FachartikelPeer Review

Schmerz­lin­dern­de Effek­te sen­so­mo­to­ri­scher Fuß­or­the­sen bei Pati­en­ten mit ­patell­ofe­mo­ra­lem Schmerz­syn­drom und Fuß­de­for­mi­tät – eine ran­do­mi­siert-kon­trol­lier­te Stu­die (RCT)

S. Simon1, S. Woltring2, A. Heine3, C. Dindorf1, J. Dully1, M. Fröhlich1
Patellofemorale Schmerzen (PFS) beeinträchtigen den Alltag Betroffener erheblich und mindern folglich die Lebensqualität. Orthopädische Einlagen (synonym in diesem Beitrag: Fußorthesen) stellen eine nicht-invasive und kostengünstige orthopädische Intervention dar, die biomechanische Faktoren wie die Kinematik des Sprung- und Kniegelenks bei gegebener Fußdeformität beeinflussen kann. Diese Studie untersucht die Auswirkungen von biomechanischen (BMFOs) und sensomotorischen Fußorthesen (SMFOs) auf Patienten mit Fußdeformität und PFS.


1  Rhein­land-Pfäl­zi­sche Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Kai­sers­lau­tern-Land­au (RPTU)
2  Motion­check Ortho­pä­die-Schuh­tech­nik, Osnabrück
3  Pra­xis für Ortho­pä­die und ­Rheu­ma­to­lo­gie, Haselünne

 

Ins­ge­samt 26 Teil­neh­mer (9 Män­ner, 17 Frau­en) nah­men an die­ser ran­do­mi­siert-kon­trol­lier­ten kli­ni­schen Stu­die (RCT) teil. Im Vor­test wur­den die Knie­schmer­zen nach der Ana­mne­se durch den Ortho­pä­den mit der Kuja­la Ante­rior Knee Pain Sca­le bewer­tet. Es wur­de eine 3‑monatige Inter­ven­ti­on mit SMFO oder BMFO durch­ge­führt, und die wöchent­li­che Schmerz­ent­wick­lung wur­de anhand von 11-stu­fi­gen visu­el­len Ana­logska­len (VAS) bewer­tet. Eine Gang­ana­ly­se (3 Durch­gän­ge à 12 Meter Distanz) mit iner­tia­len Mess­ein­hei­ten (IMU) wur­de vor und nach Inter­ven­ti­on durch­ge­führt. Die sta­tis­ti­sche Ana­ly­se ergab eine signi­fi­kan­te Schmerz­re­duk­ti­on nach 12-wöchi­ger Tra­ge­zeit in der SMFO- und BMFO-Grup­pe. Effi­zi­enz und Tra­ge­kom­fort der SMFO wur­den durch die Pro­ban­den sub­jek­tiv höher ein­ge­stuft, zeig­ten jedoch infe­renz­sta­tisch kei­nen signi­fi­kan­ten Unter­schied zur BMFO. Im Gang­bild konn­ten kei­ne unmit­tel­ba­ren Effek­te im Vor­test, aber signi­fi­kan­te Zeit­effekte fest­ge­stellt wer­den. Die mit SMFO behan­del­te Grup­pe wies eine signi­fi­kant gerin­ge­re Dor­sal­fle­xi­on des Sprung­ge­lenks beim initia­len Boden­kon­takt und in der ter­mi­na­len Stand­pha­se, eine gerin­ge­re Knief­le­xi­on ab mitt­le­rer Stand­pha­se sowie eine neu­tra­le­re Knie­be­we­gung in allen Stand­pha­sen in Fron­tal­ebe­ne im Nach­test auf. Es hat sich gezeigt, dass ortho­pä­di­sche Ein­la­gen wirk­sam zur Schmerz­lin­de­rung bei PFS mit Fuß­fehl­stel­lung bei­tra­gen kön­nen und lang­fris­ti­ge kine­ma­ti­sche Anpas­sun­gen bedin­gen. Wei­te­re RCTs mit ein­heit­li­cher Fuß­fehl­stel­lung sind not­wen­dig, um evi­denz­ba­sier­te The­ra­pie­emp­feh­lun­gen zu entwickeln.

Die­se Stu­die wur­de bei der Inter­na­tio­nal Cli­ni­cal Tri­als Regis­try Plat­form (ICTRP) der WHO und im Deut­schen Regis­ter für kli­ni­sche Stu­di­en (DRKS00035082) registriert.

Ein­lei­tung

Das patell­ofe­mo­ra­le Schmerz­syn­drom (PFS) ist eines der häu­figs­ten Ursa­chen für Schmer­zen im Knie­ge­lenk bei Jugend­li­chen und Erwach­se­nen1 2 und schränkt die Lebens­qua­li­tät der Betrof­fe­nen erheb­lich ein3 4. Das PFS wird als Prä­di­ka­tor für eine patello­femorale Arthro­se dis­ku­tiert5. Eine sol­che Patho­lo­gie stellt eine erheb­li­che volks­wirt­schaft­li­che Belas­tung für das Gesund­heits­sys­tem dar6 7. Der Begriff Chon­dro­pa­thie patel­lae wird eben­falls häu­fig ver­wen­det, wel­cher mit einer gestör­ten patell­ofe­mo­ra­len Kine­ma­tik ein­her­geht8. Die Ursa­chen sind mul­ti­fak­to­ri­ell und es wer­den vie­le bio­me­cha­nisch beding­te ätio­lo­gi­sche Fak­to­ren und Behand­lun­gen mit der Patho­lo­gie der PFP in Ver­bin­dung gebracht9. Sta­ti­sche und dyna­mi­sche Kom­po­nen­ten, ein­schließ­lich ver­än­der­ter tibia­ler und femo­ra­ler Kine­ma­tik10, Band­ver­let­zun­gen11 und mus­ku­lä­rer Über­las­tung, die sich nega­tiv auf die Patel­la­füh­rung aus­wir­ken12, könn­ten ursäch­li­che Fak­to­ren sein. Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass die Fuß- und Sprung­ge­lenks­stel­lung und eine über­mä­ßi­ge Pro­na­ti­on des Fußes das Knie­ab­duk­ti­ons­mo­ment in der Fron­tal­ebe­ne und die Boden­re­ak­ti­ons­kräf­te beein­flus­sen13 14. Eine hohe Pro­na­ti­ons­ge­schwin­dig­keit beim Lau­fen kann zu einer Innen­ro­ta­ti­on des Schien­beins füh­ren15, die wie­der­um Ein­fluss auf die Knie­ge­lenks­ki­ne­ma­tik nimmt. Aus bio­me­cha­ni­scher Sicht besteht das The­ra­pie­ziel dar­in, die auf das Knie wir­ken­den Kräf­te umzulenken.

In der ortho­pä­di­schen Ver­sor­gung ist es sta­te of the art, Fuß­or­the­sen (FOs) (syn­onym ver­ste­hen zu: ortho­pä­di­sche Ein­la­gen) zu ver­ord­nen, um bei vor­han­de­nen Fuß­fehl­stel­lun­gen in einem ers­ten kon­ser­va­ti­ven Behand­lungs­schritt Knie­pa­tho­lo­gien zu the­ra­pie­ren. Der Ein­fluss einer ver­än­der­ten Fuß­funk­ti­on und des plantaren Drucks auf das PFS ist jedoch noch nicht aus­rei­chend belegt16. Maß­ge­fer­tig­te FOs sind medi­zi­ni­sche Hilfs­mit­tel, die Pati­en­ten mit Schmer­zen der unte­ren Extre­mi­tä­ten17 und über­mä­ßi­ger Fuß­pro­na­ti­on beim Gehen und Lau­fen hel­fen18. Je nach Ursa­che und Sym­pto­men wer­den FOs indi­vi­du­ell ange­passt, um güns­ti­ge­re kine­ma­ti­sche (z. B. Gelenk­win­kel) und kine­ti­sche (z. B. Kraft­spit­zen) Bedin­gun­gen zu errei­chen und so Gelenk­schmer­zen der unte­ren Extre­mi­tä­ten zu lin­dern19. Saxe­na und Had­dad20 kom­men zu dem Schluss, dass FOs eine wirk­sa­me Behand­lungs­op­ti­on zur Lin­de­rung der kli­ni­schen Sym­pto­me von PFS sind, ins­be­son­de­re bei jun­gen Men­schen. Gross und Fox­worth21 stell­ten fest, dass FOs einen posi­ti­ven Ein­fluss auf PFS-Pati­en­ten mit über­mä­ßi­ger Fuß­pro­na­ti­on, Aus­rich­tung der unte­ren Extre­mi­tä­ten und erhöh­tem Q‑Winkel haben. Dabei han­delt es sich um den Win­kel zwi­schen den sich über­kreu­zen­den Lini­en von der Mit­te der Patel­la zur Spi­na ili­a­ca ante­rior supe­ri­or (ent­spricht dem Kraft­vek­tor des M. quad­ri­ceps femo­ris) einer­seits und von der Mit­te der Patel­la zur Tube­ro­si­tas tibiae ande­rer­seits (ent­spricht dem Ver­lauf des Lig. patel­lae). Eine ran­do­mi­sier­te kli­ni­sche Stu­die von Coll­ins et al.22 zeigt, dass FOs die wahr­ge­nom­me­nen Knie­schmer­zen auf einer visu­el­len Ana­logska­la (VAS) ver­bes­sern, bes­se­re kurz­fris­ti­ge Ver­bes­se­run­gen als fla­che Ein­la­gen zei­gen und eine ähn­li­che Wir­kung wie Phy­sio­the­ra­pie haben. Lewin­son et al.23 unter­such­ten das Poten­zi­al einer Modi­fi­zie­rung des Knie­ab­duk­ti­ons­win­kels durch late­ra­le und media­le keil­för­mi­ge FOs zur Schmerz­lin­de­rung bei Läu­fern mit PFP und fan­den eine kli­nisch signi­fi­kan­te Schmerz­re­duk­ti­on. Kayll et al.24 kamen wie­der­um zu dem Schluss, dass media­le Stütz­ein­la­gen die patell­ofe­mo­ra­le Gelenk­be­las­tung beim Gehen und Lau­fen nicht ver­än­dern. Im All­ge­mei­nen wird zwi­schen ver­schie­de­nen FO-Ansät­zen unter­schie­den: bio­me­cha­ni­sche (BMFOs) sowie sen­so­mo­to­ri­sche Fuß­or­the­sen (SMFOs; syn­onym SMI) und neu­ro­lo­gi­sche Ein­la­gen25 26. BMFO zeich­nen sich durch stüt­zen­de und bet­ten­de Ele­men­te aus, die in ers­ter Linie für Halt, Kor­rek­tur und Ent­las­tung sor­gen sol­len. Im Gegen­satz dazu zielt die SMFO in ers­ter Linie dar­auf ab, die Akti­vi­tät defi­nier­ter Mus­keln über ent­spre­chen­de Ele­men­te (z. B. media­les oder late­ra­les Rück­fu­ß­ele­ment, Zehen­steg und retro­ka­pi­ta­les Ele­ment) in einem bestimm­ten Zeit­in­ter­vall im Schritt­zy­klus gezielt zu beein­flus­sen (Stei­ge­rung oder Reduk­ti­on des Mus­kel­to­nus)27 28. Ein wesent­li­ches the­ra­peu­ti­sches Ziel der SMFO ist die Akti­vie­rung der Steig­bü­gel­mus­ku­la­tur – des Mus­cu­lus (M.) pero­neus longus und des M. tibia­lis pos­te­ri­or, die das Sprung­ge­lenk sta­bi­li­sie­ren. Folg­lich könn­te die Anpas­sung der Gelenk­ki­ne­ma­tik die Beschwer­den in ande­ren Gelenk­seg­men­ten auf­grund bio­me­cha­ni­scher Zusam­men­hän­ge lin­dern29. Kerkhoff et al.30 31 unter­such­ten vor­ge­fer­tig­te BMFOs und SMFOs und ihre Aus­wir­kun­gen auf die Mus­kel­ak­ti­vi­tät der unte­ren Extre­mi­tä­ten bei Teil­neh­mern mit unspe­zi­fi­schen Knie­schmer­zen. Die Daten zei­gen, dass die vor­ge­fer­tig­ten BMFO und die maß­ge­fer­tig­ten SMFOs im Ver­gleich zu einem Schuh ohne FOs wäh­rend eines ein­bei­ni­gen Lan­de­tests zu unter­schied­li­chen mus­ku­lä­ren Akti­vie­rungs­mus­tern führ­ten, wäh­rend SMFOs zu einer erhöh­ten Akti­vie­rung des M. semi­ten­di­no­sus und des M. pero­neus longus führ­ten. Die Chon­dro­pa­thia patel­lae wird von Grei­temann et al.32 im deut­schen Bera­tungs­aus­schuss der DGOOC als Indi­ka­ti­on für SMFOs auf­ge­führt. Es fehlt bis­lang jedoch an ran­do­mi­sier­ten kon­trol­lier­ten kli­ni­schen Stu­di­en, die unter­su­chen, ob FOs, ins­be­son­de­re SMFOs, einen posi­ti­ven kli­ni­schen Effekt bei Knie­schmer­zen haben und wel­che Indi­ka­tio­nen am meis­ten von FOs pro­fi­tie­ren33.

Fol­gen­de For­schungs­fra­gen soll­ten unter­sucht werden:

a.) Redu­zie­ren SMFOs die Wahr­neh­mung von Knie­schmer­zen bei PFS-Pati­en­ten mit Fuß­de­for­mi­tät über einen 3‑monatigen Interventionszeitraum?

b.) Bestehen unmit­tel­ba­re und zeit­li­che Effek­te in der Gang­ki­ne­ma­tik von Sprung‑, Knie- und Hüft­ge­lenk mit SMFO vor und nach einem 3‑monatigen Interventionszeitraum?

Metho­dik

Es han­del­te sich um eine ran­do­mi­sier­te, kon­trol­lier­te Stu­die mit Vor- und Nach­un­ter­su­chung. Der Inter­ven­ti­ons­zeit­raum betrug 3 Mona­te. Die Stich­pro­be wur­de nach der dia­gnos­ti­schen und ortho­pä­di­schen Ana­mne­se unter Berück­sich­ti­gung von Ein- und Aus­schluss­kri­te­ri­en (Tab. 1) zufäl­lig einer FO (SMFO, BMFO) über den Inter­ven­ti­ons­zeit­raum zuge­wie­sen. Die Inter­ven­ti­ons­grup­pe wur­de mit SMFO behan­delt, die Kon­troll­grup­pe mit BMFO. Die­se Stu­die war ver­blin­det, das heißt, die Teil­neh­mer wur­den nicht über die ihnen zuge­wie­se­ne Inter­ven­ti­on infor­miert. Auch der ver­ant­wort­li­che Ortho­pä­die­schuh­tech­ni­ker wur­de nicht dar­über infor­miert, wel­che FO der jewei­li­ge Pro­band erhielt. Die Stu­die wur­de anhand der CONS­ORT-Richt­li­ni­en durch­ge­führt. Ins­ge­samt 34 Teil­neh­mer wur­den auf ihre Eig­nung hin über­prüft. Letzt­lich wur­den 27 Teil­neh­mer von dem behan­deln­den Arzt für die Stu­die rekru­tiert. In der Kon­troll­grup­pe gab es wäh­rend des Mess­zeit­raums einen Abbruch (Abb. 1).

Die Stu­die wur­de im Lau­fe des Jah­res 2024 durch­ge­führt und die Pro­ban­den wur­den aus der täg­li­chen Pati­en­ten­be­treu­ung durch den zustän­di­gen Arzt rekru­tiert. Die Durch­füh­rung erfolg­te ohne Ein­griff in das Stan­dard­pro­ze­de­re des behan­deln­den Arz­tes und des Ortho­pä­die­schuh­tech­ni­kers, die Pati­en­ten mit ent­spre­chen­den ortho­pä­di­schen Indi­ka­tio­nen ver­sor­gen. Die Stu­die wur­de in Über­ein­stim­mung mit der Dekla­ra­ti­on von Hel­sin­ki durch­ge­führt und von der Ethik­kom­mis­si­on des Fach­be­reichs Sozi­al­wis­sen­schaf­ten RPTU Kai­sers­lau­tern-Land­au geneh­migt (Nr. 70, 16. Febru­ar 2024) sowie im Deut­schen Regis­ter für Kli­ni­sche Stu­di­en regis­triert (DRKS00035082; 17. Sep­tem­ber 2024).

Die anthro­po­me­tri­schen Daten sind in Tabel­le 1 aufgeführt.

Es wur­den die fol­gen­den Ein- und Aus­schluss­kri­te­ri­en defi­niert, und der­sel­be Arzt war für die medi­zi­ni­sche Beur­tei­lung der Pati­en­ten ver­ant­wort­lich, um eine all­ge­mei­ne und sys­te­ma­ti­sche Ana­mne­se des Patell­ofe­mo­ral­ge­lenks vor­zu­neh­men34:

Ein­schluss­kri­te­ri­en:

  • Alter zwi­schen 15 und 60 Jahren
  • Beschwer­den im Bereich des Knie­ge­lenks bei min­des­tens 2 gewichts­tra­gen­den Akti­vi­tä­ten (Trep­pen­stei­gen, Hocken) seit min­des­tens 3 Wochen: Schmer­zen wäh­rend die­ser Akti­vi­tä­ten an den meis­ten Tagen im letz­ten Monat, ≥ 30 mm auf einer 100 mm VAS
  • Indi­ka­ti­on (min­des­tens eine Dia­gno­se aus der fol­gen­den Liste):
    – Femoropa­tel­la­res Schmerzsyndrom
    – Chon­dro­pa­thia patel­lae bis zum Grad 3 mit patho­lo­gi­scher Aus­rich­tung und femo­ra­ler Antetorsion
    – Osteo­chon­dra­le Defek­te, Ent­zün­dun­gen und Impinge­ment des Hoffa-Fettkörpers
    – Ten­di­no­pa­thien der Patel­la­seh­ne oder der Qua­dri­zeps­seh­ne, patell­ofe­mo­ra­le Osteo­ar­thri­tis, Plicasyndrom
  • Ver­än­der­ter Q‑Winkel35 der unte­ren Extremität/erkennbare Rota­ti­ons­an­oma­lie der Sprung­ge­len­ke, des Schien­beins und des Ober­schen­kels wäh­rend des Gehens
  • Fuß­de­for­mi­tät: Pes pla­nus, Pes val­gus, Pes pla­n­o­val­gus, Pes cavus und Pes transversoplanus

Aus­schluss­kri­te­ri­en:

  • Medi­zi­ni­sche Vor­ge­schich­te einer Knie­ge­lenks­ar­thro­plas­tik oder Osteotomie
  • Frü­he­re (chir­ur­gi­sche) Behand­lung (< 12 Mona­te) am Sprung‑, Knie- oder Hüftgelenk
  • Rönt­gen­nach­weis einer fixier­ten Kno­chen­de­for­mi­tät oder Gelenkerosion
  • Mäßi­ge oder schwe­re beglei­ten­de tibio­fe­mo­ra­le OA (Kell­gren und Law­rence Grad ≥ 3 auf ante­ro­pos­te­rio­rem Rönt­gen­bild36
  • Zugrun­de lie­gen­de neu­ro­lo­gi­sche Pathologie
  • Bekann­te rheu­ma­ti­sche Grund­er­kran­kung mit medi­ka­men­tö­ser Behandlung
  • Frü­he­re Behand­lung mit ortho­pä­di­schen FO nach den oben genann­ten Kon­zep­ten bei
    – Behand­lung der gege­be­nen Knieschmerzindikation
    – aku­ten Mus­kel-/Bän­der­ver­let­zun­gen (< 4 Wochen) mit ent­spre­chen­den Ein­schrän­kun­gen des Bewegungsapparates

Nach Ana­mne­se und Dia­gno­se durch den behan­deln­den Ortho­pä­den wur­de bei dem in der Stu­die für die Fuß­or­the­sen­fer­ti­gung ein­ge­bun­de­nen Ortho­pä­die­schuh­tech­ni­ker eine pedo­gra­phi­sche Mes­sung vor­ge­nom­men. Der NNHT37 38 (Ver­hält­nis zwi­schen der Höhe des Os navicu­la­res (senk­rech­ter Abstand zur Boden­flä­che) sowie der Distanz von hin­ters­ter Fer­se zum Groß­ze­hen­grund­ge­lenk) wur­de bestimmt (0,22–0,31 = nor­mal; < 0,17 = Pes pla­nus; > 0,35 = Pes cavus), und der Fuß­ge­wöl­be-Index (AI)39 wur­de mit einer Pedo­gra­fi­schen Druck­mess­plat­te (Mul­ti­sens, go-tec GmbH, Müns­ter, Deutsch­land) ermit­telt (< 0,20 = erhöh­tes Gewöl­be, 0,21–0,26 = nor­ma­les Gewöl­be, > 0,26 = abge­flach­tes Gewöl­be). Alle Para­me­ter für die medi­zi­nisch indi­zier­te FO-Ver­sor­gung wur­den auf der Grund­la­ge eines 2D-Fuß­scans und eines 3D-Fuß­ab­drucks bestimmt. Der­sel­be Ortho­pä­die­schuh­tech­ni­ker war für die Her­stel­lung der FOs der Stich­pro­be ver­ant­wort­lich. Zunächst wur­den die Kran­ken­ge­schich­te des Pati­en­ten und die erfor­der­li­chen Fuß- und Schuh­mes­sun­gen anhand gän­gi­ger ortho­pä­die­schuh­tech­ni­scher Vor­ga­ben (Pro­dukt­grup­pe 08)40 erho­ben. Es wur­de eine Tra­ge­zeit der FOs von min­des­tens 8 Stun­den pro Tag fest­ge­legt. Als Abbruch­kri­te­ri­um wäh­rend der Inter­ven­ti­on wur­de eine Zunah­me der sub­jek­tiv emp­fun­de­nen Schmer­zen um 2 Punk­te oder mehr wäh­rend der Inter­ven­ti­ons­zeit defi­niert. Eine zusätz­li­che The­ra­pie war aus ethi­schen Grün­den nicht ein­ge­schränkt, wur­de aber doku­men­tiert. 7 der 24 Teil­neh­mer erhiel­ten ein­mal pro Woche eine zusätz­li­che phy­sio­the­ra­peu­ti­sche Behandlung.

Die FO wur­den indi­vi­du­ell an die Schmer­zen, den Fuß und die Knie­pa­tho­lo­gie des Pati­en­ten ange­passt und ein digi­ta­ler 2D-Fuß­scan sowie ein 3D-Schaum­stoff­ab­druck wur­den durch­ge­führt (Abb. 2 und Tab. 2).

Die Teil­neh­mer muss­ten vor und nach der Inter­ven­ti­on den Kuja­la Ante­rior Knee Pain Sca­le41 42 aus­fül­len. Der Fra­ge­bo­gen ist ein vali­des und zuver­läs­si­ges Mess­in­stru­ment43. Er eig­net sich beson­ders für Pati­en­ten, die über patell­ofe­mo­ra­le Gelenk- oder ante­rio­re Knie­schmer­zen kla­gen44. Der Gesamt­score beträgt 100 Punk­te für ein sym­ptom­frei­es Ergeb­nis, eine schwe­re Ein­schrän­kung wird also mit 0 Punk­ten dar­ge­stellt. Dar­über hin­aus wur­den die Pro­ban­den wäh­rend der Inter­ven­ti­ons­zeit wöchent­lich mit 11-teil­i­gen visu­el­len Ana­logska­len (VASs) beglei­tet45 46. Nach jeder Woche wur­den die Pati­en­ten gebe­ten, ihre Knie­schmerz­emp­fin­dung zu bewer­ten (0 = kei­ne Schmer­zen und 10 = maxi­ma­le Schmer­zen). Dar­über hin­aus wur­den die sub­jek­ti­ve Gesamt­wir­kung der FO und deren Kom­fort anhand einer 11-teil­i­gen VAS (0 = gerings­ter Kom­fort bis 10 = höchs­ter Kom­fort) bewer­tet. Die Teil­neh­mer wur­den ange­wie­sen, die täg­li­che Schritt­zahl zu doku­men­tie­ren. Die täg­li­chen Schrit­te mit FOs wäh­rend der Behand­lung wur­den mit dem indi­vi­du­el­len Smart­phone und/oder der Smart­watch des Teil­neh­mers gemes­sen und im Rah­men des Nach­tests bewertet.

Im Rah­men des Geh­tests muss­ten die Test­per­so­nen nach kur­zer Ein­ge­wöh­nung 3‑mal einen 12 Meter lan­gen Geh­weg in selbst­ge­wähl­tem Tem­po absol­vie­ren (Abb. 3). Die gewähl­te Distanz basiert auf einer sys­te­ma­ti­schen Über­sichts­ar­beit von Hor­to­bá­gyi et al.47. Die Teil­neh­men­den tru­gen ihre eige­nen Schu­he, wobei im Nach­test das glei­che Schuh­werk ver­wen­det wur­de. Der Geh­test wur­de in 3 Bedin­gun­gen durchgeführt:

– 3 x 12 m mit SMFOs
– 3 x 12 m mit BMFOs
– 3 x 12 m ohne FO/Einlagen

Die Rei­hen­fol­ge der FO im Vor­test wur­de ran­do­mi­siert und im Nach­test iden­tisch bei­be­hal­ten. Für die Daten­ana­ly­se wur­den jeweils 5 Gang­zy­klen ver­wen­det, wobei die ers­ten 2 Schrit­te pro Mes­sung aus­ge­schlos­sen wur­den, um Anfangs- und End­ef­fek­te zu vermeiden.

Daten­ver­ar­bei­tung und ‑ana­ly­se

Nach vor­he­ri­ger Prü­fung auf Nor­mal­ver­tei­lung mit dem Sha­pi­ro-Wilk-Test und Vari­anz­ho­mo­ge­ni­tät mit dem Leve­ne-Test wur­den 2 ANO­VAs mit Mess­wie­der­ho­lung für die Kuja­la-Knie­schmerz-Scores und die 12-Wochen-VAS ver­wen­det. Die Kuja­la-Scores für die vor­de­ren Knie­schmer­zen waren für bei­de Grup­pen nor­mal­ver­teilt, wie mit dem Sha­pi­ro-Wilk-Test fest­ge­stellt wur­de (p > 0,05). Sphä­ri­zi­tät konn­te ange­nom­men wer­den. Die Feh­ler­va­ri­an­zen waren homo­gen, wie anhand des Leve­ne-Tests (p > 0,05) fest­ge­stellt wur­de. Im All­ge­mei­nen wur­de ein p‑Wert = 0,05 als sta­tis­ti­sche Gren­ze gewählt. 20 der 26 Pro­ban­den (10 pro Grup­pe) wur­den final in die Zeit­rei­hen­ana­ly­se der Gang­da­ten auf­ge­nom­men wer­den. Zur Ver­gleich­bar­keit der kine­ma­ti­schen Varia­blen wur­de jede Stand­pha­se auf 100 % nor­ma­li­siert. Die IMU-basier­ten Daten des domi­nan­ten, vom PFP betrof­fe­nen Beins wur­den zeit­lich nor­ma­li­siert. Für jede Varia­ble – die Win­kel von Sprung­ge­lenk, Knie und Hüf­te in der Sagit­tal- und Fron­tal­ebe­ne – wur­de eine drei­fak­to­ri­el­le Vari­anz­ana­ly­se mit­tels Sta­tis­ti­cal Para­me­tric Map­ping (SPM) mit einem Alpha-Niveau von 0,05 durch­ge­führt. Das sta­tis­ti­sche Vor­ge­hen ist im Detail in der Stu­die von Simon et al. (2025) nach­zu­voll­zie­hen, da im Rah­men die­ses Bei­tra­ges die Ergeb­nis­dar­stel­lung im Fokus ste­hen soll.

Ergeb­nis­se

Die sta­ti­sche Ana­ly­se zeigt einen signi­fi­kan­ten Haupt­ef­fekt für den Mess­zeit­punkt (F(1, 20) = 7,23, p = 0,01, par­ti­al η² = 0,27) (Abb. 4). Die Bon­fer­ro­ni-adjus­tier­te Post-hoc-Ana­ly­se ergab signi­fi­kant (pB = 0,01) erhöh­te Kuja­la-ante­rio­re Knie­schmerz-Scores zwi­schen Vor- und Nach-Test (Diff­post-pre = 10,19 ± 3,79) mit Cohen’s d = 0,71, was eine mitt­le­re Effekt­stär­ke dar­stellt48.

Die deskrip­ti­ven Daten zei­gen, dass die Wer­te bei­der Mess­zeit­punk­te für die Inter­ven­ti­ons­grup­pe (IG) bei 72,40 ± 11,86 (95 % CI [66,40, 78,40]) beim Vor­test und 83,87 ± 12,21 (95 % CI [77,69, 90,04]) beim Nach­test, wäh­rend die Kon­troll­grup­pe (CG) 70,27 ± 15,07 (95 % CI [61,36, 79,18]) beim Nach­test erziel­te (Abb. 5).

Die Vari­anz­ana­ly­se mit Mess­wie­der­ho­lung zeig­te einen hoch­si­gni­fi­kan­ten Haupt­ef­fekt für den Mess­zeit­punkt (F(11, 231) = 12,04, p < 0,001, par­ti­el­les η² = 0,36), aber es gab kei­ne sta­tis­tisch signi­fi­kan­te Inter­ak­ti­on zwi­schen Mess­zeit­punkt und Behand­lungs­grup­pen (F(11, 231) = 1,40, p = 0,18) oder Mess­zeit­punkt und phy­sio­the­ra­peu­ti­scher Behand­lung (F(11, 231) = 1,47, p = 0,15). Die Ent­wick­lung des Schmerz­ra­tings ist in Abbil­dung 6 dargestellt.

Hin­sicht­lich der anthro­po­me­tri­schen Daten erga­ben unab­hän­gi­ge t‑Tests kei­ne signi­fi­kan­ten Grup­pen­un­ter­schie­de (Grö­ße: p = 0,64; Gewicht: p = 0,94; BMI: p = 0,72; NNHT li: p = 0,11; NNHT re: p = 0,05; AI li: p = 0,37; AI re: p = 0,35). Die mitt­le­re Effek­ti­vi­täts­be­wer­tung war in der Inter­ven­ti­ons­grup­pe um 1,42 (95 % CI [-0,81, 3,64]) höher und die mitt­le­re Kom­fort­be­wer­tung war in der Inter­ven­ti­ons­grup­pe um 0,36 (95 % CI [-0,99, 1,70]) höher (Tab. 3). Welch-t-Tests zeig­ten kei­ne signi­fi­kan­ten Grup­pen­un­ter­schie­de bei der Wirk­sam­keit (t(17,93) = 1,33, p = 0,20) und den Kom­fort­be­wer­tun­gen (t(15,03) = 0,57, p = 0,58) (Abb. 7).

Die sta­tis­ti­sche Ana­ly­se zeig­te kei­ne unmit­tel­ba­ren signi­fi­kan­ten kine­ma­ti­schen Effek­te im Vor­test durch die FO. Bei­de FO zeig­ten eine nicht signi­fi­kan­te leich­te Reduk­ti­on der Ever­si­on in der mitt­le­ren und ter­mi­na­len Stand­pha­se. Dabei offen­barten die SMFOs ten­den­zi­ell einen etwas stär­ke­ren (eben­falls nicht signi­fi­kan­ten) Effekt als die BMFOs. Im Hin­blick auf den Vor­her-nach­her-Ver­gleich (3‑monatige Inter­ven­ti­on) zeig­te die SMFO-behan­del­te Grup­pe im Ver­gleich zur BMFO-Grup­pe eine redu­zier­te Dor­sal­fle­xi­on und eine schnel­le­re Plant­ar­fle­xi­on in der Vor­schwung­pha­se. Im Hin­blick auf das Knie­ge­lenk zeig­te die BMFO-Grup­pe beson­ders am Ende der Belas­tungs­auf­nah­me und zu Beginn der mitt­le­ren Stand­pha­se eine Zunah­me der Knie­ad­duk­ti­on. Im Gegen­satz dazu zeig­te die SMFO-Grup­pe ein nor­ma­li­sier­tes Bewe­gungs­mus­ter mit 1 bis 3 Grad Knie­ab­duk­ti­on. Wäh­rend die SMFO-Grup­pe eine redu­zier­te Knie­flexion zeig­te, wies die BMFO-Grup­pe eine leicht stär­ke­re Fle­xi­on auf (Tab. 4).

Dis­kus­si­on

Die Ergeb­nis­se zei­gen, dass bei­de Behand­lun­gen die wahr­ge­nom­me­nen Schmer­zen bei Pati­en­ten mit PFP mit einer mitt­le­ren Effekt­grö­ße (d = 0,71) signi­fi­kant redu­zier­ten (p = 0,01). Die SMFO wur­de als effi­zi­en­ter (Mean­Diff = 1,42) und etwas ange­neh­mer (Mean­Diff = 0,36) als die BMFO auf einer 11-teil­i­gen VAS bewer­tet. Bei bei­den FOs wur­de ein hohes Maß an Kom­fort fest­ge­stellt (BMFO: 7,91 ± 1,87; SMFO: 8,27 ± 1,10). Mit durch­schnitt­lich mehr als 8.000 täg­li­chen Schrit­ten mit FOs nutz­ten bei­de Behand­lungs­grup­pen die­se fast gleich häu­fig. Die Daten stim­men mit den Ergeb­nis­sen von Lewin­son et al.49 und Skou et al.50 über­ein, die eine signi­fi­kan­te Reduk­ti­on der wahr­ge­nom­me­nen Knie­schmer­zen mit­tels VAS fest­stell­ten. Es gibt meh­re­re mög­li­che Erklä­rungs­mo­del­le für die­se Ergeb­nis­se. Nach Almei­da et al.51 ver­bes­sern FOs die Aus­rich­tung der Knie, der Hüf­te, des Beckens und der Wir­bel­säu­le, indem sie die Ver­tei­lung des plantaren Fuß­drucks vom ers­ten Kon­takt bis zur mitt­le­ren Stand­pha­se anpas­sen. Folg­lich könn­te die ver­bes­ser­te bio­me­cha­ni­sche Kopp­lung eine plau­si­ble Erklä­rung sein.

Die Gang­ana­ly­se offen­bart signi­fi­kan­te Zeit­ef­fek­te in der Gelenk­ki­ne­ma­tik von Sprung- und Knie­ge­lenk in Sagit­tal­ebe­ne. Nach der Behand­lungs­pha­se zeig­ten bei­de Grup­pen eine leicht redu­zier­te Dor­sal­fle­xi­on im Sprung­ge­lenk beim initia­len Boden­kon­takt und in der ter­mi­na­len Stand­pha­se sowie gerin­ge­re Knief­le­xi­on in der mitt­le­ren Stand­pha­se. Die­se Ver­än­de­run­gen könn­ten auf Anpas­sungs­pro­zes­se zurück­zu­füh­ren sein. Das sen­so­mo­to­ri­sche Sys­tem sowie die betei­lig­te Mus­ku­la­tur könn­ten sich infol­ge der FO-The­ra­pie anpas­sen und Bewe­gungs­mus­ter der unte­ren Extre­mi­tä­ten beein­flus­sen. Zu beach­ten ist der Ein­fluss­fak­tor der Mess­me­tho­den­va­ria­bi­li­tät, wobei Al-Amri52 eine hohe Mess­ge­nau­ig­keit für kine­ma­ti­sche Para­me­ter (Intra­klas­sen­kor­re­la­ti­on 0,65–0,99; Stan­dard­feh­ler < 3°) fest­ge­stellt hat. Im Post-hoc-Ver­gleich zeig­te die SMFO-Grup­pe im Ver­gleich zur BMFO-Grup­pe eine redu­zier­te Knief­le­xi­on in der ter­mi­na­len Stand- und Vor­schwung­pha­se. Gleich­zei­tig war bei SMFO eine neu­tra­le­re Knie­be­we­gung in der Fron­tal­ebe­ne in der mitt­le­ren Stand­pha­se erkenn­bar, mit weni­ger Knie­ab­duk­ti­on im Ver­gleich zur BMFO-Grup­pe im Nach­test ohne Fuß­or­the­se. Die­se Unter­schie­de las­sen sich ver­mut­lich durch die unter­schied­li­chen Wirk­me­cha­nis­men der bei­den Orthe­sen erklä­ren: BMFOs zie­len in ers­ter Linie auf die Sta­bi­li­sie­rung des Rück­fu­ßes ab, hel­fen, die plant­are Druck­ver­tei­lung zu ver­bes­sern und redu­zie­ren die Spit­zen­kräf­te, wäh­rend das Haupt­ziel von SMFO die frü­he­re Akti­vie­rung des M. pero­neus longus und des M. tibia­lis pos­te­ri­or durch die late­ra­len und media­len Ele­men­te ist, die das Sprung­ge­lenk sta­bi­li­sie­ren53. Daher ist davon aus­zu­ge­hen, dass eine geziel­te Ver­bes­se­rung der Fuß­stel­lung zu einer ver­bes­ser­ten Fuß­ki­ne­tik und ‑kine­ma­tik füh­ren könn­te. Die­se Sta­bi­li­sie­rung und ihr Ein­fluss auf die ande­ren Gelen­ke der unte­ren Extre­mi­tät könn­ten die gerin­ge­ren Beschwer­den im Knie­ge­lenk auf­grund der bio­me­cha­ni­schen Kopp­lung von Fuß und Knie erklä­ren54 55.

Es muss auch berück­sich­tigt wer­den, dass FOs durch die Art der Schu­he, die die Teil­neh­mer tru­gen, beein­flusst wer­den kön­nen, da (un-)passendes oder (nicht) stüt­zen­des Schuh­werk die Aus­wir­kun­gen von FOs beein­flus­sen kann. Daher über­prüf­te der Ortho­pä­die­schuh­tech­ni­ker die FOs und das Schuh­werk auf ihre Eig­nung. Gene­rell soll­ten kine­ma­ti­sche Ver­än­de­run­gen stets im Zusam­men­hang mit den the­ra­peu­ti­schen Zie­len inter­pre­tiert wer­den. Die­se ran­do­mi­sier­te kon­trol­lier­te Stu­die umfass­te Pati­en­tin­nen mit PFP und ver­schie­de­nen Fuß­fehl­stel­lun­gen – dem­entspre­chend sind viel­fäl­ti­ge kine­ma­ti­sche Effek­te erwünscht und die Ergeb­nis­se stets im Kon­text der Schmerz­ent­wick­lung zu betrachten.

Eine Über­sichts­ar­beit von Bar­ton et al.56 wies außer­dem dar­auf hin, dass eine Kom­bi­na­ti­on aus Phy­sio­the­ra­pie und vor­ge­fer­tig­ten FOs bei der Behand­lung von PFS-Sym­pto­men wirk­sa­mer sein könn­te als FOs allein. 7 der 24 Teil­neh­mer unter­zo­gen sich ein­mal pro Woche einer zusätz­li­chen phy­sio­the­ra­peu­ti­schen Behand­lung. In die­ser Stu­die zeig­te sich, dass die phy­sio­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung kei­nen signi­fi­kan­ten Ein­fluss auf die Schmerz­ent­wick­lung im Kuja­la Ante­rior Knee Pain Score und in der 12-Wochen-VAS hat­te. Es wur­den aller­dings ledig­lich 7 Teil­neh­mer doku­men­tiert, die ein­mal pro Woche phy­sio­the­ra­peu­tisch behan­delt wur­den. Die Teil­neh­mer­zahl und der kur­ze Behand­lungs­zeit­raum könn­ten dabei eine wich­ti­ge Rol­le gespielt haben. Wäh­rend der Teil­neh­me­rak­qui­se war der­sel­be Arzt für die Pati­en­ten­be­gut­ach­tung ver­ant­wort­lich. Die medi­zi­ni­schen Unter­su­chun­gen umfass­ten Stan­dard-Dia­gno­se­instru­men­te und Unter­su­chun­gen für Ärz­te und Pati­en­ten57. Unge­ach­tet blei­ben dür­fen nicht die natür­li­chen und auto­no­men Hei­lungs­pro­zes­se des mensch­li­chen Kör­pers, die eine Schmerz­lin­de­rung beein­flus­sen könn­ten58.

Fazit und Ausblick

Die vor­lie­gen­den Ergeb­nis­se ver­deut­li­chen, dass sowohl die SMFO- als auch BMFO-Behand­lung wirk­sam zur Schmerz­lin­de­rung bei Pati­en­ten mit patell­ofe­mo­ra­lem Schmerz­syn­drom und Fuß­fehl­stel­lung bei­tra­gen konn­ten. Die signi­fi­kan­te Reduk­ti­on der wahr­ge­nom­me­nen Schmer­zen sowie das hohe Maß an Tra­ge­kom­fort unter­strei­chen das the­ra­peu­ti­sche Poten­zi­al bei­der Versorgungskon­zepte. Span­nend erscheint dabei die deskrip­tiv höhe­re Effi­zi­enz und sub­jek­ti­ve Akzep­tanz (Kom­fort) der SMFO. Bei bei­den FO konn­ten signi­­­fikante Zeit­ef­fek­te in der Gang­kinematik der Gelen­ke der unte­ren Extre­mi­tät nach 3‑monatiger Inter­ven­ti­on erfasst wer­den, aller­dings kei­ne signi­fi­kan­ten kurz­fris­ti­gen ­Effek­te im Vor­test. Dies betont die Rele­vanz zeit­li­cher Anpas­sungs­pro­zes­se bei der Anwen­dung indi­vi­du­ell gefer­tig­ter FOs.

Gene­rell herrscht ein Man­gel an ran­do­mi­sier­ten kon­trol­lier­ten kli­ni­schen Stu­di­en im Bereich ortho­pä­di­scher FOs vor. Grö­ße­re Stu­di­en mit län­ge­ren Beob­ach­tungs­zeit­räu­men und einer stan­dar­di­sier­ten phy­sio­the­ra­peu­ti­schen Begleit­be­hand­lung könn­ten hel­fen, die Erkennt­nis­se zu ver­tie­fen und evi­denz­ba­sier­te Emp­feh­lun­gen für kom­bi­nier­te The­ra­pie­kon­zep­te zu ent­wi­ckeln. Für künf­ti­ge Stu­di­en wird der Ein­be­zug einer Pla­ce­bo-Grup­pe emp­foh­len, wel­cher auf­grund von Restrik­tio­nen der Ethik­kom­mis­si­on in die­sem Set­ting nicht mög­lich war. Wei­te­re For­schungs­un­ter­su­chun­gen soll­ten kine­ma­ti­sche Anpas­sun­gen gezielt bei ein­heit­li­chen Fuß­fehl­stel­lun­gen und klar abge­grenz­ten Patho­lo­gien unter­su­chen. Auch der Ein­fluss des ver­wen­de­ten Schuh­werks soll­te zukünf­tig stär­ker berück­sich­tigt wer­den, um die tat­säch­li­che Wirk­sam­keit von FOs im All­tag noch dif­fe­ren­zier­ter zu bewer­ten. Inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit zwi­schen Ortho­pä­die­schuh­tech­nik, Medi­zin, Phy­sio­the­ra­pie und Sport­wis­sen­schaft bleibt dabei zen­tral, ins­be­son­de­re bei kom­ple­xe­ren oder the­ra­pie­re­sis­ten­ten Verläufen.

 

Hin­weis:
Die­ser Bei­trag basiert auf zwei peer-­re­view­ed Journal-Beitragen:

Simon S et al. Pain reduc­tion in patell­ofe­mo­ral knee pati­ents during 3‑month inter­ven­ti­on with bio­me­cha­ni­cal and sen­so­ri­mo­tor foot ort­ho­ses: A ran­do­mi­zed con­trol­led cli­ni­cal stu­dy. Bio­me­di­ci­nes, 2025; 13 (1): 38. doi: 10.3390/biomedicines13010038

Simon S et al. Kine­ma­tic effects of sen­so­ri­mo­tor foot ort­ho­ses on the gait of pati­ents with patell­ofe­mo­ral pain – a ran­do­mi­zed con­trol­led tri­al. Fron­tiers in Sports and Acti­ve Living, 2025; 7. doi: 10.3389/fspor.2025.1546821

 

Für die Autoren:
Ste­ven Simon
Rhein­land-Pfäl­zi­sche Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Kai­sers­lau­tern-Land­au (RPTU)
Fach­be­reich Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, AG Bewe­gungs- und Trainingswissenschaft
Erwin-Schrödinger-Straße
Gebäu­de 57, Raum 532
67663 Kaiserslautern
steven.simon@rptu.de

 

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Simon S et al. Schmerz­lin­dern­de Effek­te sen­so­mo­to­ri­scher Fuß­or­the­sen bei Pati­en­ten mit patell­ofe­mo­ra­lem Schmerz­syn­drom und Fuß­de­for­mi­tät – eine ran­do­mi­siert-kon­trol­lier­te Stu­die (RCT). Ortho­pä­die Tech­nik, 2025; 76 (8): 42–51

 

 

Tab. 1 Anthro­po­me­tri­sche Daten der Stich­pro­be in Inter­ven­ti­ons- und Kon­troll­grup­pe. Abkür­zun­gen: NNHT = Nor­ma­li­zed navicu­lar height trun­ca­ted* [vgl. Mur­ley GS, Menz HB, Lan­dorf KB. Foot pos­tu­re influen­ces the elec­tro­m­yo­gra­phic acti­vi­ty of sel­ec­ted lower limb mus­cles during gait. Jour­nal of Foot and Ank­le Rese­arch, 2009; 2 (1): 35], AI = Arch-Index [vgl. Cava­nagh PR, Rod­gers MM. The arch index: a useful mea­su­re from foot­prints. Jour­nal of Bio­me­cha­nics, 1987; 20 (5): 547–551]. MW = Mit­tel­wert, SA = Stan­dard­ab­wei­chung; Max = Maxi­mum; Min = Minimum.

Alter
(J)
Grö­ße
(m)
Gewicht
(kg)
BMINNHT
(links)
NNHT
(rechts)
AI
Links
AI
Rechts
SMFOMW27,271,7675,4024,300,170,170,220,22
SA9,190,1018,244,640,040,040,070,06
Max42,001,92115,0033,240,250,240,310,31
Min15,001,5647,0017,260,110,110,090,09
BMFOMW29,671,7577,5825,320,200,210,240,24
SA13,390,0920,226,530,060,060,060,02
Max541,9712042,520,330,330,300,27
Min161,645016,140,130,130,100,21

 

Tab. 2 Ein­la­gen­be­schrei­bung nach FO-Typ (SMFO und BMFO).

FO-
Typ
Her­stel­lerEle­men­teMate­ria­li­enThe­ra­pie­ziel
SMFOSprin­ger Aktiv AG, 
Ber­lin, Deutschland
Media­les Ele­ment (Auf­bau­hö­he: 25–45 mm), Abstüt­zung des Sus­ten­ta­cu­lum tali und Druck­ele­ment im Seh­nen­ver­lauf des M. tibia­lis pos­te­ri­or; late­ra­les Ele­ment (Auf­bau­hö­he: bis 20 mm), Druck­ele­ment im Seh­nen­ver­lauf des M. fibu­la­ris longus und bre­vis. Alle wei­te­ren Ele­men­te nur leicht aus­füh­ren [vgl. Becker S et al. Sen­so­mo­to­ri­sche Ein­la­gen: Grund­la­gen und Funk­tio­nen. Ber­lin: Sprin­ger, 2024]EVA-Mate­ri­al; Sand­wich­kon­struk­ti­on bestehend aus 35 Shore (unten), 25 Shore (Mit­te), 35 Shore (oben)





Ver­bes­ser­te Knie­füh­rung durch Bewe­gungs­kon­trol­le des Rück­fu­ßes; dadurch erhoff­ter redu­zier­ter retropa­tel­la­rer Anpress­druck; falls indi­ziert: Abschwä­chung ein­wir­ken­der Bodenreaktionskräfte
BMFOHema Ortho­pä­di­sche Sys­te­me GmbH, Söm­mer­da, DeutschlandFer­sen­pols­ter
Supinationskeil
Pelotte
Weich­pols­ter 25 Shore

 

Tab. 3 Ergeb­nis­se der Infe­renz­sta­tis­tik (Post-hoc-Test) sowie täg­li­che Schritt­zahl und Tra­ge­zeit in der Intervention.

Beur­tei­lung
der Effek­ti­vi­tät
Kom­fort-
Beur­tei­lung
Täg­li­che
Schrit­te
Tra­ge­zeit
SMFO7,87 ± 2,238,27 ± 1,108360 ± 64649,68 ± 4,10
BMFO6,45 ± 2,947,91 ± 1,878947 ± 484210,00 ± 2,67

 

Quel­len­ver­zeich­nis

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