OTWorld

„Ohne gesi­cher­te Ver­sor­gung geht Teil­ha­be verloren“

Reformen in der gesetzlichen Krankenversicherung dürfen nicht zulasten der Versorgung von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen gehen.

Dar­auf haben Hilfs­mit­tel- und Pati­en­ten­ver­bän­de im Rah­men der OTWorld 2026 deut­lich hin­ge­wie­sen. Schon heu­te sehen sie ins­be­son­de­re bei Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren, Ver­sor­gungs­ab­läu­fen und dem Zugang zu Reha­bi­li­ta­ti­ons­an­ge­bo­ten erheb­li­chen Ver­bes­se­rungs­be­darf. Das geplan­te Bei­trags­satz­sta­bi­li­sie­rungs­ge­setz (BSt­abG) könn­te die­se Pro­ble­me zusätz­lich verschärfen.

„Die OTWorld zeigt, was heu­te in der Ver­sor­gung mög­lich ist“, sagt Alf Reu­ter, Prä­si­dent des Bun­des­in­nungs­ver­ban­des für Ortho­pä­die-Tech­nik (BIV-OT), dem fach­li­chen Trä­ger der OTWorld. „Ent­schei­dend ist jetzt, dass die­se Mög­lich­kei­ten flä­chen­de­ckend bei den Men­schen ankom­men – ohne unnö­ti­ge Hür­den und mit klar abge­stimm­ten Pro­zes­sen. Denn am Ende zählt nicht, was mög­lich ist, son­dern was tat­säch­lich im All­tag ankommt.“

Die Arm Pro­sthe­sis Com­mu­ni­ty, der Bun­des­ver­band für Men­schen mit Arm- oder Bein­am­pu­ta­ti­on (BMAB) und der Lan­des­ver­band für Men­schen mit Arm- und Bein­am­pu­ta­ti­on NRW (LVAmp NRW) ver­wei­sen auf die Bedeu­tung spe­zia­li­sier­ter Ange­bo­te für Betrof­fe­ne. Eine indi­vi­du­ell ange­pass­te Pro­the­se sei die Grund­la­ge für Mobi­li­tät. Mit dem Hilfs­mit­tel allein sei es aber nicht getan. „In Deutsch­land gibt es viel zu wenig Phy­sio­the­ra­peu­ten mit der Spe­zi­al­aus­bil­dung für Pro­the­sen­trai­ning. So ent­ste­hen unnö­ti­ge Ver­sor­gungs­lü­cken“, lau­tet die gemein­sa­me Bot­schaft der an der OTWorld betei­lig­ten Pati­en­ten­ver­bän­de im Bereich Ampu­ta­ti­on. „Wir kön­nen viel mehr, wenn man uns lässt.“

Früh för­dern lohnt sich lang­fris­tig: Das macht der Ver­ein Reha­kind – Inter­na­tio­na­le För­der­ge­mein­schaft Kin­der- und Jugend­reha­bi­li­ta­ti­on, deut­lich. Eine früh­zei­ti­ge Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung för­de­re die Ent­wick­lung der Kin­der und kön­ne die spä­te­re Teil­ha­be am Arbeits­le­ben unter­stüt­zen. Zugleich wür­den Eltern ent­las­tet und könn­ten durch die bes­se­re Ver­ein­ba­rung von Beruf und Betreu­ung im Erwerbs­le­ben blei­ben. „Was fehlt, sind ver­bind­li­che und schnel­le Ver­fah­ren – damit not­wen­di­ge Ver­sor­gung nicht an Zustän­dig­kei­ten oder lan­gen Geneh­mi­gungs­pro­zes­sen schei­tert“, erklärt Geschäfts­füh­re­rin Chris­tia­na Hen­ne­mann. „Gera­de bei Kin­dern ent­schei­den Ver­zö­ge­run­gen über Jah­re hin­weg über Entwicklungschancen.“

Für Men­schen mit ange­bo­re­nen Fehl­bil­dun­gen ist eine ver­läss­li­che und kon­ti­nu­ier­li­che Ver­sor­gung nach Ansicht des Bun­des­ver­ban­des für PFFD, FFU, Fibu­la- und Tibia­de­fek­te (BuPFT) zen­tral für Teil­ha­be im All­tag und im Beruf. In der Ver­gan­gen­heit hät­ten feh­len­de Ver­trä­ge zwi­schen Kos­ten­trä­gern und Leis­tungs­er­brin­gern regio­nal zu lan­gen War­te­zei­ten geführt und Ver­sor­gungs­pro­zes­se ver­zö­gert. „Ohne gesi­cher­te Ver­sor­gung geht Teil­ha­be ver­lo­ren“, sagt Han­nah Rüdi­ger, 2. Vor­sit­zen­de. „Erfor­der­lich sind sta­bi­le Rah­men­be­din­gun­gen und eine kon­ti­nu­ier­li­che Betreuung.“

Auch die Ergeb­nis­se einer gemein­sa­men Befra­gung der För­der­ge­mein­schaft der Quer­schnitt­ge­lähm­ten in Deutsch­land (FGQ) und des BIV-OT aus dem Jahr 2024 zei­gen deut­li­che Defi­zi­te im Ver­sor­gungs­sys­tem. 93 Pro­zent der Teil­neh­mer berich­te­ten von Ableh­nun­gen durch Kran­ken­kas­sen, 42 Pro­zent gaben an, trotz bewil­lig­ter Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung im All­tag, Beruf oder Sport nicht mobil zu sein. Gleich­zei­tig zeigt die Aus­wer­tung, dass das Ver­trau­en in die Leis­tungs­er­brin­ger hoch ist. „Nicht die Ver­sor­gung vor Ort ist das Pro­blem, son­dern die Ver­fah­ren“, so Mari­on Ben­der, 1. Vor­sit­zen­de der FGQ. „Geneh­mi­gun­gen müs­sen trans­pa­rent, nach­voll­zieh­bar und am Bedarf der Betrof­fe­nen aus­ge­rich­tet sein.“

Als Bei­spiel für Schnitt­stel­len­pro­ble­me im Sys­tem wird auch die Ver­sor­gung von Schlag­an­fall-Pati­en­ten genannt. Wäh­rend Akut­pha­se und Reha­bi­li­ta­ti­on gut struk­tu­riert sei­en, feh­le nach der Rück­kehr in den All­tag häu­fig Ori­en­tie­rung. Betrof­fe­ne und ihre Ange­hö­ri­gen müss­ten The­ra­pien orga­ni­sie­ren, Hilfs­mit­tel bean­tra­gen und sich im Ver­sor­gungs­sys­tem zurecht­fin­den. „Die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ist auf hohem Niveau – die Her­aus­for­de­rung beginnt danach“, erläu­tert Dr. Micha­el Brink­mei­er, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Deut­sche Schlag­an­fall-Hil­fe. „Damit Teil­ha­be gelingt, braucht es kla­re Struk­tu­ren, die die Zeit nach der Reha aktiv beglei­ten, statt die Orga­ni­sa­ti­on der wei­te­ren Ver­sor­gung den Betrof­fe­nen zu überlassen.“

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