„Auf­ge­ben ist kei­ne Opti­on für mich!“

Aufstehen, immer wieder aufstehen – nach mehr als 20 Operationen in den vergangenen 15 Jahren hat sich Sigrun Passelat ihren Alltag ständig aufs Neue zurückerobert – ist nach ihrer Oberschenkelamputation ins Leben zurückgelaufen, Kilometer für Kilometer. Mit kurzen Entfernungen hält sie sich dabei nicht auf: Die Langstrecke ist ihr Ziel. Zuletzt fünf Kilometer beim Graz-Marathon. Denn über ihre „Krankengeschichte“ will sich Sigrun Passelat nicht definieren (lassen), auch wenn diese erschreckend „beeindruckend“ ist.

Mit einem Trep­pen­sturz vor rund 15 Jah­ren begann die Kran­ken­hauso­dys­see der heu­te 50-Jäh­ri­gen. Die Fol­ge des Stur­zes waren zahl­rei­che Ope­ra­tio­nen. Der pas­sio­nier­ten Bad­min­ton­spie­le­rin und ambi­tio­nier­ten Hob­by­sport­le­rin wur­de schließ­lich das rech­te Bein ampu­tiert. Erst bis zum Knie, dann unter­halb der Hüf­te. Im Ver­lauf der Ein­grif­fe wur­de der Ober­schen­kel­kno­chen immer kür­zer. Nicht zuletzt ortho­pä­die­tech­nisch her­aus­for­dernd. Und ihre Ortho­pä­die­tech­ni­ker haben die Her­aus­for­de­rung ange­nom­men, wie im Gespräch deut­lich wird. Heu­te arbei­tet die gelern­te Erzie­he­rin als Moti­va­ti­ons­coach, wohnt mit ihrem Lebens­ge­fähr­ten in der Stei­er­mark in Öster­reich, läuft, schwimmt – und will dem­nächst mit dem Rad­fah­ren star­ten. Im Inter­view berich­tet Sig­run Pas­selat, was sie moti­viert, wel­che Rol­le ihr Ortho­pä­die­tech­ni­ker in ihrem Leben spielt und war­um sie ihre Pro­the­se nicht versteckt.

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OT: Frau Pas­selat, seit wann tra­gen Sie Ihre aktu­el­le Bein­pro­the­se und wie war der Weg bis dorthin?

Sig­run Pas­selat: Bei einem Trep­pen­sturz 2005 habe ich mir das rech­te Knie, Bän­der und Knor­pel, stark ver­letzt. Acht Jah­re spä­ter muss­te ein künst­li­ches Knie­ge­lenk ein­ge­setzt wer­den. Doch ein mul­ti­re­sis­ten­ter Keim – MRSA – infi­zier­te die Wun­de, es folg­ten meh­re­re Ope­ra­tio­nen. Ich woll­te unbe­dingt wie­der Sport trei­ben, doch das lag zunächst in wei­ter Fer­ne. Dann 2016 die Ent­schei­dung zur Ampu­ta­ti­on, mit einer Borg­gre­ve-Umkehr­plas­tik (dabei ersetzt das Fuß- das Knie­ge­lenk). Nach­dem dies schei­ter­te, weil mei­ne Kno­chen nicht zusam­men­wuch­sen, ver­kürz­ten wei­te­re Ampu­ta­tio­nen mein rech­tes Bein immer mehr – bis knapp unter die Hüf­te. Im Herbst 2018 bekam ich end­lich mei­ne Pro­the­se. Doch wie­der gab es Kom­pli­ka­tio­nen, auf­grund einer Kno­chen­krebs­dia­gno­se wur­de der Stumpf im Janu­ar 2019 erneut ope­riert. Jetzt ist der Ober­schen­kel­kno­chen nur noch sie­ben Zen­ti­me­ter lang. Des­halb muss­te ein neu­er Pro­the­sen­schaft gefer­tigt wer­den. Nach einer Inte­rims­lö­sung ab Mai 2019 erhielt ich dann mei­ne heu­ti­ge Ver­sor­gung. Ich tra­ge das Rheo Knee XC von Össur. Als Pro­the­sen­mo­del des Unter­neh­mens habe ich die Mög­lich­keit, unter­schied­li­che Pro­the­sen­fü­ße wie den Pro-Flex LP Align oder den Pro-Flex aus­zu­pro­bie­ren. Mein Stan­dard­fuß ist der Pro-Flex XC.

Nicht auf­ge­ben – „Stay strong“

OT: Wie haben Sie sich immer wie­der moti­viert weiterzumachen?

Pas­selat: Mei­ne Toch­ter und mein Sohn, heu­te 27 und 23 Jah­re alt, waren mei­ne wich­tigs­te Moti­va­ti­on wei­ter­zu­kämp­fen. Sie waren mein Antrieb, gera­de als ich nach der MRSA-Infek­ti­on auf der Inten­siv­sta­ti­on lag und es mir beson­ders dre­ckig ging. Doch es war eben­falls der Sport, der mir ins Leben zurück­ge­hol­fen hat. Denn Sport und Wett­kampf haben für mich schon immer eine gro­ße Rol­le gespielt – ob Bad­min­ton als Leis­tungs­sport in mei­ner Jugend, spä­ter Halb­ma­ra­thon. Ich woll­te es ein­fach schaf­fen, wie­der aktiv zu sein – und zu zei­gen, was mög­lich ist, auch mit einem sehr kur­zen Stumpf. Auf mei­nem rech­ten Unter­arm ist „Stay strong“ ein­tä­to­wiert. Ich will mei­ne Gren­zen über­win­den, nach Rück­schlä­gen immer wie­der auf­ste­hen. Auf­ge­ben ist kei­ne Opti­on für mich! Das möch­te ich eben­so ande­ren Ampu­tier­ten ver­mit­teln. Des­halb habe ich begon­nen, als Moti­va­ti­ons­coach zu arbeiten.

OT: Wie sieht Ihr Sport­pro­gramm aus?

Pas­selat: Zuerst habe ich inten­siv im Fit­ness­stu­dio trai­niert. Doch da bekam ich schnell mas­si­ve Stumpf­pro­ble­me durch star­ke Volu­men­schwan­kun­gen. Mein Ortho­pä­die­tech­ni­ker hat dann einen spe­zi­el­len Schaft kon­stru­iert, um dies aus­zu­glei­chen. Inzwi­schen steht bei mir das Lauf­trai­ning im Mit­tel­punkt, um bei Lang­stre­cken­läu­fen erfolg­reich ins Ziel zu kom­men. Dann habe ich Ende 2019 den Schwimm­sport ent­deckt – ein opti­ma­les, ergän­zen­des Ganz­kör­per­trai­ning für mich, das die Rumpf­sta­bi­li­tät för­dert. Eine Bade­pro­the­se nut­ze ich nicht. Mit mei­nem sehr kur­zen Ober­schen­kel­stumpf könn­te ich die Bewe­gun­gen nicht rich­tig aus­füh­ren. Ein Tri­ath­let aus Kiel, eben­falls ober­schen­kel­am­pu­tiert, hat mir über Social Media Tipps gege­ben und mir mei­nen ers­ten Tri­ath­lo­n­an­zug gespon­sert. So ein Anzug sta­bi­li­siert und gibt Auf­trieb im Was­ser, sofort haben sich mei­ne Zei­ten ver­bes­sert. Ich schwim­me Lang­stre­cke bis 1.500 Meter. Zuhau­se mache ich ein paar Übun­gen für den Stumpf, deh­ne zum Bei­spiel den Hüftbeuger.

OT: Wann war Ihr letz­ter gro­ßer Lauf?

Pas­selat: Den 5‑Ki­lo­me­ter-Run des vir­tu­el­len Graz-Mara­thons im Okto­ber 2020 habe ich zusam­men mit mei­nem Lebens­ge­fähr­ten absol­viert. Zuvor hat­te ich Ende August am Ruper­tus­ther­men-Lauf in Bad Rei­chen­hall teil­ge­nom­men. Ich war sehr stolz, den Nor­dic-Wal­king-Wett­be­werb – 6,75 Kilo­me­ter bei 35 Metern Höhen­un­ter­schied – über­haupt geschafft zu haben und nach 1:46:15 als Letz­te über die Ziel­li­nie zu kom­men. Weil mein Knie in Repa­ra­tur war, lief ich mit einer ein­fa­che­ren Ver­sor­gung. Nach einem Drit­tel der Stre­cke schmerz­te mein Stumpf und ich beschloss, den Rest ohne Pro­the­se auf den Unter­arm­geh­stüt­zen zu bestreiten.

Finan­zie­rung für eine Sportprothese

OT: Sie tra­gen kei­ne Sportprothese?

Pas­selat: Nein. Ich hat­te die­ses Jahr noch in Deutsch­land bei mei­ner gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung den Antrag auf Kos­ten­über­nah­me für eine Sport­pro­the­sen­ver­sor­gung gestellt. Er wur­de abge­lehnt mit der Begrün­dung, dass die För­de­rung des Frei­zeit- und Ver­eins­sports grund­sätz­lich nicht zu den Auf­ga­ben der Kran­ken­kas­sen bei der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung gehört. Ich benut­ze bei den Lang­stre­cken­läu­fen mein All­tags­mo­dell, das eigent­lich für sol­che Belas­tun­gen nicht aus­ge­legt ist. Mit der Teil­nah­me an Brei­ten­sport-Events möch­te ich auf die­ses Pro­blem akti­ver Men­schen mit Pro­the­se auf­merk­sam machen. Zudem samm­le ich über eine Crowd­fun­ding-Platt­form (Mög­lich­keit, online Geld­ge­ber für Pro­jek­te zu fin­den. Anmer­kung der Redak­ti­on) Geld, um eine Sport­pro­the­se zu finan­zie­ren – 15.000 Euro sind dafür nötig. Tes­ten durf­te ich ein sol­ches Spe­zi­al­mo­dell bereits.

OT: Wel­che sport­li­chen Zie­le haben Sie sich für die Zukunft gesteckt?

Pas­selat: Ich kom­bi­nie­re ja bereits Schwim­men und Lau­fen. Ich will mir noch ein Fahr­rad anschaf­fen. Immer­hin hat mein Pro­the­sen­knie eine Rad­fahr­erken­nung – und man kann hier kilo­me­ter­weit Fahr­rad fahren.

OT: Wie wich­tig ist Ihnen bei Ihren Vor­ha­ben die ortho­pä­die­tech­ni­sche Betreuung?

Pas­selat: Mein Ortho­pä­die­tech­ni­ker ist ein wesent­li­cher Teil mei­nes Lebens, er gehört dazu. Das Zwi­schen­mensch­li­che muss stim­men, sonst klappt die gan­ze Ver­sor­gung nicht. Wich­tig ist, dass er sich mit mei­nen Wün­schen aus­ein­an­der­setzt. Denn letz­ten Endes muss ja ich mit der Pro­the­se klar­kom­men. Des­halb habe ich das letz­te Wort. Bis­her hat das gut funk­tio­niert und wir haben an einem Strang gezo­gen. Ortho­pä­die­tech­nik­meis­ter Thamm vom Sani­täts­haus C. Beuthel (Wup­per­tal), der mich bis zu mei­nem Umzug nach Öster­reich im Som­mer 2020 betreu­te, sag­te immer: „Du bist die Anwen­de­rin, du weißt genau, was du willst – und das ist gut so.“ Im Sani­täts­haus hat­te ich sogar einen Job in der Ver­wal­tung gefun­den, war außer­dem Ansprech­part­ne­rin für Men­schen mit Ampu­ta­tio­nen, habe Vor­trä­ge vor Schul­klas­sen gehalten.

OT: Auf Fotos ist Ihre Pro­the­se auch im All­tag deut­lich zu sehen – zei­gen Sie Ihr „High­tech-Bein“ immer?

Pas­selat: Ich habe an all mei­nen Hosen das rech­te Bein abge­schnit­ten. Die Pro­the­se ist ein Teil von mir, ist mein neu­es Bein. War­um soll­te ich sie ver­ste­cken? Außer­dem funk­tio­niert sie bes­ser, wenn kein Hosen­bein bzw. kei­ne Schaum­kos­me­tik über­ge­zo­gen ist. Wenn ich Klei­der tra­ge, ist die Pro­the­se eben­falls zu sehen, ohne Kos­me­tik. Für beson­de­re Anläs­se habe ich zwei Schmuck­co­ver, die ich aber sel­ten ein­set­ze, weil sie mit 600 bis 800 Gramm recht schwer sind.

Die Fra­gen stell­te Cath­rin Günzel.

 

Her­aus­for­de­rung, die Spaß macht
Drei Fra­gen an Hol­ger Thamm, Ortho­pä­die­tech­nik­meis­ter im Wup­per­ta­ler Sani­täts­haus C. Beuthel, der die ortho­pä­die­tech­ni­sche Ver­sor­gung Sig­run Pas­selats bis zu ihrem Umzug im Som­mer 2020 ver­ant­wor­tet hat.OT: Wor­in lag die beson­de­re Her­aus­for­de­rung bei die­ser pro­the­ti­schen Versorgung?
Hol­ger Thamm: Durch die Ope­ra­tio­nen wur­de der Kno­chen immer kür­zer. Zudem waren die Stumpf­schwan­kun­gen gra­vie­rend. Eine Pro­the­se, die mor­gens gut pass­te, war abends zu weit oder zu eng. Das habe ich so noch nie erlebt. Sig­run hat ein Akti­vi­täts­ta­ge­buch geführt und auch ein­ge­tra­gen, was sie geges­sen hat. Doch wir konn­ten die Ursa­che nicht fin­den. Anfangs hat sie einen Liner mit Pin ver­wen­det, doch es zeig­te sich, dass der Stumpf mit dem Pin-Sys­tem nicht kom­pa­ti­bel war. Denn der Schaft wird nur zu einem Drit­tel vom Kno­chen geführt, der Rest ist mit Weich­tei­len auf­ge­füllt. Wir stell­ten dann ein Stan­dard­un­ter­druck­sys­tem ohne Liner her. Doch durch die Volu­men­schwan­kun­gen kam Luft in den Schaft. Er locker­te sich, sodass sie ihn ver­lo­ren hat bzw. neu anzie­hen muss­te.OT: Wel­che Lösung haben Sie gefunden?
Thamm: Eine Mischung aus Liner und Unter­druck. Den Unter­druck, um das Volu­men zu hal­ten, sowie eine Ver­län­ge­rung (Elon­ga­ti­on) und Pin, um die Pro­the­se vor Ver­lust zu sichern. Statt eines 40- oder 38- habe ich einen 34-er koni­schen trans­fe­mo­ra­len Liner gewählt. Alles dar­über zog Luft. Aber die­se spe­zi­el­le Kon­struk­ti­on scheint bes­ser zu funk­tio­nie­ren als die ande­ren Lösun­gen.OT: Was haben Sie aus der Arbeit mit Frau Pas­selat mitgenommen?
Thamm: Die Zusam­men­ar­beit mit Sig­run war her­aus­for­dernd, hat aber gro­ßen Spaß gemacht. Sie will zei­gen, was sie kann. Durch die geplan­ten Lau­fe­vents von Sig­run bzw. vor­ge­se­he­ne Foto-Shoo­tings blieb für nöti­ge Ände­run­gen an der Pro­the­se oft wenig Zeit. Sig­run war da sehr bestimmt – aber eben­falls sehr gedul­dig. Sie hat uns im posi­ti­ven Sinn unter Druck gesetzt.

Die Fra­gen stell­te Cath­rin Günzel.

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