Alter­na­ti­ve Mate­ria­li­en für die orthe­ti­sche Versorgung

F. Naumann
Die rheumatische Erkrankung der Hand führt zu mehr oder minder umfangreichem Funktionsverlust. In der Therapie ist der Funktionserhalt die wichtigste Aufgabe. Die orthetische Versorgung spielt dabei eine bedeutende Rolle. Mit individuell angefertigten Orthesen – unter Einsatz verschiedener alternativer Materialien – lassen sich im Vergleich zu den bisher oftmals verwendeten Niedrigtemperatur-Thermoplast-Materialien verbesserte Funktionen realisieren. Die Versorgung gelingt so dauerhaft haltbarer, gebrauchs- und funktionsfreundlicher sowie optisch ansprechender.

Ein­lei­tung

Der Begriff Rheu­ma umfasst zahl­rei­che Erschei­nungs­for­men, die sich stark von­ein­an­der unter­schei­den kön­nen. Unter den chro­nisch-ent­zünd­li­chen rheu­ma­ti­schen Erkran­kun­gen kommt die rheu­ma­to­ide Arthri­tis mit chro­ni­scher Ent­zün­dung der Gelenk­schleim­häu­te, Seh­nen­schei­den und Schleim­beu­teln welt­weit am häu­figs­ten vor.

Der Ver­lauf ist meist schub­wei­se vor­an­schrei­tend. Begin­nend mit schmerz­haf­ten Schwel­lun­gen, Erwär­mun­gen, Druck­emp­find­lich­keit und Bewe­gungs­ein­schrän­kung von Gelen­ken kann die rheu­ma­to­ide Arthri­tis bis zur völ­li­gen Zer­stö­rung von Seh­nen und Gelen­ken füh­ren. In der Regel sind Fin­ger- und Hand­ge­len­ke betrof­fen, oft­mals auch mit sym­me­tri­schem Befall.

Die rheu­ma­ti­sche Hand

Im Bereich der Hand kommt es bei rheu­ma­ti­schen Erkran­kun­gen zu Locke­run­gen des Kap­sel-Band­ap­pa­ra­tes, zur Zer­stö­rung von Seh­nen (Seh­nen­schwel­lun­gen, Seh­nen­ris­se) und Knor­pel bis hin zu Knochendestruktionen.

Die­ser Pro­zess der Seh­nen- und Gelenk­funk­ti­ons­stö­rung führt bei fort­schrei­ten­der Erkran­kung zu den typi­schen defor­mie­ren­den Ver­än­de­run­gen im Bereich der Hän­de mit ein­her­ge­hen­dem Funktionsverlust.

Die häu­figs­ten Defor­mi­tä­ten und Fehl­stel­lun­gen sind:

  • Ulnar­de­via­ti­on der Lang­fin­ger: Abdrif­ten der Fin­ger II‑V nach ulnar.
  • Schwa­nen­hals­de­for­mi­tät: Über­stre­ckung des Fin­gers im Fin­ger­mit­tel­ge­lenk (PIP), ver­bun­den mit einer Beu­gung im Fin­ger­end­glied (DIP).
  • Knopf­loch­de­for­mi­tät der Lang­fin­ger: Beu­ge­fehl­stel­lung im Fin­ger­mit­tel­ge­lenk (PIP), ver­bun­den mit einer Über­stre­ckung im Fin­ger­end­ge­lenk (DIP).
  • Knopf­loch­de­for­mi­tät des Dau­mens (90°/90°-Deformität): Beu­gung im Dau­men­grund­ge­lenk und Über­stre­ckung im Endgelenk.
  • Caput-ulnae-Syn­drom: Über­be­weg­lich­keit des Ulnar­köpf­chens durch Sub­lu­xa­ti­on und Abrut­schen der Hand­wur­zel nach ulnar.

The­ra­peu­ti­sche Zielsetzung

Die opti­ma­le The­ra­pie erfolgt in enger inter­dis­zi­pli­nä­rer Abstim­mung zwi­schen Arzt, Phy­sio- und Ergo­the­ra­peut sowie einem Ortho­pä­die-Tech­ni­ker. Das Team wird unter­stützt durch Sozi­al­diens­te und die Leis­tun­gen von Selbst­hil­fe­grup­pen und Orga­ni­sa­tio­nen, wie z. B. der Rheuma-Liga.

Dabei muss es das Ziel sein, wei­te­re dro­hen­de Funk­ti­ons­ver­lus­te abzu­wen­den, die ach­sen­ge­rech­te Posi­ti­on der betei­lig­ten Gelenk- und Kör­per­area­le zu sichern und damit die Selbst­stän­dig­keit des Betrof­fe­nen best­mög­lich auf­recht­zu­er­hal­ten. Das geschieht durch geziel­tes Trai­ning von Kom­pen­sa­ti­ons­me­cha­nis­men und beglei­ten­der orthe­ti­scher Ver­sor­gung. Die­se soll­te dabei mög­lichst früh­zei­tig in das inter­dis­zi­pli­nä­re Ver­sor­gungs­kon­zept des Betrof­fe­nen mit ein­be­zo­gen wer­den. Auf­ga­be der Orthe­se ist die Kor­rek­tur der Fehl­stel­lung und die Sta­bi­li­sie­rung der Gelen­ke in Ruhe wie auch in Bewe­gung. Gleich­zei­tig soll sie die Fin­ger­ge­lenk­be­weg­lich­keit erhal­ten und ver­bes­sern sowie Kon­trak­tu­ren und Atro­phien vor­beu­gen, Schutz bie­ten vor Über­deh­nung und Rup­tu­ren der Seh­nen sowie zur Schmerz­lin­de­rung beitragen.

Orthe­ti­sche Versorgung

Sowohl in der Phy­sio- und Ergo­the­ra­pie als auch in der Ortho­pä­die-Tech­nik ist der Ein­satz von Nied­rig­tem­pe­ra­tur-Ther­mo­plast-Mate­ria­li­en (NTT) Ver­sor­gungs­stan­dard. NTT-Mate­ria­li­en sind leicht und direkt auf dem betrof­fe­nen Kör­per­are­al anzu­for­men, unter­lie­gen aber im Gebrauch und in der Halt­bar­keit auf Dau­er den Vor­tei­len ande­rer Mate­ria­li­en. Die gerin­ge Sta­bi­li­tät und die ver­gleichs­wei­se wenig anspre­chen­de Optik des Mate­ri­als füh­ren dazu, dass die­se Orthe­sen nicht sel­ten nur nachts getra­gen wer­den. Den Betrof­fe­nen fehlt dar­auf­hin tags­über die not­wen­di­ge Unter­stüt­zung, z. B. beim Grei­fen und Hal­ten von Gegenständen.

Denkt man also über eine lang­fris­ti­ge Ver­sor­gung nach, kön­nen die Vor­tei­le alter­na­ti­ver Mate­ria­li­en ins­be­son­de­re bei Funk­ti­on und Akzep­tanz der Orthe­se überzeugen.

Für die in der Fol­ge beschrie­be­nen orthe­ti­schen Ver­sor­gungs­bei­spie­le kamen HTV-Sili­ko­ne, Ster­ling­sil­ber und eine Kobalt-Chrom-Legie­rung zum Einsatz.

Sili­kon

Die Vor­tei­le von Sili­kon sind hin­läng­lich bekannt, wenn es um Ver­träg­lich­keit, Com­pli­an­ce und Pfle­ge geht. Die mecha­ni­schen Eigen­schaf­ten füh­ren zu lan­ger Halt­bar­keit und hoher Reiß­fes­tig­keit auch bei nied­ri­ger Mate­ri­al­stär­ke. Die dem Mate­ri­al inhä­ren­te Rück­stellelas­ti­zi­tät gewähr­leis­tet dau­er­haft Form und Funk­ti­on der Orthese.

Indi­ziert ist der Ein­satz von Sili­ko­nen bei der Ver­sor­gung von Dege­ne­ra­tio­nen im Dau­men­end- und/oder Dau­men­sat­tel­ge­lenk (Abb. 1) sowie beim Caput-ulnae-Syn­drom mit dem Ziel der Sta­bi­li­sie­rung und gege­be­nen­falls Kor­rek­tur der betrof­fe­nen Gelenke.

Über die Posi­tio­nie­rung ver­schie­de­ner Sili­kon­här­ten wird hier par­ti­ell Sta­bi­li­tät erzeugt und ande­rer­seits Fle­xi­bi­li­tät zuge­las­sen, was in sen­si­blen Berei­chen und im Kan­ten­ver­lauf wei­te­re Ent­las­tung schafft (Abb. 2). Im Bereich der Hand spre­chen Feuch­tig­keits­re­sis­tenz, Was­ser­be­stän­dig­keit und hygie­ni­sche Vor­tei­le zusätz­lich für das Material.

Die Fer­ti­gung der Orthe­se erfolgt dabei indi­vi­du­ell nach Gips­maß­nah­me. Über das Gips­po­si­tiv­mo­dell wer­den kalan­drier­te Sili­kon­plat­ten gear­bei­tet, in die das Ver­schluss­sys­tem inte­griert wird.

Kobalt-Chrom-Legie­rung

Die hier bei der Ver­sor­gung einer Knopf­loch­de­for­mi­tät (Abb. 3) ver­wen­de­te Kobalt-Chrom-Legie­rung ist leicht, ver­schleiß­arm, kor­ro­diert nicht und ist bio­kom­pa­ti­bel. Der Orthe­sen­zu­schnitt kann sehr gut an das Ver­laufs­sta­di­um der rheu­ma­to­iden Arthri­tis ange­passt wer­den, um so eine leich­te und optisch anspre­chen­de Orthe­sen­ver­sor­gung (Abb. 4 u. 5) zu erhal­ten. Auf­ga­be dabei ist es, die Stre­ckung im Fin­ger­mit­tel­ge­lenk (PIP) zu ermög­li­chen und gleich­zei­tig eine Über­stre­ckung im Fin­ger­end­ge­lenk (DIP) zu ver­hin­dern (Abb. 6 u. 7). Im ver­ar­bei­te­ten Zustand ist das Mate­ri­al extrem form­sta­bil und kann daher nur limi­tiert nach­ver­formt wer­den. Je nach not­wen­di­gem Wir­kungs­grad bleibt das Gewicht der Orthe­se bei fili­gra­nem oder inten­si­vem Mate­ri­al­ein­satz im Tole­ranz­be­reich zu alter­na­ti­ven Kunststoffen.

Die Her­stel­lung erfolgt nach dem Prin­zip der ver­lo­re­nen Form auf der Basis einer pass­ge­rech­ten Pro­be­orthe­se aus NTT-Material.

Ster­ling­sil­ber

Ande­re Vor­tei­le bie­tet Sil­ber (Ster­ling­sil­ber) bei der Ver­sor­gung der Knopf­loch­de­for­mi­tät. Es ver­fügt als haut­freund­li­ches Metall mit sei­ner anti­bak­te­ri­el­len Eigen­schaft eben­falls über hohe Form­be­stän­dig­keit, kann aber jeder­zeit nach­ver­formt werden.

Schwa­nen­hals­de­for­mi­tät

Vom Vor­teil der Nach­ver­form­bar­keit pro­fi­tiert auch die Ver­sor­gung bei Schwa­nen­hals­de­for­mi­tät. Hier tra­gen Rin­ge zum Erhalt der Beu­ge- und Greif­funk­ti­on durch Kor­rek­tur der Beu­ge­fehl­stel­lung im Fin­ger­mit­tel­ge­lenk (PIP) bei (Abb. 8 u. 9). Sie ermög­li­chen dabei gleich­zei­tig die Stre­ckung des Fin­ger­end­ge­lenks (DIP). Üblich ist hier bis­her neben NTT-Mate­ria­li­en auch der Ein­satz vor­ge­fer­tig­ter Edel­stahl­rin­ge, soge­nann­ter Mur­phy-Rin­ge. Die­se sind gegen­über NTT bereits deut­lich sta­bi­ler, sit­zen aber durch ihre stan­dar­di­sier­ten Ring­grö­ßen sel­ten pass­form­ge­recht und kön­nen nicht indi­vi­du­ell nach­ge­formt wer­den. Zudem kön­nen in der Indi­vi­du­al­an­fer­ti­gung zusätz­lich medi­al und late­ral Ele­men­te im Gelenk­be­reich mit sta­bi­li­sie­ren­der sowie kor­ri­gie­ren­der Funk­ti­on ange­bracht wer­den. Die Rin­ge wer­den aus Sil­ber­draht und nach dem Prin­zip der ver­lo­re­nen Form gefertigt.

Schnapp­fin­ger

Die Ver­sor­gun­gen für den Schnapp­fin­ger (Abb. 10 bis 13) und die Ulnar­de­via­ti­on des Klein­fin­gers (Abb. 14 u. 15) sind wei­te­re Bei­spie­le für ein brei­tes Spek­trum an Ver­sor­gungs­mög­lich­kei­ten. Eine Antiu­l­nar­de­via­ti­ons­orthe­se (Abb. 16 u. 17) dient der achs­ge­rech­ten Kor­rek­tur und Füh­rung der Lang­fin­ger bei gleich­zei­ti­ger Berück­sich­ti­gung der unein­ge­schränk­ten Greifbewegung.

Die Ver­wen­dung von Sil­ber und Kobalt-Chrom birgt einen wei­te­ren Vor­teil: Ortho­pä­die-Tech­ni­ker imi­tie­ren dabei eine Schmuck-Optik, was aus Erfah­rung wesent­lich zur bes­se­ren Akzep­tanz und der erhöh­ten Tra­ge­dau­er der Orthe­se bei­trägt. Je nach Geschick kann man die­se Optik hand­werk­lich ver­fei­nern und individualisieren.

Der ver­gleichs­wei­se über­durch­schnitt­li­chen Gebrauchs­dau­er ste­hen die anfangs höhe­ren Kos­ten in der Her­stel­lung gegen­über. Nach bis­he­ri­ger Erfah­rung folgt der Kos­ten­trä­ger der Argu­men­ta­ti­on, dass sich die Auf­wen­dun­gen auf­grund der deut­lich län­ge­ren Gebrauchs­zeit schnell amortisieren.

Fazit

Die Ver­sor­gung der rheu­ma­tisch beding­ten Ver­än­de­run­gen an der Hand soll­te in der Regel indi­vi­du­ell ange­fer­tigt wer­den. Dabei lohnt es sich, über das zu ver­wen­den­de Mate­ri­al nach­zu­den­ken, um die Funk­ti­on, Lang­le­big­keit und Com­pli­an­ce der Orthe­se zu verbessern.

Bei den vor­ge­stell­ten Ver­sor­gun­gen mag der Auf­wand höher und spe­zi­el­ler sein, aber die Halt­bar­keit, der indi­vi­du­el­le Nut­zen und die hohe Akzep­tanz für den Pati­en­ten wie­gen das auf. Für den erfolg­rei­chen Ein­satz von Sili­kon und Metal­len auf die­sem Gebiet bedarf es eini­ger Erfah­rung und einen gewis­sen Umfang an spe­zi­el­len Werk­zeu­gen und Aus­rüs­tung, in jedem Fall aber eine Affi­ni­tät zu fein­me­cha­nisch-hand­werk­li­cher Arbeit.

Der Autor:
Frank Nau­mann
Ortho­vi­tal GmbH
Mag­de­bor­ner Stra­ße 19
04416 Mark­klee­berg
naumann@ortho-vital.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/Reviewed paper

Wei­ter­füh­ren­de Literatur:

[1] Asso­zia­ti­on für ortho­pä­di­sche Rheu­ma­to­lo­gie (ARO) (Hrsg.). Rheu­maor­tho­pä­die. Darm­stadt: Stein­kopff, 2005

[2] Koes­ling C, Bol­lin­ger Herz­ka T. Ergo­the­ra­pie in Ortho­pä­die, Trau­ma­to­lo­gie und Rheu­ma­to­lo­gie. Stutt­gart: Thie­me, 2008

[3] Mieh­le W. Rheu­ma­to­lo­gie in Pra­xis und Kli­nik. Stutt­gart: Thie­me, 2000

[4] Schrö­der B. Hand­the­ra­pie. Stutt­gart: Thie­me, 2007 

 

Zita­ti­on
Nau­mann F. Alter­na­ti­ve Mate­ria­li­en für die orthe­ti­sche Ver­sor­gung. Ortho­pä­die Tech­nik, 2013; 64 (9): 60–63
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