ZDH-Forum: Prag­ma­tis­mus und Refor­men gefordert

Die Regierungskoalition aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP ist Ende 2021 mit großen Ambitionen an den Start gegangen.

Laut Koali­ti­ons­ver­trag unter dem Mot­to „Mehr Fort­schritt wagen“ sol­len unter ande­rem zukunfts­ori­en­tier­te Rah­men­be­din­gun­gen für einen wett­be­werbs­fä­hi­gen Mit­tel­stand und ein star­kes Hand­werk geschaf­fen wer­den. Die Fach­kräf­te­si­che­rung im Hand­werk ist eben­falls ein erklär­tes Ziel. Doch der Angriffs­krieg Russ­lands auf die Ukrai­ne im Febru­ar 2022 und die dar­aus resul­tie­ren­de Ener­gie­kri­se haben sämt­li­che Plä­ne durch­kreuzt und die Bun­des­re­gie­rung vor uner­war­te­te neue Her­aus­for­de­run­gen gestellt. Zudem galt es, wei­ter­hin die Fol­gen der Coro­na-Pan­de­mie zu managen.

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Inzwi­schen ist die Ampel­ko­ali­ti­on seit zwei Jah­ren im Amt – Grund für den Zen­tral­ver­band des Deut­schen Hand­werks (ZDH), zur Halb­zeit einen Rück­blick zu wagen und Wün­sche für die Zukunft zu adres­sie­ren. Dem Hand­werk bren­nen in ers­ter Linie die The­men Ener­gie­prei­se, Fach­kräf­te­man­gel und Büro­kra­tie­ab­bau unter den Nägeln. So hat­te ZDH-Prä­si­dent Jörg Dittrich am 13. Okto­ber 2023 rund 300 Vertreter:innen aus der Hand­werks­or­ga­ni­sa­ti­on zum ZDH-Forum nach Ber­lin gela­den, um mit Politiker:innen der Koali­ti­on wie auch der Oppo­si­ti­on zu dis­ku­tie­ren. Die Aus­gangs­fra­ge lau­te­te: „Wie viel Fort­schritt hat die Ampel für den Wirt­schafts­stand­ort Deutsch­land gewagt?“ Auf dem Podi­um saßen neben Jörg Dittrich Kevin Küh­nert, SPD-Gene­ral­se­kre­tär, Emi­ly May Büning, Poli­ti­sche Bun­des­ge­schäfts­füh­re­rin von Bünd­nis 90/Die Grü­nen, Dr. Cars­ten Lin­ne­mann, CDU-Gene­ral­se­kre­tär, sowie Bijan Djir-Sarai, FDP-Generalsekretär.

Küh­nert stell­te den Umgang mit der Ener­gie­kri­se – hier vor allem die Ein­rich­tung der Preis­brem­se – sowie die Stär­kung im Bereich der Aus­bil­dung als Erfol­ge der Bun­des­re­gie­rung her­aus, muss­te zugleich aber ein­ge­ste­hen, dass man zwar gute Poli­tik gemacht, die­se aber schlecht kom­mu­ni­ziert habe. Zudem habe man sich mehr­fach selbst im Wege gestan­den und Ver­fah­ren zur Lösungs­fin­dung hät­ten zu lan­ge gedau­ert. Büning beton­te, dass wich­ti­ge Schrit­te ein­ge­lei­tet wor­den sei­en, um den Aus­bau der erneu­er­ba­ren Ener­gien vor­an­zu­brin­gen und unab­hän­gi­ger von fos­si­len Brenn­stof­fen zu wer­den. Lin­ne­mann warf der Bun­des­re­gie­rung vor, die aktu­el­le Wirt­schafts­la­ge in Deutsch­land falsch ein­zu­schät­zen, und sieht den Mit­tel­stand in gro­ßer Gefahr. Djir-Sarai wies nach­drück­lich dar­auf hin, dass vie­le der aktu­el­len Pro­ble­me nicht in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren ent­stan­den sei­en, son­dern ein Erbe aus vor­he­ri­gen Legis­la­tur­pe­ri­oden darstellten.

Umfra­gen im Ple­num erga­ben, dass 50 Pro­zent der Handwerksvertreter:innen mit der Arbeit der Bun­des­re­gie­rung gar nicht und auch 48 Pro­zent mit der Arbeit der Oppo­si­ti­on weni­ger zufrie­den sind. ZDH-Prä­si­dent Dittrich bestä­tig­te, dass die Stim­mung im Land schlecht sei, lenk­te den Blick aber nach vor­ne. Er for­der­te, den vie­len poli­ti­schen Ankün­di­gun­gen end­lich Taten fol­gen zu las­sen und zu han­deln: Ziel aller poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen müs­se es sein, die Stand­ort­be­din­gun­gen in Deutsch­land lang­fris­tig zu ver­bes­sern, Initia­ti­ven zur Fach­kräf­te­si­che­rung nach­hal­tig zu stär­ken und Belas­tun­gen spür­bar abzu­bau­en. „Es ist wie­der Agen­da-Zeit: Statt homöo­pa­thisch Sym­pto­me zu bekämp­fen, braucht es einen Ruck und end­lich eine ech­te mit­tel­stands­freund­li­che Stand­ort­po­li­tik. Es ist Zeit für Prag­ma­tis­mus, Real­po­li­tik und ech­te Refor­men“, mahn­te er.

Das Hand­werk sei bereit, bei den gro­ßen Auf­ga­ben mit anzu­pa­cken – das bewei­se es täg­lich. Aber das Hand­werk kön­ne als die Schlüs­sel­bran­che für eine erfolg­rei­che Trans­for­ma­ti­on und Moder­ni­sie­rung des Lan­des nur dann sei­nen Bei­trag leis­ten, wenn bei den Ent­las­tun­gen end­lich ernst gemacht wer­de: Dazu zäh­le ein deut­li­cher Büro­kra­tie­ab­bau. Das ange­kün­dig­te vier­te Büro­kra­tie­ent­las­tungs­ge­setz gehe zwar in die rich­ti­ge Rich­tung, hät­te jedoch deut­lich frü­her kom­men und umfang­rei­cher sein müssen.

Für die zen­tra­le Her­aus­for­de­rung der Fach­kräf­te­si­che­rung sei ein umfas­sen­des Gesamt­kon­zept nötig, das alle inlän­di­schen Poten­zia­le nut­ze und eine prak­ti­ka­ble arbeits­markt­ori­en­tier­te Zuwan­de­rung ermög­li­che. Für zwin­gend erfor­der­lich hält Dittrich eine Bil­dungs­wen­de, um genü­gend Fach­kräf­te für die Zukunft zu gene­rie­ren, die Trans­for­ma­ti­on zu bewäl­ti­gen und das Hand­werk zu stär­ken. Poli­tik müs­se die Gleich­wer­tig­keit von beruf­li­cher und aka­de­mi­scher Bil­dung end­lich gesetz­lich fest­schrei­ben, so der Handwerkspräsident.

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