3D-gedruck­te Unter­ar­mor­the­se macht Grei­fen wie­der möglich

Durch Multiple Sklerose (MS) sind die Funktionen von Ullis rechtem Unterarm und rechter Hand stark eingeschränkt. Um der 32-Jährigen wieder ein gezieltes und kraftvolles Greifen zu ermöglichen und ihre Schmerzen zu reduzieren, hat der Traunsteiner Spezialist für Orthopädie-Technik Pohlig eine 3D-gedruckte Unterarm-Spiralorthese gefertigt. Die Hintergründe erklärt Orthopädietechnik-Meisterin Lisa Seehuber, die Ulli während des Versorgungsprozesses begleitete.

OT: Mit wel­chem Ver­sor­gungs­be­darf kam die Pati­en­tin zu Ihnen?

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Lisa See­hu­ber: Bei der Pati­en­tin hat die MS die Aus­wir­kung, dass die Kraft im Unter­arm und in der Hand redu­ziert ist. Beim Grei­fen knickt das Hand­ge­lenk unkon­trol­liert in die Palmar­fle­xi­on und Ulnar­de­via­ti­on weg, sodass sie kaum noch Kon­trol­le über ihre Fin­ger hat. Die Fin­ger bewe­gen sich dann in die Hyper­ex­ten­si­on, was zur Fol­ge hat, dass ihr gegrif­fe­ne Gegen­stän­de unvor­her­seh­bar aus der Hand fal­len. Da sich die Pati­en­tin nicht mehr auf ihre Hand ver­las­sen kann, nutz­te sie die­se, bevor sie zu uns kam, kaum noch. Zusätz­lich hat­te sie zu die­sem Zeit­punkt Schmer­zen im Handgelenk.

OT: Ist es gelun­gen, die Funk­tio­nen der Hand zu verbessern

See­hu­ber: Ja, nach­dem die Pati­en­tin mit der Orthe­se bei uns im Haus und auch zuhau­se mit ihrer Phy­sio­the­ra­peu­tin trai­niert hat­te, konn­ten die Bewe­gun­gen, also das geziel­te und kraft­vol­le Grei­fen, wie­der aus­ge­führt wer­den. Zudem haben sich die Schmer­zen reduziert.

OT: War­um haben Sie sich für eine 3D-gedruck­te Orthe­se entschieden?

See­hu­ber: Durch die 3D-Druck­tech­no­lo­gie lässt sich ein ästhe­ti­sches Hilfs­mit­tel mit erst­klas­si­ger Funk­tio­na­li­tät erstel­len. Durch eine sehr leich­te, schlan­ke und luft­durch­läs­si­ge Kon­struk­ti­on ist der Tra­ge­kom­fort der Printorthe­se sehr hoch. Der Hygie­ne­fak­tor ist natür­lich auch nicht zu ver­nach­läs­si­gen. Da es sich um eine Orthe­se im Hand­be­reich han­delt, muss sie gut zu rei­ni­gen sein. Dafür rei­chen war­mes Was­ser, Sei­fe und eine wei­che Bürs­te aus. Zudem über­zeugt die Spi­ral­orthe­se durch das gerin­ge Gewicht und die hohe Sta­bi­li­tät bei mini­ma­lem Mate­ri­al­auf­wand. Die Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten der Printorthe­sen sind nahe­zu unbe­grenzt, sodass das Pro­dukt auch zu einem Schmuck­stück für die Patient:innen wer­den kann. Nur wenn ihnen die Orthe­se auch gefällt, wird sie tag­täg­lich getra­gen. Neben dem Mus­ter und der Far­be besteht auch die Mög­lich­keit, eine Uhr, Glit­zer­stei­ne oder ein Emblem in die Orthe­se zu inte­grie­ren. Unse­rer MS-Pati­en­tin war jedoch eine neu­tra­le Optik wich­tig. Bewusst hat sie sich für die schwar­ze Vari­an­te und das Spi­ra­len­mus­ter ent­schie­den. Durch die 3D-Tech­no­lo­gie konn­ten wir zudem auf einen Gips­ab­druck ver­zich­ten und den Arm statt­des­sen mit­hil­fe des Sim­brace-Ver­fah­rens scannen.

OT: Dafür wur­de der Pati­en­tin ein Kor­rek­tur­ge­stell ange­legt. Wel­che Vor­tei­le hat­te das?

See­hu­ber: Durch das Sim­brace-Ver­fah­ren, das wir bei uns im Haus ent­wi­ckelt haben, kön­nen wir die Kor­rek­tur der Orthe­se schon im Vor­feld simu­lie­ren. Das Sim­brace ver­fügt über ver­schie­de­ne Pelot­ten. Die­se wer­den nach dem bewähr­ten Drei-Punkt-Kor­rek­tur­prin­zip ange­ord­net. Die Stel­lung wur­de so lan­ge ver­än­dert, bis die best­mög­li­che Funk­ti­on der Hand erreicht wur­de. Dabei wur­den mit der Pati­en­tin ver­schie­de­ne Greif­übun­gen durch­ge­führt. Als die per­fek­te Stel­lung gefun­den war, konn­te der Scan erfolgen.

OT: Wel­ches Mate­ri­al kam zum Einsatz?

See­hu­ber: Gefer­tigt wur­de die Orthe­se mit­tels SLS-Druck aus Poly­amid 11, einem sehr leich­ten, teil­kris­tal­lin und line­ar auf­ge­bau­ten ther­mo­plas­ti­schen Kunststoff.

OT: Die Orthe­se soll­te es ermög­li­chen, dass die Pati­en­tin mit ihrer rech­ten Hand bei­spiels­wei­se einen Stift hal­ten kann. Die Orthe­se soll­te also sta­bi­li­sie­ren, aber auch nicht über­kor­ri­gie­ren. Wie gelingt es, die Balan­ce bei der Aus­füh­rung sol­cher fei­nen Bewe­gun­gen zu finden?

See­hu­ber: Durch eine zu star­ke Kor­rek­tur des Hand­ge­lenks in die Dor­salex­ten­si­on wird in vie­len Fäl­len die Funk­ti­on der Fin­ger redu­ziert. Wird das Hand­ge­lenk jedoch zu weit in die Palmar­fle­xi­on ein­ge­stellt, ist die Mus­kel­kraft der Fin­ger redu­ziert. Da die Spi­ral­orthe­se eine Funk­ti­ons­orthe­se ist, steht die Kor­rek­tur eher im Hin­ter­grund. Der Fokus wur­de dar­auf gelegt, dass die Pati­en­tin die best­mög­li­che Beweg­lich­keit und Funk­ti­on der Hand mit der Orthe­se erhält.

OT: Wur­den wei­te­re Dis­zi­pli­nen in den Pro­zess miteinbezogen?

See­hu­ber: Beim Ein­stel­len des Sim­brace wer­den wir Orthopädietechniker:innen immer von Physiothera­peut:innen unter­stützt. Die­se waren auch bei der Anpro­be dabei und haben mit der Pati­en­tin die ver­schie­de­nen Griff­ar­ten geübt. Die Physiotherapeut:innen, Ergotherapeut:innen und Betreuer:innen unse­rer Patient:innen kön­nen bereits beim Abdruck ihre Vor­stel­lun­gen und Anfor­de­run­gen an die Orthe­se mit­ein­brin­gen. Sie müs­sen in die Funk­ti­on und Hand­ha­be unse­rer Orthe­sen ein­ge­wie­sen wer­den. Eine enge Zusam­men­ar­beit ist sehr wich­tig, um für unse­re Patient:innen eine best­mög­li­che Ver­sor­gung und Betreu­ung zu ermöglichen.

OT: Wie war das Feed­back der Patientin?

See­hu­ber: Bei der ers­ten Anpro­be der Orthe­se sag­te die Pati­en­tin: „Ich konn­te heu­te das ers­te Mal seit einem Jahr mit mei­ner rech­ten Hand ein Glas hoch­he­ben und dar­aus trin­ken.“ Eini­ge Wochen spä­ter haben wir die Pati­en­tin im Rah­men unse­rer Nach­sor­ge noch ein­mal tele­fo­nisch befragt, wie sie mit der Orthe­se zurecht­kommt. Ihre Ant­wort war sehr aus­sa­ge­kräf­tig: „Mit der Orthe­se kann ich mein Kind end­lich wie­der auf den Arm neh­men, ohne mir Sor­gen machen zu müs­sen, dass es mir aus der Hand rutscht.“

OT: Deckt sich das mit den Rück­mel­dun­gen ande­rer Patient:innen?

See­hu­ber: Ja, das Feed­back unse­rer Patient:innen ist durch­weg posi­tiv. Durch die indi­vi­du­el­le Gestal­tung ist die Orthe­se für vie­le ein Schmuck­stück und kein „ner­vi­ges“ oder „unschö­nes“ Hilfsmittel.

OT: Wer­den mit fort­schrei­ten­der Erkran­kung Anpas­sun­gen der Orthe­se not­wen­dig sein?

See­hu­ber: Da MS eine Erkran­kung ist, die sehr indi­vi­du­ell ver­läuft, ist das schwer zu sagen. Klei­ne­re Ände­run­gen in Form und Volu­men sind durch ther­mo­plas­ti­sches Umfor­men bzw. Auf­pols­tern aber jeder­zeit mög­lich. Ist eine kom­plett neue Stel­lung not­wen­dig, muss eine neue Orthe­se gefer­tigt werden.

Die Fra­gen stell­te Pia Engelbrecht.

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