FachartikelPeer Review

Com­pli­ance in der Sko­lio­se-Kor­sett­ver­sor­gung – Ein­fluss­fak­to­ren und Her­aus­for­de­run­gen einer erfolg­rei­chen Therapie

L. Kemper
Eine erfolgreiche Therapie der adoleszenten idiopathischen Skoliose ist eng an die konsequente Tragedauer eines Korsetts gebunden. Dennoch zeigen Studien, dass die tatsächliche Tragedauer häufig unter der ärztlichen Empfehlung liegt. Der Artikel führt die relevantesten Einflussfaktoren auf, darunter körperliche Beschwerden, kosmetische Akzeptanz, soziale Unterstützung und Kommunikation zwischen den Therapiebeteiligten.

Ein­lei­tung

Sko­lio­se ist eine drei­di­men­sio­na­le Defor­mie­rung der Wir­bel­säu­le, die sich durch eine seit­li­che Abwei­chung von der Längs­ach­se sowie eine Rota­ti­on der Wir­bel­kör­per aus­zeich­net. Die­se Fehl­stel­lung kann zu sicht­ba­ren Ver­än­de­run­gen der Kör­per­hal­tung füh­ren und betrifft häu­fig Kin­der und Jugend­li­che wäh­rend ihrer Wachs­tums­pha­sen. In den meis­ten Fäl­len bleibt die genaue Ursa­che der Sko­lio­se unbe­kannt, man spricht von einer idio­pa­thi­schen Sko­lio­se. Es gibt jedoch auch For­men, die auf ange­bo­re­ne Fehl­bil­dun­gen, neu­ro­mus­ku­lä­re Erkran­kun­gen oder ande­re spe­zi­fi­sche Ursa­chen zurück­zu­füh­ren sind1.

Der Arti­kel bezieht sich auf die ado­les­zen­te idio­pa­thi­sche Sko­lio­se (AIS). Hier ist die Ursa­che unbe­kannt und die Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten sind im Alter zwi­schen 10 und 18 Jah­ren. Mäd­chen sind deut­lich häu­fi­ger betrof­fen als Jun­gen – das Ver­hält­nis beträgt zwi­schen 1,5:1 bis 3:1. Bei Krüm­mun­gen, die einen Cobb-Win­kel von grö­ßer als 40 Grad auf­wei­sen, ist das Ver­hält­nis sogar bei 7:12. Auf Grund des­sen wird im Fol­gen­den zur Sim­pli­fi­zie­rung der Begriff „Pati­en­tin­nen“ ver­wen­det und auf gen­der­neu­tra­le Spra­che ver­zich­tet, gemeint sind jedoch alle Betroffenen.

Die Dia­gno­se erfolgt in der Regel durch eine kli­ni­sche Unter­su­chung und wird mit­tels Rönt­gen­auf­nah­men bestä­tigt, auf denen der Krüm­mungs­win­kel der Wir­bel­säu­le (Cobb-Win­kel) gemes­sen wird. Die Behand­lung rich­tet sich nach dem Schwe­re­grad der Krüm­mung, dem Alter der Pati­en­tin und dem Fort­schrei­ten der Defor­mi­tät. Zu den the­ra­peu­ti­schen Optio­nen zäh­len Phy­sio­the­ra­pie, das Tra­gen eines Kor­setts und in schwe­ren Fäl­len ope­ra­ti­ve Ein­grif­fe3.

Die aktu­el­le S2k-Leit­li­nie sieht in der kon­ser­va­ti­ven Behand­lung zum einen die phy­sio­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung, zum ande­ren die Kor­sett­the­ra­pie ab einem Cobb-Win­kel von 25 Grad tho­ra­kal bzw. 20 Grad tho­ra­ko­lum­bal oder lum­bal vor. Vor­aus­set­zung für eine Kor­sett­the­ra­pie ist dar­über hin­aus ein ver­blei­ben­des Rest­wachs­tum4.

Com­pli­ance beschreibt die Bereit­schaft der Pati­en­tin­nen zur akti­ven Mit­wir­kung an den the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men. In dem Zusam­men­hang wird auch oft der Begriff Adhä­renz ver­wen­det. Die­ser Begriff beschreibt auch, dass das The­ra­pie­ziel gemein­sam mit den Pati­en­tin­nen abge­stimmt wird.

Die Com­pli­ance spielt eine ent­schei­den­de Rol­le für den Erfolg der kon­ser­va­ti­ven The­ra­pie bei idio­pa­thi­scher Sko­lio­se. Stu­di­en zei­gen, dass eine hohe Com­pli­ance eng mit posi­ti­ven Behand­lungs­er­geb­nis­sen ver­knüpft ist. So wur­de fest­ge­stellt, dass Pati­en­tin­nen mit einer Tra­ge­zeit von durch­schnitt­lich 20,3 Stun­den pro Tag eine Erfolgs­ra­te von 92,9 % auf­wie­sen, wäh­rend bei einer durch­schnitt­li­chen Tra­ge­zeit von 11,8 Stun­den pro Tag die Erfolgs­ra­te bei 72 % lag5.

Dies unter­streicht die Bedeu­tung der kon­se­quen­ten Nut­zung des Kor­setts, um eine Ver­schlech­te­rung der Krüm­mung zu ver­hin­dern und die Wirk­sam­keit der Behand­lung zu maxi­mie­ren. Denn im Gegen­satz zu ande­ren ortho­pä­die­tech­ni­schen Maß­nah­men ist bei der Kor­sett­the­ra­pie kein direk­tes Ergeb­nis sicht­bar. Es lie­gen sel­ten Rücken­schmer­zen vor, wel­che durch das Anle­gen der Kor­setts ver­schwin­den, und es kann nicht unmit­tel­bar kli­nisch belegt wer­den, dass eine Kor­rek­tur um x Grad erreicht wur­de. Eine Ver­bes­se­rung ist erst nach meh­re­ren Wochen Tra­ge­zeit in der Rönt­gen­kon­trol­le sichtbar.

Die the­ra­peu­ti­schen Zie­le bei der Kor­sett­the­ra­pie wer­den von dem behan­deln­den Arzt auf Grund­la­ge sei­ner Dia­gno­se defi­niert. Er emp­fiehlt in der kon­ser­va­ti­ven Sko­lio­se­the­ra­pie ab einem wie vor­ab defi­nier­ten Cobb-Win­kel das Tra­gen eines Kor­setts mit beglei­ten­der Phy­sio­the­ra­pie, um die Pro­gre­di­enz zu stop­pen und nach Mög­lich­keit die Krüm­mung zu kor­ri­gie­ren. Damit kön­nen spä­te­re Rücken­schmer­zen oder pul­mo­n­a­le Pro­ble­me ver­mie­den wer­den. Zudem soll die Rumpf­hal­tung opti­miert wer­den, um die Kos­me­tik zu ver­bes­sern6.

Neben der Rele­vanz der Com­pli­ance wer­den im Fol­gen­den die ver­schie­de­nen Ein­fluss­fak­to­ren auf unse­re Pati­en­tin­nen dar­ge­stellt, wel­che die Com­pli­ance ent­schei­dend beein­flus­sen kön­nen. Auf man­che Ein­fluss­fak­to­ren kön­nen Ortho­pä­die­tech­ni­ker ein­wir­ken, auf ande­re ist dies schwie­ri­ger. Zudem stellt sich die Fra­ge, ob es eine all­ge­mein­gül­ti­ge Vor­ge­hens­wei­se geben kann, um die Com­pli­ance zu erhöhen.

Tech­ni­sche Einflussfaktoren

Gera­de zu Beginn der The­ra­pie und bei Druck­an­pas­sung im Kor­sett kann es zu tem­po­rä­ren Haut­rei­zun­gen kom­men. Haut­ir­ri­ta­tio­nen, Druck­stel­len oder Schmer­zen kön­nen die Com­pli­ance ver­rin­gern. Eine regel­mä­ßi­ge Kon­trol­le und Anpas­sung des Kor­setts sind daher essen­zi­ell, um sol­che Beschwer­den zeit­nah zu mini­mie­ren7.

Folg­lich ist der Tra­ge­kom­fort ein wich­ti­ger Ein­fluss­fak­tor. Die bio­me­cha­ni­schen Wir­kungs­wei­sen soll­ten im Kor­sett­de­sign umge­setzt sein, um eine dem The­ra­pie­ziel ent­spre­chen­de Wir­kung zu erzie­len. Somit gehö­ren zum Kor­sett­de­sign auch der Kom­fort und die Kos­me­tik. Ein schlecht­sit­zen­des oder unkos­me­ti­sches Kor­sett kann die Bereit­schaft, das Kor­sett regel­mä­ßig und in der gewünsch­ten Stun­den­an­zahl zu tra­gen, redu­zie­ren. Eine indi­vi­du­el­le Anpas­sung des Kor­setts an die Kör­per­form der Pati­en­tin ist dem­nach unerlässlich.

Zu star­ke Druck­stel­len, har­te Kan­ten oder zu gro­ße Frei­räu­me müs­sen in der Anpro­be zwi­schen Pati­en­tin und Ortho­pä­die­tech­ni­ker bespro­chen und ange­passt wer­den. Eine Anpas­sung mit kor­rekt posi­tio­nier­ten Druck­zo­nen und not­wen­di­gen Frei­räu­men führt folg­lich dazu, eine gute Kor­rek­tur zu errei­chen. Kann dies zusätz­lich auf dem Rönt­gen­bild bestä­tigt wer­den, führt dies zur Moti­va­ti­on der Pati­en­tin und Stei­ge­rung der Com­pli­ance. Um die Wir­kung der The­ra­pie zu unter­strei­chen, soll­te die Pati­en­tin daher auf Ver­bes­se­run­gen hin­ge­wie­sen werden.

Bei einer nur gerin­gen Ver­bes­se­rung oder gar Ver­schlech­te­rung sinkt die Com­pli­ance hin­ge­gen. Jedoch kann die gerin­ge Ver­bes­se­rung bereits aus einer schlech­ten Com­pli­ance und damit ver­bun­de­nen gerin­gen Tra­ge­dau­er resultieren.

Ein wei­te­rer Ein­fluss­fak­tor ist die Mate­ri­al­aus­wahl. Als Stan­dard­ma­te­ri­al für ein Kor­sett wird Poly­ethy­len oder Poly­pro­py­len ver­wen­det. Die­se sind bio­kom­pa­ti­bel und wei­sen bei einer gerin­gen Wand­stär­ke eine hohe Sta­bi­li­tät auf. Zudem las­sen sich die­se Mate­ria­len ther­mo­plas­tisch ver­for­men, sodass nach­träg­li­che Anpas­sun­gen vor­ge­nom­men wer­den kön­nen. Neben ihren posi­ti­ven Eigen­schaf­ten haben die Mate­ria­li­en jedoch den Nach­teil, dass sie nicht atmungs­ak­tiv sind. Pati­en­tin­nen berich­ten von sehr hei­ßen Som­mer­ta­gen, an denen das Tra­gen des Kor­setts uner­träg­lich und daher nicht mög­lich sei.

Sozia­le Einflussfaktoren

An ers­ter Stel­le stellt die Fami­lie der jun­gen Pati­en­tin­nen einen wich­ti­gen Ein­fluss­fak­tor dar. Aus dem ortho­pä­die­tech­ni­schen All­tag lässt sich Fol­gen­des ablei­ten: Je jün­ger die Pati­en­tin­nen sind, des­to grö­ßer ist der Ein­fluss der Fami­lie. Die Eltern sind häu­fig das Sprach­rohr der Pati­en­tin und gestal­ten die The­ra­pie mit. Durch die enge Bin­dung der noch jun­gen Pati­en­tin zum Eltern­haus haben die Eltern noch gro­ßen Ein­fluss, die Tra­ge­zeit, die phy­sio­the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men und Kör­per­ver­än­de­run­gen zu über­wa­chen. Gleich­zei­tig soll­ten die Eltern bzw. die Fami­lie auch als größ­ter Moti­va­tor fun­gie­ren. Hier­bei ist es beson­ders wich­tig, dass die Eltern die The­ra­pie­zie­le ken­nen und verstehen.

Damit ein­her­ge­hend soll­ten alle The­ra­pie­maß­nah­men akzep­tiert wer­den. Ich erle­be immer wie­der Eltern­tei­le bei der Anpro­be, die dem Kor­sett nicht offen gegen­über­ste­hen und mit ihren nega­ti­ven Äuße­run­gen gro­ßen Ein­fluss auf die Ein­stel­lung des Kin­des neh­men. In den Äuße­run­gen wer­den Schmer­zen, Druck­stel­len oder Ein­schrän­kun­gen kre­iert, die in der Emp­fin­dung des Kin­des nicht existieren.

Zu den sozia­len Ein­fluss­fak­to­ren gehö­ren des Wei­te­ren auch Freund­schaf­ten. Gera­de im jugend­li­chen Alter möch­ten die Pati­en­tin­nen nicht alle Sor­gen und Pro­ble­me mit ihren Eltern tei­len. Die Unter­stüt­zung von Freun­din­nen und Freun­den ist daher sehr wichtig.

Sport­li­che Akti­vi­tä­ten mit Freun­den oder in Ver­ei­nen soll­ten in jedem Fall auf­recht­erhal­ten wer­den, damit die­se wich­ti­ge sozia­le Kom­po­nen­te nicht weg­fällt und die Jugend nor­mal durch­lebt wer­den kann. Zudem haben Stu­di­en gezeigt, dass Pati­en­tin­nen auf dem glei­chen Level kör­per­lich aktiv sein kön­nen wie gesun­de Jugend­li­che8.

In dem Zusam­men­hang soll­ten auch Reha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­men beach­tet wer­den. Neben den the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men, die vor Ort geleis­tet wer­den, schlie­ßen Pati­en­tin­nen auch Freund­schaf­ten mit ande­ren Betrof­fe­nen, die die glei­chen Sor­gen und Anlie­gen haben. Dank heu­ti­ger Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel las­sen sich die­se Freund­schaf­ten und Netz­wer­ke sehr gut pflegen.

Auch spielt die Schu­le eine wich­ti­ge Rol­le in der Sko­lio­se­the­ra­pie, da ein erheb­li­cher Teil der not­wen­di­gen bzw. mög­li­chen Tra­ge­zeit dort statt­fin­det. Jedoch berich­ten die Pati­en­tin­nen und Eltern sehr häu­fig, dass das Kor­sett in der Schu­le sel­ten bis gar nicht getra­gen wird. Als Haupt­grund wird hier häu­fig der feh­len­de Kom­fort beim lan­gen Sit­zen auf unbe­que­men Stüh­len genannt.

Neben die­sem Argu­ment lässt sich aber noch ein wei­te­res ver­mu­ten. Laut der PISA-Stu­die von 2024 gaben 21 % der befrag­ten 15-Jäh­ri­gen an, von Mob­bing betrof­fen zu sein9. Durch eine so gro­ße Zahl an Betrof­fe­nen kommt man zur Annah­me, dass die Angst der Jugend­li­chen, selbst gemobbt zu wer­den, real ist. Mit dem Kor­sett, wel­ches nicht immer unter der Klei­dung kaschiert wer­den kann und spä­tes­ten in der Umklei­de­ka­bi­ne beim Sport­un­ter­richt zum Vor­schein kommt, kann die Befürch­tung ent­ste­hen, „anders“ zu sein.

Neben den nega­ti­ven Ein­fluss­fak­to­ren birgt die Schu­le jedoch auch die Chan­ce, die Com­pli­ance posi­tiv zu beein­flus­sen. Wenn der Umgang mit dem Kor­sett als nor­mal dar­ge­stellt wird, Freun­de, Leh­rer und Mit­schü­ler ent­spre­chend auf­ge­klärt sind, den Nut­zen dahin­ter ver­ste­hen und das Kor­sett akzep­tie­ren, fällt die Selbst­ak­zep­tanz deut­lich höher aus.

Der Ein­fluss von sozia­len Medi­en auf die Com­pli­ance wird wis­sen­schaft­lich noch nicht bear­bei­tet, jedoch sind die­se bei den Kor­sett­trä­ge­rin­nen all­ge­gen­wär­tig. Bekannt ist, dass 97 % der 12- bis 19-Jäh­ri­gen täg­lich oder mehr­mals die Woche ein Smart­phone nut­zen10. Eine wei­te­re Stu­die aus dem Jahr 2024 dif­fe­ren­ziert noch genau­er in den Alters­klas­sen und stellt fest, dass bereits 10- bis 11-Jäh­ri­ge 51 Minu­ten täg­lich mit sozia­len Medi­en ver­brin­gen, 12- bis 13-Jäh­ri­ge 59 Minu­ten und 14- bis 15-Jäh­ri­ge 99 Minu­ten11. Dar­an lässt sich fest­stel­len, dass die Alters­klas­se der Sko­lio­se­pa­ti­en­tin­nen viel Zeit mit sozia­len Medi­en ver­bringt. Dar­über hin­aus zeigt eine wei­te­re Stu­die aus dem Jahr 2023, dass die sozia­len Medi­en das Selbst­wert­ge­fühl ver­rin­gern und eine schlech­te Stim­mung erzeugen[9] Irm­er AS. Asso­cia­ti­ons bet­ween youth’s dai­ly social media use and well-being are media­ted by upward com­pa­ri­sons. Com­mu­ni­ca­ti­ons Psy­cho­lo­gy, 2023; 1: 12. Die ver­mehr­te Dar­stel­lung eines ver­meint­li­chen Schön­heits- und Gesund­heits­ide­al sorgt nicht sel­ten für Neid und kann die Ableh­nung gegen­über Kor­set­ten erhö­hen. Auch die Angst vor nega­ti­ven Kom­men­ta­ren und Mob­bing im Inter­net schwingt hier­bei mit. Mehr als jeder zwei­te Jugend­li­che hat im direk­ten Umfeld bereits mit­be­kom­men, dass jemand per­sön­lich Opfer von Cyber­mob­bing wur­de12.

Stra­te­gien zur Ver­bes­se­rung der Compliance

Die Kom­mu­ni­ka­ti­on ist einer der wich­tigs­ten Bau­stei­ne, um Com­pli­ance zu ver­bes­sern – sie nimmt des­halb eine immer wich­ti­ge­re Rol­le in der Sko­lio­se­the­ra­pie ein. Pati­en­tin­nen wol­len infor­miert sein und bei der The­ra­pie mit­wir­ken13.

Doch nicht nur die Pati­en­tin muss die The­ra­pie ver­ste­hen, son­dern auch die Eltern. Daher soll­te ein regel­mä­ßi­ger Aus­tausch zwi­schen Eltern und Pati­en­tin mit dem Ortho­pä­die­tech­ni­ker oder Phy­sio­the­ra­peu­ten statt­fin­den. Alle müs­sen das glei­che The­ra­pie­ziel vor Augen haben, die glei­che Spra­che spre­chen und sich nach Mög­lich­keit unter­ein­an­der aus­tau­schen. Alle Betei­lig­ten haben dem­nach nicht nur Ein­fluss auf das eige­ne The­ra­pie­feld, son­dern auf die gesam­te The­ra­pie. Damit der The­ra­pie­nut­zen und die The­ra­pie­wich­tig­keit ver­stan­den wer­den und die Pati­en­tin offen über ihre Com­pli­ance und even­tu­el­le Beden­ken berich­tet, müs­sen sämt­li­che betei­lig­ten Per­so­nen gut und ehr­lich mit der Pati­en­tin und unter­ein­an­der kommunizieren.

Die Ortho­pä­die­tech­nik gilt hier­bei als wich­ti­ger Bau­stein, wel­cher zwi­schen den vie­len The­ra­pie­be­tei­lig­ten steht und häu­fig als zen­tra­ler Ansprech­part­ner und Pati­en­ten­ma­na­ger fun­giert. Vie­le auf­kom­men­de Fra­gen wer­den zunächst an den Tech­ni­ker her­an­ge­tra­gen, da die­ser bes­ser erreich­bar ist als bei­spiels­wei­se der behan­deln­de Arzt. Um die­ser Funk­ti­on gerecht zu wer­den, bedarf es viel Erfah­rung, die not­wen­di­ge Ernst­haf­tig­keit sowie ein funk­tio­nie­ren­des Netz­werk, um die Anlie­gen zu klä­ren oder die­se wei­ter­zu­ge­ben. Dies bedeu­tet, dass der Ortho­pä­die­tech­ni­ker nicht nur sei­ne Erfah­rung in der Model­lie­rung und Anfer­ti­gung der Orthe­se sam­meln muss, son­dern auch in der Art und Wei­se, wie mit der Pati­en­tin und den The­ra­pie­be­tei­lig­ten gespro­chen wer­den muss. Dies kann nur durch die prak­ti­sche Erfah­rung und eine nöti­ge Fall­zahl ent­wi­ckelt und erlernt werden.

Ein unab­ding­ba­rer Aspekt zur Ver­bes­se­rung der Com­pli­ance ist ein kor­rek­tes Kor­sett­de­sign. Die­ses resul­tiert aus defi­nier­ten Druck­zo­nen und den dazu­ge­hö­ri­gen Frei­räu­men. Da bei der Sko­lio­se die Wir­bel­säu­le in der Fron­tal- und Sagit­tal­ebe­ne bei gleich­zei­ti­ger Rota­ti­on ver­formt ist, müs­sen unbe­dingt alle Ele­men­te der Defor­ma­ti­on betrach­tet wer­den. Die­se müs­sen in der Anpro­be kon­trol­liert und gege­be­nen­falls am Modell nach­ge­ar­bei­tet wer­den, um die opti­ma­le Pass­form zu errei­chen. Auf die Wün­sche der Pati­en­tin­nen soll­te dabei nach Mög­lich­keit ein­ge­gan­gen wer­den. Des­halb erfor­dert der Kor­sett­bau auch hier viel Erfahrung.

Die tech­no­lo­gi­schen Mög­lich­kei­ten soll­ten außer­dem benannt wer­den. Seit lan­gem gibt es Wär­me­sen­so­ren, wel­che die Tra­ge­zeit auf­zeich­nen und dem Arzt oder dem Tech­ni­ker erlau­ben, die kon­kre­te Tra­ge­zeit zu erfas­sen. Dem ste­he ich eher kri­tisch gegen­über, da wir damit die Pati­en­tin kon­trol­lie­ren und dies zu Unmut und Trotz bei den Pati­en­tin­nen füh­ren kann. Jedoch gibt es mitt­ler­wei­le Apps, wel­che mit den Sen­so­ren kom­mu­ni­zie­ren und womit die Pati­en­tin­nen sich selbst über­prü­fen und auch mit ande­ren ver­glei­chen kön­nen. Bis­lang sind die Apps noch nicht aus­rei­chend funk­tio­nell und es feh­len nöti­ge Optio­nen zur Ein­stel­lung der Spra­che14. Aus­ge­reif­te Anwen­dun­gen in Kom­bi­na­ti­on mit den Wär­me­sen­so­ren könn­ten spie­le­risch zur Ziel­er­rei­chung bei­tra­gen. Auch wären hier der direk­te Aus­tausch zu ande­ren Betrof­fe­nen oder gar dem betreu­en­den Ortho­pä­die­tech­ni­ker denk­bar. Die zuge­las­se­nen The­ra­pie­be­tei­lig­ten könn­ten in Echt­zeit die Tra­ge­dau­er über­wa­chen und bereits vor dem nächs­ten Kon­troll­ter­min in Aus­tausch mit der Pati­en­tin gehen.

Im Rah­men der tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten soll­te erneut die Refe­renz zum Kor­sett­de­sign gezo­gen wer­den. Durch moder­ne Druck­ver­fah­ren und das Auf­kom­men von neu­en Mate­ria­li­en könn­te sich die Com­pli­ance stark ver­bes­sern. Dün­ne­re, leich­te­re oder atmungs­ak­ti­ve Mate­ria­len wür­den an oft benann­te Kri­tik­punk­te anknüpfen.

Sko­lio­se­pa­ti­en­tin­nen wer­den häu­fig in spe­zia­li­sier­ten Kli­ni­ken und spe­zia­li­sier­ten ortho­pä­die­tech­ni­schen Werk­stät­ten betreut. Lei­der fin­det hier kein aus­rei­chen­der Aus­tausch statt. Die Viel­zahl an Exper­ten, die sich täg­lich mit dem The­ma beschäf­ti­gen, hat wert­vol­le Erfah­run­gen gesam­melt. Wür­de hier ein Aus­tausch von Best-Prac­ti­ce‑, aber auch Worst-Prac­ti­ce-Bei­spie­len statt­fin­den, könn­ten Pati­en­tin­nen davon pro­fi­tie­ren. Im nächs­ten Schritt wäre es wün­schens­wert, die­se Ergeb­nis­se wis­sen­schaft­lich zu bele­gen, um all­ge­mein­gül­ti­ge Maß­nah­men zu fes­ti­gen und in die Leit­li­ni­en zu integrieren.

Fazit

Zusam­men­fas­send lässt sich fest­stel­len, dass die Com­pli­ance einen ent­schei­den­den Ein­fluss auf den The­ra­pie­er­folg in der kon­ser­va­ti­ven Kor­sett­the­ra­pie hat. Lei­der kann wis­sen­schaft­lich bis­lang nur ein­deu­tig belegt wer­den, dass die Com­pli­ance wich­tig ist, aber nicht, wie eine gute Com­pli­ance zu errei­chen ist. Jeder, der sich mit der Kor­sett­the­ra­pie beschäf­tigt, hat Erfah­run­gen gemacht, wie die Com­pli­ance posi­tiv wie nega­tiv beein­flusst wur­de. Lei­der sind die Erfah­run­gen nicht all­ge­mein gül­tig und von Pati­en­tin zu Pati­en­tin ver­schie­den. Ich bin der Mei­nung, dass es sich für die zukünf­ti­gen The­ra­pie­er­fol­ge loh­nen wür­de, sei­ne eige­nen Erfah­run­gen zu tei­len, um aus der Viel­zahl an Erkennt­nis­sen all­ge­mein­gül­ti­ge Maß­nah­men zu defi­nie­ren. Selbst durch schlech­te Erfah­run­gen kön­nen zukünf­ti­ge Feh­ler von uner­fah­re­nen Betei­lig­ten ver­hin­dert werden.

Da die all­ge­mei­ne Stu­di­en­la­ge in die­sem Fach­ge­biet wie geschil­det der­zeit nicht aus­rei­chend ist, herrscht ein Bedarf an neu­en Stu­di­en. Daher soll­ten sich Fach­ge­sell­schaf­ten und Exper­ten zusam­men­schlie­ßen, um neue Stu­di­en durch­zu­füh­ren. Ein gro­ßes Poten­ti­al ist ins­be­son­de­re bei den tech­no­lo­gi­schen Mög­lich­kei­ten zu sehen, die es noch zu betrach­ten und womög­lich noch zu ent­wi­ckeln gibt.

 

Der Autor:
Lukas Kem­per, OTM
Appel­rath Kem­per GmbH
Hah­nen­stra­ße 19
50667 Köln
l.kemper@appelrath-kemper.de 

 

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Kem­per L. Com­pli­ance in der Sko­lio­se-Kor­sett­ver­sor­gung – Ein­fluss­fak­to­ren und Her­aus­for­de­run­gen einer erfolg­rei­chen The­ra­pie. Ortho­pä­die Tech­nik, 2025; 76 (7): 62–65

 

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  10. Medi­en­päd­ago­gi­scher For­schungs­ver­bund Süd­west mpfs, JIM-Stu­die 2024. Jugend, Infor­ma­ti­on, Medi­en. Stutt­gart, 2024. https://mpfs.de/app/uploads/2024/11/JIM_2024_PDF_barrierearm.pdf (Zugriff am 16.04.2025)
  11. Win­ter­gerst R.: Kin­der- & Jugend­stu­die 2024. Ber­lin: Bit­kom 2024. https://www.bitkom.org/sites/main/files/2024–08/240806bitkom-chartskinderundjugend2024.pdf (Zugriff am 16.04.2025)
  12. SINUS-Jugend­for­schung. Ergeb­nis­se einer Reprä­sen­ta­tiv-Umfra­ge unter Jugend­li­chen 2023/2024. Hei­del­berg: Bar­mer, 2023 
  13. Fal­ler H. Pati­en­ten­ori­en­tier­te Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Arzt-Pati­ent-Bezie­hung. Bun­des­ge­sund­heits­blatt, 2012; 55: 1106–1112
  14. Cho HE. Mobi­le Apps to Impro­ve Brace-Wea­ring Com­pli­ance in Pati­ents with Idio­pa­thic Sco­lio­sis: A Qua­li­ty Ana­ly­sis, Func­tion­a­li­ty Review and Future Direc­tions. Jour­nal of Cli­ni­cal Medi­ci­ne, 2023; 12 (5): 1972 
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