Work­shop doku­men­tiert Sta­tus Quo

Wie kann ein nationales Register zur Behandlung und Versorgung von Menschen mit Beinamputation etabliert werden? Dieser Frage geht seit 2020 das Medizinisch-Technische Kompetenzzentrum für Orthopädie-Technik („MetKo“) nach.

Am 6. März fand dazu in der Ortho­pä­di­schen Uni­kli­nik Hei­del­berg ein hoch­ka­rä­tig besetz­ter Work­shop mit den Prot­ago­nis­ten und betei­lig­ten Ver­bund­part­nern aus in Baden-Würt­tem­berg ansäs­si­gen OT-Betrie­ben und wei­te­ren natio­na­len Inter­es­sier­ten statt. Im Rah­men des pro­to­kol­la­ri­schen Auf­takts und im Anschluss an die Begrü­ßung der Teilnehmer:innen durch den ärzt­li­chen Direk­tor der Ortho­pä­di­schen Uni­ver­si­täts­kli­nik Hei­del­berg, Univ.-Prof. Dr. med. Tobi­as Ren­ka­witz, beton­te Gast­ge­ber Prof. Dr. Sebas­ti­an Wolf, dass das Ziel des vom Land Baden-Würt­tem­berg geför­der­ten Pro­jekts nicht expli­zit ein Prothesen‑, son­dern viel mehr ein Pati­en­ten­re­gis­ter sei. Details dazu soll­ten im Ver­lauf des Tages fol­gen. Dr. med. Urs Schnei­der vom Fraun­ho­fer IPA zeig­te sich sowohl von der inter­dis­zi­pli­nä­ren Zusam­men­ar­beit in der Arbeits­grup­pe als auch von der pro­fes­si­ons­über­grei­fen­den Exper­ti­se der Workshop-Teilnehmer:innen angetan.

Hand­werk und Hochschule

In Deutsch­land sei die Ver­sor­gung von Men­schen mit einer Ampu­ta­ti­on noch hand­werk­lich geprägt, inter­na­tio­nal dage­gen sehr aka­de­mi­siert, stell­te Mer­kur Ali­mus­aj, Lei­ter der Tech­ni­schen Ortho­pä­die am Hei­del­ber­ger Uni­kli­ni­kum her­aus, und bemerk­te in Rich­tung Audi­to­ri­um gerich­tet: „Wir brau­chen bei­des!“ Die­ter Jüpt­ner, Vor­stands­vor­sit­zen­der des Bun­des­ver­ban­des für Men­schen mit Arm- oder Bein­am­pu­ta­ti­on, begrüßt als Inter­es­sen­ver­tre­ter von Betrof­fe­nen das auf den Weg gebrach­te „AMP-Regis­ter“. Als Refe­rats­lei­te­rin im Lan­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um hat Dr. Annet­te Heck­mann zwar ein gro­ßes Augen­merk auf die Daten­si­cher­heit, unter­stützt aber glei­cher­ma­ßen das vor­ge­stell­te Pilot­pro­jekt: „Der Daten­schutz ist nicht der Feind der For­schung.“ Eine ähn­li­che Hal­tung ver­trat auch Maxi­mi­li­an Fun­ke-Kai­ser, MdB und Digi­tal­po­li­ti­scher Spre­cher der FDP und stell­ver­tre­ten­des Mit­glied im Gesund­heits­aus­schuss des Deut­schen Bun­des­ta­ges. Die Eta­blie­rung der elek­tro­ni­schen Pati­en­ten­ak­te („ePA“) böte sei­nes Erach­tens eine Rei­he von Poten­zia­len in der Gesund­heits­ver­sor­gung, wie etwa die Aus­wer­tung von Daten aus Weara­ble-Tra­ckern. Bei aller ange­mes­se­nen Bedeu­tung von Daten­si­cher­heit und Daten­schutz sei für eine erfolg­rei­che Digi­ta­li­sie­rung von Gesund­heits­da­ten die Nut­zer­freund­lich­keit nicht zu ver­nach­läs­si­gen. BIV-OT-Prä­si­dent Alf Reu­ter begrüßt sei­ner­seits im Namen des Bun­des­in­nungs­ver­bands die lau­fen­den Anstren­gun­gen zur För­de­rung einer evi­denz­ba­sier­ten Ver­sor­gung und ani­mier­te in sei­nem Gruß­wort die Pro­jekt­ver­ant­wort­li­chen dazu, noch wei­ter zu den­ken: „Gehen Sie aus der Regis­ter­er­stel­lung den Schritt in die Registerforschung.“

Pilot­pro­jekt

Nach den mor­gend­li­chen Impuls-Bei­trä­gen lei­te­te der Work­shop zum kon­kre­ten Pilot-Pro­jekt über, das Mer­kur Ali­mus­aj und Julia Block (eben­falls Uni­ver­si­täts­kli­nik Hei­del­berg) sowie Duc Nguy­en (Fraun­ho­fer IPA) in jeweils eige­nen Vor­trä­gen prä­sen­tier­ten. Mer­kur Ali­mus­aj ver­wies auf das hohe Maß an Indi­vi­dua­li­tät in der Pati­en­ten­ver­sor­gung und sieht vor dem Hin­ter­grund der inter­dis­zi­pli­nä­ren Ziel­set­zung die kli­ni­schen Ana­mne­se­bö­gen als geeig­ne­ten Aus­gangs­punkt für die Ent­wick­lung von Erhe­bungs­bö­gen von Prothesenträger:innen: „Ein Ampu­ta­ti­ons­re­gis­ter schafft eine fun­dier­te Daten­grund­la­ge für die inter­nen Pro­zess- und Ver­sor­gungs­pla­nun­gen und wei­ter­füh­ren­den Schnitt­stel­len­ana­ly­sen.“ Eine stan­dar­di­sier­te Form der Daten­er­fas­sung erleich­te­re nicht nur die Zusam­men­ar­beit im Ver­sor­gungs­team, son­dern auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Poli­tik, Ver­bän­den und Kos­ten­trä­gern, so Ali­mus­aj wei­ter. Anschlie­ßend gab Julia Block einen span­nen­den Ein­blick in die bis­her gewon­ne­nen Erkennt­nis­se und Ergeb­nis­se. Zu den gesam­mel­ten Infor­ma­tio­nen gehö­ren u. a. Anga­ben zur Mobi­li­tät und Akti­vi­tät, die Rück­schlüs­se auf die Com­pli­ance und Bewe­gungs­po­ten­zia­le zulie­ßen, aber auch eine Abfra­ge der Zufrie­den­heit mit der eige­nen Pro­the­se und dem eige­nen Schaft. Der Mehr­wert eines Ampu­ta­ti­ons­re­gis­ters für Sani­täts­häu­ser liegt laut Duc Nguy­en auf der Hand. Eine ein­heit­li­che Erhe­bung ver­sor­gungs­re­le­van­ter Daten füh­re nicht nur zu einer Kli­ni­schen Bewer­tung, son­dern eben­so zu einer Über­sicht aller behan­del­ter Patient:innen und deren indi­vi­du­el­ler Langzeitverläufe.
Ob die gewünsch­ten Daten bereits in den Kli­ni­ken sys­te­ma­tisch erfasst wer­den oder erst in den Sani­täts­häu­sern, war einer der Dis­kus­si­ons­punk­te im Rah­men des Hei­del­ber­ger Work­shops. Die anwe­sen­den Expert:innen waren am Nach­mit­tag ein­ge­la­den, in der gemein­sa­men Inter­ak­ti­on ihre Ansich­ten zu spe­zi­fi­schen Fra­ge­stel­lun­gen ein­flie­ßen zu las­sen. Als inspi­rie­ren­der Impuls dafür dien­te der hoch­ka­rä­ti­ge Gast­bei­trag von Prof. Ken­ton Kauf­man. Die­ser gilt als Pio­nier und Mit­in­itia­tor des US-ame­ri­ka­ni­schen Ampu­ta­ti­ons­re­gis­ters, das aktu­ell Daten von rund 44.000 Patient:innen ent­hält. Zu des­sen Rea­li­sie­rung trü­gen Patient:innen, Kran­ken­häu­ser, Kliniker:innen, Kos­ten­trä­ger, Her­stel­ler und Regie­rungs­stel­len glei­cher­ma­ßen bei. Zu den wich­tigs­ten erfass­ten Anga­ben zählt Kauf­man etwa Infor­ma­tio­nen zu Kom­or­bi­di­tä­ten, Ampu­ta­ti­ons­hö­hen aber auch das Alter des oder der Patient:in. Im Ergeb­nis erwar­tet er einen Erkennt­nis­ge­winn für künf­ti­ge Ope­ra­tio­nen, den Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess, die Pro­the­sen­ver­sor­gung sowie eine effi­zi­en­te­re Kos­ten­struk­tur. An das Publi­kum gerich­tet, for­der­te er dazu auf: „Nut­zen Sie die Daten zur Abwä­gung der  Ver­sor­gungs­op­tio­nen und für rea­lis­ti­sche Ziel­set­zun­gen.“ Zur Abrun­dung sei­nes Vor­trags ging Prof. Kauf­man schließ­lich noch auf das The­ma Daten­ma­nage­ment ein, mit dem wich­ti­gen Hin­weis, dass in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten kein am Pro­zess betei­lig­ter Akteur Zugriff auf die gesam­ten Infor­ma­tio­nen zu einer indi­vi­du­el­len Per­son habe.

Erwei­te­run­gen möglich

Zum Ende der Ver­an­stal­tung in Hei­del­berg beka­men die Teilnehmer:innen noch in zwei Vor­trä­ge Anwen­dungs­fel­der auf­ge­zeigt, die das der­zei­ti­ge Kon­zept des Regis­ters am Bei­spiel der Bein­am­pu­ta­ti­on noch erwei­tern könn­ten. OSM Jür­gen Stumpf schlug zunächst die Brü­cke zur Schuh­ver­sor­gung, wo z. B. der OST-Bera­tungs­aus­schuss in der Deut­schen Gesell­schaft für Ortho­pä­die und Ortho­pä­di­sche Chir­ur­gie (DGOOC) einen stan­dar­di­sier­ten Ver­ord­nungs­bo­gen zur Ein­la­gen­ver­sor­gung erar­bei­tet hat, der als Erfah­rungs- und Ideen­ge­ber zu Rate gezo­gen wer­den kön­ne. Neu­tra­li­tät, Digi­ta­li­sie­rung und eine gesi­cher­te Finan­zie­rung sei­en nach Ansicht von Stumpf ele­men­ta­re Grund­pfei­ler für ein erfolg­rei­ches Roll­out des Regis­ter-Pro­jekts. Dr. med. Jen­ni­fer Ernst brach­te die Visi­on einer Regis­ter­er­wei­te­rung im Kon­text der Osseo­in­te­gra­ti­on ins Spiel. Die Lei­te­rin für Inno­va­ti­ve Ampu­ta­ti­ons­me­di­zin an der Medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver ver­spricht sich von einer umfang­rei­che­ren und qua­li­ta­tiv bes­se­ren Daten­la­ge etwa einen Mehr­wert für die Ent­schei­dung zur indi­vi­du­ell geeig­ne­ten Pro­the­sen­ver­sor­gung im Anschluss an eine Ampu­ta­ti­on. Ihres Erach­tens sind u. a. die 2021 von der Inter­na­tio­na­len Gesell­schaft für Pro­the­tik und Orthe­tik (ISPO) defi­nier­ten und ver­öf­fent­lich­ten Ver­sor­gungs­zie­le im Bereich der Pro­the­tik der unte­ren Extre­mi­tät als vor­bild­lich für die Eta­blie­rung eines Regis­ters in die­sem Bereich zu sehen. Der Work­shop in Hei­del­berg hat gezeigt, dass der Pfad zur Erstel­lung eines Ampu­ta­ti­ons­re­gis­ters in Deutsch­land bereits ein­ge­schla­gen ist, es aber noch ein beacht­li­cher und auch in viel­fäl­ti­ger Wei­se anspruchs­vol­ler Weg zur Rea­li­sie­rung sein wird. Hier sind nicht zuletzt auch die OT und die OST-Betrie­be gefragt, ihr Know-how ein­zu­brin­gen und sich ihrer künf­ti­ge Rol­le im Pro­zess­ma­nage­ment bewusst zu machen.

Micha­el Blatt

Tei­len Sie die­sen Inhalt