Mit Eigen­bau-Roll­stuhl auf Weltreise

Im Alter von 23 Jahren verunglückt 1981 Andreas Pröve mit seinem Motorrad. Die Folge: komplette Paraplegie bei TH8. Doch der Tischler und Maschinenbauingenieur lässt sich nicht ausbremsen, reist seit vier Jahrzehnten vor allem durch Asien. Im Gespräch mit der OT-Redaktion blickt der heute 61-Jährige auf die Versorgung mit Rollstühlen in den letzten vier Jahrzehnten zurück und verrät, wie er seinen Rollstuhl fit für Off-Road-Reisen jenseits der ausgetretenen Touristenpfade macht.

OT: Wie beur­tei­len Sie heu­te Ihre Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung von 1981?

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Andre­as Prö­ve: Grau, uni­form, schwer und unhand­lich: 1981 muss­te ich mit einem han­dels­üb­li­chen Roll­stuhl aus Chrom mit Stoff­be­span­nung leben. Der Wen­de­kreis war rie­sig, zwi­schen mein Becken und der Sei­ten­leh­ne pass­te eine gan­ze Tasche. Und jeder Roll­stuhl war seri­en­mä­ßig mit Arm­leh­nen aus­ge­stat­tet. Außer­dem konn­te man den Roll­stuhl nur mit Greif­hand­be­we­gun­gen bedie­nen. Gepäck war nicht wirk­lich vor­ge­se­hen. Man konn­te ledig­lich einen Ruck­sack über die Rücken­leh­ne hän­gen. Der durf­te aber nicht zu schwer sein, weil sonst der Roll­stuhl umkipp­te. Die Roll­stüh­le ziel­ten eher auf einen gemüt­li­chen als auf einen akti­ven All­tag. Alles zusam­men­ge­nom­men waren das kei­ne guten Bedin­gun­gen für einen akti­ven Men­schen wie mich. Des­halb habe ich als ers­te Maß­nah­me die Arm­leh­nen abmon­tiert, weil sie mich beim Fah­ren nur behin­dert haben. Zum Glück kam schon weni­ge Jah­re dar­auf Far­be ins Spiel, was ich als sen­sa­tio­nell emp­fand. Ich ent­schied mich für ein rotes Modell, wozu Mit­te der 1980er Jah­re viel Mut gehör­te. Die­ser Far­be bin ich seit 35 Jah­ren treu geblieben.

OT: Was hat sich seit­her noch ver­än­dert?

Prö­ve: Die Ent­wick­lung der letz­ten Jahr­zehn­te kann ich nur als revo­lu­tio­när bezeich­nen. Inzwi­schen kann man Roll­stüh­le in Höhe und Brei­te in Abstu­fun­gen von zwei Zen­ti­me­ter erhal­ten. Eini­ge Anbie­ter ver­fü­gen auch über Model­le mit noch mehr Abstu­fun­gen. Die­se Pass­ge­nau­ig­keit ist natür­lich ein Gewinn. Ein wich­ti­ger Schritt hin zu robus­te­ren, stra­pa­zier­fä­hi­ge­ren Roll­stüh­len war die Ein­füh­rung von abnehm­ba­ren Rädern. Dadurch, dass die Fuß­stüt­zen nicht mehr so her­vor­ste­hen, hat sich zudem der Wen­de­kreis enorm ver­rin­gert, sodass wir Roll­stuhl­fah­rer nicht mehr so oft gegen Türen oder Wän­de sto­ßen und klei­ne­re Bäder uns aus­rei­chend Platz bie­ten. Zudem wur­de das Gewicht der Roll­stüh­le durch neue Mate­ria­li­en wie Alu­mi­ni­um und spä­ter Car­bon mas­siv redu­ziert. Weni­ger Gewicht bedeu­tet mehr Mobi­li­tät, ob beim Heben des Roll­stuhls ins Auto oder beim Rei­sen in fer­ne Län­der. Die bedeu­tends­te Inno­va­ti­on war die Erfin­dung des Hand­bikes. Im Jahr 1996 ließ ich mir aus den USA das ers­te Mal ein Hand­bike zum Tes­ten kom­men. Plötz­lich konn­te ich 15 oder 20 km/h fah­ren, und das auch noch über unebe­nes Gelän­de. Zudem muss man für ein Hand­bike viel weni­ger Kraft auf­wen­den als beim tra­di­tio­nel­len Grei­fen der Räder, um den Roll­stuhl fort­zu­be­we­gen. Eben­so erlaubt ein Hand­bike die Mit­nah­me von mehr Gepäck, was für mich als lei­den­schaft­li­chen Rei­sen­den enorm wich­tig ist. Das war ein unglaub­li­ches Gefühl damals! Die jüngs­te Neu­ent­wick­lung, die ich erst kürz­lich tes­ten durf­te, besteht aus car­bon­ge­fe­der­ten Rädern. Erst­mals seit mei­nem Unfall konn­te ich damit Schot­ter­stra­ßen oder Wald­we­ge mit Wur­zeln schmerz­frei und pro­blem­los über­win­den. Ich bin begeis­tert und freue mich schon auf die wei­te­ren Inno­va­tio­nen, die ich noch erle­ben darf.

OT: Wie sieht Ihre heu­ti­ge Ver­sor­gung aus?

Prö­ve: Für den All­tag nut­ze ich einen han­dels­üb­li­chen Roll­stuhl, der etwa alle fünf Jah­re mit Kos­ten­über­nah­me durch mei­ne Kran­ken­kas­se erneu­ert wird. Mein Ver­schleiß ist nicht so hoch, weil ich für alle mei­ne Rei­sen, mei­nen pri­vat modi­fi­zier­ten und finan­zier­ten Rei­se­roll­stuhl ver­wen­de. Das gilt sowohl für die Rei­sen mit mei­ner Frau, meist inner­halb Euro­pas, als auch für mei­ne Rei­sen in die Fer­ne, die ich allein unter­neh­me. Den Rei­se­roll­stuhl muss ich im Schnitt alle drei Jah­re ersetzen.

OT: Wel­che Extras hat Ihr Reiserollstuhl?

Prö­ve: Zum Glück bin ich gelern­ter Maschi­nen­bau­in­ge­nieur, sodass ich eigen­stän­dig an mei­nem auf einem han­dels­üb­li­chen Car­bon-Roll­stuhl basie­ren­dem Rei­se­ge­fährt arbei­ten kann. So toll ein Hand­bike-Antrieb ist, for­dert er doch sei­nen Preis. Die Gelen­ke, ins­be­son­de­re die Schul­ter­ge­len­ke wer­den auf Dau­er stark belas­tet. Für mei­ne letz­te gro­ße Rei­se 2018 nach Chi­na habe ich daher mei­nen Roll­stuhl mit einem selbst ent­wi­ckel­ten Schie­be­mo­tor, dem „Trieb­ling“ aus­ge­stat­tet. Der Ver­bren­nungs­mo­tor befin­det sich als Anhän­ger am Gefährt und ermög­licht eine Geschwin­dig­keit von bis zu 50 km/h. Falls der Motor kaputt sein soll­te oder mir das Ben­zin aus­geht, kann ich den Roll­stuhl mit dem vor­han­de­nen Hand­bike-Antrieb bewe­gen. Der han­dels­üb­li­che Rah­men ist nicht für die­se Geschwin­dig­kei­ten gebaut, daher habe ich ihn ent­spre­chend ver­stär­ken müs­sen. Im Übri­gen habe ich den Roll­stuhl vor der Rei­se kom­plett aus­ein­an­der­ge­nom­men und mit nur drei ver­schie­de­nen Schrau­ben­sor­ten zusam­men­ge­baut, damit ich für den Trip nur wenig Werk­zeug ein­pa­cken muss­te. Tat­säch­lich konn­te ich mit die­ser Kon­struk­ti­on „Mar­ke Eigen­bau“ die mehr als 6.000 Kilo­me­ter ent­lang des Flus­ses Jang­tse quer durch Chi­na genie­ßen. Nur die letz­ten Meter zur Quel­le in Tibet muss­te ich mich von Sher­pas tra­gen las­sen. Ohne mei­ne Umbau­ten wäre das nicht mög­lich gewe­sen, wes­halb ich die­se ganz beson­de­re Rei­se auch in Buch­form unter dem Titel „Gegen den Strom“ ver­ar­bei­tet habe.

OT: Wie viel Geld und Zeit inves­tie­ren Sie durch­schnitt­lich in einen Reiserollstuhl?

Prö­ve: Das kommt sehr dar­auf an, wohin und wie weit ich rei­se. Die Kon­struk­ti­on des Trieb­lings samt den Ver­stär­kun­gen am Roll­stuhl und zusätz­li­che Brem­sen am Hand­bike für mei­ne Chi­na­rei­se haben mich sicher weit über 5.000 Euro gekostet.

OT: Sie leben seit 1983 als Autor, Blog­ger und Foto­graf vom Rei­sen. Wie kam es dazu?

Prö­ve: Ehr­lich gesagt, war das damals eine Not­lö­sung. Ich fand nach mei­nem Unfall kei­nen Job mehr, weder als Tisch­ler noch als Maschi­nen­bau­in­ge­nieur. Gleich­zei­tig woll­te ich auf das Rei­sen nicht ver­zich­ten. Also habe ich auf mei­ner ers­ten gro­ßen Rei­se mit Roll­stuhl 1983/1984 durch Sri Lan­ka und Indi­en vie­le Fotos gemacht und im Anschluss in Deutsch­land Vor­trä­ge dar­über gehal­ten. Ich hat­te gro­ßes Glück und wur­de von Anfang an für die Vor­trä­ge bezahlt. Es hat aber den­noch eini­ge Zeit gedau­ert, bis ich wirk­lich vom Rei­sen leben konn­te, denn in den Trips ste­cken ja auch vie­le Inves­ti­tio­nen. Mitt­ler­wei­le hal­te ich in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz öffent­li­che Vor­trä­ge und Mul­ti­vi­sio­nen, mache aber auch in Schwer­punkt­kran­ken­häu­sern und Reha-Zen­tren Sta­ti­on, um zur Reha­bi­li­ta­ti­on „Frisch­ver­letz­ter“ bei­zu­tra­gen. Mir fehl­te damals ein Vor­bild. Ich kann­te nie­man­den, der wei­te Rei­sen im Roll­stuhl unternahm.

OT: Wie berei­ten Sie sich auf Ihre Rei­sen vor?

Prö­ve: Zu Anfang habe ich mich ganz klas­sisch mit der Lek­tü­re von Büchern vor­be­rei­tet. Längst nut­ze ich vor­wie­gend das Inter­net für die Recher­che vor und auch wäh­rend der Rei­se. Chi­na bei­spiels­wei­se ist flä­chen­de­ckend mit High­speed-Inter­net aus­ge­rüs­tet, was das Rei­sen vor Ort enorm erleich­tert. Ich muss nicht jeden Weg im Vor­aus pla­nen, son­dern kann auch vor Ort per Goog­le Earth sehen, wie befah­ren eine Stra­ße ist oder wel­chen Belag sie hat. Bei­de Fak­to­ren sind enorm wich­tig, denn in Asi­en kom­men die meis­ten Men­schen im Stra­ßen­ver­kehr um. Ich rei­se daher nur auf Neben­stra­ßen mit mög­lichst wenig LKWs neben mir. Teils buche ich Unter­künf­te vor. Da ich aber aus Sicher­heits­grün­den nie nachts fah­re, klop­fe ich oft spon­tan bei Bau­ern an, ob ich die Nacht bei ihnen ver­brin­gen darf. Eine Win-Win-Situa­ti­on: Die Bau­ern ver­die­nen sich etwas hin­zu und ich bekom­me einen Ein­blick in die wirk­li­chen Lebens­um­stän­de fern­ab der nor­ma­len Rei­se­rou­ten. Zur Rei­se­pla­nung gehört auch die Mit­nah­me von Ersatz­tei­len und Werk­zeug. Auch wenn ich heu­te bis zu 20 Kilo­gramm Gepäck am Roll­stuhl unter­brin­gen kann, ist der Platz sehr begrenzt für die oft mona­te­lan­gen Rei­sen. Ich muss also im Vor­feld eben­falls genau beden­ken, wel­che Aus­rüs­tung ich für die unter­schied­li­chen Wet­ter­la­gen vor Ort benötige.

OT: Haben sich die Rei­se­be­din­gun­gen für Roll­stuhl­fah­rer eben­so rasant ent­wi­ckelt wie die Hilfsmittelversorgung?

Prö­ve: Lei­der nein! Die Schwie­rig­keit beginnt mit der Defi­ni­ti­on der Bar­rie­re­frei­heit. Jeder hat da sei­ne eige­ne Ver­si­on. Hin­zu kommt, dass es „den“ Roll­stuhl­fah­rer nicht gibt. Jede Erkran­kung, jeder Unfall zieht ande­re Beein­träch­ti­gun­gen und damit Bedürf­nis­se nach sich. Wirk­lich bar­rie­re­frei wür­de aus mei­ner Sicht hei­ßen, dass zum Bei­spiel Wasch­be­cken stu­fen­los ver­stell­bar wären. Wie wol­len wir in jahr­tau­sen­de alten Sehens­wür­dig­kei­ten Fahr­stüh­le oder Ram­pen ein­bau­en? Wer soll das alles finan­zie­ren? Vor allem in Deutsch­land, aber auch in ande­ren euro­päi­schen Län­dern wird dar­an gear­bei­tet, Bar­rie­ren abzu­bau­en. Eine tol­le Sache ist etwa der Uni­ver­sal­schlüs­sel für bar­rie­re­freie öffent­li­che Toi­let­ten, den man sich für 23 Euro bestel­len kann. Damit kann ich deutsch­land­weit bar­rie­re­freie öffent­li­che und vor allem sau­be­re Toi­let­ten öff­nen. In Öster­reich und der Schweiz funk­tio­niert das auch weit­ge­hend. Bei mei­ner Rei­se durch Slo­we­ni­en 2019 ließ sich lei­der nur eine von 30 Test­toi­let­ten öff­nen. Auch in Indi­en erle­be ich Fort­schrit­te. In Neu Delhi ist immer­hin ein Bahn­steig inzwi­schen mit einer Ram­pe aus­ge­stat­tet. Das mag nicht viel sein, aber es ist ein Anfang. Mei­ne Erwar­tun­gen sind eh nicht so groß. Aber ich erle­be viel guten Wil­len und gro­ße Hilfsbereitschaft.

OT: Wor­auf soll­ten Rei­sen­de im Roll­stuhl bei der Buchung achten?

Prö­ve: Roll­stuhl­fah­rer soll­ten grund­sätz­lich sel­ber bei den jewei­li­gen Anbie­tern anru­fen und sich nach den genau­en „bar­rie­re­frei­en“ Umstän­den vor Ort erkun­di­gen. Die Anga­ben in Por­ta­len sind oft irre­füh­rend und die Defi­ni­ti­on „bar­rie­re­frei“ sehr unge­nau. Dar­über hin­aus kennt jeder sei­ne eige­nen Ein­schrän­kun­gen und die dazu pas­sen­den Anfor­de­run­gen an die Umge­bung am besten.

OT: Wel­che zusätz­li­chen Ser­vices wün­schen Sie sich von Bahn- und Flug­ge­sell­schaf­ten oder Reiseveranstaltern?

Prö­ve: Die Situa­ti­on bei der Deut­schen Bahn ist aus mei­ner Sicht kata­stro­phal. Noch immer muss ich mei­ne Rei­se bis drei Tage vor Fahrt­an­tritt bei der Bahn anmel­den, damit Bahn­per­so­nal bereit­steht, um mich mit einem Spe­zi­al­lif­ter in bzw. aus dem Wag­gon zu heben. War­um gibt es über­haupt noch Stu­fen in den Zügen? Könn­ten nicht neue Züge und neue Bahn­stei­ge so gebaut wer­den, dass die­se Bar­rie­re wie bei der U‑Bahn ent­fällt? Bei der Luft­han­sa etwa funk­tio­niert der Ser­vice per­fekt. Die Flug­ge­sell­schaft stellt einen soge­nann­ten Board­wheel­chair, mit dem man an Bord selbst die enge Bord­toi­let­te benut­zen kann. Der eige­ne Roll­stuhl wird von Mit­ar­bei­tern im Gepäck unter­ge­bracht. Bei Inlands­flü­gen ist der Begleit­ser­vice kos­ten­frei, bei Inter­kon­ti­nal­stre­cken ist er kos­ten­pflich­tig, obwohl er hier beson­ders not­wen­dig ist. Jeder, der schon mal 15 Stun­den sei­nen Kör­per beherr­schen muss­te, weiß, wovon ich spre­che. Lei­der gilt ein sol­cher Ser­vice für die wenigs­ten Flug­ge­sell­schaf­ten. Auch hier ist Vor­be­rei­tung alles: Vor Antritt einer lan­gen Flug­rei­se gilt es stra­te­gisch zu trin­ken und zu essen und den Darm früh­zei­tig zu ent­lee­ren. Für Grup­pen­rei­sen wür­de ich jedem Roll­stuhl­fah­rer emp­feh­len, spe­zia­li­sier­te Rei­se­ver­an­stal­ter zu nutzen.

OT: Gibt es noch Traum­zie­le auf Ihrer Agenda?

Prö­ve: Mei­ne Lis­te an Zie­len ist unend­lich lang. Zum Bei­spiel war ich noch nie in Süd­ame­ri­ka oder in Aus­tra­li­en. Aber ich will mei­ne Rei­se­zie­le nicht abha­ken wie eine Check­lis­te, son­dern Län­der und Leu­te inten­siv erle­ben. Mein nächs­tes Ziel wird der Iran sein. Ich war bereits ein­mal dort und habe nie in mei­nem gan­zen Leben herz­li­che­re und hilfs­be­rei­te­re Men­schen getroffen.

Die Fra­gen stell­te Ruth Justen.

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