ISPO-Kon­gress: Von der Fuß­de­for­mi­tät bis zur Behand­lung idio­pa­thi­scher Skoliose

Die drei nationalen Organisationen der Internationalen Gesellschaft für Prothetik und Orthetik (ISPO) aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hatten am 15. und 16. März zum gemeinsamen Kongress nach Augsburg eingeladen.

Behan­delt wur­den span­nen­de The­men aus den Berei­chen Fuß­de­for­mi­tä­ten, Sko­lio­se­be­hand­lung aber auch Quer­schnitt­läh­mung und aktu­el­le For­schungs­an­sät­ze. Ein bun­ter Strauß span­nen­der Bei­trä­ge mit höchst kom­pe­ten­ten Refe­ren­ten traf auf ein inter­es­sier­tes Publi­kum aus den ver­schie­dens­ten Berufs­grup­pen aus Medi­zin, Hand­werk und Indus­trie. Zu Beginn begrüß­ten die Vor­sit­zen­den der drei gast­ge­ben­den Län­der, Micha­el Möl­ler (Deutsch­land), Dr. Franz Land­au­er (Öster­reich) und Dr. Tho­mas Böni in Ver­tre­tung von Dr. Mar­tin Ber­li (Schweiz), ihre Gäs­te. Im Anschluss über­nahm Bodo Schrö­del, Ober­meis­ter der Lan­des­in­nung Bay­ern für Ortho­pä­die-Tech­nik, das Wort, um eini­ge Sät­ze zu dem am Vor­tag im Bun­des­tag auf den Weg gebrach­ten Aus­schrei­bungs­ver­bot für Hilfs­mit­tel zu verlieren.

Fach­the­ma „Fuß­de­for­mi­tä­ten“

Als Eröff­nungs­red­ner des Fach­the­mas „Fuß­de­for­mi­tä­ten“ unter der Lei­tung von Micha­el Möl­ler konn­te mit Dr. Leon­hard Döder­lein einer der renom­mier­tes­ten kin­der­or­tho­pä­disch­spe­zia­li­sier­ten Medi­zi­ner des Lan­des gewon­nen wer­den. Döder­lein hob die Bedeu­tung der bei­den gro­ßen Hebel bestehend aus Vor – und Rück­fuß her­vor und stell­te­dar, wie aus medi­zi­nisch-bio­me­cha­ni­scher Sicht die Funk­ti­on eines ana­to­mi­schen Fuß­he­bels zu ver­ste­hen ist. Die Orthopädie-(Schuh-)Technik könn­te bei patho­lo­gi­schen­Ver­än­de­run­gen unter­stüt­zen­de Funk­tio­nen übernehmen.

Anhand von kli­ni­schen Bei­spie­len mit Pati­en­ten aus den Berei­chen Apo­plex, MMC und Bal­len­hol­fuß bei Charcot–Marie–Tooth zeig­te im nächs­ten Bei­trag Dr. Gre­gor Pittl auf, wie ope­ra­ti­ve und kon­ser­va­ti­ve orthe­ti­sche Maß­nah­men­kom­ple­men­tä­re Effek­te her­vor­ru­fen. Pittl beton­te die Wich­tig­keit, sowohl einen funk­tio­nel­len Ansatz zuwäh­len, als auch die plan­tig­ra­de Ein­stel­lung eines Fußes­mit einer neu­ro­mus­ku­lär beding­ten Fuß­de­for­mi­tät zu errei­chen. Je nach Indi­ka­ti­ons­stel­lung könn­ten weich­tei­li­ge oder knö­cher­ne ope­ra­ti­ve Maß­nah­men die Fol­ge sein. Georg Fors­ter stell­te anschlie­ßend u. a. aktu­el­le mess­tech­ni­sche Mög­lich­kei­ten im Zuge einer adäqua­ten Anpas­sung von Fuß­ver­sor­gun­gen beim dia­be­ti­schen Fuß­syn­drom vor. Er ver­wies z. B. dar­auf, dass es eine Kom­bi­na­ti­on von klas­si­schen Bild­ge­bungs­ver­fah­ren und einem 3D-Fuß-Scan erlau­be, durch ein drei­di­men­sio­na­les Bild die ana­to­mi­schen Struk­tu­ren bes­ser auf das spä­te­re Modell pro­ji­zie­ren zu können.

Es folg­te ein span­nen­der „Tand­em­bei­trag“ von Dr. Ulrich Haf­ke­mey­er und Micha­el Möl­ler, der auf die Beson­der­hei­tenin der ortho­pä­die-schuh­tech­ni­schen Kin­der­ver­sor­gung ein­ging. Nach einer kur­zen Ein­füh­rung in die Ver­sor­gungs­ab­läu­fe beton­te Haf­ke­mey­er den Stel­len­wert eines mul­ti­dis­zi­pli­nä­ren Teams im Set­up eines Sozi­al­päd­ia­tri­schen Zen­trums (SPZ). Haf­ke­mey­er und Möl­ler führ­ten aus, dass eine koor­di­nier­te und berufs­grup­pen­über­grei­fen­de Kon­zep­tio­nes­sen­ti­ell ist, um eine effi­zi­en­te Ver­sor­gungs­stra­te­gie­zu ent­wi­ckeln. Kon­ser­va­ti­ve und ope­ra­ti­ve Optio­nen sei­en gemein­sam abzu­wä­gen und basie­rend auf der Unter­su­chun­gund Ana­mne­se im Team zu beschließen.

Nach anre­gen­den Dis­kus­sio­nen rund um das The­ma Fuß nutz­ten die Kon­gress­teil­neh­mer die fol­gen­de Pau­se für eine Besich­ti­gung der Aus­tel­ler­stän­de, ehe Dr. Franz Land­au­er und Dr. Ste­fan Mid­del­dorf den Vor­sitz des Schwer­punkts „Die idio­pa­thi­sche Sko­lio­se“ über­nah­men. Dr. Tho­mas Böni eröff­ne­te das Vor­trags­pro­gramm mit­mög­li­chen Behand­lungs­op­tio­nen aus Sicht eines Orthopäden.

Dabei ver­wies er auf die enor­me Bedeu­tung einer guten und umfas­sen­den Dia­gnos­tik und beton­te, dass die idio­pa­thi­sche Sko­lio­se zwin­gend von ande­ren poten­ti­el­len Ursa­chen abzu­gren­zen sei, um eine ziel­füh­ren­de The­ra­pie­ein­lei­ten zu kön­nen. Hier­zu zäh­len auch die kla­ren und dif­fe­ren­zier­ten Fest­le­gun­gen von rea­lis­ti­schen und damit erreich­ba­ren Ver­sor­gungs­zie­len. Wel­che Behand­lungs­mög­lich­kei­ten die Ortho­pä­die-Tech­nik bei einer idio­pa­thi­schen Sko­lio­se bie­tet, stell­te Dipl.-Orth. Prot. Andre­as Wür­sching in Augs­burg vor. Hin­sicht­lich der Kor­sett­ver­sor­gung ließ es sich der Refe­rent nicht neh­men, einen zeit­ge­schicht­li­chen Exkurs durch die The­ra­pie­form zu unternehmen.

Die Aus­stel­lung bot Gele­gen­heit, sich über aktu­el­le Inno­va­tio­nen
in der Hilfs­mit­tel­in­dus­trie zu informieren.

Dabei gelang­te er wenig über­ra­schend im Lau­fe des Vor­trags zum bahn­bre­chen­den Kon­zept nach Chê­ne­au. Die­ses führ­te zu einer Viel­zahl von Abwand­lun­gen aber auch spe­zi­el­len Weiterentwicklungen.In der Kon­se­quenz konn­ten dabei nicht nur Stan­dar­di­sie­run­gen in der Maß­nah­me und Umset­zung erfol­gen, son­dern­der Bereich der Ser­vice­fer­ti­gun­gen von Kor­set­ten neue Mög­lich­kei­ten erfah­ren. Gleich­zei­tig wies Wür­sching dar­auf­hin, dass letzt­ge­nann­tes Ver­fah­ren nur eine Basis bil­de und die fina­len Anpas­sun­gen wei­ter­hin der Hoheit und der Kom­pe­tenz des Ortho­pä­die-Tech­ni­kers vor Ort unter­lä­gen. M.Sc. Lin­da Dyer run­de­te anschlie­ßend den inter­dis­zi­pli­nä­ren Ansatz aus phy­sio­the­ra­peu­ti­scher Per­spek­ti­ve ab.

Neben einer Anlei­tung zur Kor­rek­tur­hal­tung gehö­re ein dezi­dier­tes Rumpf­trai­ning zur The­ra­pie der zumeist jun­gen Pati­en­ten. Durch die Unter­stüt­zung einer Smart­pho­ne-App kön­ne ein eigen­stän­di­ges Trai­ning der Pati­en­ten orga­ni­siert wer­den, das wie­der­um eine hohe Akzep­tanz bei den Anwen­dern fände.

Zum Abschluss des The­men­be­reichs wid­me­te sich Dr. Land­au­er der Fra­ge, inwie­weit der Ein­satz von Rumpf­orthe­sen im Fal­le einer seg­menta­len Degeneration/Instabilität erfolgs­ver­spre­chend sei. Land­au­er ging in sei­nem Bei­trag u. a. auf die beson­de­re Situa­ti­on von Sko­lio­sen im Erwach­se­nen­al­ter ein. Im Fal­le einer Kor­sett­be­hand­lung sei­en gewis­se Rand­be­din­gun­gen zu beach­ten, wie etwa eine gewis­se Fle­xi­bi­li­tät der Wir­bel­säu­le. Eine indi­vi­du­el­le Betrach­tungs­wei­se im Hin­blick auf poten­ti­el­le Kon­se­quen­zen für die Zukunft sei gebo­ten, um dege­ne­ra­ti­ven Pro­zes­sen und Ver­än­de­run­gen zuvor zu kom­men, da die­se auch neu­ro­lo­gi­sche Aus­wir­kun­gen haben könnten.

von Mer­kur Alimusaj

Eine Bil­der­ga­le­rie mit Moti­ven aus Kon­gress und Aus­stel­lung bie­tet die Kon­gress-Web­site unter: www.ispohead2019.com

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