„Die Systeme sind vielleicht verschieden, doch der Antrieb ist der gleiche: Wir wollen den Patienten durch eine qualitative Hilfsmittelversorgung ihre Lebensqualität sichern“, betonte DGIHV-Vorstandsvorsitzender Prof. Wolfram Mittelmeier bei der 9. Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für interprofessionelle Hilfsmittelversorgung in Salzburg. Unter dem Motto „Versorgung verbindet?! – Interprofessioneller Austausch zur Hilfsmittelversorgung in DACH“ diskutierten Expertinnen und Experten über Strukturen, aktuelle Herausforderungen und Perspektiven in der Versorgung.
Drei Länder, ähnliche Herausforderungen
Inwiefern unterscheiden sich die Systeme in Deutschland, Österreich und der Schweiz? Wo gibt es Parallelen, wo Unterschiede? Dieser Frage gingen die Referenten im ersten Themenblock nach. Für Deutschland ordneten Prof. Wolfram Mittelmeier und Alf Reuter, Präsident des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik (BIV-OT), die Rolle der Hilfsmittelversorgung ein und wiesen auf strukturelle Herausforderungen hin. Kernproblem sei nicht fehlende fachliche Expertise, sondern die fehlende organisatorische Übersetzung in verlässliche Prozesse, klare Zuständigkeiten und wirksame Übergänge. „Alle reden von Zusammenarbeit“, so Mittelmeier. „In der Praxis verhindern Zuständigkeitslogiken, Dokumentationsanforderungen und Vergütungsgrenzen oft genau diese Kooperation.“
Zentrale Unterschiede zum System in Österreich stellte Priv.-Doz. Dr. Franz Landauer, Orthopädietechnik-Meister und Facharzt für Orthopädie sowie Konsulent beim Dachverband der Sozialversicherungsträger, heraus – darunter insbesondere fehlende Aufzahlungsmöglichkeiten für Hilfsmittel. Prof. Wolfgang Mazal, emeritierter Professor für Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Wien, erläuterte anschließend die gesetzlichen Versorgungs- und Erstattungsansprüche für Hilfsmittel im österreichischen Gesundheitssystem.
Die Schweiz verfügt laut Sergio Stefanelli, Leiter der Technischen Orthopädie und Mitglied der Geschäftsführung der Balgrist Tec AG, über ein stark reguliertes System mit klarer Tarifstruktur und hohen Qualitätsanforderungen. Entscheidend für die Versorgungsqualität sei die strukturierte und wertschätzende Zusammenarbeit von Medizin, Orthopädie-Technik und weiteren Berufsgruppen.
Fachkräfte im Fokus
Ein weiterer Fokus lag auf dem Thema Fachkräftemangel. Vanessa Eick, Direktorin der Bundesfachschule für Orthopädie-Technik (Bufa) in Dortmund, hob die Bedeutung von unabhängiger, gemeinwohlorientierter Lehre hervor. Die Bufa qualifiziere Fachkräfte durch Aus‑, Fort- und Weiterbildungsangebote für rund 48.000 Beschäftigte in Deutschland und trage so wesentlich zur Qualitätssicherung der Hilfsmittelversorgung in Deutschland bei.
Für Olaf Gawron, Geschäftsführer der Eprotec GmbH und stellvertretender DGIHV-Vorstandsvorsitzender, hängt die Zukunft der Hilfsmittelversorgung maßgeblich von Fachkompetenz, strukturierten und digital unterstützten Versorgungsprozessen sowie einer systematischen Weitergabe von Erfahrungswissen ab. Angesichts von Fachkräftemangel und steigendem Kostendruck seien effizientere, teilweise automatisierte Abläufe und neue Formen der Wissensvermittlung erforderlich, um die Versorgungsqualität langfristig zu sichern.
Krisenfest durch Struktur und Planung
Die Tagung beleuchtete darüber hinaus auch die Rolle der Hilfsmittelversorgung in Krisen- und Kriegssituationen. Prof. Christoph Schulze, Vorstand des Universitätsinstituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU), wies darauf hin, dass aktuelle Konflikte zunehmend zu komplexen Verletzungsmustern führen, die langfristige Rehabilitation und orthopädietechnische Hilfsmittel erforderlich machen. Deutschland könnte als Hauptnachschublinie, Logistikzentrum und Zentrum der medizinischen Versorgungen fungieren, wenn etwa Polen und das Baltikum zu einem Hauptkampfgebiet würde. Voraussetzung dafür seien aber ausreichende Kapazitäten in Akutmedizin, Rehabilitation, Industrie und Orthopädie-Technik sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen militärischem und zivilem Gesundheitswesen. „Diese Voraussetzungen sind heute nicht gegeben”, betonte Schulze.
Aktuelle Entwicklungen aus militärmedizinischer Perspektive ordnete Brigadier Dr. Andreas Kaltenbacher, Abteilungsleiter der Abteilung Militärisches Gesundheitswesen und stellvertretender Heeressanitätschef im österreichischen Bundesministerium für Landesverteidigung (BMLV) ein. Er sieht Österreich nicht primär als Frontstaat, sollte es zum Kriegsfall in anderen Teilen Europas kommen. Doch die Versorgung von Verletzten aus anderen Ländern würde die Kapazitäten des Systems stark beanspruchen. Das gelte für die Erstversorgung bis hin zur Behandlung von Spätfolgen in der Rehabilitation. Schulze ergänzte, dass die rehabilitative Versorgung in Deutschland und Österreich grundsätzlich möglich sei, jedoch klare Strategien und koordinierte Vorbereitung erfordere.
Gemeinsam stärker
Die Diskussionen auf der Fachtagung machten deutlich: Die Hilfsmittelversorgung spielt eine Schlüsselrolle für Rehabilitation, ambulante Versorgung und die Resilienz der Gesundheitssysteme. Dabei hängt ihre Leistungsfähigkeit von funktionierenden Versorgungsstrukturen, qualifizierten Fachkräften und enger interprofessioneller Zusammenarbeit ab. „Der Austausch im DACH-Raum hat gezeigt, dass wir viele Herausforderungen teilen – von der Fachkräfteentwicklung bis zur Vorbereitung auf Krisenszenarien. Gerade deshalb ist der länderübergreifende Dialog wichtig, um die Hilfsmittelversorgung gemeinsam weiterzuentwickeln“, fasste Mittelmeier zusammen.
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