OTWorld

Work­shop beleuch­tet Auf­bau einer Oberschenkelprothese

Fehler gehören zum Alltag, doch gerade dort, wo sie sich auf die Lebensqualität von Menschen auswirken, können selbst kleinste Ungenauigkeiten große Folgen haben. Wie sich das bei Patienten mit Oberschenkelprothese bemerkbar macht, das zeigt ein Workshop auf der OTWorld.

Für die OT erläu­tern Vor­sit­zen­de Alex­an­dra Reim und Refe­ren­tin Lisa Marr, war­um Feh­ler oft nicht erst an der Werk­bank ent­ste­hen, und wie wich­tig ein tie­fes Ver­ständ­nis bio­me­cha­ni­scher Zusam­men­hän­ge für die Ver­sor­gung ist.

„Klei­ne Feh­ler, gro­ße Wir­kung“ heißt der Titel Ihres Work­shops. Erin­nern Sie sich an sol­che „klei­nen Feh­ler mit gro­ßer Wir­kung“ aus Ihrem Berufsalltag?

Lisa Marr/Alexandra Reim: Feh­ler, ob klein oder groß, pas­sie­ren den gan­zen Tag. Schon eine falsch ein­ge­stell­te Maden­schrau­be im Übertragungs­gerät führt zu einer wun­der­bar fer­tig­ge­stell­ten was­ser­fes­ten Unter­schen­kel­pro­the­se in Scha­len­bau­wei­se, mit der der Kun­de lei­der gar nichts anfan­gen kann. Hier­bei ent­steht im Werk­statt­all­tag ganz neben­bei ein schö­nes Aus­stel­lungs­stück für den Ein­gangs­be­reich oder den nächs­ten Mes­se­stand. Der Kun­de kann in die­ser Woche nicht in den Urlaub fah­ren und hat einen rich­tig schlech­ten Tag beim Ortho­pä­die­tech­ni­ker. Ver­trau­en in die Pro­the­se ange­knackst, Urlaub geplatzt. So gese­hen war die klei­ne Schrau­be kein klei­ner Fehler.

In unse­rem Beruf haben wir Ver­ant­wor­tung für sicher­heits­re­le­van­te Hilfs­mit­tel, die Men­schen Mobi­li­tät ermög­li­chen. Unse­re Kun­den ver­trauen auf das Hilfs­mit­tel, das ihre Behin­de­rung aus­gleicht, wei­te­re Fol­ge­schä­den ver­mei­det und im All­tag jeder­zeit sicher und ein­satz­fä­hig ist.

War­um ist das Ver­ständ­nis von „klei­nen Feh­lern“ in der Ober­schenkelprothetik so entscheidend?

In der Ober­schen­kel­pro­the­tik erset­zen wir zwei Gelen­ke, was die Kom­ple­xi­tät mas­siv erhöht. Die Feh­ler­ver­mei­dung beginnt hier jedoch bereits weit vor der Werk­bank, wie zum Bei­spiel bei der Ana­mne­se und den Mes­sun­gen am Kun­den. Neh­men wir beispiels­weise für den Schaft­bau den Ramus­win­kel mit der dazu­ge­hö­ri­gen Fort­be­we­gungs­li­nie: unge­nau ermit­telt, ist das Fun­da­ment für den gesam­ten Schaft­bau fehlerhaft.

Ein falsch defi­nier­ter Ramus­win­kel oder all­ge­mein nicht kor­rekt ein­ge­bet­te­te ana­to­mi­sche Struk­tu­ren, wozu auch die Mus­ku­la­tur zählt, füh­ren im Gang­zyklus zu Rota­ti­ons­stress. Die­sen Stress spä­ter durch blo­ßes Jus­tie­ren der Bau­tei­le „weg­zu­dre­hen“, wäre bio­me­cha­nisch der fal­sche Weg. Wir wür­den das Sym­ptom kaschie­ren, aber die Ursa­che im Schaft belas­sen. Sol­che Basis­feh­ler füh­ren unter ande­rem zu Ausgleichs­bewegungen, die kon­tra­pro­duk­tiv für die Langzeit­rehabilitation sind. Der Feh­ler muss an der Wur­zel gepackt, statt müh­sam weg­jus­tiert werden.

Der Work­shop steht auch auf dem Pro­gramm der Jugend-Aka­de­mie TO. Wel­chen Mehr­wert sehen Sie für die jun­gen Teilnehmer?

Die Jugend-Aka­de­mie TO bie­tet einen geschütz­ten Raum, in dem Aus­zu­bil­den­de die Aus­wir­kun­gen von Auf­bau­feh­lern auf das Gang­bild struk­tu­riert ana­ly­sie­ren kön­nen. Im beruf­li­chen All­tag fehlt dafür oft die Zeit, da in der Gang­ana­ly­se sehr vie­le Fak­to­ren gleich­zei­tig wir­ken und inner­halb weni­ger Schrit­te beur­teilt wer­den müs­sen. Genau hier set­zen wir an: Wir geben den Teil­neh­mern einen kla­ren Leit­fa­den sowie prak­ti­sche Tipps und Tricks an die Hand, um die­sen „Fak­­to­ren-Dschun­gel“ sys­te­ma­tisch zu ord­nen und Feh­ler gezielt ein- oder aus­zu­schlie­ßen. So ent­steht ein bes­se­res Ver­ständ­nis dafür, wie ein­zel­ne Para­me­ter zusam­men­hän­gen. Ziel ist es, Feh­ler früh­zei­tig zu erken­nen, bevor sie spä­ter in Car­bon oder Gieß­harz „ver­ewigt“ werden.

Inwie­fern ver­su­chen Sie, die Teil­nehmer aktiv einzubinden?

Ein Pro­band wird in ver­schie­de­nen feh­ler­haf­ten Pro­the­sen­jus­tie­run­gen vor uns allen lau­fen. Das Gang­bild wird in den Ebe­nen mit Kame­ras auf die Lein­wand gewor­fen und wir erar­bei­ten zusam­men, woher die Kom­pen­sa­ti­ons­be­we­gung kam. Wir wol­len gemein­sam mit den Aus­zu­bil­den­den und deren Ein­schät­zun­gen zu einem sta­bi­len Ergeb­nis kom­men. Wir über­las­sen die Kom­pen­sa­ti­on nicht dem Zufall, die Auf­bau­feh­ler wer­den zusätz­lich bio­me­cha­nisch begründet.

Frau Marr, Sie unter­rich­ten seit zwei Jah­ren an der Bufa. Gibt es Lern­wege, die sich bewährt haben und auf die Sie auch wäh­rend des Work­shops setzen?

Ich lege Wert auf Wie­der­ho­lung und Selbst­er­fah­rung. Rei­nes visu­el­les Ler­nen reicht nicht für jeden; ech­tes Ver­ständ­nis ent­steht oft erst durch Hap­tik. Fehlt außer­dem die theo­re­ti­sche Basis, ist es schwer, Abwei­chun­gen von der Norm zu erken­nen. Die­ses Basis­wis­sen beginnt bei der Ana­to­mie des Men­schen und dem Gang­zy­klus, geht über die bio­me­cha­ni­schen Wirk­prin­zi­pi­en der Pro­the­sen­kom­po­nen­ten bis hin zum kor­rek­ten Werk­statt­auf­bau sowie zur sta­ti­schen und dyna­mi­schen Beur­tei­lung. Und im ­Mit­tel­punkt steht immer der Mensch.

Natür­lich kön­nen wir als „gesun­de Zwei­bei­ner“ nicht voll­stän­dig nach­emp­fin­den, was eine Vier­tel­um­dre­hung mehr Fle­xi­on im Schaft oder eine hal­be Umdre­hung Supi­na­ti­on am Fuß für einen Ampu­tier­ten bedeu­tet. Des­halb arbei­ten wir mit erfah­re­nen Pro­ban­den, die sicher genug sind, geziel­te Jus­tier­feh­ler aus­zu­glei­chen und ver­läss­li­ches Feed­back zu geben. So ler­nen Tech­ni­ker, Rück­mel­dun­gen bio­me­cha­nisch zu inter­pre­tie­ren und gezielt umzu­set­zen. Feh­ler sind dabei aus­drück­lich erwünscht – im geschütz­ten Rah­men des Work­shops sind sie der bes­te Lehrmeister.

Sie bei­de sind Mit­glie­der der FOT, enga­gie­ren sich also für die Wei­ter­bil­dung in der Bran­che. Was haben Sie zuletzt dazugelernt?

Fol­gen­de Erkennt­nis ergab sich vor ein paar Wochen: Der täg­li­che Beglei­ter der Pro­the­ti­ker, der 4er-Innen­sechs­kant­dre­her, heißt Inbus und nicht Imbus. Ein klei­ner (Dialekt-)Fehler mit ganz klei­ner Wir­kung. Dafür ein gro­ßer Lacher in der Werkstatt.

Die Fra­gen stell­te Pia Engelbrecht.

 

Zu den Personen

Alex­an­dra Reim ist als Ortho­pä­die­tech­nik-Meis­te­rin bei der Orthopädie­technik Ehmer GmbH in Mainz tätig. Neben­bei stu­diert sie im ­Bache­lor of ­Engi­nee­ring Ortho­pä­die- und Reha­bi­li­ta­ti­ons­tech­nik an der ­Fach­hoch­schu­le (FH) Dort­mund und der Bun­des­fach­schu­le für Ortho­pä­die-Tech­nik (Bufa). Reim ist im Vor­stand der Fortbildungs­vereinigung für Ortho­pä­die-Tech­nik (FOT) und Mit­glied des Programm­komitees der OTWorld 2026.

Lisa Marr ist Leh­re­rin an der Bun­des­fach­schu­le für Ortho­pä­die-Tech­nik (Bufa) in Dort­mund mit dem Schwer­punkt Knie­ex­ar­ti­ku­la­ti­ons- und Oberschenkel­prothetik. Die gelern­te Ortho­pä­die­tech­nik-Meis­te­rin ist im Vor­stand der ­Fort­bil­dungs­ver­ei­ni­gung für Ortho­pä­die-Tech­nik (FOT) tätig und seit 2016 Team­mit­glied des Ver­eins Pro Uganda. 

 

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