Digital X: Zwischen KI-Euphorie und Cyberrisiko

Schon bei der Anreise fällt die „feindliche“ Übernahme der Stadt Köln durch das bekannteste Bonner Unternehmen auf: Überall findet sich die Farbe Magenta wieder. Die rheinische Metropole war Anfang September erneut Schauplatz der Digital X, einer der größten Veranstaltungen Deutschlands, wenn es um das Thema Digitalisierung geht. In diesem Jahr setzten die Organisatoren vor allem zwei Schwerpunkte. Einerseits ging es um die Sicherheit im digitalen Raum und andererseits stand mit der Künstlichen Intelligenz das offensichtliche Trendthema Nummer eins ganz oben auf der Agenda. Mit der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Ex-Vizekanzler Robert Habeck und dem amtierenden bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder holte die Telekom gleich drei Top-Politiker auf die große Bühne am Rheinauhafen zwischen Olympia- und Schokoladenmuseum, um über Gesellschaft und Digitalisierung zu sprechen. Der Andrang war derart groß, dass vielen Teilnehmern nur ein Stehplatz oder der Livestream im benachbarten Essensbereich blieb, um das Programm zu verfolgen.
Doch nicht nur der Politikprominenz wurde eine Bühne geboten. In mehr als 120 Masterclasses vermittelten Expertinnen und Experten Wissen zur Cloudnutzung und Cloud-Sicherheit, zeigten, wie KI konkret in Unternehmen eingesetzt werden kann, oder brachten den Zuhörern die Grundlagen der Cybersicherheit näher. „Früher blieben uns erst vier Tage, um einen Angriff abzuwehren beziehungsweise zu bekämpfen, dann vier Stunden und nun sind wir bei vier Minuten angekommen“, erklärte beispielsweise ein Experte aus dem Cyber-Protect-Team der Telekom.
Auch die Funktionsweise eines Security Operations Centers (SOC) wurde erläutert – ebenso die Frage, für welche Unternehmen sich ein solches Zentrum eignet und wo Alternativen gefragt sind. Eine wichtige Rolle spielte in diesem Zusammenhang KI. Kriminelle nutzen die Technologie, um immer größere Angriffswellen auf die digitalen Infrastrukturen von Unternehmen und Verwaltungen zu starten. Phishing-Mails beispielsweise lassen sich mithilfe von KI nahezu unbegrenzt und in einer Geschwindigkeit versenden, die noch vor wenigen Monaten kaum denkbar gewesen wäre. Doch auch aufseiten der Verteidiger kommt KI zum Einsatz, um Angriffe schneller zu erkennen und Gegenmaßnahmen weitgehend automatisiert einzuleiten. Die zentrale Botschaft der Experten lautete dennoch: Ohne den Menschen funktioniert digitale Sicherheit nicht.
Neben dem inhaltlichen Programm präsentierte sich vom Start-up bis zum Weltmarktführer das Who’s who der digitalen Szene. Die Telekom teilte sich die Ausstellungsfläche mit Tech-Giganten wie Apple und Microsoft sowie Sicherheitsspezialisten wie Palo Alto. Die Aussteller kamen dabei nicht nur wegen der sommerlichen Temperaturen von rund 30 Grad ins Schwitzen: An den Ständen herrschte reger Betrieb, es wurde gefragt, getestet und diskutiert.
Wer sich einen schnellen Überblick über die Aussteller verschaffen wollte, konnte bei themenspezifischen Rundgängen in rund 45 Minuten einige der wichtigsten Unternehmen kennenlernen. Nach jedem kurzen „Pitch“ blieb Zeit für ein, zwei Fragen – eine Gelegenheit, die von den zahlreichen Teilnehmern rege genutzt wurde. Wem das nicht reichte, der kehrte anschließend zu einzelnen Ausstellern zurück, um die Gespräche zu vertiefen.
„Wir werden jetzt alles dafür tun, dass es KI für alle gibt“, sagte Telekom-Chef Tim Höttges in seinem Vortrag und formulierte damit zugleich den Anspruch des Bonner Unternehmens. KI dürfe nicht zum Privileg derjenigen werden, die über das meiste Kapital, die meisten Daten oder den besten Zugang verfügen. Dahinter steht ein ausgeprägter Technologieoptimismus: „KI ist für uns ein riesiges Geschenk.“ Gleichzeitig warnte Höttges vor Kontrollverlust, Sicherheitsrisiken und Abhängigkeiten. Während die USA und China massiv in KI investierten, sei die europäische Debatte zu stark von Skepsis, Sicherheitsbedürfnis und Zurückhaltung geprägt.
Heiko Cordes
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