FachartikelPeer Review

Ein pra­xis­na­hes Ver­sor­gungs­kon­zept zur moder­nen Kor­sett­the­ra­pie bei ado­les­zen­ter idio­pa­thi­scher Sko­lio­se (AIS)

J. Jurkoweit
Um die hohe Komplexität bisheriger Versorgungssysteme zu reduzieren, Versorgungsdefizite abzubauen sowie Compliance und Akzeptanz zu erhöhen, wurde das Skoliose-Korsett „Chêneau low Profile“ (CLP) für die Versorgung von Patientinnen mit adoleszenter idiopathischer Skoliose (AIS) entwickelt. Durch die Beschränkung auf drei Grundformen – „Kurzbau“, „Geschlossen“ und „Offen“ – bietet es eine hohe Anpassungsfähigkeit bei gleichzeitig vereinfachter Handhabung. Ziel ist eine effektive dreidimensionale Korrektur mit verbessertem Tragekomfort, unauffälligem Design und verbessertem sagittalem Profil. Digitale Fertigungsmethoden und biomechanisch sinnvolle Strukturen machen das CLP zu einer zukunftsweisenden Lösung in der Skoliose-Orthetik.

Ein­lei­tung

Die Kor­sett­ver­sor­gung von Pati­en­ten mit ado­les­zen­ter idio­pa­thi­scher Sko­lio­se (AIS) gilt als siche­re und welt­weit aner­kann­te The­ra­pie­form. Gemein­sam mit der für Sko­lio­se spe­zi­fi­schen Phy­sio­the­ra­pie (SSPE) kann hier vom Gold­stan­dard gespro­chen wer­den1 2. Das Chê­neau low Pro­fi­le (im Fol­gen­den CLP) ver­steht sich nur in gerin­gen Antei­len als gänz­lich neu­es Hilfs­mit­tel. Viel eher han­delt es sich um eine Extrak­ti­on der Ideen und Arbei­ten von Jac­ques Chê­neau und Manu­el Rigo3. Pro­blem­be­haf­te­te Kor­sett­mo­del­le bzw. Teil­be­rei­che wer­den ersetzt oder gänz­lich aus dem Ver­sor­gungs­re­per­toire genom­men, ohne die Ver­sor­gungs­zie­le außer Acht zu las­sen. Das CLP beruht im Wesent­li­chen auf zwei Säulen:

  1. Ein beson­de­res Augen­merk auf fein opti­mier­tes und eng­an­lie­gen­des Design, wel­ches weni­ger auf­fäl­lig ist (low profile).
  2. Eine über­sicht­li­che Aus­wahl von nur drei Grund­for­men des Kor­setts, das in sei­ner Anpas­sung und Jus­tie­rung deut­li­che Vor­tei­le gegen­über kom­ple­xe­ren Sko­lio­se-Kor­sett-Sys­te­men hat. Es kann somit von einer zeit­ge­mä­ßen Vari­an­te des Chê­neau-Kor­setts gespro­chen wer­den, dem die vor­läu­fi­ge Zusam­men­fas­sung von 25 Jah­ren täg­li­cher Arbeit am Pati­en­ten und vie­le tau­send Ver­sor­gun­gen zugrun­de liegen.

Die Kon­struk­ti­on von kor­ri­gie­ren­den Sko­lio­se-Orthe­sen war und ist seit den 1970er-Jah­ren geprägt von defi­nier­ten Be- und Ent­las­tungs­zo­nen zur drei­di­men­sio­na­len Kor­rek­tur der sko­lio­ti­schen Wir­bel­säu­le. Bereits in den Anfän­gen erkann­te man die Kom­ple­xi­tät und Schwie­rig­keit in der didak­ti­schen Ver­mitt­lung theo­re­ti­scher Grund­la­gen4. Zur bes­se­ren Kom­mu­ni­ka­ti­on wur­de von Chê­neau des­halb früh eine Auf­tei­lung der ein­zel­nen Be- bzw. Ent­las­tungs­be­rei­che von mehr als 40 Zonen beschrie­ben5. Vie­le qua­li­fi­zier­te Tech­ni­ker arbei­te­ten sich mühe­voll in die­se kom­ple­xe Mate­rie ein. Genau die­se Kom­ple­xi­tät gilt für vie­le Tech­ni­ker als unüber­wind­ba­re Hür­de, sich in der Tie­fe mit der The­ma­tik des Chê­neau-Kor­setts auseinanderzusetzen.

„Die Kom­ple­xi­tät mei­nes Kor­setts liegt nicht an mir, son­dern in der Natur der Sko­lio­se“, beton­te Chê­neau bereits in den frü­hen Tagen sei­ner Kar­rie­re6. Gegen­läu­fig zur Viel­zahl der beschrie­be­nen Zonen begann man jedoch zunächst mit einer Klas­si­fi­ka­ti­on von Krüm­mungs­mus­tern und Kor­sett­ty­pen, die sich ledig­lich in Bezug auf „ein­bo­gig“ und „mehr­bo­gig“ unterschieden.

Kor­sett­de­sign auf Basis der Rigo-Prinzipien

In den 1990er- und 2000er-Jah­ren war es vor allem die Arbeit von Rigo7 und Weiß8, die einen noch dif­fe­ren­zier­te­ren Blick auf die Krüm­mungs-Geo­me­trien der Wir­bel­säu­len bei Pati­en­ten mit AIS-Sko­lio­se wag­ten. Hier­aus ent­stand eine Klas­si­fi­ka­ti­on mit einer Viel­zahl an Krüm­mungs­mus­tern, die lum­ba­le, tho­ra­ko­lum­ba­le, tho­ra­ka­le sowie unter­schied­lichs­te Kom­bi­na­tio­nen der Teil­kom­po­nen­ten beschrie­ben. Neben der immer noch bestehen­den ca. 40 Zonen am Kor­sett kamen rund 25 unter­schied­li­che Kor­sett­mus­ter hin­zu9. Die kor­rek­te Anwen­dung aller Varia­blen – begon­nen bei der Bestim­mung der Krüm­mungs­mus­ter bis hin zum kor­rek­ten Kor­sett­de­sign – war wahr­schein­lich nur weni­gen Tech­ni­kern bun­des­weit mus­ter­gül­tig mög­lich. Rigo unter­teilt die Kor­sett­va­ri­an­ten zunächst in vier gro­ße Grup­pen10:

  • Typ A (A1/A2/A3): Vari­an­ten zur Behand­lung pri­mär tho­ra­ka­ler Krüm­mun­gen mit oder ohne struk­tu­rel­le lum­ba­le Gegen­krüm­mung. Pati­en­ten für die­sen Kor­sett­typ wei­sen einen kli­ni­schen Über­hang des Rump­fes zur tho­ra­ka­len Kon­vex­sei­te auf. Kor­sett­de­sign mit offe­nen (A1) oder geschlos­se­nen Vari­an­ten mög­lich (A2/A3).
  • Typ B (B1/B2): dop­pel­bo­gi­ge Krüm­mun­gen (lumbal/thorakal). Struk­tu­rel­le pri­mä­re lum­ba­le Krüm­mun­gen oder tho­ra­kal und lum­bal in glei­cher Wei­se aus­ge­präg­te Krüm­mungs­geo­me­trien (dou­ble major). In der kli­ni­schen Betrach­tung besteht ein Rumpf­über­hang zur tho­ra­ka­len Kon­kav­sei­te. Bei­de Vari­an­ten kön­nen mit uni­la­te­ra­ler oder bila­te­ra­ler Becken­füh­rung erstellt werden.
  • Typ C (C1/C2): Kor­sett­de­sign für dop­pel­bo­gi­ge oder ein­bo­gi­ge (tho­ra­ka­le) Krüm­mungs­mus­ter. In der kli­ni­schen Erschei­nung sind die Pati­en­ten in der fron­ta­len Ebe­ne balan­ciert, ein Über­hang des Rump­fes zum Becken besteht nicht bzw. kaum.
  • Typ E (E1/E2): Kor­sett­de­sign zur Behand­lung von sin­gu­lä­ren lumbalen/thorakolumbalen Krüm­mun­gen ohne rele­van­te Tho­ra­kalk­rüm­mun­gen. Pati­en­ten zei­gen hier eine deut­li­che Hüft­pro­mi­nenz zur Kon­kav­sei­te der Sko­lio­se auf.

Ein ent­schei­den­des Detail bei der Klas­si­fi­ka­ti­on nach Rigo ist der jewei­li­ge Umkehr­punkt (tran­si­tio­nal point). In der Aus­wer­tung des dadio­lo­gi­schen Befun­des ist zu erör­tern, ob sich die­ser auf oder neben einer lot­rech­ten Linie (zen­tra­les fron­ta­les Sak­rum­lot) befin­det. Wei­ter ist bei der Modell­aus­wahl auf Basis der Rigo-Prin­zi­pen eine mög­li­che cer­vico­thro­ka­le Gegen­krüm­mung (D‑Modifier nach Rigo) zu beachten.

Zum beschrie­be­nen Zeit­punkt war die Ein­füh­rung der CAD/­CAM-Tech­no­lo­gie im Bereich der Ortho­pä­die­tech­nik noch in den Kin­der­schu­hen, und die gro­ße Mehr­zahl der Sko­lio­se-Orthe­sen wur­de im klas­si­schen Gips­ver­fah­ren her­ge­stellt. Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis sei erwähnt, dass sich Ori­en­tie­rung und Form­ge­bung ein­zel­ner Zonen am Kor­sett mehr­fach änder­ten und manch­mal bereits nach kur­zer Zeit als über­holt gal­ten. Par­al­lel ent­sand­ten ers­te Ser­vice­cen­ter die Anfer­ti­gung der Kor­settroh­lin­ge für das ortho­pä­die­tech­ni­sche Hand­werk. Der Tech­ni­ker konn­te sich somit um die Anpas­sung und Abga­be des Hilfs­mit­tels küm­mern, wäh­rend ihm durch den Dienst­leis­ter ein bereits klas­si­fi­zier­tes und design­tes Hilfs­mit­tel bereit­ge­stellt wur­de. Die­se Fach­kraft wird in fun­dier­ten Mehr­ta­ges­se­mi­na­ren wei­ter­ge­bil­det. Heut­zu­ta­ge bie­ten inzwi­schen auch KI-gestütz­te Ana­ly­se­tools die Mög­lich­keit, Krüm­mungs-Geo­me­trien einem ent­spre­chen­den Kor­sett­de­sign zuzu­ord­nen: Die Kor­setts wer­den in einem naht­lo­sen digi­ta­len Pro­zess anschlie­ßend mit groß­vo­lu­mi­gen 3D-Dru­ckern erzeugt.

Im täg­li­chen Dia­log mit Pati­en­ten sind die Beschaf­fen­heit und Grö­ße der Kor­set­te zen­tra­ler Punkt der Gesprä­che und Dis­kus­sio­nen. Fast 70 % aller Pati­en­ten beschrei­ben man­geln­de Beweg­lich­keit und ver­mehr­tes Schwit­zen als unan­ge­neh­me Begleit­erschei­nung. Hier­bei ver­su­chen unter­schied­lichs­te Kor­sett­de­signs die best­mög­li­che Lösung für die­se Her­aus­for­de­rung zu bie­ten. Die Ver­sor­gung mit kor­ri­gie­ren­den Kor­set­ten kann ohne Zwei­fel als eine der nicht­in­va­sivs­ten ortho­pä­di­schen The­ra­pien bezeich­net wer­den. His­to­risch betrach­tet galt das Cre­do: Wir müs­sen Aus­weich­räu­me gegen­über Druck­zo­nen schaf­fen, die min­des­tens um den Fak­tor 1,5 grö­ßer sind als die Belas­tungs­be­rei­che. Eine Aus­deh­nung des Brust­kor­bes bzw. der Len­den­par­tie in Kor­rek­tur­rich­tung muss ermög­licht wer­den. Dies führ­te teil­wei­se zu kos­me­tisch pro­ble­ma­ti­schen Vari­an­ten des Chê­neau-Kor­setts. Ein Umstand, der in Tei­len bis heu­te Bestand hat.

Die Kunst­fer­tig­keit beim Design moder­ner Sko­lio­se-Orthe­sen besteht nach wie vor aus bes­ter Funk­ti­ons­fä­hig­keit bei kleinst­mög­li­cher Beein­träch­ti­gung hin­sicht­lich Tra­ge­kom­fort und kos­me­ti­scher Auf­fäl­lig­keit des Hilfs­mit­tels. Gera­de Expan­si­ons­räu­me, die eine tat­säch­li­che Kor­rek­tur­be­we­gung der sko­lio­ti­schen Wir­bel­säu­le zulas­sen, sind exakt zu pla­nen. Eine Beein­träch­ti­gung kon­kav von­sei­ten der Krüm­mung gilt es auch bei vol­ler Inspi­ra­ti­on zu ver­mei­den (Kom­pres­si­ons­druck). Vom Tech­ni­ker erfor­dert dies eine hohe räum­li­che Vor­stel­lungs­kraft, ana­to­mi­sche Kennt­nis­se sowie gute Pla­nungs- und Anpas­sungs­pro­zes­se. Der ins­ge­samt stark redu­zier­te Zuschnitt des CLPs erlaubt eine bes­se­re All­tags­taug­lich­keit und somit Akzep­tanz durch die Pati­en­ten. Aus­weich­be­rei­che sind auf das abso­lut Nötigs­te begrenzt und rei­hen sich in ein bio­me­cha­nisch sinn­vol­les Gesamt­de­sign ein.

Oft tritt bei Sko­lio­se mit tho­ra­ka­lem Cha­rak­ter zusätz­lich die Defor­mi­tät eines soge­nann­ten Flach­rü­ckens auf. Die­ser erstreckt sich häu­fig sogar auf die gesam­te Wir­bel­säu­le. In den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren ist auch die­se Erkennt­nis mehr und mehr in den Design­pro­zess und die Kor­rek­tur­ei­gen­schaf­ten von moder­nen Sko­lio­se-Orthe­sen mit ein­ge­flos­sen. Mit­hil­fe ver­schie­dens­ter Kor­rek­tur­ma­nö­ver wird ver­sucht, das sagit­ta­le Pro­fil der sko­lio­ti­schen Wir­bel­säu­len annä­hernd in eine phy­sio­lo­gi­sche Stel­lung zu brin­gen. Die tat­säch­li­chen Erfol­ge blei­ben hier jedoch sehr regel­mä­ßig aus. Wei­ter wer­den nur sehr sel­ten sagit­ta­le Rönt­gen­un­ter­su­chun­gen mit anlie­gen­dem Kor­sett erstellt, um eine Wirk­sam­keit in die­ser Kor­rek­tur­ebe­ne nach­zu­wei­sen. Was bleibt, sind häu­fig stark abste­hen­de Hilfs­mit­tel gera­de im Bereich der BWS-Kypho­se. Das CLP ver­sucht auch hier, der Kos­me­tik und Unauf­fäl­lig­keit den Vor­rang zu geben. Das vor­han­de­ne sagit­ta­le Pro­fil wird opti­mal phy­sio­lo­gisch „unter­stützt“, ohne dabei jedoch die Gesamt­kos­me­tik des Kor­setts nega­tiv zu beein­flus­sen (Abb. 1).

Wie alle zeit­ge­mä­ßen Kor­sett­va­ri­an­ten basiert auch das CLP-Kor­sett auf CAD/CAM. Die Anfer­ti­gung des CLPs erfolgt aus­schließ­lich digi­tal und berück­sich­tigt mög­lichst die phy­sio­lo­gi­sche Stel­lung des sagit­ta­len Pro­fils von einer sko­lio­ti­schen Wir­bel­säu­le sowie die opti­ma­le Kor­rek­tur der Kör­per­seg­men­te in der fron­ta­len Ebe­ne. Die grund­le­gen­den Daten beinhal­ten hier die Maß­ab­nah­me über L‑L/A‑P sowie die zir­ku­lä­ren Maße. Außer­dem ist ein 3D-Kör­per­scan in neu­tra­ler, also nicht assis­tier­ter Posi­ti­on hilf­reich. Als Grund­la­ge dient eine digi­ta­le Modell­bi­blio­thek, in die seit Jahr­zehn­ten die Erfah­run­gen aus der Pra­xis der Pati­en­ten­ver­sor­gung ein­flie­ßen. Unab­hän­gig von Kör­per­grö­ße und ‑gewicht kön­nen bewähr­te Model­le für unter­schied­lichs­te Phy­sio­gno­mien ver­wen­det wer­den. Sowohl für Klein­kin­der als auch männ­li­che Teen­ager bis 80 kg oder mehr Kör­per­ge­wicht gibt es erprob­te und hoch­funk­tio­nel­le Basis­mo­del­le, die digi­tal auf opti­ma­le Wei­se indi­vi­dua­li­siert wer­den kön­nen. Die Anfer­ti­gung des Kor­settroh­lings kann auf ver­schie­de­ne Arten erfol­gen. Die Erstel­lung eines PU-Schaum­roh­lings als Basis für ein Vaku­um-Auf­le­ge-Ver­fah­ren mit den Werk­stof­fen Poly­ethy­len (PE-HD) sowie Poly­pro­py­len (PP‑H/C) oder aber auch in 3D-Druck (FDM) mit einem Poly­pro­py­len-Fila­ment. Bei letzt­ge­nann­ter Vari­an­te kann mit flä­chi­ger Fein­per­fo­rie­rung noch eine bes­se­re Wär­me­ab­lei­tung erfol­gen, jedoch muss man hier gege­be­nen­falls Nach­tei­le in der Bear­bei­tung und Nach­pass­bar­keit in Kauf nehmen.

Die Klas­si­fi­ka­tio­nen des CLPs

Die drei Typen des CLPs zur Ver­sor­gung von AIS-Pati­en­ten mit den häu­figs­ten Krümmungsmustern:

Modell „K“ = „Kurz­bau“

Klinische/radiologische Ein­ord­nung: Kur­zes Kor­sett zur Ver­sor­gung sin­gu­lär lum­ba­ler und tho­ra­ko­lum­ba­ler Krüm­mun­gen (letz­te­re bis zu Schei­tel Th12; Abb. 2). Als Bedin­gung gilt, dass eine struk­tu­rel­le tho­ra­ka­le Krüm­mung nicht zu erken­nen oder die Kor­rek­tur even­tu­ell nicht in der The­ra­pie vor­ge­se­hen ist. Die Hüft­pro­mi­nenz kon­tra­la­te­ral zur Haupt­krüm­mung gilt als signi­fi­kant für die­ses Krüm­mungs­mus­ter. Hier­bei ist die Orthe­se mit ein­sei­tig offe­nem Becken kon­stru­iert. Die­ses Merk­mal unter­stützt die Kor­rek­tur­be­we­gung des Beckens ent­ge­gen der Haupt­druck­zo­ne im lum­ba­len oder tho­ra­ko­lum­ba­len Bereich. Ein phy­sio­lo­gi­sches sagit­ta­les Pro­fil wird ange­strebt. Soll­te eine lum­ba­le Hyper­lor­do­se vor­han­den sein, kann dies mit ent­spre­chen­dem Design adres­siert wer­den, und somit lässt sich auch eine Kor­rek­tur der Len­den-Becken-Regi­on in sagit­ta­ler Ebe­ne erreichen.

Modell „G“ = „geschlos­sen“

Klinische/radiologische Ein­ord­nung: Orthe­sen-Design mit bila­te­ra­ler (geschlos­se­ner) Becken­füh­rung (Abb. 3). Ziel ist eine lot­rech­te Ein­stel­lung von C7 zur Rima ani. Ange­wen­det wird die­ses Model bei Pati­en­ten mit pri­mär tho­ra­ka­len Krüm­mun­gen und einem Über­hang zu tho­ra­ka­ler kon­ve­xer Sei­te. Gege­be­nen­falls wird eine lum­ba­le Gegen­krüm­mung über eine spe­zi­fi­sche Form­ge­bung der lum­ba­len Kor­rek­tur­zo­ne aus­ge­gli­chen. Die axil­la­re Stüt­ze führt den Pati­en­ten eng und erzeugt ein umkrüm­men­des Moment über die tho­ra­ka­le Kor­rek­tur­zo­ne hin­weg. Die­se wird kra­ni­al bis auf die Ober­kan­te des Schei­tel­wir­bels zuge­schnit­ten. The­ra­peu­tisch kann auch das Modell „G“ für Krüm­mungs­mus­ter mit lot­rech­ter Aus­rich­tung vom Becken zu C7 her­an­ge­zo­gen wer­den. Klas­sisch hier­für sind beson­ders rigi­de bzw. groß­bo­gi­ge sin­gu­lä­re tho­ra­ka­le Krüm­mun­gen (> 35° Cobb). Beson­ders bei star­ker tho­ra­ka­ler Krüm­mung ist auf eine aus­rei­chen­de „Füh­rung“ des lum­ba­len Bereichs zu ach­ten. Ande­ren­falls kön­nen hier regel­mä­ßig nega­ti­ve Effek­ten im Sin­ne einer kom­pen­sa­to­ri­schen Krüm­mung im Bereich der LWS auf­tre­ten. Ver­ein­zelt gibt es eine nicht ein­deu­ti­ge Aus­gangs­po­si­ti­on bei der Klas­si­fi­ka­ti­on von Pati­en­ten und deren Krüm­mun­gen. Bei­spiels­wei­se ste­hen die kli­ni­sche Erschei­nung der Pati­en­ten sowie der vor­lie­gen­de radio­lo­gi­sche Befund im Gegen­satz zuein­an­der, oder sie las­sen sich nicht zwei­fels­frei fest­le­gen. In sol­chen Fäl­len ist das Modell „G“ eine siche­re Ver­sor­gungs­va­ri­an­te. Ähn­lich gut sind hier­mit die Erfah­run­gen außer­halb des Spek­trums von nicht-idio­pa­thi­schen Krüm­mun­gen. Knö­cher­ne Fehl­bil­dun­gen und sol­che, die sko­lio­tisch durch Nar­ben­zug bedingt sind, wären hier­für klas­si­sche Beispiele.

Modell „O“ = „offen“

Klinische/radiologische Ein­ord­nung: Die­ses Modell kommt für die typi­sche „vier­bo­gi­ge“ Krüm­mung zum Ein­satz (Abb. 4). Kli­nisch cha­rak­te­ris­tisch ist ein Über­hang zur tho­ra­ka­len kon­ka­ven Sei­te. Eine struk­tu­rel­le lum­ba­le Krüm­mung mit beson­de­ren radio­lo­gi­schen Merk­ma­len (keil­för­mi­ger Zwi­schen­wir­bel­be­reich L5-S1) ist für die­sen Krüm­mungs­typ üblich. Die uni­la­te­ra­le Becken­kon­struk­ti­on am Kor­sett erlaubt ein Her­aus­tre­ten der ein­ge­rück­ten Becken­hälf­te in fron­ta­ler Ebe­ne. Vor allem unter­stützt dies im Gang des Pati­en­ten die Kor­rek­tur­wir­kung der lum­ba­len Druck­zo­ne gegen die lum­ba­le Krüm­mung. Das Modell „O“ kommt eben­falls bei Krüm­mungs­mus­tern mit lot­rech­ter Aus­rich­tung der Wir­bel­säu­le (C7 – Rima Ani) zur Anwen­dung – hier jedoch haupt­säch­lich bei nicht stark aus­ge­präg­ten Fehl­stel­lun­gen (< 30° Cobb) und guter Fle­xi­bi­li­tät der tho­ra­ka­len Krüm­mung. Eine nach kra­ni­al erwei­ter­te Druck­zo­ne lässt eben­falls eine gute Ver­sor­gung von Krüm­mun­gen im Bereich des tho­ra­ko­lum­ba­len Über­gangs zu (Rigo B2, Len­ke 6; Abb. 5).

Alle drei Typen des CLPs ver­su­chen das phy­sio­lo­gi­sche sagit­ta­le Pro­fil des Pati­en­ten zu unter­stüt­zen und zu ver­bes­sern, ohne star­ke kos­me­ti­sche Neben­ef­fek­te hin­sicht­lich der Aus­deh­nung des Hilfs­mit­tels zu ver­ur­sa­chen. Eine Reduk­ti­on bzw. Ver­stär­kung der Brustkyphose/Lendenlordose ist bekann­ter­ma­ßen mit TLSO-Orthe­sen mög­lich, jedoch sind hier räum­li­che Aus­deh­nun­gen der Orthe­se in kra­nia­ler wie auch kau­da­ler Rich­tung bio­me­cha­nisch und somit tech­nisch not­wen­dig. Ein auf­fäl­li­ge­res und grö­ße­res Hilfs­mit­tel ist das Resul­tat – ein Umstand, der direkt Aus­wir­kun­gen auf das Tra­ge­ver­hal­ten der Pati­en­ten hat – die­ses zeigt sich in einer gerin­ge­ren Tra­ge­dau­er11 und bedeu­tet damit auch weni­ger Therapieerfolg.

Hoch­tho­ra­ka­le Krüm­mun­gen in der Skoliose-Orthetik

Krüm­mun­gen im cer­vico­tho­ra­ka­len Über­gang (Th6–Th3) sind eine sel­ten güns­tig zu beein­flus­sen­de Situa­ti­on im Rah­men der Sko­lio­se-The­ra­pie mit Kor­set­ten. Hier gilt ein­mal mehr der Grund­satz, zunächst die gege­be­ne Situa­ti­on nicht zu ver­schlech­tern. Eine stark ange­ho­be­ne Schul­ter zur Kor­rek­tur der tho­ra­ka­len Krüm­mung kann zu einer Ver­schlech­te­rung der hoch­tho­ra­ka­len Defor­mi­tät füh­ren. Daher ist die balan­cier­te Ein­stel­lung des Schul­ter­gür­tels (Schul­ter­gleich­stand) zu bevor­zu­gen. Sie resul­tiert jedoch in einem gerin­ge­ren defek­tie­ren­den Moment zur Kor­rek­tur der tho­ra­ka­len Haupt­krüm­mung. Alter­na­tiv kann eine tho­ra­ka­le Druck­zo­ne mit wei­ter dor­sal ange­leg­tem Kraft­vek­tor ein­ge­ar­bei­tet wer­den. Um ein Dekom­pen­sie­ren des Pati­en­ten nach ven­tral bezie­hungs­wei­se ein Rotie­ren der Orthe­se am Tor­so zu ver­hin­dern, ist eine sub­kla­vi­ku­lä­re Stüt­ze not­wen­dig. Die­se kann optio­nal auch im Nach­gang an die CLP-Model­le „O“ und „G“ ange­bracht wer­den oder in den ursprüng­li­che Pla­nungs­pro­zess mit ein­flie­ßen. Die Ver­sor­gung von Pati­en­ten mit Krüm­mun­gen vom Typ King 4 bzw. D‑Modifier nach Rigo sind somit eben­falls gut behan­del­bar (Abb. 6).

Die sub­kla­vi­ku­lä­re Stüt­ze bzw. der rekli­nie­ren­de Bügel (Abb. 7) kann bei AIS-Pati­en­ten nicht nur zur ein­sei­ti­gen Kon­trol­le des Schul­ter­gür­tels ein­ge­setzt, son­dern zusätz­li­chen bei einer tho­ra­ka­len Hyper­ky­pho­se not­wen­dig wer­den (Kyphos­ko­lio­se). Glei­ches gilt für tho­ra­ka­le Sko­lio­sen mit gro­ßer rota­to­ri­scher Kom­po­nen­te und star­kem tho­ra­ka­len Rip­pen­berg. Pati­en­ten mit ein­ge­schränk­ten moto­ri­schen und pro­prio­zep­ti­ven Fähig­kei­ten (Tri­so­mie, Autis­mus, ICP/GMFCS Level 1–2) sowie Klein­kin­der pro­fi­tie­ren eben­falls im hohen Maße von etwas mehr Füh­rung (Abb. 8). Inner­halb der beschrie­be­nen Vor­ge­hens­wei­se kann der Bügel auch nur tem­po­rär zum Ein­satz kommen.

Qua­li­fi­ka­ti­on von Fach­leu­ten im Bereich Skoliose-Orthetik

Die Kom­ple­xi­tät des Tätig­keits­fel­des „Sko­lio­se-Kor­sett“ von der Pla­nung über die tech­ni­sche Umset­zung bis hin zur Beglei­tung der Pati­en­ten spricht bis heu­te lei­der nur einen sehr klei­nen Kreis der Tech­ni­ker an. Bei­spiel­haft sei hier zu nen­nen, dass im Jah­res­tur­nus bis­lang nur zwei Prüf­lin­ge eine kor­ri­gie­ren­de Sko­lio­se-Orthe­se vom Modell Chê­neau oder Ver­gleich­ba­res an der Abschluss­prü­fung im Bereich Orthe­tik an der Bun­des­fach­schu­le in Dort­mund absol­viert haben. Die­ser Durch­schnitt dürf­te an ande­ren ver­gleich­ba­ren Ein­rich­tun­gen in Deutsch­land ähn­lich sein. Um Ver­sor­gungs­de­fi­zi­te hin­sicht­lich Qua­li­tät und gene­rel­ler Ver­füg­bar­keit in die­sem hoch­spe­zia­li­sier­ten Teil­be­reich der Ortho­pä­die­tech­nik zukünf­tig zu ver­mei­den, sind Lösungs­an­sät­ze mit nie­der­schwel­li­gem Zugang not­wen­dig. Das bedeu­tet, es müs­sen Hilfs­mit­tel­sys­te­me eta­bliert wer­den, wel­che die Tech­ni­ker mit einer gerin­ge­ren Lern­kur­ve als bis­her erler­nen und umset­zen kön­nen. Indi­vi­du­el­le Modi­fi­ka­tio­nen der Orthe­se und soge­nann­tes „Trou­ble­shoo­ting“ lie­ßen sich damit auch wenig geüb­ten Fach­kräf­ten in einem über­schau­ba­ren zeit­li­chen Rah­men ver­mit­teln. Zwar sind ver­schie­dens­te Kor­sett­va­ri­an­ten durch Ser­vice­cen­ter für die Betrie­be vor­han­den, jedoch ver­lan­gen auch die­se Fach­kennt­nis­se und Erfah­run­gen in der Adap­ti­on eine Anpas­sung an die Pati­en­ten. Unter­schied­li­che Nomen­kla­tu­ren und eine gro­ße Modell­pa­let­te sind wei­ter­hin sper­rig im All­tag der Pati­en­ten­ver­sor­gung. Doch die­se Anfor­de­run­gen erfüllt das CLP ide­al. Die dras­ti­sche Reduk­ti­on beim CLP auf nur drei Model­le hel­fen dem Tech­ni­ker, rasch die theo­re­ti­schen sowie prak­ti­schen Fähig­kei­ten zu erlan­gen, um flä­chen­de­ckend eine best­mög­li­che Ver­sor­gungs­qua­li­tät in kur­zer Zeit zu realisieren.

Fazit

Letzt­end­lich ist das CLP auf­grund sei­ner ver­ein­fach­ten Klas­si­fi­ka­ti­on und sei­nem unauf­fäl­li­ge­ren Äuße­ren ein Sko­lio­se-Kor­rek­tur­kor­sett, das bewusst den Schritt aus der Kom­ple­xi­tät hin­aus­wagt. Das opti­mier­te Design soll nega­ti­ve Begleit­erschei­nun­gen für die Pati­en­ten auf ein Mini­mum redu­zie­ren und den Tra­ge­kom­fort wäh­rend der gefor­der­ten 20 Stun­den pro Tag erreich­ba­rer machen. Mit drei Grund­for­men las­sen sich alle Anfor­de­run­gen im Bereich der Kor­sett­the­ra­pie bei AIS-Sko­lio­sen abde­cken. Trotz klei­ner Modell­pa­let­te ist das CLP fle­xi­bel und sehr indi­vi­du­ell ein­setz­bar. Zudem kön­nen vie­le Pati­en­ten außer­halb des klas­si­schen Spek­trums der AIS sicher ver­sorgt wer­den. Auch beim CLP-Kor­sett bedarf es inten­si­ver Kom­mu­ni­ka­ti­on und guter Opti­mie­rungs­stra­te­gien, um jedem Pati­en­ten indi­vi­du­ell gerecht zu wer­den. Die Behand­lung von sko­lio­ti­schen Son­der­for­men sowie ein iso­lier­tes Night Time Bra­cing las­sen sich her­vor­ra­gend über das CLP rea­li­sie­ren. Auch hier stel­len die vor­ge­führ­ten Basis­mo­del­le den aktu­el­len Stand des Wis­sens und Kön­nens dar. Nichts­des­to­we­ni­ger bedür­fen sie einer unun­ter­bro­che­nen Ver­bes­se­rung zum Wohl der Pati­en­ten. Der 3D-Druck sowie wei­ter­ent­wi­ckel­te Mate­ri­al­ei­gen­schaf­ten kön­nen in Zukunft mög­li­cher­wei­se die pas­sen­den Lösun­gen für das Pro­blem der inten­si­ven Wär­me­ent­wick­lung inner­halb der Rumpfor­the­sen liefern.

 

Inter­es­sen­kon­flikt:
Der Autor ist für den Her­stel­ler des „Chê­neau low Profile“-Korsetts tätig.

 

Der Autor:
Jan Jur­ko­weit, OTM
Storch und Bel­ler Co GmbH
Zink­mat­ten­str. 8c
79108 Freiburg
j.jurkoweit@storch-beller.de

 

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Jur­ko­weit J. Ein pra­xis­na­hes Ver­sor­gungs­kon­zept zur moder­nen Kor­sett­the­ra­pie bei ado­les­zen­ter idio­pa­thi­scher Sko­lio­se (AIS). ­Ortho­pä­die Tech­nik, 2025; 76 (7): 56–61

 

 

Quel­len­ver­zeich­nis

  1. Dolan LA et al. Bra­cing in Ado­le­s­cent Idio­pa­thic Sco­lio­sis Tri­al (BrAIST): Deve­lo­p­ment and Vali­da­ti­on of a Pro­gno­stic Model in Unt­rea­ted Ado­le­s­cent Idio­pa­thic Sco­lio­sis Using the Sim­pli­fied Ske­le­tal Matu­ri­ty Sys­tem. Spi­ne Defor­mi­ty, 2019; 7 (6): 890–898.e4. doi: 10.1016/j.jspd.2019.01.011
  2. Neg­ri­ni S et al. 2016 SOSORT gui­de­lines: ortho­pae­dic and reha­bi­li­ta­ti­on tre­at­ment of idio­pa­thic sco­lio­sis during growth. Sco­lio­sis Spi­nal Dis­or­ders, 2018; 13: 3. doi: 10.1186/s13013-017‑0145‑8
  3. Rigo M, Jelačić M. Brace tech­no­lo­gy the­ma­tic series: the 3D Rigo Chê­neau-type brace. Sco­lio­sis and Spi­nal Dis­or­ders, 2017; 12: 10. doi: 10.1186/s13013-017‑0114‑2
  4. Weiß HR, Rigo M, Chê­neau J. Pra­xis der Chê­neau-Kor­sett­ver­sor­gung in der Sko­lio­se­the­ra­pie. Stutt­gart: Thie­me, 2000 
  5. Rigo M, Jelačić M. Brace tech­no­lo­gy the­ma­tic series: the 3D Rigo Chê­neau-type brace. Sco­lio­sis and Spi­nal Dis­or­ders, 2017; 12: 10. doi: 10.1186/s13013-017‑0114‑2
  6. Rigo M. Nach­ruf auf Dr. Jac­ques Chê­neau: „Einer der größ­ten Meis­ter“. Ortho­pä­die Tech­nik, 2022; 73 (9): 12–13
  7. Rigo M, Vil­la­grasa M, Gal­lo D. A spe­ci­fic sco­lio­sis clas­si­fi­ca­ti­on cor­re­la­ting with brace tre­at­ment: descrip­ti­on and relia­bi­li­ty. Sco­lio­sis, 2010; 5 (1): 1. doi: 10.1186/1748–7161‑5–1
  8. Weiß HR, Lie­ben­stund I. Wir­bel­säu­len­de­for­mi­tä­ten – kon­ser­va­ti­ves Manage­ment. Mün­chen: Richard Pflaum, 2003 
  9. Weiß HR, Lie­ben­stund I. Wir­bel­säu­len­de­for­mi­tä­ten – kon­ser­va­ti­ves Manage­ment. Mün­chen: Richard Pflaum, 2003 
  10. Rigo M, Jelačić M. Brace tech­no­lo­gy the­ma­tic series: the 3D Rigo Chê­neau-type brace. Sco­lio­sis and Spi­nal Dis­or­ders, 2017; 12: 10. doi: 10.1186/s13013-017‑0114‑2
  11. Wein­stein SL, Dolan LA, Wright JG, Dobbs MB. Effects of bra­cing in ado­le­s­cents with idio­pa­thic sco­lio­sis. The New Eng­land Jour­nal of Medi­ci­ne, 2013; 369 (16): 1512–1521. doi: 10.1056/NEJMoa1307337
Tei­len Sie die­sen Inhalt