­da-Kur auf Sri Lan­ka gemacht und bin im glei­chen Jahr für drei Mona­te in das glei­che Ayur­ve­da-Haus gezo­gen. Dies ist mir beruf­lich mög­lich gewe­sen, da ich orts­un­ab­hän­gig arbei­te und für mei­nen Job nur Lap­top, WLAN und Strom brau­che. Ich habe dort täg­lich Anwen­dun­gen bekom­men, gelernt und gear­bei­tet. Eine deut­sche Ärz­tin mein­te danach zu mir, das Ergeb­nis nach den drei Mona­ten sei mit dem einer Lipo­suk­ti­on gleich­zu­set­zen. Zurück in Deutsch­land habe ich eine Aus­bil­dung zur Ayur­ve­da-Ernäh­rungs- und Gesund­heits­be­ra­te­rin gemacht. Ich unter­stüt­ze nun Frau­en mit Lipö­dem dabei, in ihren Wohl­fühl­kör­per zu kommen.

OT: Wel­che Erfah­run­gen haben Sie mit der Kom­pres­si­ons­the­ra­pie gemacht?

Stark: Ich habe ein biss­chen schwie­ri­ges Ver­hält­nis zur Kom­pres­si­on, da sich nie ein 100-pro­zen­ti­ges Wohl­fühl­ge­fühl ein­ge­stellt hat. Zu Beginn habe ich mich sehr dage­gen gewehrt. Nach einer Reha im Jahr 2013 begann ich dann aber mei­ne Kom­pres­si­on kon­se­quent zu tra­gen. 2017 kam der Wunsch in mir auf, Rei­sen und Arbei­ten zu ver­bin­den. Mit Kom­pres­si­on in hei­ßen Regio­nen wie Asi­en und dann  auch noch ohne Lymph­drai­na­ge. Wie soll das gehen? Ich wur­de da ein wenig krea­tiv und habe zum Bei­spiel nur Unter­künf­te mit Pool gebucht, um durch das Schwim­men die Lymph­drai­na­gen zu erset­zen. Da ich auf Rei­sen ja sehr schnell auf Sri Lan­ka gelan­det bin und Ayur­ve­da ken­nen­ge­lernt habe, haben sich mei­ne Sym­pto­me so redu­ziert, dass ich seit­dem ganz oft auf die Kom­pres­si­on ver­zich­ten kann. Ich habe kaum noch Schmer­zen, nur die Schwe­re in den Bei­nen ist etwas erhal­ten geblie­ben. Nach wie vor kon­se­quent tra­ge ich die Kom­pres­si­on, wenn ich weiß, dass ich sehr lan­ge auf den Bei­nen sein wer­de und viel ste­hen muss, so wie bei lan­gen Zug­fahr­ten oder Flü­gen. Caro­li­ne bei dir sieht das etwas anders aus, oder?

Sprott: Ja, tat­säch­lich. Zu Beginn mei­ner Dia­gno­se vor zehn Jah­ren habe ich weder vom Lipö­dem noch von der Kom­pres­si­ons­the­ra­pie etwas gewusst, also ging ich sehr unbe­darft an die Sache her­an. Erst als die Arm­kom­pres­si­on irgend­wann hin­zu­kam, muss­te ich mich neu sor­tie­ren und einen Weg fin­den, nicht in eine kom­plet­te Ableh­nungs­hal­tung zu gehen. Es war für mich psy­chisch höchst belas­tend, durch die Hand­schu­he dann doch sicht­lich krank zu sein. Die­se Angst war jedoch letzt­end­lich völ­lig irra­tio­nal, da ich bis heu­te aus­schließ­lich posi­ti­ves Feed­back oder neu­tra­les Inter­es­se, aber nie­mals Ableh­nung erfah­ren habe. Das liegt unter ande­rem dar­an, dass ich mei­ne Kom­pres­si­on so gut es geht modisch inte­grie­re und damit der Außen­welt und vor allem mir selbst signa­li­sie­re, dass sie kein Pan­zer, son­dern eher eine Rüs­tung ist. Ich füh­le mich gut, wenn alles farb­lich per­fekt auf­ein­an­der abge­stimmt ist und die Kom­pli­men­te im All­tag beflü­geln zusätz­lich umso mehr. Gesund­heit­lich bin ich auf die Bein- und Arm­kom­pres­si­on in vol­lem Umfang ange­wie­sen, denn ohne sie lei­de ich nach kur­zer Zeit unter den bekann­ten Schmer­zen. Und das, obwohl ich bereits ope­riert bin. Lipo­suk­tio­nen sind eben nicht immer der Weis­heit letz­ter Schluss. Kurz­um, ohne mei­ne Kom­pres­si­on wüss­te ich nicht, wie ich mei­nen All­tag über­ste­hen wür­de und ich bin dank­bar, in Deutsch­land ver­hält­nis­mä­ßig gut ver­sorgt zu wer­den. Wenn man sich die Situa­ti­on in der rest­li­chen Welt anschaut, kann man das Leid ande­rer Betrof­fe­ner nur erahnen.

OT: Die Ver­sor­gung fin­det im Sani­täts­haus statt. Wie lief Ihre ers­te Ver­sor­gung ab? Waren Sie zufrieden?

Sprott: Ich hat­te sowohl in der Dia­gno­se­stel­lung als auch bei mei­ner ers­ten Ver­sor­gung gro­ßes Glück und geriet direkt an das rich­ti­ge Sani­täts­haus. Damals gab es zwar noch kei­ne groß­ar­ti­ge Farb­aus­wahl, aber ich wur­de per­fekt ver­mes­sen und bera­ten. Mir war jedoch nicht bewusst, was genau auf mich zukam. Ich weiß nicht, ob man jeman­den wirk­lich auf so eine gra­vie­ren­de Ver­än­de­rung fürs Leben und Kör­per­ge­fühl vor­be­rei­ten kann.

Stark: Oh, mein ers­tes Erleb­nis im Sani­täts­haus war mehr als gru­se­lig. Es war ein ganz klei­ner Laden auf dem Land und ich wur­de mit 19 Jah­ren zwi­schen Rol­la­to­ren und Pro­the­sen aus­ge­mes­sen. Da sind Trä­nen geflos­sen. Ich muss dazu sagen, das war 2002. 2009 bin ich auf ein ganz tol­les Sani­täts­haus in Mainz gesto­ßen. Sehr wert­schät­zen­de Bera­tung und der Laden war schon mehr auf „posi­ti­ves Shop­pin­g­er­leb­nis“ ausgerichtet.

OT: Wel­che Fak­to­ren sind für Sie wich­tig, dass Sie sich gut ver­sorgt und auf­ge­ho­ben fühlen?

Sprott: Beson­ders posi­tiv habe ich mein letz­tes Sani­täts­haus in Wetz­lar in Erin­ne­rung, wel­ches mich bei der ers­ten Kom­pres­si­on erst ein­mal befragt hat, wie mein All­tag aus­schaut, was ich beruf­lich mache, ob ich schon in einer Reha war, ob ich Lymph­drai­na­ge habe, ob ich ope­riert bin oder es noch vor­ha­be. So konn­te ich per­fekt bera­ten wer­den und wur­de mit der Qua­li­tät und den Zusät­zen ver­sorgt, die für mich genau rich­tig sind.

Stark: Ich fin­de eine gute Bera­tung und dass auf mei­ne per­sön­li­chen Bedürf­nis­se ein­ge­gan­gen wird extrem wich­tig. Für jedes Zwi­cken und Zwa­cken soll­te eine Lösung gefun­den wer­den, denn schließ­lich wird die Kom­pres­si­on in der Regel täg­lich in den unter­schied­lichs­ten Situa­tio­nen getragen.

OT: Was sind abso­lu­te No-Gos?

Sprott: Neben der fach­li­chen Kom­pe­tenz ist es mir wich­tig, dass ich mich ent­fal­ten kann. Ich war schon immer all­er­gisch dage­gen, frem­den Geschmack oder Mei­nun­gen auf­ge­drängt zu bekom­men. Sowas lässt näm­lich der Kopf nur sel­ten wie­der los und am Ende hin­ter­fragt man noch nicht mal, ob die ande­re Per­son wirk­lich Recht mit ihrer Aus­sa­ge hat­te. Bei­spiels­wei­se gehen manch­mal Betrof­fe­ne vol­ler Elan in ein Sani­täts­haus, sich für eine Far­be oder gar ein Mus­ter zu ent­schei­den, freu­en sich bereits auf die neue Kom­pres­si­on und dann trifft sie eine Aus­sa­ge der Sani­fee wie ein Vor­schlag­ham­mer, „für Ihre dicken Bei­ne ist das nichts“. Ja, die­se Aus­sa­gen gibt es und ja, lei­der regel­mä­ßig. Fein­ge­fühl, Ein­ge­hen auf die Betrof­fe­ne, Mut zuspre­chen, Unsi­cher­hei­ten aus dem Weg räu­men – im Mess­raum ist das Fach­per­so­nal so nah an der Kun­din wie sonst nie. Ein geschlos­se­ner siche­rer Raum, in dem so viel bewegt wer­den kann. Die­ser Ver­ant­wor­tung soll­te man sich bewusst sein und sie gewis­sen­haft nutzen.

Stark: Ich stim­me Caro­li­ne zu. Jeg­li­che Kom­men­ta­re, die mei­ne Bei­ne oder Arme bewer­ten, sind abso­lut tabu. Oder noch schlim­mer, das habe ich mal wäh­rend einer Lymph­drai­na­ge zu hören bekom­men: „Aber Sie wis­sen schon, dass das hier alles nichts bringt.“

OT: Wenn Sie eine Wunsch­lis­te hät­ten, die Sie den Sani­täts­häu­sern geben könn­ten, um die Ver­sor­gung noch ange­neh­mer zu machen, was wür­de dar­auf stehen?

Sprott: Ich wür­de mir wün­schen, dass das Fach­per­so­nal zu sei­nen Kun­den stets eine beson­de­re Bin­dung auf­baut. Ler­nen Sie Ihre Kun­den mög­lichst gut ken­nen, um sie ide­al zu bera­ten und so auch an sich zu bin­den. Dort, wo man sich ver­stan­den fühlt, geht man ger­ne hin. Mir wäre wich­tig, dass man sich in der Farb­be­ra­tung nicht zu viel her­aus­nimmt und dar­auf ach­tet, kei­ne Gefüh­le zu ver­let­zen. Gera­de Ödem-Betrof­fe­ne sind hoch­sen­si­bel und neh­men Kri­tik sehr schnell zu Her­zen – auch wenn es nicht so gemeint war. Die Anmu­tung der Kom­pres­si­on ist für man­che Kun­den ein grö­ße­rer Fak­tor, als man viel­leicht erah­nen kann.

Stark: Ich fin­de es sehr wich­tig, dass bei der Bera­tung wirk­lich alle Ele­men­te vor­ge­stellt wer­den, die das Tra­gen der Kom­pres­si­on ange­neh­mer machen, vie­les habe ich erst nach Jah­ren zufäl­lig erfah­ren. Zum Bei­spiel, dass es für die Knie­keh­le einen Ein­satz gibt, so dass die Fal­ten nicht mehr so sehr ein­schnei­den oder dass das Leib­teil auch in Klas­se 1 erstellt wer­den kann, damit man nicht den hal­ben Tag Bauch­schmer­zen hat (war bei mir der Fall). Und auch sonst fin­de ich es sinn­voll, wenn es eine Bro­schü­re für zu Hau­se gibt mit allen Tipps und Tricks für das Tra­gen der Kom­pres­si­on im All­tag und auf Reisen.

OT: Haben Sie Rat­schlä­ge für ande­re Betrof­fe­ne, nach wel­chen Kri­te­ri­en Sie bei­spiels­wei­se ein Sani­täts­haus auswählen?

Sprott: Das Schau­fens­ter ist für mich einer der wich­tigs­ten Indi­zi­en, ob ein Betrieb zu mir passt. Sani­täts­häu­ser sind heu­te so viel mehr als nur Ger­ia­trie und dür­fen das auch ger­ne nach außen ver­kör­pern. Dann spielt Mund­pro­pa­gan­da eine ent­schei­den­de Rol­le. Goog­le-Bewer­tun­gen sind zwar macht­voll, aber wenn man einen Schritt wei­ter­denkt, weiß man, dass der hohe Anteil unzu­frie­de­ner Kun­den manch­mal nur über­wiegt, weil man als zufrie­de­ner Kun­de nicht die glei­che Dring­lich­keit hat, eine Bewer­tung zu hin­ter­las­sen. Also fragt man Betrof­fe­ne aus der Gegend, wo sie ger­ne ver­sorgt wer­den und wird sel­ten ent­täuscht. Zu die­sem The­ma haben wir auch eine eige­ne Pod­cast-Fol­ge ver­öf­fent­licht, wo wir noch­mals aus­führ­lich dar­auf eingehen.

Stark: Das sehe ich wie Caro­li­ne. Ich wür­de auch auf Emp­feh­lun­gen aus dem Bekann­ten­kreis oder aus der Lipö­dem-Com­mu­ni­ty zurück­grei­fen und weni­ger auf Goog­le. Und der ers­te Ein­druck zählt. Bei der Suche nach dem pas­sen­den Sani­täts­haus mal in das Fach­ge­schäft rein­ge­hen und schau­en, wie es sich anfühlt und ob die Mitarbeiter*innen einen sym­pa­thi­schen Ein­druck machen. Es macht auch Sinn schon mal ein unver­bind­li­ches Gespräch zu star­ten und die Kom­pe­ten­zen rund ums Lipö­dem schon mal etwas abzu­klop­fen. Und ich fin­de es auch wich­tig, dass Kom­pres­si­ons­strümp­fe von unter­schied­li­chen Anbie­tern im Sor­ti­ment zu fin­den sind. Die für mich per­fek­te Mischung: Ich habe beim Umschau­en im Laden das Gefühl, ein tol­les Mode­ac­ces­soire zu kau­fen und im Gespräch das Gefühl, nach­hal­ti­ge Unter­stüt­zung für mei­ne Gesund­heit zu bekommen.

OT: Sie befas­sen sich selbst inten­siv mit der The­ma­tik Lipö­dem, haben es teil­wei­se sogar zu Ihrem Beruf gemacht. Hät­ten Sie gedacht, dass Sie nach der Dia­gno­se solch einen Weg ein­schla­gen würden?

Sprott: Nie­mals hät­te ich kom­men sehen, dass das alles ein­tre­ten wür­de! Mei­ne Freun­din war es, die viel Über­zeu­gungs­ar­beit leis­ten muss­te, bis ich mit mei­nen Erfah­run­gen und dem modi­schen Umgang an die Öffent­lich­keit ging. Heu­te muss sie dafür die Out­fit-Bil­der foto­gra­fie­ren. Ich bin eigent­lich zu beschei­den, um dau­ernd im Mit­tel­punkt ste­hen und der Welt zei­gen zu wol­len, wie toll ich mich anzie­hen kann. Ich dach­te immer, dafür brau­chen ande­re Frau­en mich doch nicht. Doch die ers­ten posi­ti­ven Rück­mel­dun­gen lie­ßen nicht lang auf sich war­ten und in mir wuchs das Bedürf­nis, die­se Frau­en (und heu­te immer mehr männ­li­che Flach­strick-Trä­ger) nicht mit ihren Sor­gen allein zu las­sen.  Heu­te bin ich froh, dass ich mich auf dem The­ma Mode nicht aus­ge­ruht habe, son­dern auf www.lipoedemmode.de auch die The­men behan­deln woll­te, die im Leben rund um Lipö­dem eben­so wich­ti­ge Rol­len spie­len. Die Arbeit dar­an, so viel Wis­sen wie nur mög­lich auf­find­bar zu machen, ist Die­sel für mei­nen Motor. Ein Ende ist noch nicht in Sicht. Nata­lie, du hast dei­ne Geschich­te wahr­schein­lich damals auch nicht kom­men sehen, oder?

Stark: Nein, ich hät­te das damals mit 19 Jah­ren nie­mals gedacht, dass ich heu­te als Ayur­ve­da-Ernäh­rungs- und Gesund­heits­be­ra­te­rin tätig bin und ande­ren Betrof­fe­nen hel­fe. Ich habe 2013 in einer Reha das ers­te Mal Frau­en mit Lipö­dem Sta­di­um III am Rol­la­tor gese­hen. Da kam das ers­te Mal der Wunsch auf, in der Auf­klä­rung und Selbst­hil­fe tätig wer­den zu wol­len, damit es bei so wenig Frau­en wie mög­lich so weit kom­men muss. Bis ich mei­ne ers­ten Schrit­te in die­se Rich­tung gemacht habe, hat es wei­te­re fünf Jah­re gedau­ert. Mir hat es sehr gro­ße Schwie­rig­kei­ten berei­tet, in der Öffent­lich­keit zu der Krank­heit zu ste­hen, da ich im Grun­de gut 15 Jah­re damit ver­bracht hat­te, mich dafür zu schä­men und mei­ne Bei­ne zu ver­ste­cken. Letzt­end­lich ist es mir gelun­gen, es war zwar ein lan­ger Weg, aber ich bin ihn zu 100 Pro­zent aus eige­ner Kraft gegangen.

OT: Neben der „tech­ni­schen“ Ver­sor­gung gibt es auch ande­re Kom­po­nen­ten, die im Umgang mit dem Lipö­dem zu beach­ten sind. Wel­che Rol­le spie­len die Psy­che oder die Ernäh­rung im Alltag?

Stark: Wie sich in mei­ner letz­ten Ant­wort schon abzeich­net, spielt die Psy­che eine extrem gro­ße Rol­le. Es bau­en sich unglaub­lich vie­le Glau­bens­sät­ze auf, was mit Lipö­dem alles nicht mög­lich ist – vie­les davon wird sehr durch die Gesell­schaft geprägt. Die Ernäh­rung spielt aus mei­ner Sicht eine sehr wich­ti­ge Rol­le. Aus eige­ner Erfah­rung und aus mei­nen Inter­views mit ande­ren Betrof­fe­nen kann ich sagen, dass die basi­sche, die ayur­ve­di­sche, die zucker­freie und die keto­ge­ne Ernäh­rung Schmer­zen und auch Umfän­ge deut­lich redu­zie­ren kann. Ich kann dazu kei­ne Stu­die lie­fern, aber die Erfol­ge ein­zel­ner Betrof­fe­ner und die ich an mei­nem eige­nen Kör­per erfah­ren durf­te, spre­chen für sich. Ein wei­te­rer ganz wich­ti­ger Punkt ist die Stress­re­duk­ti­on. Dar­auf soll­te aus mei­ner Sicht jede Lipö­dem-Betrof­fe­ne den Fokus set­zen. Denn in zahl­rei­chen Gesprä­chen berich­te­ten die Frau­en, dass die Sym­pto­me in her­aus­for­dern­den Situa­tio­nen stär­ker wer­den. In mei­nen Bera­tun­gen und Work­shops liegt der Schwer­punkt immer auf der Stress­re­duk­ti­on, der Ernäh­rung und der emo­tio­na­len Sta­bi­li­tät. Das ist eine extrem wich­ti­ge Säu­le in der Lipö­dem-Selbst­hil­fe. Es ist jetzt schon sicher, dass ich mei­ne Aus­bil­dun­gen auch noch um den psy­cho­lo­gi­schen Ayur­ve­da-Bera­ter erwei­tern wer­de. Caro­li­ne, du hast doch gera­de super Erfah­run­gen mit der keto­ge­nen Ernäh­rung gemacht, erzähl mal.

Sprott: Das mach ich ger­ne. Aus mei­ner Sicht kann Nah­rung sehr ent­schei­dend auf das Schmerz­emp­fin­den ein­wir­ken und ist daher ein gro­ßes The­ma, nicht nur zur Gewichts­re­gu­lie­rung. Wie Nata­lie schon ange­deu­tet hat, hat die keto­ge­ne Ernäh­rungs­um­stel­lung jüngst mein Leben ver­än­dert und ich bin beein­druckt von die­sem Ein­fluss. Ich wür­de mich als jah­re­lan­ger Skla­ve mei­nes Insu­lin­spie­gels bezeich­nen. Ich könn­te den gan­zen Tag essen und zu gern tat ich das auch. Klei­ne Por­ti­ön­chen, die sich am Ende des Tages eben doch sum­mier­ten und ste­tig für Gewichts­schwan­kun­gen sorg­ten. Seit­dem ich auf Koh­len­hy­dra­te ver­zich­te, bin ich wie­der Herr über mein Ess­ver­hal­ten und das ist für mich revo­lu­tio­när. Ich habe mich zwar aus der Skla­ve­rei befreit, aber es wird wahr­schein­lich den­noch ein Leben lang ein gro­ßes The­ma blei­ben. Ein­mal über­ge­wich­tig, immer über­ge­wich­tig – zumin­dest im Kopf. Ich bin der Mei­nung, dass die psy­chi­sche Kom­po­nen­te in der kon­ser­va­ti­ven The­ra­pie ent­schei­dend zu kurz kommt. Stress, sozia­le Belas­tun­gen aus dem engs­ten Umfeld, Dis­kri­mi­nie­rung, Bodys­ha­ming, Depres­sio­nen, Frus­tra­tio­nen – all das mischt sich im Kopf zu einem gif­ti­gen Cock­tail her­an, den man­che so schnell nicht kom­men sehen. Hier ist psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Betreu­ung gefragt und ich wün­sche mir, dass ein Bera­tungs­kon­zept in die The­ra­pie mit auf­ge­nom­men wer­den wür­de. Ich hat­te mich damals mit Hil­fe von Mode und einer Kurz­zeit­the­ra­pie aus einem schwe­ren Tief her­aus­ge­holt und zeh­re von den gewon­ne­nen Erkennt­nis­sen bis heu­te noch.

OT: Gibt es einen Gast, den Sie ger­ne ein­mal in Ihren Pod­cast ein­la­den wür­den? Und was wäre das Thema?

Sprott: Mit vie­len unse­rer Favo­ri­ten hat­te Nata­lie natür­lich schon die Ehre. Aber ich glau­be, Jens Spahn wäre ein gro­ßes High­light! Hier könn­te man ins Gespräch gehen, dass nicht nur Lipo­suk­tio­nen, son­dern sämt­li­che Maß­nah­men aus­schlag­ge­bend für eine erfolg­rei­che The­ra­pie sind und die­se auch erwei­tert wer­den müs­sen. Hier geht es um eine lebens­lan­ge Erhal­tung der gesund­heit­li­chen Lebens­qua­li­tät und die­se hört nicht bei den Lipo­suk­tio­nen auf.

Stark: In der Tat habe ich schon eini­ge Favo­ri­ten ein­ge­la­den – mei­ne per­sön­li­chen High­lights waren zum Bei­spiel die Gesprä­che mit dem Ayur­ve­da-Arzt Dr. Ernst Schrott oder Dr. Rüdi­ger Dah­l­ke. Ich bin ja ein beken­nen­der Fan alter­na­ti­ver Metho­den und wür­de da zukünf­tig ger­ne noch ein paar Ayur­ve­da-Kory­phä­en ein­la­den zu den The­men weib­li­che Hor­mo­ne und Kräu­ter­kun­de – Kers­tin Rosen­berg wäre zum Bei­spiel eine Kan­di­da­tin oder mein abso­lu­ter Traum: Dr. Vasant Lad aus Indien.

Die Fra­gen stell­te Hei­ko Cordes.

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