OTWorld setzt Schwerpunkt für den Nachwuchs

„Ausbildung“ gehört in diesem Jahr zu einem der Schwerpunktthemen des Weltkongresses. Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, den Blick der Branche gezielt auf dieses Thema zu lenken?
Vanessa Eick: Das ist eine Frage, die in keinem Handwerk einer großen Erklärung bedarf. Es gibt einfach einen großen Fachkräftemangel, und eine Möglichkeit, diesem konstruktiv zu begegnen, ist, die Fachkräfte selber auszubilden. Ich weiß, dass es Betriebe gibt, die den mit einer Ausbildung verbundenen Aufwand scheuen und vielleicht auch aufgrund von schlechten Erfahrungen keine Auszubildenden mehr haben. Ich finde diese Einstellung nicht nur schade, sondern grob fahrlässig. Natürlich birgt es Risiken, wenn ich als Betrieb in die Vorleistung gehe und einem zumeist recht jungen Menschen einen Ausbildungsplatz anbiete. Ich kann auch verstehen, dass die Bürokratie und vielleicht in Teilen die Einstellung einzelner Bewerberinnen und Bewerber herausfordernd sind. Auf der anderen Seite stehen die Chancen, einen neuen Mitarbeiter oder eine neue Mitarbeiterin zu gewinnen und so in die Zukunft des eigenen Betriebes, aber auch in die Zukunft der ganzen Branche zu investieren. Wer diese Chance nicht nutzt, darf sich nicht über einen Fachkräftemangel beschweren. Übrigens: Auch die Bufa ist auf der Suche nach einer beziehungsweise einem Auszubildenden im Bereich Büromanagement. Wir versuchen also mit gutem Beispiel voranzugehen.
Die Bufa gestaltet den Weltkongress aktiv mit. Was erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hier?
Wir haben zusammen mit dem Organisationsteam der OTWorld und der Fortbildungsvereinigung für Orthopädie-Technik (FOT) vier spannende Workshops entwickelt. Dabei geht es nicht „nur“ um die praxisnahe, konkrete Versorgung, zum Beispiel, was eine gute Orthese im Bereich der oberen Extremität ausmacht oder wie wichtig die genaue Analyse der Passform für eine Unterschenkelprothese ist, sondern auch um das Thema Teamarbeit. Die Zusammenarbeit in interdisziplinären Teams gehört zum Alltag in der Orthopädie-Technik, und eine gute Kommunikation ist hier das A und O. In diesem Workshop wird anhand eines Fallbeispiels trainiert, wie eine gemeinsame Entscheidungsfindung gelingen kann. Nicht zuletzt geht es dann noch in dem vierten Workshop um Fehler. Fehler passieren uns allen, auch natürlich in der Versorgung an den Patientinnen und Patienten. Ein kleiner Fehler kann eine große Wirkung haben und deswegen ist es unglaublich wichtig, mit einer guten Fehlerkultur und einem wachen Auge diese (kleinen) Fehler schnell zu erkennen und zu beheben. Der Workshop soll hier sensibilisieren und damit für den Alltag schulen.
Einige Workshops stehen auch auf dem Programm der Jugend-Akademie TO. Was macht diese Angebote besonders wertvoll für die jungen Fachkräfte der Branche?
Junge Fachkräfte in unserem Handwerk haben noch nicht so viele Jahre Erfahrung in der Versorgung. Viele von ihnen haben bisher vielleicht ausschließlich einen Betrieb kennengelernt und können damit manches noch nicht in einen größeren Kontext überführen. Der Austausch zwischen jüngeren Kolleginnen und Kollegen kann hier wirklich bereichernd sein. Zu sehen, dass andere vielleicht ähnliche Herausforderungen haben, der eine oder die andere aber schon Lösungen für manches Problem in petto hat, das ist nicht nur spannend, sondern auch hilfreich für den Alltag nach dem Kongress. Zudem ist die Sensibilisierung für gute Teamarbeit und eine konstruktive Fehlerkultur essenziell. Wer früh mit diesen Themen in Berührung kommt, kann nur profitieren.
Die Workshops werden zum Teil selbst von jungen Orthopädietechnik-Meisterinnen geleitet. Welchen Mehrwert sehen Sie darin – sowohl für die Referenten als auch für die Teilnehmer?
Ich finde die Idee, dass eher junge Meisterinnen und Meister ihr Wissen in diesem Rahmen weitergeben, sehr schön, weil dadurch gezeigt wird, dass Talent und handwerkliches Geschick nicht ausschließlich an eine lange berufliche Erfahrung geknüpft sein müssen. Ganz klar ist, dass mit den Berufsjahren und der Wiederholung von vielen Vorgängen eine gewisse Routine für die Qualität der Versorgung von Vorteil ist. Auf der anderen Seite lebt ein Handwerk auch von den neuen Impulsen, die die jüngeren Meisterinnen und Meister mitbringen können. Darüber hinaus wird so auch das vielleicht noch in manchen Köpfen vorherrschende Bild von einem älteren gesetzten Herrn als Meister etwas geradegerückt.
Die Bufa ist nicht nur im Kongress vertreten, sondern präsentiert sich neben weiteren Bildungseinrichtungen auch auf der Ausstellungsfläche „OTWorld.bildung + Forschung“. Was erhoffen Sie sich von der Präsenz auf der Messe?
Für die Bufa erhoffe ich mir eine größere Reichweite, mehr Bekanntheit, mehr gelebte Offenheit. Unsere Schule soll in der Branche und gerne darüber hinaus als Ort der Bildung, Forschung und Kompetenzentwicklung gesehen werden. Ich wünsche mir, dass die Bufa zur ersten Anlaufstelle wird, wenn sich junge wie erfahrene Menschen in unserem Handwerk weiterentwickeln möchten. Wir bieten nicht nur das Wissen, was es dafür benötigt, sondern haben auch das Netzwerk, über das wichtige Kontakte geknüpft werden können. Die Bufa ist mehr als „nur“ eine Meisterschule. Unser Studiengang, unsere Seminare, das alles spricht einen breiten Kreis von Menschen an und soll Lust machen, mit uns das Handwerk zu entdecken und auch mal über den Tellerrand zu schauen. Zusätzlich können wir die Gelegenheit nutzen, neben unserem Kerngebiet der Meisterschule unseren Studiengang und unser Institut für Messtechnik und Biomechanik (IMB) in den Fokus zu rücken. Hier haben wir in den vergangenen Monaten interessante Kooperationen schließen können und sind damit eine feste Bank in Sachen Forschung und Wissenschaft.
Erst im vergangenen Jahr haben Sie die Schulleitung der Bufa übernommen und sind damit neu in die Branche eingestiegen. Für Sie wird es also die erste OTWorld sein – wie fühlt es sich an, die Schule auf dieser internationalen Plattform zu vertreten?
Mit einem Wort: aufregend. Ich weiß nur ungefähr, was auf mich zukommen wird, aber ich freue mich sehr auf diese Tage in Leipzig und vor allem auf die vielen neuen Gesichter, Eindrücke und die besondere Atmosphäre.
Wie bereiten Sie sich auf den Besuch vor und was ist Ihre persönliche Zielsetzung auf der OTWorld?
Ich habe mich natürlich schon mit meinen Kolleginnen und Kollegen, die „alte Hasen“ auf der OTWorld sind, ausgetauscht und viele Fragen gestellt. Eine besondere Vorbereitung plane ich nicht – außer, dass ich definitiv bequeme Schuhe für die vier Tage mitnehmen muss.
Mein Ziel für die Bufa ist, dass möglichst viele Besucherinnen und Besucher den Weg zu unserem Stand finden, wir ins Gespräch kommen und zeigen können, wer die Bundesfachschule ist und was wir können und machen. Wir sind ein buntes Team und haben viele Angebote. Wenn wir damit vielen Menschen im Gedächtnis bleiben, haben wir viel erreicht.
Für mich persönlich wünsche ich mir, zwar so viel wie möglich aus der Zeit mitzunehmen, dabei aber nicht zu vergessen, dass manchmal die kleinen Begegnungen und kurzen Gespräche den größten Wert haben können. Es wird eine intensive Zeit, und die Vorfreude ist groß! Bei mir und in unserem Team!
Die Fragen stellte Pia Engelbrecht.
Vanessa Eick ist Direktorin der Bundesfachschule für Orthopädie-Technik (Bufa) in Dortmund. Zuvor hat sie die „Akademie für Pflegeberufe und Management“ in Wuppertal geleitet. Eick hat einen Masterabschluss in Sozialwissenschaften und Gesundheitsökonomie.
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