Bio­me­cha­ni­sche Inter­ven­ti­on im Rah­men des Coxarthrose­managements: die Rol­le ent­lastender Orthesen

A. Schulz, J. Rogoschin
Im Vergleich zur Gonarthrose nehmen Empfehlungen zu entlastenden Hilfsmitteln im Coxarthrosemanagement nur einen geringen Stellenwert ein; ebenso ist die Studienlage zu biomechanischen Interventionen der Hüfte begrenzt. Dennoch weisen klinische und biomechanische Ergebnisse darauf hin, dass Patienten von Hüftorthesen profitieren.

Es stellt sich die Fra­ge, in wel­cher Form Orthe­sen adäquat in die bestehen­den Leit­li­ni­en zum Coxarthrose­management imple­men­tiert wer­den kön­nen. In die­sem Zusam­men­hang haben Exper­ten Emp­feh­lun­gen zur Ver­sor­gung typi­scher Coxar­thro­se­pa­ti­en­ten erar­bei­tet und die­se in drei Behand­lungs­sta­di­en (akut, sub­akut, chro­nisch) ein­ge­teilt. Zusätz­lich wur­de ein Pro­gramm ent­wi­ckelt, das eine Inte­gra­ti­on der Orthe­se in ein indi­vi­du­el­les Behand­lungs­kon­zept erlaubt.

Anzei­ge

Ein­lei­tung

Die Inzi­denz der Coxar­thro­se-Dia­­gno­sen in Kran­ken­häu­sern ist 2017 im Ver­gleich zum Jahr 2000 um 46,6 % auf 178.325 regis­trier­te Fäl­le pro Jahr gestie­gen. Ange­sichts der aktu­el­len sozio­de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung ist eine wei­te­re Pro­gres­si­on zu erwarten­ 1. Im Jahr 2015 wur­den 1.146 Ren­ten­zu­gän­ge pro 100.000 aktiv Ver­si­cher­te ver­zeich­net, die auf eine ver­min­der­te Erwerbs­fä­hig­keit durch ­Coxar­thro­se zurück­ge­hen, wobei über 80 % der endo­pro­the­tisch ver­sorg­ten Pati­en­ten zwi­schen 55 und 84 Jahre­ alt sind 23. Doch nicht nur die volks­wirt­schaft­li­che Bedeu­tung der Coxar­thro­se ist eine gesell­schaft­li­che Belas­tung, denn Schmer­zen, Bewe­gungs­ein­schrän­kun­gen und Funk­ti­ons­ein­bu­ßen im All­tag füh­ren zu ­einem enor­men Ver­lust an Lebens­qua­li­tät und erheb­li­chen per­sön­li­chen Ein­schrän­kun­gen 4.

Sowohl die natio­na­le S3-Leit­li­nie von DGOOC und BVO als auch inter­na­tio­na­le Leit­li­ni­en (z. B. der Ame­ri­can Aca­de­my of Orthopaedic­ Sur­ge­ons, AAOS) emp­feh­len zur Behand­lung der Coxar­thro­se einen mul­ti­moda­len The­ra­pie- und Ver­sor­gungs­an­satz. Die­ser ver­folgt das Ziel, Schmer­zen zu redu­zie­ren, Mobilität­ und Sta­bi­li­tät zu stei­gern und den Knor­pel­stoff­wech­sel posi­tiv zu beein­flus­sen 56. Eine Anpas­sung der inter­nen und exter­nen Belas­tung an die Belas­tungs­fä­hig­keit des Knor­pel­ge­we­bes und eine Ver­bes­se­rung der mus­ku­lä­ren Funk­ti­on schei­nen beson­ders ziel­füh­rend und erfolg­ver­spre­chend zu sein. Im Fokus des Hüftar­thro­se­ma­nage­ments steht die Reduk­ti­on der Sym­pto­me sowie die Stei­ge­rung der Akti­vi­tät und der Par­ti­zi­pa­ti­on, ein­her­ge­hend mit einer Ver­bes­se­rung der ­Lebens­qua­li­tät. Wesent­li­che Bau­stei­ne sind dabei Pati­en­ten­auf­klä­rung und medi­ka­men­tö­se The­ra­pie sowie Gewichts­nor­ma­li­sie­rung und Anpas­sung der Akti­vi­tät 7.

Im Ver­gleich zum Knie­ge­lenk haben orthe­ti­sche Hilfs­mit­tel­ver­sor­gun­gen und direk­te bio­me­cha­ni­sche Inter­ven­tio­nen am Hüft­ge­lenk einen weit­aus gerin­ge­ren Stel­len­wert in der leit­li­ni­en­emp­foh­le­nen Behand­lung 8. Zudem gehen 82 % aller Stu­di­en zur evi­denz­ba­sier­ten Arthro­s­e­the­ra­pie auf das Knie­ge­lenk zurück, wäh­rend sich ledig­lich 18 % mit der The­ra­pie ande­rer Gelen­ke beschäf­ti­gen 9.

Zur Behand­lung der Coxar­thro­se sind bio­me­cha­ni­sche Inter­ven­tio­nen wie die Las­tum­ver­tei­lung im Gelenk und eine dadurch beding­te Reduktion­ der auf die geschä­dig­ten Gelenk­zo­nen ein­wir­ken­den Kräf­te mit­tels orthe­ti­scher Ver­sor­gung indi­ziert. In der kli­ni­schen Pra­xis wei­sen Pati­en­ten bereits bei mil­der und mode­ra­ter Coxar­thro­se Schmer­zen, Mobi­li­täts­ver­än­de­run­gen und mus­ku­lä­re Kraft­de­fi­zi­te auf. Stär­ker betrof­fe­ne Pati­en­ten zei­gen deut­li­che Gang­bild­ver­än­de­run­gen mit z. B. dem Tren­delen­burg-Zei­chen 10. Bereits in frü­hen Coxar­thro­se­sta­di­en zeigen­ ­Pati­en­ten Abduktionseinschränkungen­ im betrof­fe­nen Hüft­ge­lenk, die auf eine durch die Hüftar­thro­se ver­ur­sach­te reflek­to­ri­sche Hyper­ak­ti­vi­tät der Hüft­adduktoren zurück­zu­füh­ren ist 11.­ Um ein auf­rech­tes Gang­bild gewähr­leis­ten zu kön­nen, ist der bedingte­ Kraft­auf­wand, den Pati­en­ten mit Cox­arthrose leis­ten müs­sen, um ein Viel­fa­ches höher als bei Nicht­be­trof­fe­nen. Das mus­ku­lä­re funktionelle­ Gleich­ge­wicht um das Hüft­ge­lenk ist häu­fig gestört. Durch die ver­kürz­te Hüft­ad­duk­to­ren­mus­ku­la­tur und die reflek­to­risch beding­te Ver­kür­zung des Abduk­to­ren­last­ar­mes kann es zu einem Cir­cu­lus vitio­sus mit erhöhten­ Gelenk­kom­pres­si­ons­kräf­ten im Hüft­ge­lenk kom­men. Genau hier ist der Ein­satz bio­me­cha­ni­scher Inter­ven­tio­nen in Form ­ent­las­ten­der bzw. last­umverteilender und gelenk­sta­bi­li­sie­ren­der Orthe­sen indi­ziert und wird aus­drück­lich emp­foh­len 12.

Bio­me­cha­ni­sche Inter­ven­tio­nen mit­tels Orthe­sen waren lan­ge Zeit auf­grund der Kom­ple­xi­tät der zu ver­sor­gen­den Struk­tu­ren nicht ver­füg­bar. Ziel einer dyna­mi­schen Last­umverteilung mit­tels Orthe­sen ist es, die Schwung­pha­se des betrof­fe­nen Bei­nes zur gewünsch­ten ent­las­ten­den Posi­tio­nie­rung des betrof­fe­nen ­Are­als zu nut­zen. In den letz­ten Jah­ren wur­den unter­schied­li­che Hilfsmittel­ zur bio­me­cha­ni­schen Intervention­ und Ver­sor­gung der Coxar­thro­se ent­wi­ckelt. So beschrie­ben Sato et al. (2012) funk­tio­nel­le Ver­bes­se­run­gen im ­Timed-up-and-go-Test durch den Ein­satz der „WISH-S-Type“-Hüftorthese 13. Eine wei­te­re Mög­lich­keit zur sta­bi­li­sie­ren­den und bio­me­cha­nisch ent­lastenden Inter­ven­ti­on ist die „Unloader-Hip“-Orthese der Fir­ma Össur. Bio­me­cha­ni­sche Unter­su­chun­gen und­ ers­te kli­ni­sche Ergeb­nis­se unter­stüt­zen den Ansatz des Unloader-Hip-Orthesenkonzeptes.

Im Fol­gen­den wird das Wirk­prin­zip sol­cher Orthe­sen bei der Indi­ka­ti­on „Coxar­thro­se“ beschrie­ben, bevor Emp­feh­lun­gen zur Imple­men­tie­rung in ein The­ra­pie­kon­zept zur kon­ser­va­ti­ven The­ra­pie der Coxar­thro­se gege­ben werden.

Basis für die ortho­pä­die­tech­ni­sche Ver­sor­gung von Pati­en­ten mit mil­der bis mode­ra­ter Coxar­thro­se ist die Ent­las­tung des betrof­fe­nen Gelenk­areals und die Sta­bi­li­sa­ti­on der Hüft-/Be­cken­re­gi­on. Eine bedarfs­ge­rech­te ­Limi­tie­rung der ROM in Extension/Flexion sowie von Rota­ti­on und Abduk­ti­on erlaubt eine ver­än­der­te Gelenk­po­si­tio­nie­rung des Hüft­kop­fes in der Gelenk­pfan­ne, ein­her­ge­hend mit einer Reduk­ti­on der Druck­be­las­tung der arthro­ti­schen Gelenkzone.

Über einen spe­zi­el­len Rota­ti­ons­kon­troll­gurt am Ober­schen­kel kann eine exter­ne Kraft auf­ge­baut wer­den, die eine indi­vi­du­el­le Posi­tio­nie­rung des Hüft­ge­len­kes in Abduk­ti­on und Außen­ro­ta­ti­on erlaubt. Die Gurt­span­nung wird bei der Orthe­se mit einem „SmartDosing“-System regu­liert und ermög­licht dem Pati­en­ten eine indi­vi­du­el­le, situa­ti­ons­ge­rech­te Gelenk­ent­las­tung mit der Mög­lich­keit zur Selbst­kon­trol­le. Zudem ruft das sakral anset­zen­de Fla­schen­zug­sys­tem eine deut­li­che adap­tier­te Kom­pres­si­on des Beckens her­vor und kann als exter­ner Sta­bi­li­sa­tor durch die Unter­stüt­zung der Abduk­to­ren­mus­ku­la­tur die resul­tie­ren­de Gelenk­kraft redu­zie­ren, was für die Pati­en­ten mit höhe­rer Sta­bi­li­tät und Sicher­heit ein­her­geht 14. Ergän­zend dazu wird eine Ver­bes­se­rung der Pro­prio­zep­ti­on dis­ku­tiert. Durch einen Orthe­sen­rah­men kann zudem eine Limi­tie­rung von Fle­xi­on und Exten­si­on erfol­gen, was in Pha­sen einer akti­vier­ten Arthro­se, Coxi­tis oder wei­te­ren Erkran­kun­gen, die einer zeit­wei­sen Ruhig­stel­lung in der Sagit­tal­ebe­ne bedür­fen, von the­ra­peu­ti­schem Nut­zen sein kann.

Im Rah­men einer bio­me­cha­ni­schen Stu­die konn­te bestä­tigt wer­den, dass durch den Ein­satz einer ­Orthe­se (Unloa­der Hip, Össur hf) das Adduk­ti­ons- und Innen­ro­ta­ti­ons­aus­maß wäh­rend der Stand­bein­pha­se ver­rin­gert und das inter­ne Abduk­ti­ons­mo­ment redu­ziert ist, wodurch die resul­tie­ren­de Gesamt­kraft ver­rin­gert und der Femur­kopf weni­ger belas­tet ist. Dies mach­te sich zusätz­lich bei der Mehr­heit der Pati­en­ten in Form einer Schmerz­re­duk­ti­on bemerk­bar 15.

Zusam­men­fas­send stellt sich die Fra­ge, in wel­cher Form ent­las­ten­de Orthe­sen adäquat in ein leit­li­ni­en­ge­rech­tes Coxar­thro­se­ma­nage­ment imple­men­tiert wer­den kön­nen, wodurch eine effi­zi­en­te und opti­ma­le Pati­en­ten­ver­sor­gung erreicht wer­den kann. Dar­über hin­aus ist für einen opti­ma­len Behand­lungs­er­folg und eine unein­ge­schränk­te Pati­en­ten­com­pli­an­ce eine Inte­gra­ti­on der Orthe­se in den indi­vi­du­el­len Pati­en­ten­all­tag not­wen­dig. Aus die­sem Grun­de wurde­ ein inter­na­tio­na­les Exper­ten­tref­fen durch­ge­führt, um Emp­feh­lun­gen zum Ein­satz von Orthe­sen bei Pati­en­ten (> 55 Jah­re) mit mil­der bis ­mode­ra­ter Coxar­thro­se zur Behand­lung von Schmer­zen und Insta­bi­li­tät zu erar­bei­ten und anschlie­ßend zu konsentieren.

Mate­ri­al und Methoden

In Vor­be­rei­tung auf ein andert­halb­tä­gi­ges Exper­ten­mee­ting wur­de ein stan­dar­di­sier­ter Fra­ge­bo­gen an alle Teil­neh­mer, Mode­ra­to­ren und Refe­ren­ten ver­sen­det, um die aktu­el­len Stra­te­gien zu erfas­sen und zu ana­ly­sie­ren. Die Exper­ten­run­de bestand aus Arthro­se-Spe­zia­lis­ten aus den USA und Kana­da, dar­un­ter Mit­glie­der des OAR­SI-Gui­de­li­ne-Komi­tees und des AAOS-Gui­de­li­ne-Teams. Im Anschluss an das Exper­ten­mee­ting wur­den zwei Del­phi-Run­den digi­tal durch­ge­führt und ein Ergeb­nis konsentiert.

Als über­ge­ord­ne­te Fra­ge­stel­lung wur­de über die Imple­men­tie­rung einer­ hüft­ge­lenk­ent­las­ten­den Orthe­se als ergän­zen­de, optio­na­le Inter­ven­ti­on zu den aktu­ell vor­lie­gen­den Behand­lungs­emp­feh­lun­gen im Hüftar­thro­se­ma­nage­ment abge­stimmt. Als Dis­kus­si­ons­grund­la­ge für die Exper­ten und als Kon­sen­sus-Ziel diente­ zunächst die Defi­ni­ti­on einer Pati­en­ten­kli­en­tel und die Iden­ti­fi­zie­rung ­eines ent­spre­chen­den Therapieplans.

Zusätz­lich wur­de ein Step-by-Step-Orthe­sen-Akti­vi­täts­pro­gramm ent­wi­ckelt, um eine Inte­gra­ti­on der Orthe­se in den indi­vi­du­el­len Pati­en­ten­all­tag zu gewähr­leis­ten. Für einen hohen Behand­lungs­er­folg ist es bedeut­sam, die dyna­mi­schen Eigen­schaf­ten der Orthe­se, die eine Las­tum­ver­tei­lung in der Stand­bein­pha­se erlau­ben, aus­zu­nut­zen und somit geschä­dig­te Gelenk­zo­nen zu ent­las­ten. Die damit ein­her­ge­hen­de Schmerz­re­duk­ti­on und­ ­Sym­pto­ma­tik­ver­bes­se­rung ermög­licht eine­ Ver­bes­se­rung der kör­per­li­chen Akti­vi­tät und kann eine verbesserte­ pro­prio­zep­ti­ve Leis­tungs­fä­hig­keit der hüft­sta­bi­li­sie­ren­den Mus­ku­la­tur bewir­ken. Die stu­fen­wei­se Inte­gra­ti­on in den Pati­en­ten­all­tag kann so für eine erhöh­te Mobi­li­tät sor­gen und dem Pati­en­ten die Aus­füh­rung ein­ge­schränk­ter oder nicht mehr aus­führ­ba­rer Akti­vi­tä­ten erlauben.

Ergeb­nis­se

Coxar­thro­se führt zu aus­ge­präg­ten Mobi­li­täts- und Funk­ti­ons­ein­schrän­kun­gen sowie zu Ein­bu­ßen in der Lebens­qua­li­tät und der Par­ti­zi­pa­ti­on. Aktu­el­le Behand­lungs­leit­li­ni­en emp­feh­len all­ge­mei­ne Bau­stei­ne wie die Auf­klä­rung des Pati­en­ten bezüg­lich kör­per­li­cher Akti­vi­tät und Gewichts­ma­nage­ment sowie Phy­sio­the­ra­pie und eine geeig­ne­te medi­ka­men­tö­se The­ra­pie. Im Rah­men der nicht­ope­ra­ti­ven Behand­lung wer­den in geeig­ne­ten Fäl­len orthe­ti­sche Hilfs­mit­tel wie Geh­hil­fen und Schuh­zu­rich­tun­gen wie bei­spiels­wei­se Puf­fer­ab­sät­ze, die eine indi­rek­te Aus­wir­kung auf das Hüft­ge­lenk haben, angeraten.

Die Exper­ten die­ser Run­de haben nun Emp­feh­lun­gen zum Ein­satz einer direkt auf das Hüft­ge­lenk wir­ken­den Orthe­se defi­niert und einen The­ra­pie­plan für ver­schie­de­ne Pati­en­ten­ty­pen iden­ti­fi­ziert. Optimalen­ Behand­lungs­er­folg ver­spricht die Orthe­se im Sta­di­um einer leich­ten bis mode­ra­ten Coxar­thro­se. Den­noch soll­ten geeig­ne­te ­Pati­en­ten vor einer­ Orthe­sen­ver­sor­gung bei­spiels­wei­se über den ­soge­nann­ten Unloa­der Hip Brace Test (UHBT) detek­tiert wer­den. Die­se Unter­su­chung erlaubt eine Ein­schät­zung der erreich­ten Schmerz­re­duk­ti­on,­ der Ver­bes­se­rung des Sta­bi­li­täts­emp­fin­dens, der Com­pli­an­ce des Pati­en­ten und des Vor­teils einer Nut­zung im Hin­blick auf die Par­ti­zi­pa­ti­on. Der Test ermög­licht eine objek­ti­ve Ein­schät­zung des Orthesen­nutzens durch einen direk­ten Ver­gleich von Schmerz- und Sta­bi­li­täts­emp­fin­den mit bzw. ohne Orthe­se. Zudem wird der selbst­stän­di­ge Umgang mit der Orthe­se ­doku­men­tiert und die Com­pli­an­ce des Pati­en­ten abge­fragt. Der Orthe­sen­nut­zen wird deut­lich, wenn der Pati­ent wie­der in der Lage ist, Akti­vi­tä­ten aus­zu­füh­ren, die auf­grund von Schmerz oder einer Insta­bi­li­täts­pro­ble­ma­tik ein­ge­schränkt ­waren bzw. nicht mehr aus­ge­führt wer­den konnten.

Die Exper­ten emp­feh­len das Tra­gen der Orthe­se bei den gewohn­ten schmerz­pro­vo­zie­ren­den Akti­vi­tä­ten oder in Situa­tio­nen, die eine star­ke Sym­pto­ma­tik aus­lö­sen, und schluss­fol­ger­ten, dass ein opti­ma­ler Nut­zen durch die Kom­bi­na­ti­on der bestehen­den Leit­li­ni­en­emp­feh­lun­gen mit dem Ein­satz der inno­va­ti­ven Orthe­se erreicht wer­den kann, sofern die ärzt­li­che Vor­un­ter­su­chung kei­ne Kon­tra­in­di­ka­tio­nen bestä­ti­gen kann. Pati­en­ten mit Haut­er­kran­kun­gen, Neuro­pathien und vasku­lä­ren Stö­run­gen bedür­fen einer geson­der­ten ärzt­li­chen Nach­un­ter­su­chung und einer spe­zi­el­len Evaluierung.

Für ein ziel­ori­en­tier­tes, adäqua­tes Vor­ge­hen in der kon­ser­va­ti­ven The­ra­pie von Pati­en­ten mit mil­der bis ­mode­ra­ter Coxar­thro­se haben die Exper­ten sich auf Coxar­thro­se­pa­ti­en­ten mit einem Alter von mehr als 55 Jah­ren und mäßi­ger bis mode­ra­ter Cox­arthrose kon­zen­triert. Tabel­le 1 zeigt den erar­bei­te­ten Kon­sens zur Behand­lung der Coxar­thro­se bei Pati­en­ten mit ­einem ­Alter von über 55 Jahren.

Drei Pha­sen der Behand­lung wur­den iden­ti­fi­ziert und ent­spre­chen­de The­ra­pie­op­tio­nen zuge­ord­net: die aku­te Pha­se (0–6 Wochen), die sub­a­ku­te Pha­se (7–12 Wochen) sowie andau­ern­de Behand­lungs­op­tio­nen bei Coxar­thro­se (13–24 Wochen).

Zur bes­se­ren The­ra­pie­steue­rung wur­den die The­ra­pie­maß­nah­men in der sub­a­ku­ten Pha­se und der kon­ti­nu­ier­li­chen Pha­se wie folgt ein­ge­teilt, um den Behand­lungs­plan indi­vi­du­ell gestal­ten und mög­lichst vie­le Pati­en­ten­pro­fi­le abde­cken zu können:

  • in soge­nann­te Respon­der (Kri­te­ri­en: Ver­bes­se­rung der Akti­vi­tät und Reduk­ti­on der Schmer­zen gemäß dem indi­vi­du­ell defi­nier­ten The­ra­pie­ziel, z. B. Reduk­ti­on von Schmerz anhand NRS/VAS, Zunah­me der schmerz­frei­en Geh­stre­cke in Metern, Reduk­ti­on der Schmerz­me­di­ka­ti­on) sowie
  • in soge­nann­te Non-Respon­der (indi­vi­du­el­les The­ra­pie­ziel nicht erreicht, Anpas­sung der The­ra­pie bzw. erwei­ter­te Dia­gnos­tik erforderlich).

Vor­schlä­ge zu medi­ka­men­tö­sen Behand­lun­gen bedür­fen einer ein­ge­hen­den Ana­mne­se und Abklä­rung von Nebenerkrankungen.

Dar­über hin­aus wur­de in Bezug auf den Ein­satz ent­las­ten­der und sta­bi­li­sie­ren­der Orthe­sen im indi­vi­du­el­len Pati­en­ten­all­tag deut­scher Ortho­pä­den ein Step-by-Step-Orthe­sen-­Ak­tiv­pro­gramm defi­niert. Des­sen Ziel ist es, eine Schmerz­re­duk­ti­on und eine Sym­ptom­ver­bes­se­rung mit Stei­ge­rung der Mobi­li­tät und der Lebens­qua­li­tät zu errei­chen (Tab. 2). Das pha­sen­ad­ap­tier­te Kon­zept glie­dert sich dabei in fünf Akti­vi­täts­pha­sen, die eine pro­gres­si­ve Las­tum­ver­tei­lung und Sta­bi­li­sie­rung ermög­li­chen. Belas­tungs­dau­er und ‑inten­si­tät ermög­li­chen in der letz­ten Pha­se eine Adap­t­ati­on der Orthe­se an den beruf­li­chen und akti­vi­täts­spe­zi­fi­schen Alltag.

Dis­kus­si­on und Schlussfolgerung

Die Coxar­thro­se gehört zu den häu­figs­ten dege­ne­ra­ti­ven Gelenk­er­kran­kun­gen mit einem beson­de­ren medi­zi­ni­schen und gesell­schaft­li­chen Stel­len­wert. Basis für ein opti­ma­les Coxar­thro­se­ma­nage­ment ist laut der S3-Leit­li­nie „Coxar­thro­se“ der DGOU aus dem Jahr 2011 zunächst eine ­expli­zi­te Dia­gno­se­stel­lung mit adäqua­ter Ana­mne­se, Unter­su­chung und bild­ge­ben­den Verfahren.

In einem mul­ti­moda­len und inter­dis­zi­pli­nä­ren Coxarthrosemanage­ment setzt die Grund­la­gen­be­hand­lung einen Fokus auf Pati­en­ten­in­for­ma­ti­on und ‑edu­ka­ti­on sowie eine Anpas­sung der Akti­vi­tät und des ­Lebens­stils. ­Neben einer Gewichts­re­gu­lie­rung soll­ten auch die indi­vi­du­el­len Lebens­um­stän­de sowie psy­cho­so­zia­le Aspek­te berück­sich­tigt wer­den. Die Ver­wen­dung ora­ler Medikamente­ soll­te auf­grund mög­li­cher sys­te­mi­scher Neben­wir­kun­gen zwin­gend auf Kon­tra­in­di­ka­tio­nen geprüft und in der Anwen­dungs­dau­er limi­tiert wer­den. Eine kurz­fris­ti­ge Schmerz­lin­de­rung kann zwar über intra­ar­ti­ku­lä­re Injek­tio­nen erreicht wer­den, ist jedoch inner­halb einer lang­fris­ti­gen Behand­lung nur ein­ge­schränkt einsetzbar.

Im Ver­gleich zum Knie­ge­lenk sind bio­me­cha­ni­sche Inter­ven­tio­nen am Hüft­ge­lenk weit­aus weni­ger eva­lu­iert, was die gerin­ge­re Zahl publi­zier­ter Stu­di­en und Unter­su­chun­gen bestä­tigt. Den­noch wei­sen kli­ni­sche und bio­me­cha­ni­sche Ergeb­nis­se dar­auf hin, dass Pati­en­ten von einer ent­las­ten­den Hüft­orthe­se pro­fi­tie­ren: Die Las­tum­ver­tei­lung im Gelenk kann zu einer effi­zi­en­te­ren Sta­bi­li­sie­rung und Reduk­ti­on der Sym­pto­ma­tik wäh­rend Stand­ak­ti­vi­tä­ten und wäh­rend des Gehens füh­ren. Zunächst wird daher emp­foh­len, mit­tels eines stan­dar­di­sier­ten Test­ver­fah­rens den pas­sen­den Pati­en­ten zu detek­tie­ren, um einen Vor­teil durch den Ein­satz sta­bi­li­sie­ren­der und ent­las­ten­der Orthe­sen zu gene­rie­ren – denn wie auch bei der Gonar­thro­se han­delt es sich bei der Coxar­thro­se um eine chro­ni­sche Erkran­kung meist älte­rer Pati­en­ten, die auf­grund von Beglei­ter­kran­kun­gen wie KHK, gastro­in­tes­ti­na­len oder ­rena­len Erkran­kun­gen nicht dau­er­haft mit NSAR und Injek­tio­nen behan­delt wer­den kön­nen. Somit kön­nen die ver­füg­ba­ren ortho­pä­die­tech­ni­schen Lösun­gen eine sinn­vol­le Ergän­zung der The­ra­pie­op­tio­nen darstellen.

Im wei­te­ren Ver­lauf gilt es, die The­ra­pie im Rah­men des Coxarthrose­managements zu indi­vi­dua­li­sie­ren, den Pati­en­ten­be­dürf­nis­sen anzu­pas­sen und in kli­ni­schen Unter­su­chun­gen wei­ter zu validieren.

Für die Autoren:
Dr. med. Axel Schulz
Lei­ter Glo­bal Aca­de­my Össur, Eind­ho­ven (Nie­der­lan­de)
Pra­xis für Ortho­pä­die Lüdenscheid
Bren­schei­der Str. 71, 58515 Lüdenscheid
as@arthrosemanagement.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Schulz A., Rogo­schin J. Bio­me­cha­ni­sche Inter­ven­ti­on im Rah­men des Coxar­thro­se­ma­nage­ments: die Rol­le ent­las­ten­der Orthe­sen. Ortho­pä­die Tech­nik, 2019; 70 (7): 32–36

 

  1. Dia­gno­se­da­ten der Kran­ken­häu­ser ab 2000 (Eck­da­ten der voll­sta­tio­nä­ren Pati­en­ten und Pati­en­tin­nen). Glie­de­rungs­merk­ma­le: Jah­re, Behand­lungs-/Wohn­ort, ICD10. (Pri­mär­quel­le: Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt, Zweig­stel­le Bonn, Kran­ken­haus­sta­tis­tik — Dia­gno­se­da­ten der Pati­en­ten und Pati­en­tin­nen in Kran­ken­häu­sern). In www.gbe-bund.de. Abruf­da­tum: 19.03.2019
  2. Ren­ten­zu­gän­ge wegen ver­min­der­ter Erwerbs­fä­hig­keit in der Gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung im Lau­fe des Berichts­jah­res (Anzahl und je 100.000 aktiv Ver­si­cher­te). Glie­de­rungs­merk­ma­le: Jah­re, Regi­on, Zugangs­al­ter, Geschlecht, 1. Dia­gno­se (ICD-10). (Pri­mär­quel­le: Sta­tis­tik des Ren­ten­zu­gangs, Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung Bund). In www.gbe-bund.de. Abruf­da­tum: 19.03.2019.
  3. Endo­pro­the­sen­re­gis­ter Deutsch­land, Eine Initia­ti­ve der Deut­schen Gesell­schaft für Ortho­pä­die und Ortho­pä­di­sche Chir­ur­gie, Jah­res­be­richt 2017. Tabel­le 3: Alters- und Geschlechts­ver­tei­lung der Pati­en­ten für Hüfter­st­im­plan­ta­tio­nen in 2017, 14.
  4. Robert Koch-Insti­tut (Hrsg) (2013) Arthro­se. Gesund­heits­be­richt­erstat­tung des Bun­des. Heft 54. RKI, Berlin.
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