OTWorld: Regis­ter für mehr Evidenz

Wie lassen sich die Behandlung und Rehabilitation von Menschen nach Gliedmaßenamputationen wirksam verbessern? In die Möglichkeiten der Registerforschung führt Prof. Dr. Kenton R. Kaufman von der Mayo Clinic, Minnesota (USA), in seiner Keynote auf der OTWorld 2022 ein.

„In der Euro­päi­schen Uni­on besteht eine erheb­li­che glo­ba­le Krank­heits­last im Zusam­men­hang mit dem Ver­lust und der Erhal­tung von Glied­ma­ßen“, schreibt Prof. Kauf­man vom W. Hall Wen­del Jr. Mus­cu­los­keletal Cen­ter an der Mayo Cli­nic im Vor­feld sei­ner Key­note „Evi­denz für Ampu­ta­tio­nen und Glied­ma­ßen­er­halt – die Ein­rich­tung eines Regis­ters in den USA“, die er am 10. Mai 2022 auf der OTWorld hal­ten wird. Trotz der erheb­li­chen Belas­tung sei wenig über die Wirk­sam­keit von Prak­ti­ken und Tech­no­lo­gien bekannt, die nach dem Ver­lust von Glied­ma­ßen ein­ge­setzt wer­den. „Eine ähn­li­che medi­zi­ni­sche Situa­ti­on besteht in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Um die wis­sen­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen vor­an­zu­trei­ben, wur­de das Limb Loss and Pre­ser­va­ti­on Regis­try (LLPR) geschaf­fen“, so der Exper­te, der auf die For­schung im Bereich der mus­ku­los­ke­let­ta­len Reha­bi­li­ta­ti­on spe­zia­li­siert ist und das Pro­jekt zur Ent­wick­lung des natio­na­len US-ame­ri­ka­ni­schen LLPR-Regis­ters für Glied­ma­ßen­ver­lust und ‑erhal­tung leitet.

Anzei­ge

Ergeb­nis­se von mehr als 500 Ampu­ta­tio­nen pro Tag

Das LLPR sei ein umfas­sen­des natio­na­les „Mul­ti-Sta­ke­hol­der-Regis­ter“, an dem meh­re­re Inter­es­sen­grup­pen betei­ligt sind. Es erfas­se Infor­ma­tio­nen zu den Ursa­chen, Behand­lungs­ab­läu­fen sowie Ergeb­nis­sen von mehr als 500 pro Tag durch­ge­führ­ten Ampu­ta­tio­nen in den USA, wie Kauf­man aus­führt. Die Daten wer­den somit gebün­delt gespei­chert. Das LLPR sei ent­wi­ckelt wor­den, um Pati­en­ten­da­ten bzw. die Ergeb­nis­da­ten von Behand­lun­gen zu stan­dar­di­sie­ren, zu mes­sen und zu mel­den. Damit sol­len evi­denz­ba­sier­te Ent­schei­dungs­fin­dun­gen unter­stützt sowie die Gesund­heits­ver­sor­gung bzw. die Präventions‑, Behand­lungs- und Reha­bi­li­ta­ti­ons­be­mü­hun­gen für die­se Patient:innen ver­bes­sert wer­den. Das Regis­ter soll hel­fen, bewähr­te Ver­fah­ren zu eta­blie­ren und zu ver­brei­ten. Ergän­zend zu sei­ner Key­note hält Prof. Kauf­man im Kon­gress den Vor­trag „Limb Loss and Pre­ser­va­ti­on Regis­try“ (11. Mai).

Regis­ter­for­schung als Basis evi­denz­ba­sier­ter Versorgung

Regis­ter sind in der Medi­zin ein gro­ßes The­ma, um wei­te­re evi­denz­ba­sier­te Erkennt­nis­se auf Basis von Behand­lungs­da­ten für die Ver­sor­gung von Men­schen zu gewin­nen. Dies schlug sich in der Ver­gan­gen­heit auch in ver­schie­de­nen Kon­gress­vor­trä­gen auf der OTWorld nie­der. Bis­lang jedoch gibt es in Deutsch­land kein bun­des­wei­tes Exo­pro­the­sen­re­gis­ter – obwohl dies von zahl­rei­chen Ver­bän­den wie dem Bun­des­in­nungs­ver­band für Ortho­pä­die-Tech­nik (BIV-OT) und der Deut­schen Gesell­schaft für Inter­dis­zi­pli­nä­re Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung (DGIHV) seit län­ge­rem gefor­dert wird, nicht zuletzt vor dem Hin­ter­grund der Euro­päi­schen Medi­zin­pro­duk­te-Ver­ord­nung (Medi­cal Device Regu­la­ti­on, MDR). Umso mehr lohnt sich ein Blick über den Teich in die USA.

Ers­tes „Data Wareh­ouse“ für Ver­sor­gungs­da­ten in den USA

Hin­ter dem Limb Loss and Pre­ser­va­ti­on Regis­try (LLPR) ver­birgt sich ein natio­na­les, kol­la­bo­ra­ti­ves Data Wareh­ouse, eine zen­tra­le Daten­bank, die für die Ana­ly­se der auf­ge­nom­me­nen Daten opti­miert ist. Die Mayo Cli­nic hat nach eige­nen Anga­ben kürz­lich vom Federal Risk and Aut­ho­riz­a­ti­on Manage­ment Pro­gram (Fed­RAMP) die Geneh­mi­gung erhal­ten, mit dem Betrieb des Regis­ters zu begin­nen. Bei Fed­RAMP han­delt es sich um ein US-Bun­des­pro­gramm zur Stan­dar­di­sie­rung der Sicher­heits­über­prü­fung, Auto­ri­sie­rung und Über­wa­chung von Cloud-Pro­duk­ten und ‑Dienst­leis­tun­gen.

Das Regis­ter sei das ers­te sei­ner Art in den USA, teil­te die Mayo Cli­nic mit. Es soll die Ver­sor­gungs­da­ten von Patient:innen mit Glied­ma­ßen­ver­lust zusam­men­füh­ren und unter ande­rem geo­gra­fi­sche und demo­gra­fi­sche Daten bereit­stel­len. Zudem erlau­be die Daten­bank bei­spiels­wei­se Ana­ly­sen nach Alter, Geschlecht, Art des Glied­ma­ßen­ver­lusts, Ope­ra­tio­nen und genutz­ten Pro­the­sen. Ziel des LLPR sei, die Behand­lungs­fort­schrit­te zu iden­ti­fi­zie­ren, die zu Unter­schie­den in der Ver­sor­gung von Men­schen mit Glied­ma­ßen­ver­lust und Glied­ma­ßen­dif­fe­renz füh­ren. Somit wer­de das Pro­jekt erheb­li­che Daten­lü­cken im Zusam­men­hang mit dem Ver­lust von Glied­ma­ßen in den USA schlie­ßen, so die Kli­nik. Die­se Daten­lü­cken sei­en beträcht­lich: In eini­gen Fäl­len sei­en die ver­füg­ba­ren Sta­tis­ti­ken über zwei Jahr­zehn­te alt und Längs­schnitt­da­ten sei­en noch nie erho­ben worden.

Die bes­te Behand­lungs­op­ti­on finden

Mayo ver­ant­wor­tet laut eige­ner Anga­be die Ent­wick­lung sowie den Betrieb des Regis­ters und unter­steht den Natio­nal Insti­tu­tes of Health und dem Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um der USA. Man habe ein Netz­werk aus Mit­glie­dern des Gesund­heits­we­sens, For­schen­den, Auf­sichts­be­hör­den, Industrievertreter:innen und Pati­en­ten­grup­pen auf­ge­baut. Bei der Zen­tra­li­sie­rung der Daten wer­de die Mayo Cli­nic durch die Non­pro­fit-Orga­ni­sa­ti­on Thought Lea­ders­hip & Inno­va­ti­on Foun­da­ti­on unter­stützt. In Zukunft soll das Regis­ter den Her­stel­lern mit Daten und Feed­back dabei hel­fen, die nächs­te Genera­ti­on von Pro­the­sen zu ver­bes­sern. Ver­si­che­rern soll es mög­li­che Alter­na­ti­ven zur Ampu­ta­ti­on auf­zei­gen und bele­gen, wie Hilfs­mit­tel das Leben von Patient:innen beein­flus­sen. Die Daten könn­ten Kran­ken­häu­sern und Therapeut:innen Infor­ma­tio­nen über die lang­fris­ti­ge Ver­wen­dung von Pro­the­sen lie­fern und zu mehr Ver­ständ­nis für Pro­ble­me füh­ren, die mög­li­cher­wei­se im Anschluss an die Reha­bi­li­ta­ti­on auf­tre­ten. Ärzt:innen sol­len durch das Regis­ter dabei unter­stützt wer­den, die bes­te Behand­lungs­op­ti­on zu finden.

Cath­rin Günzel

Erfah­rung in der Ver­sor­gung von Kriegsveteranen
Ken­ton Kauf­man, PhD, PE, ist W. Hall Wen­del Jr. Mus­cu­los­keletal Rese­arch Pro­fes­sor sowie Pro­fes­sor für bio­me­di­zi­ni­sche Tech­nik und für Ortho­pä­die. Er ist Direk­tor des Labors für Bewe­gungs­ana­ly­se und Bera­ter in den Abtei­lun­gen für ortho­pä­di­sche Chir­ur­gie, Phy­sio­lo­gie und bio­me­di­zi­ni­sche Tech­nik an der Mayo Cli­nic in Roches­ter, Min­ne­so­ta, USA. Wäh­rend sei­ner gesam­ten Lauf­bahn hat er eng mit dem Mili­tär zusam­men­ge­ar­bei­tet. Er lei­te­te ein inter­dis­zi­pli­nä­res Netz­werk aus meh­re­ren Insti­tu­ten, das an der mus­ku­los­ke­let­ta­len Reha­bi­li­ta­ti­on von schwer ver­wun­de­ten Sol­da­ten forsch­te. Das breit ange­leg­te For­schungs­pro­gramm soll­te die Reha­bi­li­ta­ti­ons­ra­te sowie die Reha­bi­li­ta­ti­ons­er­geb­nis­se bei Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen und Vete­ra­nen ver­bes­sern, die ein schwe­res Trau­ma der Glied­ma­ßen erlit­ten haben. Für sei­ne Arbeit erhielt Kauf­man zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen und Ehrun­gen, dar­un­ter den Ame­ri­can Socie­ty of Bio­me­cha­nik (ASB) Borel­li Award, den Rese­arch Award der Ame­ri­can Aca­de­my of Ortho­tists and Prost­he­tists und den Cli­ni­cal Rese­arch Award der Ame­ri­can Aca­de­my of Ortho­pe­dic Surgeons. 

 

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