„Sparen braucht System – keine Symbolpolitik“

Im Juni 2026 wählte der Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik (BIV-OT) seinen Vorstand neu. Albin Mayer hatte bereits im Vorfeld verbandsintern angekündigt, nicht mehr für eine weitere Amtszeit als Vizepräsident zur Verfügung zu stehen. Als Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses hatte er sich insbesondere bei den Verhandlungen mit den Krankenkassen engagiert. Die Delegierten wählten Tobias Chaumont zu seinem Nachfolger. Gemeinsam mit Präsident Alf Reuter steht er nun an der Spitze des Verbandes. Mit der OT-Redaktion sprach er über die Zukunft des Handwerks, die Herausforderungen der Betriebe und die Auswirkungen des pauschalen 3‑Prozent-Abschlags.
Herr Chaumont, für die, die Sie noch nicht kennen: Können Sie sich bitte einmal vorstellen?
Tobias Chaumont: Meine Geschichte ist eigentlich schnell erzählt. Ich habe bei Rahm gelernt und dort Schritt für Schritt Verantwortung übernommen. Heute bin ich Teil der Unternehmensleitung eines Unternehmens mit rund 1.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dabei habe ich eines gelernt: Ein Unternehmen kann vieles selbst gestalten – die Rahmenbedingungen unserer Branche aber nicht. Dafür braucht es eine starke gemeinsame Stimme. Natürlich stehen wir als Unternehmen im Wettbewerb. Aber bei den großen Fragen unserer Branche müssen wir zusammenstehen. Es geht um wirtschaftlich tragfähige Versorgungsstrukturen, um weniger Bürokratie und darum, dass unsere Betriebe genügend unternehmerischen Freiraum behalten. Genau deshalb engagiere ich mich im BIV-OT. Ich möchte meine unternehmerische Perspektive einbringen und dazu beitragen, die Rahmenbedingungen so mitzugestalten, dass unsere Betriebe auch künftig erfolgreich arbeiten und gleichzeitig eine hochwertige Versorgung sicherstellen können. Im Markt sind wir Wettbewerber. Wenn es aber um die Zukunft unserer Branche geht, brauchen wir starken Zusammenhalt.
Wie sind Ihre ersten Eindrücke im Amt?
Ich bin sehr offen aufgenommen worden und habe in den ersten Wochen viele gute Gespräche geführt. Was mich besonders beeindruckt, ist das große persönliche Engagement im Ehrenamt und die Professionalität unseres Verbandsteams. Gleichzeitig wird sehr schnell deutlich, wie groß die Herausforderungen für unsere Betriebe inzwischen sind. Wirtschaftlicher Druck, zunehmende Regulierung und Bürokratie lassen immer weniger Raum für das, was uns eigentlich ausmacht: gute Versorgung und unternehmerisches Handeln. Genau deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Kräfte bündeln und wieder mehr Gestaltungsräume schaffen. Die Zukunft unseres Berufs wird nicht nur in unseren Werkstätten entschieden, sondern auch an den Verhandlungstischen und im politischen Berlin.
Sie kommen – wie Ihre Vorstandskolleginnen und ‑kollegen – aus der Praxis. Was sind aus Ihrer Sicht die drei größten Herausforderungen der kommenden Jahre?
Es sind für mich vor allem drei Fragen, die wir beantworten müssen:
Erstens: Verstehen wir im Gesundheitswesen endlich, dass kurzfristiges Sparen langfristig teuer werden kann? Gute Hilfsmittelversorgung erhält Mobilität und Selbstständigkeit, vermeidet Folgekosten und entlastet andere Bereiche des Gesundheitssystems. Wir müssen deshalb stärker über den Wert von Versorgung sprechen – und nicht nur über ihren Preis.
Zweitens: Erkennt die Politik, dass unsere Betriebe ein wichtiger Teil der Versorgungs- und Krisenresilienz dieses Landes sind? Versorgungssicherheit braucht funktionierende Strukturen, qualifizierte Fachkräfte und wirtschaftlich gesunde Betriebe. Was im Ernstfall funktionieren soll, muss auch im Alltag tragfähig sein.
Und drittens: Schaffen wir es als Branche, trotz wirtschaftlichen Drucks und mancher Enttäuschung konstruktiv zu bleiben, zusammenzuhalten und selbst Zukunft zu gestalten? Wir dürfen Veränderungen nicht nur kommentieren. Wir müssen sie mitgestalten.
Was kann der BIV-OT tun, um die Betriebe dabei zu unterstützen?
Wir müssen als Verband noch professioneller und noch wirksamer werden. Dabei ist mir eines wichtig: Der Verband ist kein Ersatz für unternehmerisches Handeln. Aber er muss den Betrieben den Rücken freihalten, damit sie unternehmerisch handeln können. Er muss Orientierung geben, belastbare Daten liefern und Standards entwickeln. Er muss Wissen bündeln, Betriebe zusammenbringen und aus vielen einzelnen Stimmen eine starke gemeinsame Stimme machen.Und er muss dort präsent sein, wo die Rahmenbedingungen unserer Arbeit entstehen – bei Kostenträgern, in der Politik und gegenüber anderen Akteuren im Gesundheitswesen. Gute Verbandsarbeit nimmt Unternehmern nicht das Handeln ab. Sie schafft ihnen den Freiraum dafür.

Der von der Politik verordnete Sparzwang trifft viele Betriebe empfindlich. Können Sie die Auswirkungen des pauschalen 3‑Prozent-Abschlags noch einmal erläutern?
Das ist eigentlich ganz einfach: In unserer Branche liegt der durchschnittliche EBIT bei 3 bis 4 Prozent. 3 Prozent Abschlag können bei der Umsatzrendite einen erheblichen Teil des Ergebnisses aufzehren. Dann wird aus einem vermeintlich kleinen Abschlag sehr schnell ein existenzielles wirtschaftliches Thema. Fast noch schwerer wiegt für mich aber etwas anderes: Wir verhandeln Verträge, beide Seiten einigen sich – und anschließend verändert der Gesetzgeber nachträglich die wirtschaftlichen Grundlagen. Das beschädigt Vertrauen. Wer Investitionen, Innovation und Versorgungssicherheit will, muss Verlässlichkeit bieten. Verlässlichkeit ist die Grundlage jeder langfristigen Zusammenarbeit.
Welche Konsequenzen erwarten Sie langfristig für die Versorgung der Patientinnen und Patienten?
Das wird sich nicht von heute auf morgen zeigen. Die Qualität unserer Arbeit wird nicht plötzlich schlechter. Aber Versorgung wird schleichend lückenhafter. Weniger Zeit. Weniger Spezialisierung. Weniger Innovation. Längere Wege. Dabei kann Technische Orthopädie Operationen vermeiden oder hinauszögern, Mobilität erhalten und Menschen länger selbstständig halten. Wer heute an guter Versorgung spart, riskiert morgen höhere Folgekosten.
Sie leiten den Wirtschaftsausschuss und sind dadurch mittendrin in den Verhandlungen mit den Kostenträgern. Wie sehr beeinflusst der Sparzwang die Gespräche mit den Krankenkassen?
Natürlich beeinflusst der Sparzwang die Verhandlungen. Die Finanzlage der GKV ist angespannt, und das wissen wir. Krankenkassen sind deshalb nicht unsere Gegner. Aber wir müssen darüber sprechen, wo wir sparen. Die Antwort kann nicht immer lauten: bei der Versorgung. Wir haben enorme Effizienzpotenziale in den Prozessen. Weniger Bürokratie. Einheitliche Standards. Klare Anforderungen. Digitale Abläufe ohne Medienbrüche. Wenn wir gemeinsam Kosten senken wollen, dann sollten wir zuerst Arbeit vermeiden, die weder dem Patienten noch der Krankenkasse einen Mehrwert bringt. Sparen braucht System – keine Symbolpolitik. Und jede Minute Bürokratie, die wir vermeiden, schafft wieder Zeit für Versorgung.
Kommen wir vom Reagieren ins Gestalten: Die Bundesregierung hat ein Reformgesetz für die Hilfsmittelversorgung angekündigt. Was darf aus Ihrer Sicht nicht fehlen?
Zunächst brauchen wir ein anderes Verständnis von Hilfsmittelversorgung. Gerade Technische Orthopädie ist weit mehr als die Abgabe eines Produktes. Sie ist Teil eines Versorgungsprozesses. Die ganzheitliche Betrachtung in der Versorgung spielt eine Rolle bis hin zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit. Eine gute Hilfsmittelversorgung trägt dazu bei, Mobilität und Selbstständigkeit zu erhalten. Dafür müssen wir die fachliche Kompetenz unserer Betriebe stärker nutzen. Wer Kompetenz einfordert, muss auch Verantwortung zulassen. Qualität muss sich lohnen. Digitalisierung muss einfacher machen – nicht komplizierter. Und wir müssen endlich raus aus einer Misstrauenskultur, die auf jedes Problem mit einer neuen Dokumentationspflicht reagiert. Wir brauchen weniger Kontrolle um der Kontrolle willen – und mehr Vertrauen in qualifizierte Versorgung.
Wenn Sie einen Wunsch an die Bundesregierung frei hätten – welcher wäre das?
„Denken Sie in Versorgung, nicht in Wahlperioden. Denken Sie langfristig.“ Gute Versorgung braucht Verlässlichkeit. Unsere Betriebe investieren in Menschen, Ausbildung, Standorte und Innovation. Solche Entscheidungen trifft man nicht für vier Jahre. Deshalb wünsche ich mir Reformen, die gemeinsam mit der Praxis entwickelt werden und langfristig tragen. Denn am Ende geht es nicht um die nächste Wahlperiode. Es geht darum, ob Menschen auch in zehn oder zwanzig Jahren noch auf eine gute Versorgung vertrauen können.
Die Fragen stellte Heiko Cordes.
Tobias Chaumont begann 1988 seine Ausbildung in der Orthopädie-Technik. Seit 1997 ist er Orthopädie-Techniker- und Bandagistenmeister und schloss 2002 die Weiterbildung zum Betriebswirt des Handwerks erfolgreich ab. Seit 2015 gehört er zum Managementteam der Rahm GmbH. Seit 2019 engagiert er sich zudem im Wirtschaftsausschuss des BIV-OT. Im Juni 2026 wurde Chaumont zum Vizepräsidenten gewählt und gehört damit dem Vorstand an. Als Delegierter der Innung für Orthopädie-Technik für den Regierungsbezirk Köln wirkt er in der Delegiertenversammlung des BIV-OT mit.
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