Schä­del­de­for­mi­tä­ten im Säug­lings­al­ter – Ver­gleich von Kopf­kor­rek­tur­or­the­sen in Eigen­bau und Fer­ti­gung durch 3D-Druck

A. Spank
Der sogenannte Gehirnschädel (Neuro­cranium) wird aus den Schädelknochen, den Schädelnähten und den Fontanellen gebildet. Ca. 80 % des Volumenwachstums des Schädels entstehen innerhalb der ersten 2 Lebensjahre, wobei die Geschwindigkeit des Wachstums in dieser Zeit von Geburt an immer mehr abnimmt. Das Wachstum und dadurch auch der Umfang des Schädels hängen von mehreren Faktoren ab: von der Genetik, vom Hirnwachstums, der Muskelspannung, äußerlichen Einflüssen oder auch frühzeitiger Verknöcherung der Schädelnähte (Kraniosynostosen). Diese Faktoren können das gleichmäßige Wachstum der Knochen oder Nähte des Schädels so verhindern, dass eine sogenannte Asymmetrie entsteht. Die Ursachen der Schädeldeformitäten können sowohl angeboren (pränatal) als auch erworben (pronatal) sein, angeborene Schädeldeformitäten kommen jedoch im Verhältnis zu den erworbenen seltener vor. Um eine Schädeldeformität zu vermeiden, gibt es einige Maßnahmen, wie z. B. die regelmäßige Veränderung der Schlafposition, die Verwendung eines Lagerungskissens, um das Kind auf der nicht bevorzugten Seite zu lagern, oder spezielle Babykissen, die Druck auf den Hinterkopf verhindern. Physiotherapie, Osteopathie und die Versorgung mit einem Kopfkorrekturhelm sind weitere wichtige Möglichkeiten, die Deformität des Schädels zu reduzieren. Erst das Zusammenspiel der verschiedenen Therapiemöglichkeiten führt zum gewünschten Erfolg.

Ursa­chen

Die Ent­ste­hung einer erwor­be­nen Schä­del­de­for­mi­tät kann ver­schie­dens­te Ursa­chen haben. Seit der Ein­füh­rung des „Zurück zu Sleep“-Konzeptes gegen den plötz­li­chen Kinds­tod (SIDS, Sud­den Infant Death Syn­dro­me) hat die Zahl der lage­be­ding­ten Schä­del­de­for­mi­tä­ten zuge­nom­men1. Der am häu­figs­ten auf­tre­ten­de Fall ist eine ein­sei­ti­ge oder immer glei­che Lage­rung des Säug­lings. Die dabei wir­ken­de Schwer­kraft übt Ein­fluss auf das Wachs­tum des Schä­dels aus. Wei­te­re Ursa­chen kön­nen eine mus­ku­lä­re Dys­ba­lan­ce im Nacken­be­reich und damit eine ein­sei­ti­ge Schlaf­hal­tung, neu­ro­na­le Funk­ti­ons­stö­run­gen im Hals­wir­bel­säu­len­be­reich, eine ein­ge­schränk­te akti­ve oder pas­si­ve Rota­ti­on im Hals­wir­bel­säu­len­be­reich, eine lang­sa­me moto­ri­sche Ent­wick­lung, eine gerin­ge oder feh­len­de Bauch­la­ge im Wachs­tums­al­ter, ein hohes Geburts­ge­wicht, Mehr­lings­ge­bur­ten sowie Früh­ge­burt­lich­keit darstellen.

Anzei­ge

Erschei­nungs­bild

Die erwor­be­ne Ver­for­mung des Schä­dels wirkt sich als Brachy­ze­pha­lus (griech.: brachy – kurz; zepha­lus – Kopf) oder Plagio­ze­pha­lus (griech.: plagio – schief; zepha­lus – Kopf) aus und kann auch als Misch­form vor­kom­men. Je nach Stär­ke die­ser Ver­for­mun­gen kann es eben­falls zu einer Ver­schie­bung der Ohr-Ach­se füh­ren2.

Der lage­be­ding­te Plagio­ze­pha­lus cha­rak­te­ri­siert einen seit­lich abge­flach­ten oder auch schrä­gen Schä­del, bei dem auch die Ach­se des Ohres ver­scho­ben sein kann. Die Klas­si­fi­zie­rung nach dem ame­ri­ka­ni­schen Medi­zi­ner Lou­is Argen­ta beschreibt 5 Schwe­re­gra­de der Schä­del­ver­for­mung3.

Der lage­rungs­be­ding­te Brachy­ze­pha­lus cha­rak­te­ri­siert eine Abfla­chung des Schä­dels im occi­pi­ta­len Bereich auf der lin­ken und rech­ten Sei­te. An der Schä­del­rück­sei­te weist er eine Flä­che auf. Die Län­ge des Schä­dels, in Abhän­gig­keit zu sei­ner Brei­te, besitzt eine cha­rak­te­ris­ti­sche Verkürzung.

Der Plagio­brachy­ze­pha­lus cha­rak­te­ri­siert eine Misch­form aus Plagio­ze­pha­lus und Brachy­ze­pha­lus. Die Form des Schä­dels weist eine Asym­me­trie auf, also eine Abfla­chung des Schä­dels an einer Sei­te der Stirn und am gegen­über­lie­gen­den Anteil des Hin­ter­kop­fes. Zusätz­lich ist ein sol­cher Schä­del deut­lich kür­zer als ein Schä­del mit einer phy­sio­lo­gi­schen Form.

Dia­gnos­tik – Erhe­bung der Messwerte

Die Dia­gnos­tik der Schä­del­de­for­mi­tät erfolgt in der Regel durch eine ärzt­li­che kli­ni­sche Unter­su­chung. Sie kann jedoch auch durch Kin­der­ärz­te erfol­gen. Nach gestell­ter Dia­gno­se ist es sinn­voll, früh­zei­tig einen Spe­zia­lis­ten aufzusuchen.

Zur Ein­tei­lung des Gra­des der Asym­me­trie müs­sen kepha­lo­me­tri­sche Mes­sun­gen des Schä­dels mit Hil­fe eines Maß­ban­des und eines Becken­zir­kels vor­ge­nom­men wer­den. Gemes­sen wer­den der Kopf­um­fang, die Län­ge und Brei­te des Schä­dels sowie der Schräg­durch­mes­ser. Um digi­ta­le 3D-Mess­da­ten erfas­sen zu kön­nen, kommt eine 3D-Ste­reo­pho­to­gram­me­trie zum Ein­satz4.

Moss und Mortenson/Steinbok defi­nie­ren die soge­nann­te Cra­ni­al Vault Asym­me­try (CVA) 5 6. Sie beschreibt die Dif­fe­renz der größ­ten und kleins­ten Dia­go­na­le des Schä­dels (Abb. 1, durch­ge­zo­ge­ne Linie). Die Dif­fe­renz der bei­den Dia­go­na­len ergibt den Wert der Asym­me­trie. Bei einer Dif­fe­renz, die gerin­ger ist als 3 mm, ist die­se nicht zu beach­ten. Ist sie grö­ßer als 3 mm, aber gerin­ger als 12 mm, spricht man von einer leich­ten Asym­me­trie. Liegt der Wert ober­halb von 12 mm, han­delt es sich um eine schwe­re Asymmetrie.

Der Cra­ni­al Vault Asym­me­try Index (CVAI) wur­de erst­mals von Love­day et. al 20017 ein­ge­führt und gibt den Grad der Ver­for­mung in Pro­zent an und ist seit­her inter­na­tio­na­ler Stan­dard zur Bestim­mung des Gra­des der Ver­for­mung. Zur Bestim­mung der dia­go­na­len Ach­sen wird der Schä­del in eine Längs- und eine Quer­ach­se geteilt. Jeweils 30 Grad rechts und links von der Längs­ach­se weg wer­den die Dia­go­na­len gebil­det (Abb. 1, gestri­chel­te Linie). Zur Bestim­mung des CVAI wird die kür­ze­re Dia­go­na­le b von der län­ge­ren Dia­go­na­le a sub­tra­hiert und durch die kür­ze­re Dia­go­na­le divi­diert. Das Ergeb­nis wird dann mit 100 % mul­ti­pli­ziert8.

Berech­net wird mit Hil­fe fol­gen­der Formel:

–   CVAI = 0 % bis 3,5 %
➞ Nor­mal­wert (Level 1)

–  CVAI = 3,5 % bis 6,25 %
➞ leich­te Asym­me­trie (Level 2)

–  CVAI = 6,25 % bis 8,75 %
➞ mäßig bis schwe­re Asym­me­trie (Level 3)

–  CVAI = 8,75 % bis 11 %
➞ schwe­re Asym­me­trie (Level 4)

–  CVAI = 11 % oder größer
➞ sehr schwe­re Asym­me­trie (Level 5)

 

Der Cra­ni­al Index (CI) beschreibt das Ver­hält­nis der Län­ge zur Brei­te des Schä­dels in Pro­zent. Je wei­ter der Wert vom Nor­mal­wert abweicht, des­to län­ger (CI < 75 %) / kür­zer (CI > 90 %)

ist der Schä­del im Ver­hält­nis. Berech­net wird der CI über das Ver­hält­nis der Ver­bin­dungs­dia­go­na­le der bei­den Ohren und der Ver­bin­dungs­li­nie der Nase und des Hin­ter­kop­fes mul­ti­pli­ziert mit 100 %9.

Berech­net wird dies mit Hil­fe fol­gen­der Formel:

–  CI = < 90 %
➞ normal

–  CI = 90 % bis 95 %
➞ leich­ter Brachyzephalus

–  CI = 95 % bis 100 %
➞ mit­tel bis schwe­rer Brachyzephalus

–  CI = > 100 %
➞ schwe­rer Brachyzephalus

 

Ver­gleich der Kopfkorrekturorthesen

Bera­tungs­ge­spräch

Zu Beginn jeder ortho­pä­die­tech­ni­schen Ver­sor­gung steht immer ein Bera­tungs­ge­spräch, wel­ches beim Eigen­bau und bei einer gedruck­ten Vari­an­te iden­tisch ist.

Vor dem Erst­kon­takt mit dem Säug­ling und des­sen Ange­hö­ri­gen wird durch einen Fach­arzt eine Dia­gno­se gestellt und die­se mit Hil­fe eines Scans in Daten beschrie­ben (Abb. 2).

Unter Ein­be­zie­hung des Scans wer­den die tat­säch­li­che Kopf­form und das Aus­maß der Asym­me­trie fest­ge­stellt. Das Alter und der Schä­del­um­fang wer­den berück­sich­tigt, um ein mög­li­ches Wachs­tums­po­ten­zi­al abschät­zen zu kön­nen. Zusätz­lich wer­den Begleit­erkran­kun­gen, Dia­gno­sen oder Auf­fäl­lig­kei­ten im All­tag des Säug­lings abge­fragt, um die­se bei der Aus­wahl der Ver­sor­gung berück­sich­ti­gen zu können.

Im wei­te­ren Ver­lauf wer­den die bei­den Helm­ar­ten mit ihren Vor- und Nach­tei­len bespro­chen, in ihrer Wir­kung und dem Ablauf erläu­tert und vor­ge­stellt. Unter­schie­den wird dabei zwi­schen einem Kopf­kor­rek­tur­helm in Eigen­bau und dem im 3D-Druck gefer­tig­ten Helm Talee. Der Her­stel­ler Invent Medi­cal (Regens­burg) bie­tet 2 ver­schie­de­ne Ver­sor­gungs­mög­lich­kei­ten, das Basis­mo­dell und das 2in1-Modell. Zusätz­lich wer­den Fotos des Schä­dels von oben, vorn, hin­ten und von den Sei­ten erstellt.

Die Ent­schei­dung über die Art der Ver­sor­gung erfolgt dabei anhand ver­schie­dens­ter Kri­te­ri­en (sie­he Ent­schei­dungs­kri­te­ri­en) und immer in Abspra­che mit Ortho­pä­die­tech­ni­ker, Arzt und Ange­hö­ri­gen. Nach dem Bera­tungs­ge­spräch wird der Kos­ten­vor­anschlag mit dem Scan des Fach­arz­tes und den Fotos des Schä­dels bei der Kran­ken­kas­se eingereicht.

Eigen­fer­ti­gung einer Kopf­kor­rek­tur­or­the­se an einem Versorgungsbeispiel

Fer­ti­gungs­kon­zept

Das Kon­zept des Kopf­kor­rek­tur­hel­mes in Eigen­fer­ti­gung basiert auf einer Wachs­tums­len­kung. Die Kopfor­the­se besitzt bestimm­te Anla­ge­flä­chen und Frei­räu­me, die in den Helm ein­ge­ar­bei­tet wer­den. Die­se Anla­ge­flä­chen sichern den Halt des Hel­mes am Kopf und wir­ken in den Berei­chen, in denen der Schä­del nicht wei­ter­wach­sen soll. Die­se Flä­chen befin­den sich an den Schlä­fen, dem occi­pi­ta­len Bereich, den seit­li­chen Schä­del­be­rei­chen bei beson­ders star­ken Asym­me­trien und den pro­mi­nen­ten Antei­len der Stirn und des Hin­ter­haup­tes, in denen der Schä­del ein über­mä­ßi­ges Wachs­tum auf­weist. An die­sen Stel­len kann im Ver­lauf der Behand­lung Pols­ter­ma­te­ri­al redu­ziert wer­den, um den Druck an den flä­chi­gen Anla­gen zu redu­zie­ren. An den betrof­fe­nen Stel­len der Stirn und des Hin­ter­haup­tes befin­den sich die soge­nann­ten Frei­räu­me oder Berei­che, in die der zu wenig gewach­se­ne Teil des Schä­dels hin­ein­wach­sen soll (Abb. 3).

Das Tra­gen des Kopf­kor­rek­tur­hel­mes soll­te täg­lich 23 Stun­den erfol­gen, da jeder­zeit Wachs­tums­schü­be des Schä­dels auf­tre­ten kön­nen. Die Tra­ge­dau­er des Hel­mes wird ca. bis zum 14. Lebens­mo­nat emp­foh­len; dann ver­lang­samt sich das Wachs­tum stark10.

Ent­schei­dungs­kri­te­ri­en

  • emp­foh­le­ner The­ra­pie­be­ginn bis zum 9. Lebensmonat
  • anwend­bar bei Kin­dern mit allen Arten von Schädeldeformitäten
  • anwend­bar bei Kin­dern mit Neurodermitis
  • direk­te Passgenauigkeit
  • guter Halt am Schädel
  • gerin­ge Herstellungsdauer
  • gute Anpass­bar­keit im Lau­fe der Therapie
  • indi­vi­du­el­le Gestaltbarkeit

Fer­ti­gungs­ab­lauf

Bevor die Fer­ti­gung des Hel­mes in Eigen­bau beginnt, wird ein vir­tu­el­les Model des Schä­dels erstellt. Das geschieht mit Hil­fe des 3D-Hand­scan­ners der Fir­ma Artec 3D (Sen­nin­ger­berg, Luxem­burg). Die­ses digi­ta­le Model wird dann über die Soft­ware Free Form zuge­schnit­ten und aus­ge­rich­tet. Zusätz­lich wer­den der spä­te­re Kan­ten­ver­lauf und Lot­li­ni­en zur Posi­tio­nie­rung im Raum angegeben.

Der Rand­ver­lauf ist so gewählt, dass das Gesichts­feld und damit die Sicht des Säug­lings unein­ge­schränkt ist. Der Stirn­ab­schluss ver­läuft ober­halb der Augen­brau­en. Der Abschluss an den Schlä­fen ist so zu wäh­len, dass er im vor­de­ren Bereich die Augen nicht ein­schränkt und im hin­te­ren Bereich das Ohr nicht bedeckt. Der Abschluss liegt ober­halb des Ohr­läpp­chens. Im Hin­ter­haupt­be­reich liegt der Abschluss in Höhe des Ohr­läpp­chens, wobei bei der spä­te­ren Anpro­be dar­auf zu ach­ten ist, dass eine unein­ge­schränk­te Bewe­gung des Schä­dels mög­lich ist. Das vir­tu­el­le Modell wird dann aus einem Poly­ure­than-Schaum mit einer Dich­te von 140 kg/m³ gefräst (Abb. 4).

Das gefräs­te Model wird anschlie­ßend so mit Gips bear­bei­tet, dass eine gleich­mä­ßi­ge Form des Schä­dels ent­steht. In den Berei­chen, in denen der Schä­del noch nicht so aus­ge­prägt ist, wird Gips auf­ge­tra­gen; hier ist ein spä­te­res Wachs­tum des Schä­dels mög­lich. In den Berei­chen, in denen der Schä­del schon stark gewach­sen ist, wird das Modell in sei­ner Form bei­be­hal­ten und bil­det eine spä­te­re Anla­ge­flä­che im Kopf­kor­rek­tur­helm (Abb. 5).

Über das fer­ti­ge Modell wird ein ca. 15 mm dickes Pols­ter­ma­te­ri­al PPT gezo­gen. Der spä­te­re Zuschnitt wird über­tra­gen, die Füh­rungs­ste­ge und die Säge­hil­fe wer­den an der Stel­le ange­bracht, an der der Helm spä­ter geöff­net wird. Die Öff­nung befin­det sich mit­tig vom spä­te­ren Aus­schnitt des Ohres. Die Füh­rungs­stä­be wer­den dabei leicht nach hin­ten ver­setzt zur Öff­nung des Hel­mes ange­bracht. Im vor­de­ren Bereich wer­den sie mit der Orthe­se ver­klebt, im hin­te­ren Bereich bil­den sie die Füh­rung im Mate­ri­al (Abb. 6).

Im nächs­ten Schritt wird der har­te Rah­men in Faser­ver­bund gegos­sen. Dies geschieht mit­tels eines speziel­len Lami­nier­pro­to­kolls und kann farb­lich indi­vi­du­ell gestal­tet wer­den (Abb. 7). Nach dem Aus­här­ten des Gus­ses wird der end­gül­ti­ge Zuschnitt ange­zeich­net und der har­te Rah­men aus­ge­sägt und beschlif­fen. Ein Ver­schluss aus Gurt­band, das mit Klett- und Flausch­band ver­se­hen ist, wird ange­bracht, um den Form­schluss des Hel­mes zu gene­rie­ren. Der har­te Rah­men wird mit 1526-Kon­takt­kle­ber auf dem Pols­ter fixiert und im Anschluss wird das Pols­ter­ma­te­ri­al end­gül­tig nach defi­nier­tem Zuschnitt beschlif­fen. Die Lie­fer­zeit beträgt ca. 3 Tage.

Lie­fe­rung

Im Anschluss an die Fer­ti­gung des Kopf­kor­rek­tur­hel­mes wird die­ser erprobt und auf dem Kopf des Säug­lings anpro­biert. Bei die­ser Anpro­be wer­den die Kan­ten­ver­läu­fe des Hel­mes, der Halt auf dem Schä­del und die Anla­ge­flä­chen und Frei­räu­me kontrolliert.

Mit den Ange­hö­ri­gen wer­den noch­mals der Ablauf der The­ra­pie und all­täg­li­che Hin­wei­se zur Hand­ha­bung bespro­chen und Kon­troll­in­ter­val­le erläutert.

All­täg­li­che Hinweise

Ist die Lie­fe­rung des Hel­mes erfolgt, muss er inner­halb der ers­ten Woche erprobt wer­den und die Haut des Säug­lings muss sich an den Helm gewöh­nen. Aus die­sem Grund wird mit einer Tra­ge­dau­er von 1 h begon­nen, ehe der Helm für 30 min abge­legt wird. In die­ser Zeit soll­te die Haut kon­trol­liert wer­den; Druck­stel­len und ­Rötun­gen an den Anla­ge­flä­chen des Hel­mes soll­ten dann ver­schwun­den sein. Die Dau­er der Tra­ge­zeit wird stun­den­wei­se gestei­gert. Wenn die Tra­ge­dau­er am Tag die Dau­er des Nacht­schla­fes erreicht, kann der Helm auch nachts getra­gen wer­den. Es wird emp­foh­len, den Helm ab der 3. Nacht zu tra­gen, da der Nacht­schlaf unbe­wacht und lang ist. Im schlimms­ten Fall kann das Tra­gen zu Druck­stel­len und Ver­let­zung der Haut füh­ren. Die Tra­ge­dau­er im Anschluss an die Ein­ge­wöh­nungs­pha­se soll­te 23 Stun­den betra­gen, um mög­lichst alle Wachs­tums­schü­be mit­zu­be­kom­men. Die ein­stün­di­ge Helm­pau­se dient der Haut- und Helm­pfle­ge. Der Helm soll­te täg­lich mit Sham­poo und Was­ser aus­ge­wa­schen wer­den. Er darf aber nicht auf der Hei­zung, bei direk­ter Son­nen­ein­strah­lung oder mit dem Föhn auf hei­ßer Stu­fe getrock­net wer­den, da sich dann das Pols­ter­ma­te­ri­al ver­for­men könn­te. Anla­ge­flä­chen des Hel­mes, an denen die Kopf­haut gerö­tet war, kön­nen mit einer Feuch­tig­keits­creme ver­sorgt wer­den. Die­se soll­te vor erneu­tem Tra­gen des Hel­mes ein­ge­zo­gen sein, da es sonst zu einer Rei­bung zwi­schen Haut und Helm kom­men kann.

Ist der Säug­ling ein Rücken­schlä­fer, ist zu emp­feh­len, von den Schul­tern abwärts eine Decke unter den Kör­per zu legen, um so die (Material-)Stärke des Kopf­kor­rek­tur­hel­mes aus­zu­glei­chen. Hier­durch sol­len mus­ku­lä­re Ver­span­nun­gen im Bereich des Nackens ver­hin­dert wer­den. Anwend­bar ist dies auch für den Auto­sitz und den Kinderwagen.

Bei Fie­ber über 38 Grad ist das Tra­gen des Hel­mes zu unter­las­sen, da die Kör­per­tem­pe­ra­tur über den Kopf regu­liert wird. Beim Baby­schwim­men und Baden soll­te der Kopf­kor­rek­tur­helm eben­falls abge­setzt wer­den. Er soll­te erst wie­der auf­ge­setzt wer­den, wenn die Haut voll­stän­dig abge­trock­net ist, um Rei­bung und Haut­ir­ri­ta­tio­nen zu vermeiden.

Kon­troll­in­ter­val­le

Die ers­te Kon­trol­le fin­det ca. 1 Woche nach Lie­fe­rung des Hel­mes statt. Dabei wer­den die Akzep­tanz des Hilfs­mit­tels, die Haut­be­schaf­fen­heit und die Pass­form kon­trol­liert. Soll­ten Druck­stel­len oder ande­re Kom­pli­ka­tio­nen in die­sem Zeit­raum ent­stan­den sein, wer­den die­se besei­tigt. Monat­lich fin­den Kon­trol­len statt, bei denen das Wachs­tum des Schä­dels, die Haut­be­schaf­fen­heit über­prüft und mög­li­che Druck­stel­len besei­tigt wer­den. Alle 2 Mona­te fin­det zusätz­lich ein Ter­min zur Kon­trol­le beim Fach­arzt statt, der jeweils einen Scan des Säug­lings­schä­dels zur Aus­wer­tung und zum Ver­gleich der Wachs­tums­da­ten erstellt. Der Fach­arzt erklärt die The­ra­pie im wei­te­ren Ver­lauf als beendet.

Kopf­kor­rek­tur­helm­ver­sor­gung durch 3D-Druck

Fer­ti­gungs­kon­zept

Wenn die Wahl der Ver­sor­gung auf die Fer­ti­gung eines Hel­mes durch die Fir­ma Invent Medi­cal fällt, kann der­zeit noch zwi­schen dem Basic- und dem 2in1-Modell gewählt wer­den. Das Basic-Modell wird bei Säug­lin­gen mit einer gerin­gen Defor­mi­tät emp­foh­len. Das 2in1-Modell wird hin­ge­gen bei stark bis sehr stark aus­ge­präg­ten Asym­me­trien emp­foh­len und im Rah­men einer 2‑Pha­sen-The­ra­pie eingesetzt.

Die Wir­kung des Hel­mes beruht auf dem Prin­zip der Wachs­tums­len­kung. Mit Hil­fe einer KI-basier­ten Soft­ware wird das zu erwar­ten­de Kopf­wachs­tum wäh­rend der The­ra­pie­dau­er errech­net und der Helm in der ent­spre­chen­den Grö­ße gefertigt.

Beim 2in1-Modell wer­den zusätz­lich zur Außen­scha­le des Hel­mes 2 wei­te­re wech­sel­ba­re Scha­len für den hin­te­ren Schä­del­an­teil erstellt, die im Lau­fe der The­ra­pie aus­ge­tauscht wer­den. Die ers­te Scha­le soll die vor­han­de­ne Asym­me­trie aus­glei­chen. Ist die­ser Vor­gang abge­schlos­sen, soll die 2. Scha­le die Län­ge des Schä­dels zu sei­ner Brei­te anpas­sen11.

Ent­schei­dungs­kri­te­ri­en

  • emp­foh­le­ner The­ra­pie­be­ginn zwi­schen dem 4. und 6. Lebensmonat
  • emp­foh­len bei Kin­dern mit Plagiozephalus
  • gerin­ges Helmgewicht
  • gute Luft­zir­ku­la­ti­on
  • Wand­stär­ke des Kopf­kor­rek­tur­hel­mes gering

Fer­ti­gungs­ab­lauf

Zu Beginn der Fer­ti­gung steht wie bei der kon­ven­tio­nel­len Her­stel­lung ein Scan, der mit dem 3D-Hand­scan­ner Leo erstellt wird.

Die ent­stan­de­ne STL-Datei wird in die Soft­ware hoch­ge­la­den, um den spä­ter ent­ste­hen­den Helm zu kon­fi­gu­rie­ren und zu indi­vi­dua­li­sie­ren. In die­sem Schritt kön­nen der Rand­ver­lauf der spä­te­ren Orthe­se ange­passt, die farb­li­che Gestal­tung nach den vor­ge­ge­be­nen Mus­tern vor­ge­nom­men und ein Schrift­zug und Mus­ter ein­ge­fügt werden.

Ist der Helm vir­tu­ell erstellt, folgt der Druck­auf­trag. Mit Hil­fe eines Modi­fi­ka­ti­ons­re­por­tes wer­den die Maße und Daten in unter­schied­li­chen Gra­fi­ken dar­ge­stellt. Die Tabel­le 1 geht in der lin­ken Spal­te auf die ein­zel­nen gemes­se­nen Umfangs‑, Brei­ten- und Dia­go­nal­ma­ße ein. In der 2. Spal­te von links sind die zum Zeit­punkt der Maß­nah­me ent­stan­de­nen Maße hin­ter­legt und in der 3. Spal­te ist das berech­ne­te Wachs­tum auf­ad­diert. Die rech­te Spal­te gibt dabei die Dif­fe­renz zwi­schen den Aus­gangs­ma­ßen und den modi­fi­zier­ten Maßen an12.

Im Lie­fer­um­fang ent­hal­ten sind 2 bzw. 4 har­te Scha­len mit jeweils einem Ver­schluss auf ihren Sei­ten. Die Scha­len bestehen aus einem 3D-gedruck­ten PA12-Poly­amid-Mate­ri­al. Im Inne­ren sind sie mit einem Plas­ta­zo­te­pols­ter ver­se­hen; die Pols­ter­schicht dient dem Schutz der Kopf­haut vor Druck­stel­len. Pads aus Plas­ta­zo­te, die in ver­schie­de­nen Stär­ken mit­ge­lie­fert wer­den, die­nen zur Posi­tio­nie­rung und Fixie­rung des Hel­mes am Schä­del (Abb. 8). Die Lie­fer­zeit beträgt ca. 10 Tage.

Lie­fe­rung

Der Ablauf der Lie­fe­rung sowie die all­ge­mei­nen Hin­wei­se zum Gebrauch des Kopf­kor­rek­tur­hel­mes sind iden­tisch mit jenen des Kopf­kor­rek­tur­hel­mes in Eigenfertigung.

Kon­troll­in­ter­val­le

Die Kon­troll­in­ter­val­le bei die­ser Kopf­kor­rek­tur­helm­ver­sor­gung sind iden­tisch mit denen bei der Fer­ti­gung im Eigen­bau. Der ein­zi­ge Unter­schied besteht dar­in, dass zu jedem monat­li­chen Kon­troll­ter­min durch den Ortho­pä­die­tech­ni­ker zusätz­lich ein Scan ange­fer­tigt wird. Die­ser wird mit­tels o. g. Soft­ware aus­ge­wer­tet, um den Wachs­tums­ver­lauf bes­ser kon­trol­lie­ren zu kön­nen. Die Been­di­gung der The­ra­pie erfolgt in Abspra­che mit dem zustän­di­gen Fach­arzt (Tab. 2).

Fazit

Die Dia­gno­se einer Schä­del­de­for­mi­tät ist in der heu­ti­gen Zeit kei­ne Sel­ten­heit und hat nach Ein­füh­rung der „Zurück zu Sleep“-Methode zuge­nom­men. Je nach Stär­ke der Schä­del­asym­me­trie tei­len Argen­ta et al.13 die­se in 5 Schwe­re­gra­de ein. Es gibt vie­le Mög­lich­kei­ten zur Ver­rin­ge­rung die­ser soge­nann­ten Asym­me­trie des Schä­dels. Wich­tig dabei ist, früh­zei­tig Maß­nah­men zu ihrer Redu­zie­rung zu ergrei­fen. Eine Ver­sor­gung mit einer Kopf­kor­rek­tur­or­the­se nach Maß bie­tet dabei eine gute Mög­lich­keit. Unter­schie­den wird hier­bei zwi­schen der Vari­an­te im Eigen­bau und einer Fer­ti­gung im 3D-Druck­ver­fah­ren; die Ent­schei­dung dar­über ist immer indi­vi­du­ell zu tref­fen. Der The­ra­pie­er­folg hängt von vie­len Fak­to­ren ab, die wäh­rend der The­ra­pie umge­setzt und ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen. Bei der Ortho­pä­die- und Reha­tech­nik Dres­den wur­den im Jahr 2022 ca. 9,6 % der Kopfor­the­sen durch 3D-Druck über Invent Medi­cal (Talee) gefertigt.

 

Inter­es­sen­kon­flikt:
Der Autor ist für die Ortho­pä­die- und Reha­tech­nik Dres­den tätig.

Der Autor:
Anto­nio Spank
Ortho­pä­die- und Rehatechnik
Dres­den GmbH
Fet­scher­stra­ße 70
01307 Dresden

 

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

Zita­ti­on
Spank A. Schä­del­de­for­mi­tä­ten im Säug­lings­al­ter – Ver­gleich von Kopf­kor­rek­tur­or­the­sen in Eigen­bau und Fer­ti­gung durch 3D-Druck. Ortho­pä­die Tech­nik, 2024; 75 (2): 42–47

 

 

 

 

 

 

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  7. Love­day BP et al. Acti­ve Coun­ter­po­si­tio­ning or Ortho­tic Device to Tre­at Posi­tio­nal Plagio­ce­pha­ly? Jour­nal of Cranio­facial Sur­gery, 2001; 12 (4): 308–313
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