Live-Video­talk: Mensch im Mittelpunkt

Dem legendären Fußballtrainer Sepp Herberger wird der berühmte Satz „Ein Spiel dauert 90 Minuten“ zugesprochen. Ebenso lange und ebenso sportlich ging es im dritten Teil der Live-Videotalk-Reihe „OTWorld im Dialog“ von Verlag OT und Confairmed GmbH zum Thema „Die Rolle der Hilfsmittelversorgung im Sport“ zwei Wochen vor der OTWorld 2022 zu. Moderiert von Michael Blatt, Leiter Verlagsprogramm OT, berichteten fünf sportaffine Gäste aus ihrem Versorgungsalltag von Breiten- und Profisportler:innen.

Der Begriff „Pro­fi“ trifft bei den von André Stöt­zer trai­nier­ten Ath­le­ten zwar nicht zu, doch mit ihm als Bun­des­trai­ner qua­li­fi­zier­ten sich erst­mals drei deut­sche Star­ter im Para-Snow­board für die Paralym­pi­schen Spie­le in Peking. „Das größ­te Pro­blem für uns ist das Feh­len von Pas­s­tei­len“, erklär­te der Ortho­pä­die­tech­ni­ker die sport­art­spe­zi­fi­sche Beson­der­heit der noch „jun­gen“ Dis­zi­plin im deut­schen Behin­der­ten­sport. Vor allem in der Pro­the­tik der unte­ren Extre­mi­tät gebe es aktu­ell welt­weit nur zwei Her­stel­ler, die ent­spre­chen­de Tei­le für die Ver­sor­gung lie­fern könn­ten. „Für den Ein­stieg reicht aber auch eine All­tags­ver­sor­gung“, erklär­te Stöt­zer die über­ra­schend nied­ri­ge Ein­stiegs­hür­de für den Win­ter­sport. In Peking war aller­dings  Stöt­zers Kön­nen nicht nur als Bun­des­trai­ner, son­dern auch als OTler gefragt. „Bei einem Sport­ler ver­än­der­te sich der Stumpf auf Grund des lan­gen Flugs so sehr, dass wir vor Ort einen neu­en Schaft bau­en muss­ten.“ Da Stöt­zer und sein Co-Trai­ner „vom Fach“ sind, durf­ten sie in den OT-Werk­stät­ten selbst Hand anle­gen und brach­ten ihren Sport­ler pünkt­lich und gut ver­sorgt auf die Piste.

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Beim Pro­fi­sport gelernt und im Brei­ten­sport eingesetzt

Bei Schnee star­ten auch vie­le Kund:innen bzw. Patient:innen von Björn Schmidt, Stell­ver­tre­ten­der Bereichs­lei­ter bei Orte­ma. Vor allem die Ver­sor­gung mit Orthe­sen ist hier das Fach­ge­biet des Her­stel­lers aus Mark­grö­nin­gen. „Grund­sätz­lich macht es für uns kei­nen Unter­schied, ob jemand ein Pro­fi­sport­ler oder Brei­ten­sport­ler ist“, lau­tet Schmidts Cre­do. Der eige­ne Anspruch, die Ver­sor­gung so zu gestal­ten, dass der Sport­trei­ben­de mög­lichst wenig beein­flusst wird, ist groß. Außer­dem muss bei der Ver­sor­gung auch immer das Sport­ge­rät mit­ge­dacht wer­den. „Wenn wir eine Ver­sor­gung für Skifahrer:innen machen, dann scan­nen wir zum Bei­spiel ein­mal ‚nor­mal‘ und ein­mal im Ski­schuh. Die Ver­sor­gung darf nicht in den Kon­flikt mit dem Mate­ri­al kom­men“, so Schmidt. Dabei spie­le vor allem die Erfah­rung als Ver­sor­ger eine gro­ße Rol­le. „Je mehr Ver­sor­gun­gen man macht, des­to bes­ser wer­den sie“, erklär­te er. Schmidt selbst hat­te eigent­lich nur vor­ge­habt, sich kurz mit dem The­ma aus­ein­an­der­zu­set­zen – das ist über 20 Jah­re her. Wenn es jetzt um Ver­sor­gun­gen gehe, dann kön­ne man laut Schmidt auch ein biss­chen „trick­sen“. „Was wir im Pro­fi­sport gelernt haben, das kön­nen wir auch auf den Brei­ten­sport über­tra­gen“, sag­te Schmidt. Der Unter­schied zwi­schen Pro­fis und Nicht-Berufs­sport­lern sei aller­dings der Fak­tor Zeit. „Wenn ein Pro­fi-Fuß­bal­ler sich die Nase bricht, dann bekommt er eine Mas­ke und kann drei Tage spä­ter schon wie­der auf dem Feld ste­hen“, beschreibt Schmidt bei­spiel­haft einen Prozess.

Ähn­lich erlebt es auch Ste­fan Wolt­ring, Ortho­pä­die­schuh­ma­cher-Meis­ter und Inha­ber von Motioncheck. Als Exper­te sei­nes Fach­ge­biets wer­den sei­ne Diens­te unter ande­rem in der 1. und 2. Fuß­ball-Bun­des­li­ga in Anspruch genom­men. Im Live-Talk berich­te­te er anschau­lich von Ver­sor­gungs­bei­spie­len aus der Pra­xis. „Bei Fuß­ball­schu­hen ist – im Gegen­satz zu Lauf­schu­hen — vor allem der gerin­ge Platz eine Her­aus­for­de­rung.“ So wur­de bei­spiels­wei­se einem Pro­fi-Kicker nach einer Tritt­ver­let­zung bin­nen kür­zes­ter Zeit ein Fuß­ball­schuh auf Maß geschnei­dert. „Da wur­den Stol­len abge­sägt und die Plas­tik­tei­le im Inne­ren ent­fernt, um Platz zu schaf­fen“, erin­nert sich Wolt­ring. Die Ver­sor­gung erfüllt ihren Zweck tadel­los, der Leis­tungs­trä­ger konn­te auflaufen.

Ingo Pfef­fer­korn, Geschäfts­lei­tung bei Ortho­pä­die-Tech­nik Schar­pen­berg und Mit­glied im Pro­gramm­ko­mi­tee der OTWorld, berich­te­te aus sei­nem Unter­neh­men vom Schick­sal einer Sport­le­rin, die von den Ereig­nis­sen der Welt­po­li­tik qua­si in sei­ne Geschäfts­räu­me „gespült“ wur­de. Die jun­ge Ukrai­ne­rin, die bei den Paralym­pi­schen Spie­len in Tokio im ver­gan­ge­nen Jahr die Sil­ber­me­dail­le im Roll­stuhlfech­ten errin­gen konn­te, floh nach dem Angriff Russ­lands bis nach Ros­tock. Dort erhielt sie eine gewünsch­te orthe­ti­sche Ver­sor­gung und eine – tem­po­rä­re – sport­li­che Hei­mat. „Wir haben in Ros­tock einen Ver­ein für Roll­stuhlfech­ten, so dass die jun­ge Frau wenigs­tens dort ihrem Sport nach­ge­hen kann“, berich­te­te Pfefferkorn.

Hilfs­mit­tel kön­nen bewie­se­ner­ma­ßen helfen

Vom OP-Tisch direkt an den Bild­schirm eil­te Dr. Thi­lo Hot­fiel vom Zen­trum für Mus­ku­los­ke­letta­le Chir­ur­gie (OZMC) des Kli­ni­kums Osna­brück. Der Ver­bands­arzt der Deut­schen Tri­ath­lon Uni­on (DTU) stieg aber ohne Umschwei­fe in die Talk­run­de ein und berei­cher­te die­se vor allem durch die medi­zi­ni­sche Per­spek­ti­ve. Bezo­gen auf die Ver­sor­gung mit Hilfs­mit­teln sag­te Hot­fiel: „Es gibt nicht das eine Hilfs­mit­tel für Sport­le­rin­nen und Sport­ler.“ Viel­mehr müs­se zunächst her­aus­ge­fun­den wer­den, was der Sport­trei­ben­de wirk­lich braucht. Wenn es bei­spiels­wei­se um Ver­let­zungs­prä­ven­ti­on geht, dann kön­ne man – je nach Sport­art – dank Stu­di­en schon ziem­lich genau sagen, dass zum Bei­spiel das Tra­gen einer Orthe­se das Ver­let­zungs­ri­si­ko mini­miert. Leis­tungs­stei­ge­rung, bes­se­re Bewe­gungs­öko­no­mie oder Rege­ne­ra­ti­on sind wei­te­re Fel­der, in denen Hilfs­mit­tel eine Rol­le spie­len kön­nen. Wich­tig sei, dass der Ath­let bzw. die Ath­le­tin im Mit­tel­punkt ste­he, damit – so Hot­fiel – die The­ra­pie­treue auch ein­ge­hal­ten wer­den kann. Dem stimm­te Ste­fan Wolt­ring zu: „Der Mensch gehört in den Mit­tel­punkt. Was kann er und was braucht er? Und: Er muss eine Begrün­dung bekommen.“

Mit dem Medi­zi­ner in der Run­de wur­de auch kurz die Welt des Sports ver­las­sen und über die Tech­ni­sche Ortho­pä­die gespro­chen. „In der Fach­arzt­aus­bil­dung muss die Tech­ni­sche Ortho­pä­die Teil wer­den“, warb Hot­fiel für eine Ver­än­de­rung der Rah­men­be­din­gun­gen zuguns­ten der TO. André Stöt­zer, in St. Gal­len tätig, berich­tig­te von der geleb­ten Pra­xis in der Schweiz. „Bei uns müs­sen die Medi­zi­ner in der Fach­arzt­aus­bil­dung eine Woche lang in die Werk­statt.“ Das frü­he Ken­nen­ler­nen von Ärzt:innen und Techniker:innen sei nur einer der vie­len Vor­tei­le die­ses Vor­ge­hens. Vor allem das bes­se­re Ver­ständ­nis für die tech­ni­sche Arbeit hin­ter der Ver­sor­gung sor­ge für eine bes­se­re Zusam­men­ar­beit. „Wir haben einen extrem gro­ßen Bedarf, des­halb darf es nicht den Inter­es­sier­ten über­las­sen wer­den“, unter­strich Hot­fiel sei­ne The­se noch­mals und berich­te­te aus sei­ner beruf­li­chen „Hei­mat“ im Kli­ni­kum in Osna­brück, in dem es jede Woche eine Früh­wei­ter­bil­dung für Ärz­te gebe – auch zu den The­men der Tech­ni­schen Orthopädie.

Der Ort, an dem Mediziner:innen, Orthopädietechniker:innen, Orthopädieschuhtechniker:innen oder auch bei­spiels­wei­se Physiotherapeut:innen im Mai zusam­men­kom­men wer­den, ist die OTWorld. Alle Mit­glie­der der Talk­run­de wer­den in der einen oder ande­ren Funk­ti­on im Rah­men von Kon­gress und Mes­se vor Ort sein. Auf die Fra­ge von Micha­el Blatt, wie sich Dr. Hot­fiel als Medi­zi­ner auf einem Tech­ni­ker­kon­gress als „Gast“ füh­le, ant­wor­te­te die­ser: „Ich bin viel­leicht als Medi­zi­ner ‚Gast‘, aber ich füh­le mich hei­misch. Ich bin in einem OST-Betrieb auf­ge­wach­sen, ich ken­ne also die Gerü­che, Hand­grif­fe und Materialien.“

Defi­ni­tiv kein Gast, son­dern mit­ten­drin im Gesche­hen wird auch Ingo Pfef­fer­korn sein. Der Vor­sit­zen­de der Fort­bil­dungs­ver­ei­ni­gung für Ortho­pä­die­tech­nik (FOT) lenk­te noch ein­mal den Fokus auf die Sport­ver­sor­gung im Rah­men der OTWorld. Es wird 33 The­men zum Sport rund um Orthe­tik, Pro­the­tik, Medi­zin, Ein­la­gen und Schuh­ver­sor­gung geben. „Es ist eini­ges dabei, was sehr span­nend wird“, macht Pfef­fer­korn Lust auf Sport im Rah­men der OTWorld.

Hei­ko Cordes

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