Ver­sor­gung von Schä­del­de­for­mi­tä­ten mit Helmorthesen

A. Reuter
Die neuropädiatrische/orthopädietechnische Sprechstunde für Schädeldeformitäten in Kassel ist eine, nach Erkenntnissen des Autors, einzigartige Kooperation in Deutschland. Der folgende Artikel erklärt, warum diese Sprechstunde für den Neuropädiater wichtig ist. Zudem beschreibt er die Versorgung eines besonderen Einzelfalls.

Ein­lei­tung

Die Ver­sor­gung lage­be­ding­ter Schä­del­de­for­mi­tä­ten mit indi­vi­du­ell ange­pass­ten Hel­mor­the­sen ist mitt­ler­wei­le ein eta­blier­tes Ver­fah­ren. Ihre Wirk­sam­keit ist unum­strit­ten. Das Aus­maß der mög­li­chen medi­zi­ni­schen Fol­gen – vor allem lage­be­ding­ter Plagio­ze­pha­li­en – ist jedoch noch nicht abschlie­ßend geklärt. Ver­mu­tet wer­den ortho­pä­di­sche Fol­gen etwa an der Wir­bel­säu­le oder Hal­tungs­schä­den, Kie­fer­ge­lenks­ar­thro­sen, Seh- und Entwicklungsstörungen.

Die Sprech­stun­de für lage­be­ding­te Schä­del­de­for­mi­tä­ten star­te­te 2005 in Kas­sel mit dem pri­mä­ren Ziel, die­se zu behan­deln. Mit der inter­dis­zi­pli­nä­ren Sprech­stun­de des Sozi­al­päd­ia­tri­schen Zen­trums Kas­sel und des OTZ-Lich­ten­au wur­de im Mai 2010 begon­nen, da ver­schie­de­ne Erkran­kun­gen – wie Ent­wick­lungs­stö­run­gen, neu­ro­mus­ku­lä­re Erkran­kun­gen u. a. – erst durch die Vor­stel­lung in der inter­dis­zi­pli­nä­ren Sprech­stun­de ent­deckt wer­den konnten.

Metho­den

Im Beob­ach­tungs­zeit­raum von Mai 2010 bis April 2011 wur­den ins­ge­samt 148 Kin­der in die Sprech­stun­de über­wie­sen. Das Team erhob in jedem Fall eine spe­zi­fi­sche Ana­mne­se, führ­te eine kör­per­li­che neu­ro­päd­ia­tri­sche Unter­su­chung durch und ver­maß die Köp­fe der Pati­en­ten mit­tels Scan­ner und per Hand.

Bei zusätz­lich vor­lie­gen­den neu­ro­päd­ia­tri­schen Krank­heits­bil­dern ver­an­lass­te die inter­dis­zi­pli­nä­re Exper­ten­grup­pe wei­te­re Dia­gnos­tik und The­ra­pie. Zudem fan­den Ver­laufs­mes­sun­gen nach erfolg­ter Helm­ver­sor­gung statt.

Mit den erho­be­nen Daten wurde:

  • die zuge­wie­se­ne Pati­en­ten­grup­pe mit Schä­del­de­for­mi­tä­ten näher beschrie­ben (Geschlecht, Alter, Aus­maß  Befundes),
  • die Grup­pe der helm­ver­sorg­ten Kin­der näher beschrie­ben (Anzahl, Geschlecht, Alter, Dau­er der Behand­lung, in aus­ge­wähl­ten Fäl­len Tem­pe­ra­tur­mes­sung unter dem Helm, Erfolg der Behand­lung etc.),
  • Scan­ner- und Hand­mes­sung verglichen,
  • neu­ro­päd­ia­tri­sche und ande­re Begleit­sym­pto­ma­tik sowie wei­te­re Krank­heits­bil­der aufgezeigt.

Ergeb­nis­se

Um Über­ver­sor­gun­gen ent­ge­gen­zu­tre­ten, über­prüf­te die Sprech­stun­de die Indi­ka­ti­ons­stel­lung, die auf­grund der gemach­ten Erfah­run­gen wei­ter­ent­wi­ckelt und klar defi­niert wur­de (Tab. 1).

Bei Asym­me­trie von über 1,5 cm, gemes­sen über bei­de Kopf­dia­go­na­len, gilt eine Hel­mor­the­sen­ver­sor­gung grund­sätz­lich als sinn­voll. Bei Mit­be­tei­li­gung eines Brachy­ze­pha­lus oder einem stark betrof­fe­nem Gesicht ist es auch sinn­voll, unter­halb die­ses Maßes eine Hel­mor­the­se zu verordnen.

Sehr wich­tig ist es, die Dyna­mik des Schä­del­wachs­tums zu betrach­ten. Vor Beginn der Ver­sor­gung wer­den zwei Ver­gleichs­mes­sun­gen im Abstand von 6 bis 8 Wochen gemacht. In die­sem Zeit­raum wer­den Lage­rungs­tech­ni­ken und phy­sio­the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men durchgeführt.

Ent­wi­ckelt sich trotz­dem das Schä­del­wachs­tum in die Fehl­stel­lung hin­ein, wird eine Hel­mor­the­se ver­ord­net. Wenn sich in die­sem Zeit­raum eine deut­li­che Bes­se­rung der Fehl­stel­lung zeigt, fin­det zunächst kei­ne Ver­sor­gung statt und die wei­te­re Ent­wick­lung wird beobachtet.

Von den 148 über­wie­se­nen Kin­dern mit einem lage­be­ding­ten Plagio­ze­pha­lus haben 40 Kin­der (27 %) eine Kopf­orthe­se bekom­men (Abb. 1). Das Ver­hält­nis zwi­schen Jun­gen und Mäd­chen war dabei exakt 3:1. Scan­ner- und Hand­mes­sung stim­men erstaun­lich oft über­ein, die ermit­tel­te Genau­ig­keit lag bei ca. 1,2 mm.

Der Behand­lungs­be­ginn mit einer Hel­mor­the­se lag im Durch­schnitt bei 7,9 Mona­ten. Die Asym­me­trie der Dia­go­na­len hat sich im Durch­schnitt um 6,4 mm ver­bes­sert (Tab. 2).

Es ist ein­deu­tig, dass bei einem früh­zei­ti­gen Ver­sor­gungs­be­ginn im 6. Lebens­mo­nat die Ergeb­nis­se wesent­lich bes­ser sind (8,5 mm) als bei einer spä­te­ren Ver­sor­gung im 10. Monat (5,2 mm). Dies liegt am grö­ße­ren Schä­del­wachs­tum in die­sem Alter und an der län­ge­ren Tragezeit.

Die letz­te Mög­lich­keit, eine Kopf­orthe­se zu ver­sor­gen, ist aus Sicht der Sprech­stun­de der 12. Lebens­mo­nat. Da ca. ab dem 15. Lebens­mo­nat die Kopf­orthe­se von den Kin­der nicht mehr tole­riert und selbst­stän­dig abge­nom­men wer­den kann.

Ein für den Neu­ro­päd­ia­ter wich­ti­ger Fakt ist die Häu­fung von neurologisch/neuropädiatrisch auf­fäl­li­gen Kin­dern in die­ser Pati­en­ten­grup­pe. Von den oben genann­ten 148 Kin­dern waren bis­her 22 neurologisch/neuropädiatrisch auf­fäl­lig (Tab. 3).

Immer wie­der wer­den dar­über hin­aus in der all­ge­mei­nen neu­ro­päd­ia­tri­schen Sprech­stun­de Kin­der mit Ent­wick­lungs­stö­run­gen vor­ge­stellt, die in den Jah­ren zuvor erst­mals durch lage­be­ding­te Schä­del­de­for­mi­tä­ten auf­ge­fal­len waren. Genaue Zah­len hier­zu müs­sen durch geson­dert zu erhe­ben­de Lon­gi­tu­di­nal­da­ten gelie­fert werden.

Bei­spiel: Ver­sor­gung eines Jugendlichen

Beson­ders her­vor­zu­he­ben sind die prä­ma­tu­ren Naht­syn­os­to­sen. Grund­sätz­lich sind Kopf­orthe­sen bei prä­ma­tu­ren Naht­syn­os­to­sen kon­tra­in­di­ziert. Die Aus­nah­me bil­det hier die Fron­tal­naht­syn­os­to­se. Die Anfer­ti­gung einer Kopf­orthe­se ist in die­sem Fall sicher­lich eine Her­aus­for­de­rung, aber machbar.

Ein wei­te­rer Vor­teil der inter­dis­zi­pli­nä­ren Sprech­stun­de ist die Mög­lich­keit, das vor­han­de­ne Equip­ment auch zur Ver­sor­gung medi­zi­nisch anders gela­ger­ter Ein­zel­fäl­le zu nut­zen. Eine sol­che Her­aus­for­de­rung ist z. B. die Ver­sor­gung eines 14-jäh­ri­gen Jun­gens mit einer fron­ta­len Enze­pha­lo­ze­le (Abb. 2).

Bei frü­he­ren Ver­su­chen, den Pati­en­ten mit einem Helm zu ver­sor­gen, tra­ten Pro­ble­me mit dem Gewicht des Helms und der exak­ten Anpas­sung an die Form und das Volu­men der Enze­pha­lo­ze­le auf. Es darf also durch den Helm kei­ner­lei Druck auf die Enze­pha­lo­ze­le ent­ste­hen. Aller­dings soll­te auch nicht zu viel Frei­raum vor­han­den sein, da sonst der Helm ver­rut­schen und wie­der­um Druck ver­ur­sa­chen kann.

Auf­grund der Druck­emp­find­lich­keit wur­de auf einen Gips­ab­druck ver­zich­tet und statt­des­sen der Kopf gescannt. Die Exper­ten erstell­ten auf der Grund­la­ge der erho­be­nen Daten im ers­ten Schritt ein CNC-Modell (Abb. 3) und im zwei­ten Schritt einen Inte­rims­helm aus ther­mo­plas­ti­schem Mate­ri­al (Abb. 4). Die­ser Inte­rims­helm wur­de einen Monat aus­gie­big getestet.

Auf die­se Wei­se konn­te das Team exakt das Volu­men und die defi­ni­ti­ve Form erfas­sen und fest­le­gen. Nach die­ser Form wur­de ein Helm in Pre-Preg Tech­nik gebaut (Abb. 5). Er besteht aus zwei- und drei­la­gi­gem Car­bon­fa­ser­com­po­sit sowie einer dor­sa­len Ver­schluss­la­sche aus Dacron­fa­sern. Als „Kos­me­tik“ wur­de dann auf dem Helm, mit­tels Klett­band, eine Base-Cap befes­tigt (Abb. 6).

Schluss­fol­ge­rung

Die ent­wi­ckel­te Indi­ka­ti­ons­lis­te ver­rin­gert die Men­ge der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gun­gen auf ein sinn­vol­les Maß und wird auch von den meis­ten Kos­ten­trä­gern akzeptiert.

Der Beginn der Behand­lung ist so gewählt, dass ande­re Berufs­grup­pen wie Osteo­pa­then und Phy­sio­the­ra­peu­ten Zeit genug haben für ihre Behand­lun­gen, er ist aber noch früh genug, sodass noch eine star­ke Wachs­tums­dy­na­mik für eine gute Kor­rek­tur vor­han­den ist. Es feh­len Lang­zeit­da­ten von Kin­dern mit lage­be­ding­ten Schä­del­de­for­mi­tä­ten mit und ohne Helm­ver­sor­gung. Nicht sel­ten sind lage­be­ding­te Schä­del­de­for­mi­tä­ten eine ers­te kli­ni­sche Mani­fes­ta­ti­on über­ge­ord­ne­ter meist neu­ro­päd­ia­tri­scher Krank­heits­bil­der. Zudem ist nicht jede auf­fäl­li­ge Kopf­form lagebedingt.

Nach Mei­nung des Autors soll­ten die­se spe­zi­el­len Sprech­stun­den einem neuropädiatrisch/orthopädietechnisch inter­dis­zi­pli­nä­ren Ansatz fol­gen. Es ist noch häu­fig zu sehen, dass das brei­te Feld der lage­be­ding­ten Kopf­de­for­mi­tä­ten nicht inter­dis­zi­pli­när, son­dern nur aus einem fach­li­chen Blick­win­kel betrach­tet wird. Eine inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit zwi­schen Ortho­pä­die-Tech­ni­ker und Neu­ro­päd­ia­ter erwei­tert die­sen Blick­win­kel enorm.

Der Autor:
Alf Reu­ter, Geschäftsführer
OTZ Lich­ten­au Orthopädietechnisches
Zen­trum GmbH
Am Müh­len­berg 12
37235 Hes­sisch Lichtenau
areuter@otz-lichtenau.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/Reviewed paper

Zita­ti­on
Reu­ter A. Ver­sor­gung von Schä­del­de­for­mi­tä­ten mit Hel­mor­the­sen. Ortho­pä­die Tech­nik, 2013; 64 (8): 20–23

 

 

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