FachartikelPeer Review

Pass­form­kon­trol­le bei Ober- und Unterschenkelprothesen

S. Wiedmann
Die Passformkontrolle bei Ober- und Unterschenkelprothesen stellt einen essenziellen Bestandteil der orthopädietechnischen Versorgung dar. Als Kernaufgabe im Alltag von Orthopädietechnikerinnen und Orthopädietechnikern ist die präzise Beurteilung und Anpassung der Prothesenpassform unverzichtbar, um eine optimale Funktionalität und einen hohen Tragekomfort für die Patientinnen und Patienten sicherzustellen. Dieser Prozess begleitet den gesamten Versorgungspfad – von der Erstversorgung über Anpassungen während der Interimsphase bis hin zu regelmäßigen Passformkontrollen im Lebensverlauf eines Anwenders. Eine strukturierte und objektive Methodik bildet zum einen die Grundlage für eine konsistente und nachvollziehbare Dokumentation sowie für eine gezielte Modifikation der Passform. Zum anderen ist sie auch unerlässlich für die transparente und nachvollziehbare Begründung unserer Arbeit gegenüber den Kostenträgern. Nur durch ein systematisches Vorgehen können Qualität und Passgenauigkeit der Versorgung gewährleistet und kontinuierlich verbessert werden. Dabei stehen sowohl allgemeine Anforderungen der Dokumentation und Analyse als auch spezifische Passformkriterien im Fokus, die sich je nach Niveau der Amputationshöhe unterscheiden. Der vorliegende Fachartikel widmet sich den wesentlichen Aspekten der Passformkontrolle. Im ersten Kapitel werden die allgemeinen Voraussetzungen beschrieben, die für eine systematische und reproduzierbare Vorgehensweise im Versorgungsverlauf erforderlich sind. Darauf aufbauend werden spezifische Passkriterien für Unterschenkel- und Oberschenkelprothesen detailliert erläutert. Ziel ist es, sowohl die theoretischen Grundlagen als auch die praktischen Anforderungen dieser zentralen Aufgabe in der Orthopädietechnik zu beleuchten und so zur Optimierung der Versorgung beizutragen. Selbstverständlich bilden die Praxisbeispiele lediglich einen kleinen Anteil einer vollumfänglichen Prothesenanpassung ab.

All­ge­mei­ne Vor­aus­set­zun­gen zur Passformkontrolle

Die Grund­la­ge für eine prä­zi­se Pass­form­kon­trol­le wird bereits in den ers­ten Schrit­ten der pro­the­ti­schen Ver­sor­gung gelegt, also beim Gips­ab­druck und der Maß­do­ku­men­ta­ti­on. Ein wesent­li­cher Aspekt dabei ist die Sicher­stel­lung der Repro­du­zier­bar­keit aller rele­van­ten Maße und Kon­troll­punk­te. Dies ist essen­zi­ell, um über einen län­ge­ren Zeit­raum kon­sis­ten­te Mes­sun­gen durch­füh­ren und Ände­run­gen am Stumpf sowie an der Pro­the­se nach­voll­zieh­bar doku­men­tie­ren zu können.

Die Maß­do­ku­men­ta­ti­on mit­hil­fe eines Maß­blat­tes erfolgt über die gesam­te Dau­er der Ver­sor­gung. Hier­zu wer­den in das Maß­blatt an zuvor gewähl­ten Punk­ten und in bestimm­ten Abstän­den die dort gemes­se­nen Wer­te ein­ge­tra­gen und so die Mess­wie­der­hol­bar­keit gewähr­leis­tet. Eben­so wich­tig ist die Repro­du­zier­bar­keit der Kon­troll­punk­te am Anwen­der, am Modell und spä­ter im Pro­the­sen­schaft. Die­se Ver­gleich­bar­keit bil­det die Grund­la­ge, um die Bezie­hung zwi­schen den Refe­renz­ma­ßen des Stump­fes und des Schaf­tes objek­tiv zu beur­tei­len. Ins­be­son­de­re bei der Bean­tra­gung einer Neu­ver­sor­gung auf­grund von Stumpf­ver­än­de­run­gen ermög­licht eine lang­fris­ti­ge Nach­voll­zieh­bar­keit der Ver­sor­gungs­his­to­rie und die Beschleu­ni­gung eines posi­ti­ven End­schei­dungs­pro­zes­ses zur Kos­ten­über­nah­me. Die Dar­stel­lung in tabel­la­ri­scher Form hat sich hier­für bewährt (Abb. 1).

Ein gro­ßes Augen­merk liegt bei der Maß­do­ku­men­ta­ti­on auf der Erfas­sung der Umfangs­ma­ße des Stump­fes. Selbst­ver­ständ­lich sind die­se Maße essen­zi­ell für das Erstel­len des Modells und die­nen als Refe­renz zur Ver­laufs­kon­trol­le von Stumpf­ver­än­de­run­gen. Beson­ders wich­tig ist es in die­sem Zusam­men­hang zu erwäh­nen, dass es sich bei Stumpf­um­fangs­ma­ßen ledig­lich um Hilfs­ma­ße zur Ver­gleich­bar­keit im Ver­lauf der Ver­sor­gung und als Refe­renz zum Modell han­delt. In der Beur­tei­lung der Pass­form und dar­aus resul­tie­ren­den Ände­run­gen am Pro­the­sen­schaft gilt es jedoch, im Pro­zess der Schaft­an­pas­sung in Liter-Volu­men zu denken.

Für eine voll­stän­di­ge und qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Doku­men­ta­ti­on ist es eben­so wich­tig, zusätz­li­che Para­me­ter wie das Datum, das Kör­per­ge­wicht und die Kör­per­grö­ße des Anwen­ders fest­zu­hal­ten. Die­se Anga­ben sind nicht nur für den Zeit­punkt der Erst­ver­sor­gung rele­vant, son­dern auch für die Bewer­tung von Ver­än­de­run­gen, bei­spiels­wei­se bei Gewichts­schwan­kun­gen durch Medi­ka­ti­on oder einer Ernäh­rungs­um­stel­lung. Indem Maße, Gewicht und Kör­per­grö­ße in Zusam­men­hang mit einem bestimm­ten Zeit­punkt doku­men­tiert wer­den, wird eine fun­dier­te Beur­tei­lung der Pass­form über den gesam­ten Ver­sor­gungs­ver­lauf möglich.

Die gewis­sen­haf­te Erfas­sung aller rele­van­ten Daten auf dem Maß­blatt schafft somit die Grund­la­ge für eine objek­ti­ve, repro­du­zier­ba­re und lang­fris­tig nach­voll­zieh­ba­re Doku­men­ta­ti­on als Basis für eine objek­ti­ve Passformkontrolle.

Grund­la­ge für die Pass­form­kon­trol­le ist die sys­te­ma­ti­sche und ganz­heit­li­che Ana­ly­se, die sowohl sub­jek­ti­ve Emp­fin­dun­gen des Anwen­ders als auch eine objek­ti­ve Ana­ly­se der Pati­en­ten­ma­ße wie bei­spiels­wei­se Stumpf­um­fangs­ma­ße und Kör­per­ge­wicht umfas­sen. Der direk­te Aus­tausch mit dem Pati­en­ten bei uns in der Anpro­be ist dabei unverzichtbar.

Spe­zi­fi­sche Pass­form­kri­te­ri­en bei Unterschenkelprothesen

Bereits durch das Beob­ach­ten, wie leicht oder schwer­gän­gig der Stumpf in den Schaft beim Anzie­hen in den Schaft hin­ein­glei­tet, gibt uns die Mög­lich­keit, Rück­schlüs­se auf die Pass­form zu zie­hen. Die Posi­ti­on der Patel­la und des Kon­dylen­be­rei­ches geben ers­te Hin­wei­se, ob der Stumpf zu weit oder nicht weit genug in den Schaft hin­ein­rutscht. Selbst­ver­ständ­lich muss auch das Feed­back des Anwen­ders ein­ge­holt und in den Anpas­sungs­pro­zess ein­ge­bracht wer­den. Die rich­ti­ge Ein­ord­nung des Anwen­der­feed­backs zu den objek­ti­ven Para­me­tern ist die Auf­ga­be des Orthopädietechnikers.

Typi­sche Aus­sa­gen Unter­schen­kel­am­pu­tier­ter Anwen­der sind beispielsweise:

  • „Ich spü­re zu viel Druck am Stumpfende.“
  • Ich habe ein Druck­emp­fin­den am Schienbeinende.“
  • „Es drückt in der Kniekehle.“

Alle Aus­sa­gen wer­den bei den unter­schied­lichs­ten Ursa­chen von Pass­form­män­geln getrof­fen und las­sen des­halb kei­nen gesi­cher­ten Rück­schluss auf die Ursa­che des Pro­blems zu.

Nach­fol­gend sind eini­ge typi­sche Pass­form­män­gel mit Ursa­che, Aus­wir­kung und einem Vor­schlag zur Anpas­sungs­stra­te­gie bei­spiel­haft aufgezeigt.

Schaft­vo­lu­men zu eng

Pal­pa­ti­ons­be­fund bei ange­leg­ter Prothese:

  • Auf­stau­en­de Weich­tei­le im Bereich des Beugeausschnittes
  • Hin­ein­glei­ten in den Pro­the­sen­schaft erschwert
  • Patel­la nicht frei beweg­lich, da Stumpf zu tief im Schaft
  • Zu viel Endkontakt
  • Stumpf ver­kippt, da nicht voll­stän­dig im Schaft aufgenommen.

Aus­wir­kung:

  • Enge­ge­fühl
  • Blut­zir­ku­la­ti­on ist unterbrochen
  • Kein End­kon­takt; dadurch Gefahr eines Stumpfpolödems
  • Zug­be­las­tung auf die dista­len Weich­tei­le wegen auf­stau­en­der Weichteile
  • Hub im Schaft auf­grund auf­ge­stau­ter Weichteile
  • Druck­stel­len entstehen

Anpas­sungs­stra­te­gie:

  • Schaft im zu engen Bereich wei­ten; iden­ti­fi­zie­ren des betrof­fe­nen Berei­ches durch Maßkontrolle

Schaft­vo­lu­men zu groß (Abb. 2)

Pal­pa­ti­ons­be­fund bei ange­leg­ter Prothese:

  • Stumpf ver­kippt bei Last­über­nah­me. Dadurch ent­steht Druck auf die Tibi­a­spit­ze, da Schaft nicht genü­gend Füh­rung bietet.
  • Patel­la nicht frei beweg­lich, wohl Hin­weis auf ein zu tie­fes Hin­ein­glei­ten in den Schaft
  • Kein Anlie­gen des fron­ta­len Schaf­tran­des im Sitzen

Aus­wir­kung:

  • Man­gel­haf­te Steue­rung der Prothese
  • Zu viel End­kon­takt, Schmer­zen am Tibiaende
  • Schaft „klappt“ im Sit­zen nach vor­ne ab

Anpas­sungs­stra­te­gie:

  • Schaft im zu wei­ten Bereich ver­en­gen; iden­ti­fi­zie­ren des betrof­fe­nen Berei­ches durch Maßkontrolle

Hier­bei ist zu beach­ten, dass auch bei kor­rek­tem Schaft­vo­lu­men das AP-Maß im Bereich der Schaft­ein­tritts­ebe­nen zu groß sein kann. Auch dies führt zum Ver­kip­pen des Schaf­tes bei Fer­sen­auf­tritt und im Sit­zen. Bei der Ursa­chen­ana­ly­se sind hier die Umfangs­ma­ße und auch die lich­ten Wei­ten her­an­zu­zie­hen. Im Fal­le eines zu gro­ßen AP-Maßes (Hin­ter­kan­te Sitz­bein zur medio-fron­ta­len Anla­ge, ante­rior-pos­te­ri­or) muss dies redu­ziert und der Umfang bei­be­hal­ten werden.

Beu­ge­aus­schnitt zu tief (Abb. 3)

Pal­pa­ti­ons­be­fund bei ange­leg­ter Prothese:

  • Stumpf ver­kippt bei der Last­über­nah­me. Dadurch ent­steht Druck auf die Tibi­a­spit­ze, da Schaft nicht genü­gend Füh­rung bietet.
  • Kein Anlie­gen des fron­ta­len Schaf­tran­des im Sitzen

Aus­wir­kung:

  • Man­gel­haf­te Steue­rung der Prothese
  • Zu viel End­kon­takt, Schmer­zen am Tibiaende
  • Schaft „klappt“ im Sit­zen nach vor­ne ab

Anpas­sungs­stra­te­gie:

  • Über­prü­fen der kon­struk­ti­ven Höhe des dor­sa­len Schaftrandes
  • Ver­län­gern des dor­sa­len Schaf­tran­des auf Höhe des Knie­spal­tes, je nach Stumpf­län­ge plus 1 cm. Bei Kurz­stümp­fen wird so viel Schaft­flä­che wie mög­lich benö­tigt, um die Steue­rung zu verbessern.

Wie ein­gangs beschrie­ben, ähneln sich die Aus­wir­kun­gen unter­schied­li­cher Pass­form­män­gel in der beschrie­be­nen Sym­pto­ma­tik. Das Behe­ben der Ursa­che muss sich jedoch stets von der ana­ly­tisch doku­men­tier­ten Ursa­che her ableiten.

Dies gilt so auch für die Anpas­sung von Ober­schen­kel­pro­the­sen, wie in den nach­fol­gen­den Bei­spie­len beschrieben.

Spe­zi­fi­sche Pass­form­kri­te­ri­en bei Oberschenkelprothesen

Beson­de­res Augen­merk bei der Pass­form­über­prü­fung von Ober­schen­kel­pro­the­sen gilt dem Weich­teil­ma­nage­ment, dem Stump­fendkon­takt, der Lage des Sitz­bein-Ramus-Astes im Schaft sowie der Kon­trol­le der Sitz­bein-Ramus-Umrei­fung im Sit­zen und Stehen.

Beob­ach­tung des Anzieh­pro­zes­ses: Der ers­te Schritt bei der Beur­tei­lung der Pass­form beginnt bereits beim Anzie­hen. Hier soll­te der Ortho­pä­die­tech­ni­ker auf­merk­sam beob­ach­ten, wie der Anwen­der die Pro­the­se anzieht. Dabei lie­fert der Wider­stand beim Her­aus­zie­hen der Anzieh­hil­fe im Bei­spiel einer Ver­sor­gung mit Voll­kon­takt­haft­schaft ers­te Hin­wei­se. Ent­spre­chend ist der Wider­stand gegen das Hin­ein­glei­ten des Stump­fes in den Schaft der Indi­ka­tor bei Ver­sor­gun­gen in Linertechnik.

Wider­stand zu gering: Mög­li­cher Hin­weis auf ein zu gro­ßes Schaftvolumen.

Wider­stand zu hoch: Mög­li­cher Hin­weis auf ein zu klei­nes Schaftvolumen.

In jedem Fall muss der Anwen­der in der Lage sein, die Pro­the­se wäh­rend des Her­aus­zie­hens der Anzieh­hil­fe mög­lichst gut zu belasten.

Haut­ver­fär­bun­gen als Indi­ka­tor: Bei ange­leg­ter Pro­the­se gibt die Weich­teil­be­schaf­fen­heit im Ver­lauf des Schaf­tran­des und die Ver­fär­bung des Gewe­bes im Pro­the­sen­schaft ers­te Hin­wei­se die Pass­form. Letz­te­res kann nur bei einem Voll­kon­takt­haft­schaft beur­teilt werden.

Wei­ße Haut: Loka­ler Über­druck, mög­li­cher­wei­se durch einen zu engen Schaft.

Dun­kel­ro­te Haut: Hin­weis auf zu viel Raum im Schaft, wodurch Weich­tei­le nicht aus­rei­chend kom­pri­miert werden.

Bei der Über­prü­fung des Schaft­randverlaufes kon­trol­lie­ren wir den Weich­teil­druck an den unter­schied­li­chen kon­struk­ti­ven Anla­ge­flä­chen der Schaft­ein­tritts­ebe­ne, wie bei­spiels­wei­se das Dia­go­nal­maß zur Umgrei­fung, das media­le AP-Maß. Zur Beur­tei­lung der Druck­ver­hält­nis­se in der Schaft­ein­tritts­ebe­ne und der Pass­form im All­ge­mei­nen ist ent­schei­dend, dass der Schaft in der kon­stru­ier­ten Rota­ti­ons­aus­rich­tung ange­zo­gen wurde.

Ein wei­te­rer Schlüs­sel­in­di­ka­tor für die kor­rek­te Anpas­sung der lich­ten Wei­ten der Schaft­ein­tritts­ebe­ne sowie auch dem Volu­men des Schaf­tes ist die kon­struk­tiv kor­rek­te Posi­ti­on des Sitz­bein-Ramus-Astes zur Sitz­be­in­um­grei­fung des Schaftes.

Um den Sitz­bein-Ramus-Ast im Schaft aus­sa­ge­kräf­tig pal­pie­ren zu kön­nen, muss der Anwen­der die Pro­the­se ent­las­ten, damit der Tech­ni­ker mit den Fin­gern von medi­al in den Schaft hin­ein­glei­ten kann. Die Beur­tei­lung der Druck­ver­hält­nis­se fin­det anschlie­ßend in einer Belas­tungs­si­tua­ti­on mit vol­lem Kör­per­ge­wicht statt (Abb. 4).

Das Pal­pie­ren der Sitz­bein-Ramus-Umgrei­fung bei ange­leg­ter Pro­the­se im Sit­zen ist eine Über­prü­fungs­me­tho­de, die uns Hin­wei­se auf die Posi­ti­on, die Höhe und den Win­kel der Umgrei­fung liefert.

Wie in der Unter­schen­kel­pro­the­tik ähneln sich die Aus­sa­gen der Anwen­der zu Pass­form­pro­ble­men sehr stark bei den unter­schied­lichs­ten Ursachen.

  • „Ich ver­lie­re den Schaft.“
  • „Ich spü­re zu viel Druck am Stumpfende.“
  • „Die Umgrei­fung drückt.“

Auch für die Anpas­sung eines Ober­schen­kel­schaf­tes sind nach­fol­gend eini­ge typi­sche Pass­form­män­gel bei­spiel­haft mit Ursa­che, Aus­wir­kung und einem Vor­schlag zur Anpas­sungs­stra­te­gie aufgezeigt.

Schaft­vo­lu­men zu weit

Pal­pa­ti­ons­be­fund bei ange­leg­ter Prothese:

  • Sitz­bein-Ramus liegt zu weit im Schaft
  • Sitz­bein-Ramus-Umgrei­fung und Schaft­rän­der erschei­nen zu hoch
  • Hub des Sitz­bei­nes bei Be- und Ent­las­tung der Prothese
  • Druck am Scham­bein­ast im ­Bereich des Perineums

Aus­wir­kung:

  • Druck an der Umgreifung
  • Zu viel Endkontakt
  • Druck am Femurende
  •  Schaft­rän­der drü­cken pro­xi­mal im Leistenbereich
  • Man­gel­haf­te Steue­rungs­mög­lich­keit der Pro­the­se beim Gehen
  • Rota­ti­ons­be­we­gung bei Fersenauftritt

Anpas­sungs­stra­te­gie:

  • Schaft im zu wei­ten Bereich ver­en­gen; iden­ti­fi­zie­ren des betrof­fe­nen Berei­ches durch Maßkontrolle
  • Bei Kon­trol­le der Umfangs­ma­ße müs­sen lich­te Wei­ten der Schaft­ein­tritts­ebe­ne immer im Blick behal­ten und ggf. ange­passt werden

Schaft­vo­lu­men zu gering

Pal­pa­ti­ons­be­fund bei ange­leg­ter Prothese:

  • Sitz­bein-Ramus-Ast glei­tet nicht aus­rei­chend in die Sitzbein-Ramus-Umgreifung
  • Auf­stau­en­de Weich­tei­le im Schaftrandbereich
  • Hub des Sitz­bei­nes bei Be- und Ent­las­tung der Prothese

Aus­wir­kung:

  • Man­gel­haf­te Steue­rungs­mög­lich­keit der Pro­the­se beim Gehen
  •  Rota­ti­ons­be­we­gung bei Fersenauftritt
  • Durch­blu­tungs­schmer­zen durch zu hohen Weichteildruck
  • Hub des Schaf­tes auf­grund der auf­ge­stau­ten Weichteile

Anpas­sungs­stra­te­gie:

  • Schaft im zu engen Bereich wei­ten; iden­ti­fi­zie­ren des betrof­fe­nen Berei­ches durch Maßkontrolle
  • Bei Kon­trol­le der Umfangs­ma­ße müs­sen lich­te Wei­ten der Schaft­ein­tritts­ebe­ne immer im Blick behal­ten werden

Knö­cher­nes AP-Maß zu eng

Pal­pa­ti­ons­be­fund bei ange­leg­ter Prothese:

  • Sitz­bein-Ramus glei­tet nicht aus­rei­chend in die Sitz­bein-Ramus-Umgrei­fung, son­dern bleibt ober­halb stecken
  • Die Schaft­rän­der erschei­nen bei ange­leg­ter Pro­the­se zu tief

Aus­wir­kung:

  • Kei­ne Steue­rungs­mög­lich­keit der Prothese
  • Star­ker Druck im Bereich des Sitzbeines

Anpas­sungs­stra­te­gie:

  • Anpas­sen der lich­ten Wei­te im ­Bereich der Umgrei­fung oder ­late­ra­len Anla­ge nach erneu­ter Über­prü­fung des Maßes

Wie ein­gangs erwähnt, nut­zen wir die Stumpf­um­fangs­ma­ße ledig­lich als Hil­fe­stel­lung. Tat­säch­lich geht es bei der Anpas­sung der „Schaft­grö­ße“ um die Volu­men­an­pas­sung. Umfän­ge und auch die Schaft­län­ge sind hier Ein­fluss­fak­to­ren. Bei sehr wei­chem Weich­teil­ge­we­be und sehr atro­pher Mus­ku­la­tur wer­den die Umfän­ge ver­hält­nis­mä­ßig mehr redu­ziert und zusätz­lich der Sumpf ver­mehrt elon­giert. Ein „pral­ler“ Stumpf mit fes­tem Gewe­be und guter Mus­ku­la­tur kann im Umfang ver­hält­nis­mä­ßig weni­ger redu­ziert wer­den und benö­tigt dem­entspre­chend auch weni­ger Län­ge im Pro­the­sen­schaft. Die Maß­nah­me erfolgt des­halb auf der jewei­li­gen Maß­hö­he mit locke­rer und ange­spann­ter Stumpfmuskulatur.

Bei der Anpas­sung von lich­ten Wei­ten­ma­ßen ver­än­dert sich immer auch das Schaft­vo­lu­men. Dies ist in vie­len Fäl­len nicht gut nach­voll­zieh­bar in den Umfangs­ma­ßen wie­der­zu­fin­den, muss jedoch trotz­dem im Anpas­sungs­pro­zess berück­sich­tigt werden.

Fazit

Die Pass­form­kon­trol­le ist ein kom­ple­xer Pro­zess, der die Zusam­men­hän­ge zwi­schen Anwen­der­aus­sa­gen, den objek­tiv bewert­ba­ren und sicht­ba­ren Para­me­tern in der Anpro­be und der Maß­do­ku­men­ta­ti­on als Grund­la­ge unse­res Han­delns im Tages­ge­schäft setzt. Die oben genann­ten Anpas­sungs­bei­spie­le sind ledig­lich ein klei­ner Aus­zug, um die Zusam­men­hän­ge zwi­schen augen­schein­li­cher Aus­wir­kung eines Pass­form­man­gels, Anwen­der­aus­sa­ge und Maß­nah­me zur Objek­ti­vie­rung zu verdeutlichen.

Als Tech­ni­ker tra­gen wir die Ver­ant­wor­tung für die Ver­sor­gung und müs­sen den Über­blick dar­über behal­ten, was wir tun und war­um wir es tun. Es ist unse­re Auf­ga­be, die Funk­tio­na­li­tät der Pro­the­se sicher­zu­stel­len, die Ursa­chen von Pro­ble­men zu ana­ly­sie­ren und die­se gezielt zu lösen – stets basie­rend auf objek­ti­ven Fak­ten und nicht nur auf sub­jek­ti­ven Eindrücken.

Pati­en­ten­aus­sa­gen spie­len in die­sem Pro­zess eine wich­ti­ge Rol­le: Sie dür­fen unser Han­deln nicht domi­nie­ren, aber sie bie­ten wert­vol­le Hin­wei­se, die wir mit Fach­wis­sen und Mess­wer­ten in Ein­klang brin­gen müs­sen. Nur durch die­se Ver­knüp­fung kön­nen wir Anwen­der über­zeu­gen, Ver­trau­en auf­bau­en und eine opti­ma­le Ver­sor­gung gewährleisten.

Nicht die Sym­pto­me, son­dern die Ursa­che eines Pass­form­man­gels müs­sen im Mit­tel­punkt unse­rer Arbeit ste­hen. Denn nur, wenn Tech­nik und Ver­trau­en Hand in Hand gehen, ergibt sich aus einer Ver­sor­gung ech­te Lebensqualität.

 

Der Autor:
Samu­el Wiedmann
Ortho­pä­die­tech­ni­ker-Meis­ter
Lei­tung Nie­der­las­sung Heidelberg
Poh­lig GmbH
Wald­ho­fer Str. 98
69123 Hei­del­berg
Tel.: 06221–75164 11
s.wiedmann@pohlig.net

 

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Wied­mann S. Pass­form­kon­trol­le bei Ober- und Unter­schen­kel­pro­the­sen. Ortho­pä­die Tech­nik, 2025; 76 (5): 44–48

 

 

 

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