Inter­dis­zi­pli­nä­res „Wis­sens-Update“ rund um Lymphologie

Bereits zum 10. Mal fand das Berliner Lymphologische Symposium unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. med. Anett Reißhauer statt. Rund 250 Teilnehmer:innen aus 19 Ländern hatten sich online eingeloggt und am Bildschirm die interessanten Vorträge verfolgt.

Eröff­net wur­de die Online-Ver­an­stal­tung mit dem Vor­trag von Prof. Dr. med. Etel­ka Föl­di, Föl­dik­li­nik Hin­ter­zar­ten, „Das kind­li­che Lymphö­dem – Dia­gnos­tik und The­ra­pie“. Prof. Dr. Föl­di erklär­te, dass das pri­mä­re, gene­tisch beding­te Lymphö­dem das häu­figs­te lym­pho­lo­gi­sche Krank­heits­bild im Kin­des­al­ter sei und zu Ver­än­de­run­gen im Gewe­be, wie z. B. Ver­här­tun­gen des Bin­de­ge­we­bes füh­re. Bezüg­lich der Kom­pres­si­ons­the­ra­pie bei Kin­dern soll­te beach­tet wer­den, dass nicht zu früh mit der Kom­pres­si­on begon­nen wer­den darf, dass Kin­der nicht den­sel­ben Kom­pres­si­ons­druck wie Erwach­se­ne ver­tra­gen wür­den. Zudem müs­se das Mate­ri­al der Kom­pres­si­ons­ver­sor­gung etwas wei­cher sein, da die Kin­der­haut – vor allem in den ers­ten Lebens­jah­ren – noch sehr emp­find­lich sei.

Im Anschluss dar­an stell­te Prof. Dr. med. Die­ter Blott­ner, Ber­lin, in sei­nem Bei­trag „Lympha­ti­sches Sys­tem: Ana­to­mie und Phy­sio­lo­gie“ die wich­tigs­ten Makro- und Mikro-Kreis­läu­fe des lympha­ti­schen Sys­tems vor. Auf den neus­ten Stand der bild­ge­ben­den Dia­gnos­tik (Teil I) brach­te Univ.-Prof. Dr. med. Tho­mas Fischer, Ber­lin, die Teilnehmer:innen. Dabei leg­te er den Fokus auf die Lymph­kno­ten­so­no­gra­phie. Er sprach über Mög­lich­kei­ten und Gren­zen des Ultra­schalls (US) bei der Lymph­kno­ten­dia­gnos­tik. Er pro­gnos­ti­zier­te, dass in Zukunft auch in der bild­ge­ben­den Dia­gnos­tik die Künst­li­che Intel­li­genz (KI) eine immer wich­ti­ge­re Rol­le spie­len wer­de. PD Dr. med. Claus C. Pie­per, Bonn, über­nahm dann den Teil II des Updates zur bild­ge­ben­den Dia­gnos­tik und gab einen Über­blick zu den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen ver­schie­de­ner Lymph­bild­ge­bungs­tech­ni­ken, ins­be­son­de­re der Magnetresonanztomographie.

Gene­tik – Lymphchirurgie

Ein­bli­cke in die Welt der Gene­tik prä­sen­tier­te Dr. rer. nat. Dr. med. René Häger­ling, Ber­lin. Sein Bei­trag „Die Gene­tik des pri­mä­ren Lymphö­dems – ein Über­blick über unse­re gegen­wär­ti­gen und zukünf­ti­gen Mög­lich­kei­ten“ gab einen Über­blick über die gene­ti­schen Ursa­chen von Lymphö­de­men. Priv. Doz. Dr. Chris­ti­an Tae­ger, Regens­burg, sprach danach über „Intra­ope­ra­ti­ve Fluo­res­zen­z­an­gio­gra­phie in der Lym­ph­chir­ur­gie, Ver­laufs­stu­die mit­tels 3D-Volu­metrie“. Er fokus­sier­te sich auf die mikro­chir­ur­gi­schen The­ra­pie­an­sät­ze des Lymphö­dems und ging auf die Lym­pho­ve­nö­sen Ana­s­to­mo­sen (LVA) und den frei­en vasku­la­ri­sier­ten Lymph­knot­en­trans­fer ein.

Prä­ven­ti­on des Lymphö­dems nach Tumor – Lymphö­dem im Kopf-Hals-Bereich

Prof. Dr. med. Mar­cus Lehn­hardt, Bochum, refe­rier­te zum The­ma „Prä­ven­ti­on des Lymphö­dems nach Tumor durch lym­pho-venö­se Ana­s­to­mo­sen“. Zusam­men mit sei­nem Team ist Prof. Lehn­hardt spe­zia­li­siert auf Weich­teil­sar­ko­me, die sel­ten und hete­ro­gen auf­tre­ten und die im Weich­ge­we­be – zu über 60 Pro­zent im Bereich des Ober­schen­kels – wach­sen. Nach Resek­ti­on sol­cher Sar­ko­me mit teils erheb­li­chen Volu­mi­na tre­te in 30 Pro­zent der Fäl­le ein Lymphö­dem auf, bei Resek­tio­nen im Bereich des Oberschenkels/der Leis­te sogar in über 53 Pro­zent. Um die Bil­dung von sekun­dä­ren Lymphö­de­men zu ver­mei­den, ergrei­fe das Team um Prof. Lehn­hardt pro­phy­lak­ti­sche Maß­nah­men. Dass ein Lymphö­dem im Kopf-Hals-Bereich nicht nur eine äußer­li­che Schwel­lung sei, son­dern häu­fig die Schwel­lung auch auf pha­ryn­gea­le Struk­tu­ren wir­ke und rele­van­te Pro­ble­me ver­ur­sa­chen kön­ne, berich­te­te anschlie­ßend Dr. med. Stef­fen Dom­me­rich, Ber­lin, in sei­nem Vor­trag „Lymphö­dem im Kopf-Hals-Bereich: Ursa­chen und Behand­lungs­mög­lich­kei­ten“. Zwar sei­en pri­mä­re Lymphö­de­me im Kopf-Hals-Bereich eher sel­ten, sekun­dä­re Lymphö­de­me spiel­ten aber vor allem nach Trau­men, Ope­ra­tio­nen und Tumo­ren eine Rolle.

Covid-Pan­de­mie – Fall­bei­spie­le aus der Ödem-Therapie

„Kli­ni­sches Netz­werk und The­ra­pie“ war The­ma des abschlie­ßen­den Round-Table-Gesprächs mit Simo­ne Zahn, Ödem-Pati­en­tin und Ver­tre­te­rin der Lymph­selbst­hil­fe e. V., Ban­da­gis­ten-Meis­te­rin Chris­ti­ne Hem­mann-Moll sowie den Medi­zi­nern Dr. med. Chris­ti­ne Schwedt­ke und Dr. med. Max Liebl aus der Cha­ri­té Ber­lin. Es mode­rier­te Dr. med. Anett Reiß­hau­er. Als Resü­mee des Round-Table-Gesprächs, bei dem vie­le Fra­gen der Teilnehmer:innen beant­wor­tet wur­den, plant Dr. Reiß­hau­er im Nach­gang eine Fort­bil­dungs- bzw. Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung spe­zi­ell für Ödem-Patient:innen im kom­men­den Jahr zu veranstalten.

 

Inter­view mit Dr. med. Anett Reißhauer

„Hemm­schwel­len wer­den abgebaut“

Neben einem attrak­ti­ven Pro­gramm zur Dia­gnos­tik und The­ra­pie bei Lymphö­dem-Erkran­kun­gen, Neu­em aus der Kom­pres­si­ons­the­ra­pie, vor­ge­tra­gen von Dr. Max Liebl, Ber­lin, gab es auch eine Geburts­tags­über­ra­schung: Refe­ren­ten aus den ver­gan­ge­nen Ver­an­stal­tun­gen schick­ten ihre Glück­wün­sche per Video­bot­schaft. Sehr zur Freu­de von der wis­sen­schaft­li­chen Lei­te­rin Dr. med. Anett Reiß­hau­er, die von Anfang an das Sym­po­si­um begleitet.

OT: Wel­ches war vor neun Jah­ren Ihre Inten­ti­on, sich für ein Sym­po­si­um mit der Fokus­sie­rung auf die Lym­pho­lo­gie einzusetzen?

Dr. med. Anett Reiß­hau­er: Die Lym­pho­lo­gie lag nahe, weil sie ein Schwer­punkt im Rah­men der Hoch­schul­am­bu­lanz unse­rer Kli­nik ist. Wir sehen im Jahr eine hohe Anzahl von Patient:innen mit Öde­mer­kran­kun­gen und bekom­men zudem jeden Tag Anfra­gen bun­des­weit von Ärzt:innen, Physiotherapeut:innen oder Betrof­fe­nen zu pro­ble­ma­ti­schen Fäl­len. Des­halb schien eine fach­über­grei­fen­de, mul­ti­dis­zi­pli­nä­re Fort­bil­dung aus unse­rer Sicht sinn­voll, bei der gebün­delt an einem Tag Infor­ma­tio­nen rund um das Krank­heits­bild „Lymphö­dem“ trans­por­tiert werden.

OT: Es war die 10. Ver­an­stal­tung: Was war das für Sie, die Sie von Anfang an dabei waren, für ein Gefühl? 

Dr. med. Reiß­hau­er: Auf der einen Sei­te ein sehr schö­nes Gefühl, aber auf der ande­ren Sei­te natür­lich für mich per­sön­lich ein biss­chen erschre­ckend, weil man plötz­lich merkt, wie schnell die Zeit ver­geht. Aber rück­bli­ckend hat mich beson­ders gefreut, dass von Jahr zu Jahr die Teil­neh­mer­zah­len gestie­gen sind. Selbst eine Pan­de­mie hat uns nicht aus­ge­bremst. Im Gegen­teil: Erst­mals im letz­ten Jahr haben wir eine rei­ne Online-Ver­an­stal­tung ange­bo­ten. Mit gro­ßer Teil­neh­mer­zahl und – was uns beson­ders gefreut hat – mit zahl­rei­chen Teilnehmer:innen aus ande­ren Län­dern. Das zeigt uns, wie wich­tig ein Aus­tausch bei die­ser zum Teil sel­te­nen Erkran­kung auch über Län­der­gren­zen und Berufs­grup­pen hin­weg ist. Und die gro­ße Nach­fra­ge auch in die­sem Jahr – mit über 250 Teilnehmer:innen – bestärkt uns dar­in wei­ter­zu­ma­chen. So viel Zuspruch hät­ten wir nicht, wenn das Kon­zept unse­rer Fort­bil­dung nicht so gut ankä­me. Die­ses kom­pri­mier­te Wis­sen an einem Tag, dafür müss­te man nor­ma­ler­wei­se vie­le ver­schie­de­ne Publi­ka­tio­nen lesen. Dank unse­res Haupt­spon­sors Juzo und des­sen hoch­pro­fes­sio­nel­ler Unter­stüt­zung bleibt die­se Tages­fort­bil­dung somit ein fes­ter Bestand­teil unse­res Veranstaltungskalenders.

OT: Was fällt Ihnen als Ers­tes ein, wenn Sie die zehn Sym­po­si­en Review pas­sie­ren las­sen? Haben die Inhal­te oder Ergeb­nis­se eine Ent­wick­lung durchlaufen?

Dr. med. Reiß­hau­er: Mir fällt als Ers­tes die brei­te Palet­te der unter­schied­li­chen The­men­schwer­punk­te ein: kon­ser­va­ti­ve The­ra­pie­op­tio­nen, ope­ra­ti­ve Behand­lung von Lymphö­de­men, Schnitt­stel­le Lip- und Lymphö­dem, dia­gnos­ti­sche Ver­fah­ren, inno­va­ti­ve Kom­pres­si­ons­the­ra­pien und ‑mate­ria­li­en und vie­les mehr. Uns ging es immer dar­um, wis­sen­schaft­li­che Arbeit mit Grund­la­gen der Ana­to­mie bzw. Ver­fah­rens­wei­sen sowie prak­ti­schen Anwen­dun­gen zu ver­bin­den. Die­ses Kon­zept ist bewusst mul­ti­dis­zi­pli­när und wur­de von uns in den Jah­ren sehr geför­dert. Es führt dazu, dass Hemm­schwel­len zwi­schen Therapeut:innen, Ärzt:innen und Patient:innen abge­baut wer­den. Auf die­se Wei­se kann die Kom­mu­ni­ka­ti­on berufs­grup­pen­über­grei­fend gestärkt werden.

OT: Stich­wort Selbst­ma­nage­ment in der Lymphö­dem­the­ra­pie – Die Live-Ver­sor­gung bzw. Fall­bei­spie­le waren und sind immer wie­der ein Pro­gramm­punkt in den Sym­po­si­en: Seit 2017 ist die­se als 5. The­ra­pie­säu­le der S2k-Leit­li­nie „Lymphö­dem“ ver­an­kert. Sehen Sie seit­dem eine Entwicklung/Veränderung?

Dr. med. Reiß­hau­er: Ich glau­be, von einer Ver­an­ke­rung in einer Leit­li­nie wer­den Patient:innen selbst nicht akti­ver, aber es stellt einen wich­ti­gen Bau­stein dar, inso­fern, als alle Fach­rich­tun­gen die­se Säu­le ver­stärkt bei den Patient:innen ein­for­dern kön­nen. Mit der Berück­sich­ti­gung in der Leit­li­nie wird auf die­sen Aspekt bei allen ein beson­de­res Augen­merk gelegt. Wir mer­ken an den ver­mehr­ten Nach­fra­gen, oft­mals von den Patient:innen selbst, dass sie Ver­ant­wor­tung mehr und mehr über­neh­men. Des­halb pla­nen wir ab dem kom­men­den Jahr eine sepa­ra­te Ver­an­stal­tung für Patient:innen, bei der sie zu Wort kom­men kön­nen und infor­miert werden.

OT: Ein For­schungs­preis „Inno­va­ti­ons­preis Lym­pho­lo­gie“ wur­de anläss­lich des 10. Geburts­tags aus­ge­ru­fen: Was hat es damit auf sich?

Dr. med. Reiß­hau­er: Uwe Schett­ler, Geschäfts­füh­rer Juli­us Zorn GmbH, eröff­ne­te die Mög­lich­keit, nun erst­mals den For­schungs­preis „Inno­va­ti­ons­preis Lym­pho­lo­gie“ aus­lo­ben zu kön­nen. Mit die­sem Preis sol­len all­ge­mein die For­schung und Ent­wick­lung auf dem Gebiet der Lym­pho­lo­gie unter­stützt werden.

OT: Wagen wir am Ende noch einen Blick in die Zukunft: Wel­che Vor­trä­ge könn­ten bei dem 30. Ber­li­ner Lym­pho­lo­gi­schen Sym­po­si­um auf der Agen­da ste­hen? Kom­pres­si­ons­strümp­fe aus dem 3D-Dru­cker und Ver­mes­sun­gen per Künst­li­cher Intelligenz? 

Dr. med. Reiß­hau­er: Ich den­ke, es ist gar nicht so unrea­lis­tisch, dass in Zukunft der Wunsch vie­ler Patient:innen und Behandler:innen erfüllt wer­den kann, dass es bei­spiels­wei­se einen Kom­pres­si­ons­strumpf geben wird, der den Druck anzei­gen kann oder mit dem man sogar den Druck von außen steu­ern kann. Was spricht gegen die Vor­stel­lung, dass irgend­wann, wenn ein 3D-Dru­cker bei uns in der Kli­nik steht, Patient:innen kom­men und mit 3D-gedruck­ten Kom­pres­si­ons­strümp­fen und pas­sen­den Gesichts­mas­ken gehen? Das folgt der heu­te schon spür­ba­ren Ent­wick­lung zu einer immer stär­ker gefor­der­ten Indi­vi­dua­li­sie­rung in der Medi­zin­tech­nik. Also war­um nicht?

Die Fra­gen stell­te Ire­ne Mechsner.

Das nächs­te Ber­li­ner Lym­pho­lo­gi­sche Sym­po­si­um fin­det am 30. Mai 2022 als hybri­de Ver­an­stal­tung statt.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zu den Ver­an­stal­tun­gen der Aka­de­mie.

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