IKSM: „Wer gut sitzt, hat mehr vom Leben“

Nach vier Jahren Pause fand vom 18. bis 19. März 2022 im Guido A. Zäch Institut in Nottwil die 6. Interprofessionelle Konferenz für Sitzen und Mobilität (IKSM) statt. Mit 80 Teilnehmer:innen war die Veranstaltung ausgebucht. Die Vorträge der Referent:innen standen unter dem Motto: „Wer gut sitzt, hat mehr vom Leben – Prävention beginnt bereits in der Erst-Reha“. Die Produkteausstellung bot parallel die Möglichkeit, sich die Neuheiten direkt bei den Herstellern anzuschauen. Der folgende Bericht gibt einen Überblick über die Vorträge und lässt im Interview mit der fachlichen Leitung Verena Zappe, Rollstuhl-Zentrum Nottwil (RSZ), den Kongress Revue passieren.

Mit unter­halt­sa­men Ein­bli­cken in sein Leben, sei­ne Rei­sen und sei­ne sport­li­chen Erfol­ge eröff­ne­te Heinz Frei, viel­fa­cher Welt­meis­ter und Para-Olym­pia­sie­ger, die Kon­fe­renz am Frei­tag. Der Pio­nier des Schwei­zer Roll­stuhl­sports zog mit sei­nem erfri­schen­den Bericht die Zuhörer:innen direkt in sei­nen Bann und mach­te deut­lich, wie wich­tig das „gute“ Sit­zen ist. Denn: Alle Akti­vi­tä­ten gehen nur, wenn kein Deku­bi­tus den Men­schen im Roll­stuhl davon abhält. Dass jun­ge Erwach­se­ne ande­re Ansprü­che an ihre Roll­stüh­le haben, erläu­ter­te Inge Eriks Hoog­land, Lei­ten­de Ärz­tin Para­ple­gio­lo­gie, SPZ Nott­wil, im Anschluss. Mit­tels der Kri­te­ri­en des Per­sön­lich­keits­mo­dells „The Big Five“ stell­te die Ärz­tin pra­xis­nah dar, wor­auf es jun­gen Men­schen bei der Wahl des rich­ti­gen Roll­stuhls ankommt: Der muss schick aus­se­hen, viel­leicht durch rosa Räder oder einen beson­de­ren Rei­fen­schutz begeis­tern, aber gleich­zei­tig wegen der hohen Mobi­li­tät jun­ger Erwach­se­ner sehr belast­bar sei. Danach erläu­ter­te Bart van der Heyden, Phy­sio­the­ra­peut aus Bel­gi­en, kurz, wie er die „Ishe­ar-Mess­mat­te“ von Vicair in sei­nem Arbeits­all­tag ein­setzt, näm­lich zum Visua­li­sie­ren von Scher­kräf­ten. Das Pro­blem sei dabei wei­ter­hin, wie man die Daten opti­mal in die Ver­sor­gung mit ein­bin­den könne.

Anzei­ge

Deku­bi­tus mit neu­en Tech­no­lo­gien verhindern

„Ent­las­ten las­sen – ein auto­ma­ti­sier­tes Kis­sen macht es mög­lich. Vom Kon­zept zum Pro­to­typ“: Schon der Titel ver­sprach Inno­va­ti­on und die Zuhörer:innen wur­den nicht ent­täuscht. Seit Jah­ren arbei­tet das Team um Uwe Schon­hardt, Stv. Lei­tung Ergo­the­ra­pie und Fach­be­reichs­lei­ter Quer­schnitt, Rehab Basel, an die­sem Pro­jekt. Ange­trie­ben wird er dabei von dem Gedan­ken, dass es sei­ner Ansicht nach heut­zu­ta­ge nicht mehr sein kann, dass Men­schen im Roll­stuhl nicht unbe­küm­mert leben kön­nen, son­dern immer dar­an den­ken müs­sen, sich regel­mä­ßig zu ent­las­ten, um einen Deku­bi­tus zu ver­mei­den. Dank sei­nes Vor­trags gewan­nen die Zuhörer:innen einen guten Ein­druck davon, wie viel­ver­spre­chend die­ses Kis­sen – soll­te es sei­ne Erwar­tun­gen erfül­len – sein könn­te. Ein span­nen­der Impuls, der des­halb auch vie­le Fra­gen des Audi­to­ri­ums nach sich zog. Die Prä­sen­ta­ti­on eines Feed­back­sys­tems für Roll­stuhl­fah­rer des Her­stel­lers Sen­so­ma­ti­ve GmbH, bei dem die „Sen­so­ma­ti­ve Mat­te“ mit einer App ver­bun­den ist, run­de­te sei­ne Aus­füh­run­gen ab.

Im Anschluss stell­te Ste­phan Mau­sen, Inha­ber Sitz-Kul­tur, in sei­nem Vor­trag „EINE Rücken­scha­le für ALLE Fäl­le“ eine neu­ar­ti­ge Form einer Rücken­scha­le aus Car­bon­la­mel­len und einem beson­de­ren Schaum­stoff­aus­bau vor. Ziel sei­ner Inno­va­ti­on: die Men­schen im Roll­stuhl noch indi­vi­du­el­ler zu versorgen.

3D-Druck – Stand der Technik

Wel­che Vor­tei­le die Her­stel­lung einer 3D-Rücken­scha­le im Ver­gleich mit einer her­kömm­li­chen Ver­sor­gung hat, zeig­te Andre­as Wal­ter, OTler bei der Ortho-Team GmbH. Die Mitarbeiter:innen des Unter­neh­mens scan­nen den Vaku­um­ab­druck und model­lie­ren die­sen Scan anschlie­ßend am Com­pu­ter. Am Ende des Pro­zes­ses wird die Scha­le über den 3D-Dru­cker aus­ge­druckt. Man müs­se sich den 3D-Druck der Scha­le so vor­stel­len, erläu­ter­te Wal­ter den Pro­zess, dass man ein biss­chen Sand neh­me, dann Sofort­kle­ber, dann wie­der eine Schicht Sand, Kle­ber, Sand usw.

Gedank­lich einen Schritt wei­ter geht das Pro­jekt „Indi­vi­du­el­le Sitz­kis­sen aus dem 3D-Dru­cker“, das Andre­as Gaut­schi, Pro­jekt­lei­ter Inno­va­ti­on, Schwei­zer Para­ple­gi­ker Stif­tung (SPS), Nott­wil, vor­stell­te. Noch befin­de sich das Pro­jekt in einem sehr frü­hen For­schungs­sta­di­um. Die Her­aus­for­de­run­gen sei­en wei­ter­hin die rie­si­ge Daten­men­ge, die zu einer lan­gen Druck­dau­er füh­re, das Gewicht und die Tat­sa­che, dass eine Nach­be­ar­bei­tung des Kis­sens wie bei der her­kömm­li­chen Fer­ti­gung aus Schaum­stoff nicht mög­lich sei.

Bes­ser Sit­zen – mehr Lebensqualität

Wie man mit ein­fa­chen Mit­teln ein Sitz­kis­sen noch bes­ser machen kann, schil­der­te Mar­kus Maria Stüb­ner, Wer­ner Wicker Kli­ni­ken Bad Wil­dun­gen. Der Ergo­the­ra­peut und Maschi­nen­bau­in­ge­nieur ist ein Tüft­ler. Auf der letz­ten IKSM-Kon­fe­renz vor vier Jah­ren begeis­ter­te er mit der Vor­stel­lung, wie man Sitz­kis­sen mit ein­fa­chen Mit­teln im Not­fall selbst her­stel­len kann. Die­ses Mal zeig­te er Mög­lich­kei­ten auf, wie man sich behel­fen kann, wenn ein Deku­bi­tus droht oder bereits vor­han­den ist und die Bewil­li­gung der Kran­ken­kas­se für ein neu­es Sitz­kis­sen noch nicht vor­liegt. Eben­so pra­xis­be­zo­gen berich­te­te Bart van der Heyden von sei­nen ers­ten Ansät­zen zur Über­ar­bei­tung des Assess­ments rund um das The­ma „Sit­zen“ und der damit ver­bun­de­nen umfas­sen­den Daten­er­he­bung. Mit sei­nem Vor­trag reg­te er zum Nach­den­ken an über Fra­gen wie bei­spiels­wei­se: Wel­che Daten benö­tigt man wirk­lich und wie kann man die Befun­dung kurz und kna­ckig halten?

Einen Per­spek­tiv­wech­sel bot der nächs­te Pro­gramm­punkt. Im Rah­men eines Inter­views schil­der­te Roger Suter, lang­jäh­ri­ger Tetra­ple­gi­ker, Vor­stands­mit­glied SPS und Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent Ortho­tec Nott­wil AG, die Her­aus­for­de­run­gen der Sitz­an­pas­sun­gen aus Sicht eines Betrof­fe­nen. Sei­ne Erfah­rung: Die Expert:innen sagen etwas, aber in der Rea­li­tät kann deren Sitz­an­pas­sung mit­un­ter auch dazu füh­ren, dass die Beweg­lich­keit des Ein­zel­nen ein­ge­schränk­ter ist als vor­her. Nach der aktu­el­len Anpas­sung sei ihm bei­spiels­wei­se am Ban­ko­ma­ten die Bank­kar­te ein­ge­zo­gen wor­den, weil er sich nicht mehr so abstüt­zen konn­te wie vor der Anpas­sung. Nach der Pra­xis folg­te erneut die „vir­tu­el­le“ Theo­rie: Anhand drei­er Bei­spie­le zeig­te Bart van der Heyden zusam­men mit Dr. Alex­an­der Sie­fert, MSc. Com­pu­ter­ge­stütz­ter Mecha­nik an der Uni­ver­si­tät Stutt­gart, Dr.-Ing. an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Darm­stadt, wel­che Mög­lich­kei­ten die nume­ri­sche Ana­ly­se mit dem Vir­tu­al Human Jo bei der Bewer­tung von Inter­ven­tio­nen für Roll­stuhl-Set-ups bietet.

Fokus: Schul­ter

Wirkt sich die Sitz­po­si­ti­on auf die Schul­ter aus? Was kön­nen Betrof­fe­ne im All­tag für ihre Schul­ter tun? Pra­xis­nah berich­te­te Jes­si­ca Decker, Phy­sio­the­ra­peu­tin und Co-Lei­te­rin The­ra­pie­ma­nage­ment, SPZ Nott­wil, im letz­ten The­men­block aus dem Ver­sor­gungs­all­tag und beton­te die Bedeu­tung der rich­ti­gen Sitz­hal­tung für den Schul­ter­gür­tel. In die­sem Zusam­men­hang stell­te Wie­be de Vries, Group Lea­der der Schwei­zer Para­ple­gi­ker-For­schung, Abtei­lung: Shoul­der Health & Mobi­li­ty Group, eine aktu­ell von ihnen durch­ge­führ­te Stu­die vor, bei der Sen­so­ren mes­sen, wie, wo und wann die Belas­tung auf die Schul­ter aus­ge­übt wird. Anschlie­ßend prä­sen­tier­te Arne Com­per­nol­le, Cli­ni­cal und Trai­ning Mana­ger Per­mo­bil, sein neu­es Pro­jekt, bei dem die Ent­wick­lung einer Metho­dik zum Tes­ten der Sta­bi­li­täts­ei­gen­schaf­ten von Sitz­auf­la­ge­flä­chen für Roll­stüh­le im Mit­tel­punkt steht.

Durch­be­we­gen als Prävention

Mit dem Vor­trag von Samu­el Koch, pro­mi­nen­ter Schau­spie­ler und Autor sowie ehe­ma­li­ger Pati­ent des RSZ Nott­wil, fand der Kon­gress sei­nen unter­halt­sa­men Abschluss. Durch ihn bekam das Mot­to der Ver­an­stal­tung ein Gesicht. Er gilt für vie­le Men­schen als ein Para­de­bei­spiel dafür, wie sehr man das Leben aus­kos­ten und aus­nut­zen kann. Wie immer, wenn er spricht, hat­ten die Zuhörer:innen das Gefühl, für ihn gäbe es kei­ne Gren­zen und das obwohl er eine sehr hohe Tetra­ple­gie auf­weist. Zum The­ma „Prä­ven­ti­on“ wur­de ein Aus­zug sei­nes Bewe­gungs­pro­gramms für Men­schen im Roll­stuhl gezeigt, das er gemein­sam mit sei­nem Bru­der ent­wi­ckelt und auf You­tube hoch­ge­la­den hat. Damit pos­tu­liert er nach­drück­lich die Wich­tig­keit des Durch­be­we­gens, auch von Kör­per­tei­len, die man nicht spürt und nicht benutzt.

 

Samuel Koch und Diana Sigrist-Nix (Leitung Rehabilitation) (2.v.l.) sprachen im Interview mit Moderatorin Viviane Speranda (Kommunikation) unter anderem auch über sein neues Bewegungskonzept für Menschen im Rollstuhl.
Samu­el Koch und Dia­na Sig­rist-Nix (Lei­tung Reha­bi­li­ta­ti­on) (2.v.l.) spra­chen im Inter­view mit Mode­ra­to­rin Vivia­ne Spe­ran­da (Kom­mu­ni­ka­ti­on) unter ande­rem auch über sein neu­es Bewe­gungs­kon­zept für Men­schen im Rollstuhl.

 

Per­sön­li­cher Aus­tausch ist intensiver

Im Gespräch mit der OT-Redak­ti­on zeigt sich ­Vere­na Zap­pe, Ergo­the­ra­peu­tin Roll­stuhl-Sitz-Zen­trum Nott­wil (RSZ) und fach­li­che Lei­tung des Kon­gres­ses, nicht nur begeis­tert vom ehe­ma­li­gen Pati­en­ten Samu­el Koch, son­dern auch von der gesam­ten Präsenzveranstaltung.

OT: Nach vier Jah­ren Pau­se: Wie war es für Sie?

Vere­na Zap­pe: Ein­fach groß­ar­tig. Es haben sich alle gefreut, dass man sich wie­der tref­fen konn­te. Ganz vie­le haben bis zuletzt gedacht, das fin­det dann doch wie­der nur online statt. Man konn­te spü­ren, wie sehr es alle genos­sen haben, sich live und in per­so­na zu tref­fen. Die Stim­mung war des­halb auch durch­weg posi­tiv. Das Feed­back, das ich per­sön­lich im Nach­gang bekom­men habe, auch. Eins ist mir dabei bewusst gewor­den: Man kann die Vor­trä­ge natür­lich online abhal­ten, Refe­ren­tin Jes­si­ca Decker war auch online dazu­ge­schal­tet, aber ein Aus­tausch ist, wenn man sich trifft, ein ganz ande­rer – viel intensiver.

OT: Nach wel­chen Kri­te­ri­en haben Sie den Kon­gress zusammengestellt?

Zap­pe: Die The­men ent­wi­ckeln sich immer aus unse­rem Berufs­all­tag her­aus. Das, was wir sehen und den­ken, was even­tu­ell für die Kolleg:innen inter­es­sant sein könn­te, das ver­su­chen wir in dem Kon­gress wider­zu­spie­geln. Außer­dem habe ich die­ses Jahr unter den Teil­neh­men­den am Ende der Ver­an­stal­tung einen Auf­ruf gestar­tet, dass man mir Wunsch­the­men näher­brin­gen kann. Eini­ge haben bereits Ideen ein­ge­reicht. Ein Wunsch ist bei­spiels­wei­se lang­stre­cki­ge Wir­bel­säu­len­auf­rich­tung als The­ma mit­auf­zu­neh­men. Und ich den­ke, dass wir das auch beim 7. IKSM in zwei Jah­ren auf­grei­fen wer­den. Denn das ist so eine All­tags­her­aus­for­de­rung, der wir uns täg­lich stel­len müs­sen und über die wir uns ger­ne im Kon­gress austauschen.

OT: Der Kon­gress hat­te eini­ge Vor­trä­ge zum The­ma ­„Digi­ta­li­sie­rung und 3D-Druck“: Wie beur­tei­len Sie ­aktu­ell den Stellenwert?

Zap­pe: Ich glau­be schon, dass das ein Weg sein wird, der in der Zukunft sei­nen Platz fin­den wird. Aber dafür bedarf es noch eini­ger wei­te­rer tech­ni­scher Wei­ter­ent­wick­lun­gen. Gera­de in Bezug auf Druck­dau­er, Daten­grö­ße usw., wie es Andre­as Gaut­schi in sei­nem Vor­trag auch beschrie­ben hat. Vor­tei­le gibt es aber schon jetzt zu sehen. Zum Bei­spiel bei der Rücken­scha­le. Die Indi­vi­dua­li­tät ist aktu­ell aus mei­ner Sicht der größ­te Vor­teil, inso­fern als die Betrof­fe­nen indi­vi­dua­li­sier­te Mus­ter und Far­ben wäh­len kön­nen. Im All­ge­mei­nen sehe ich das ähn­lich wie die Ent­wick­lung der Han­dys, wenn man ver­gleicht, was frü­her das Han­dy konn­te und was es heu­te leis­tet. In fünf bis zehn Jah­ren kann dem­entspre­chend die Ent­wick­lung die­ser Hilfs­mit­tel schon eine ganz ande­re Dimen­si­on ange­nom­men haben. Aber aktu­ell haben wir bei uns im RSZ 3D-Dru­cker im Ein­satz, wenn es dar­um geht, All­tags­hilfs­mit­tel her­zu­stel­len zum Bei­spiel, um die Wie­der­ein­glie­de­rung von Patient:innen zu unter­stüt­zen. Ich hal­te die­se Ent­wick­lung trotz­dem für sehr viel­ver­spre­chend. Aus mei­nem Gefühl her­aus ist die Digi­ta­li­sie­rung der Rücken­scha­le näher an einer Ver­wirk­li­chung als das Sitz­kis­sen. Aber bei­des wird sehr wahr­schein­lich in Zukunft kommen.

Die Fra­gen stell­te Ire­ne Mechsner.

Tei­len Sie die­sen Inhalt