Zugang zu Prothesenfüßen ermöglichen

18Im Interview mit der OT-Redaktion gibt Mitgründer Daniel Kun Einblicke in die Entstehungsgeschichte, erzählt, welche Werte dem Unternehmen wichtig sind und was seine Ziele sind.
Steptics wird man bei der OTWorld in Leipzig erneut auf der Start-up-Fläche treffen. Können Sie bitte einmal Ihre Erfahrungen von 2024 beschreiben?
Daniel Kun: Die OTWorld 2024 war für uns ein besonders prägendes Ereignis. Erstmals konnten wir unsere Produkte einem internationalen Fachpublikum präsentieren. Dabei stand für uns nicht nur die qualitative Wahrnehmung im Fokus, sondern vor allem die Frage, wie unsere Lösungen am Markt angenommen werden. In gewisser Weise war die Messe ein „Proof of Business“ für unsere Vision, Menschen weltweit den Zugang zu hochwertigen, energierückgebenden Prothesenfüßen zu ermöglichen. Die durchweg positive Resonanz hat uns gezeigt, dass wir mit unserem Ansatz den aktuellen Bedarf treffen und uns motiviert, weiter an unserer Mission zu arbeiten.
Und was sind Ihre Erwartungen an die Veranstaltung 2026?
Mit Blick auf die OTWorld 2026 erwarten wir, dass das Thema erschwinglicher Versorgungslösungen noch stärker in den Fokus rückt und von weiteren Herstellern aufgegriffen wird. Wir sind gespannt, welche Lösungen andere Aussteller präsentieren werden, und wie sich der Markt insgesamt weiterentwickelt. Gleichzeitig möchten wir mit unseren eigenen Produkten erneut Impulse setzen und insbesondere unsere Weiterentwicklungen einem breiten Publikum vorstellen. Wir blicken daher mit großer Vorfreude auf die Veranstaltung.
Sie sind ein junges Unternehmen mit einem spezialisierten Produktportfolio. Wie kam es zu der Idee, das Unternehmen zu gründen?
Die Idee zur Gründung unseres Unternehmens entstand bereits vor einigen Jahren. Mein Mitgründer Toni Padilla und ich arbeiteten damals in einem Unternehmen, das sich auf die Industrialisierung von faserverstärkten Kunststoffbauteilen spezialisiert hatte, mit dem Ziel, effiziente Fertigungsprozesse zu entwickeln. Im Zuge meiner Tätigkeit in der Produktentwicklung erhielt ich eine konkrete Kundenanfrage, bei der ein Prothesenfuß im industriellen Maßstab hergestellt werden sollte.
Aus dieser Anfrage entstand eine Patentidee, die später erfolgreich weiterentwickelt und gesichert wurde. Nachdem Toni und ich das Patent aus dem Unternehmen herausgekauft hatten, war der Grundstein für Steptics gelegt.
Sie setzen auf den Slogan: „Accessible for everyone“ – also „Erreichbar für jeden“. Was verbirgt sich dahinter?
Hinter unserem Slogan „Accessible for everyone“ steht das Ziel, einer deutlich größeren Anzahl an Anwenderinnen und Anwendern den Zugang zu bezahlbaren und zugleich hochqualitativen, energierückgebenden Prothesenfüßen zu ermöglichen.
Die Produktentwicklung etablierter Hersteller orientiert sich heute häufig an den Anforderungen und Preisstrukturen gut ausgebauter Gesundheits- und Erstattungssysteme in Industrieländern. Gleichzeitig lebt ein Großteil der weltweit amputierten Menschen in Regionen mit begrenzten finanziellen Ressourcen und fehlenden Erstattungssystemen.
Das führt dazu, dass viele Anwender – trotz eines oft aktiveren Anforderungsprofils – entweder gar nicht oder nur mit einfachen, nicht energierückgebenden Versorgungen wie klassischen SACH-Füßen ausgestattet sind. Daraus entsteht eine klare Diskrepanz zwischen dem, was technologisch möglich ist, und dem, was tatsächlich verfügbar ist.
Genau hier setzen wir an, indem wir durch effiziente und skalierbare Fertigungsprozesse sowie ein bewusst klares, schlankes und zugleich hochfunktionelles Produktkonzept energierückgebende Prothesenfüße aus Glas- und Carbonfasern für einen deutlich breiteren Anwenderkreis zugänglich machen.
Sie haben unter anderem einen Carbonfederfuß im Angebot, der sich an Freizeit- und Breitensportler richtet und zudem preiswert sein soll. Laut dem Deutschen Behindertensportbund treiben rund 55 Prozent aller Menschen mit Behinderungen in Deutschland keinen Sport. Eröffnen Sie mit Ihrem Produkt diesen Menschen den Weg in ein aktives, sportliches Leben oder ist es eher ein Angebot ohne Zielgruppe?
Wir ermöglichen genau diesen Menschen den Zugang zum Sport. Viele Menschen mit Amputation würden gerne wieder Sport machen, scheitern aber nicht am Willen, sondern an den Rahmenbedingungen. Für die meisten Sportarten braucht man eine Sportprothese, und genau die wird in der Regel von den Kostenträgern nicht übernommen. Die Kosten werden dadurch zur größten Hürde. Genau dort setzen wir an. Wir übertragen unsere Philosophie von unseren Alltagsfüßen konsequent auf den Sport. Das bedeutet, wir entwickeln eine Lauffeder aus Carbon, die in puncto Qualität, Haltbarkeit und Laufeigenschaften das Niveau etablierter Anbieter erreicht oder in einzelnen Bereichen sogar übertrifft und gleichzeitig deutlich kostengünstiger ist.
Unser Ziel ist klar: Wir wollen mehr Menschen den Weg zurück in ein aktives Leben ermöglichen. Sport stärkt die körperliche und mentale Gesundheit und bringt Lebensqualität zurück. Er schafft Selbstvertrauen und ermöglicht echte Teilhabe – egal ob im Breitensport oder im Leistungssport.
Sie setzen auf „Made in Germany“, haben aber auch einkommensschwächere Regionen im Blick. Wie passt das zusammen?
Auf den ersten Blick wirkt es tatsächlich wie ein Widerspruch, Produkte in einem Hochlohnland wie Deutschland herzustellen und gleichzeitig einkommensschwächere Regionen adressieren zu wollen. Entscheidend ist jedoch, dass wir neben unseren effizienten Fertigungstechnologien gezielt auf einfache Konstruktionen, ein schlankes Produktportfolio sowie ein modulares Baukastensystem setzen. Dadurch schaffen wir Fertigungssynergien und können Produktions- und Herstellungskosten deutlich reduzieren. Diese Kombination ermöglicht es uns, Prothesenpassteile skalierbar und kosteneffizient herzustellen, sodass wir trotz oder gerade wegen der Produktion in Deutschland international wettbewerbsfähig sind. Genau diese Verbindung aus Effizienz, Qualität und Innovationskraft macht unseren Ansatz besonders.
Noch einmal zurück nach Deutschland. Welches Feedback bekommen Sie von Orthopädietechnikern zu Ihren Produkten und welchen Input haben Sie bereits genutzt zur Weiterentwicklung ihrer Prothesen?
Von Orthopädietechnikern erhalten wir überwiegend sehr positives Feedback, insbesondere zu unserem bewusst schlank gehaltenen Produktportfolio.
Vor allem, dass wir mit einer übersichtlichen Anzahl an Produkten dennoch ein breites Spektrum an Patientinnen und Patienten abdecken können, sowohl in Bezug auf unterschiedliche Mobilitätsklassen als auch auf verschiedene Amputationshöhen.Auch die Produkte selbst werden in der praktischen Anwendung als robust und zuverlässig wahrgenommen. Besonders hervorgehoben wird dabei das Laufverhalten: Gerade wegen des einfachen Designs überzeugen unsere Prothesenfüße durch eine gute Energieaufnahme sowie ein harmonisches Abrollverhalten.
Das Projekt Steptics ist jetzt sechs Jahre alt. Können Sie die nächsten Entwicklungsschritte Ihres Unternehmens skizzieren?
Unsere nächsten Entwicklungsschritte sind klar darauf ausgerichtet, bestehende Produkte kontinuierlich zu optimieren und unser Portfolio gezielt weiter auszubauen. Dabei arbeiten wir unter anderem an einem Mobilitäts-klasse-4-Fuß, der sowohl mit höherem als auch mit niedrigerem Systemaufbau verfügbar sein wird. Auch im Bereich Sportprothesen planen wir Weiterentwicklungen, etwa in Form eines Quick-Change-Adapters. Darüber hinaus bereiten wir für das kommende Jahr eine größere Innovation vor, über die wir aktuell noch nicht im Detail sprechen können, die jedoch sicherlich für Aufmerksamkeit sorgen wird.
Die Fragen stellte Heiko Cordes.

Daniel Kun ist Mitgründer und Geschäftsführer der Steptics GmbH. Er begann seine berufliche Laufbahn mit einer Ausbildung zum Werkzeugmacher und studierte anschließend Fahrzeugtechnik an der Hochschule Ulm. Ergänzend vertiefte er seine Kenntnisse durch ein weiteres Studium im Bereich Systems Engineering and Management mit Schwerpunkt Management, wodurch er technisches Fachwissen mit betriebswirtschaftlicher Perspektive kombinierte. Die Idee für Steptics entstand aus seinem Ansatz zur industriellen Fertigung von Carbon-Federelementen für Prothesen. In seiner heutigen Rolle verantwortet Kun insbesondere die technischen Kernbereiche, darunter Produktentwicklung und Industrialisierung, und gestaltet darüber hinaus aktiv die Themen Strategie, Vertrieb und Business Development mit.
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