„Das Beste für den Patienten“ – darauf können sich alle Orthopädietechnikerinnen und Orthopädietechniker verständigen. Doch: Was ist das Beste? Muss es immer eine außergewöhnliche und besonders umfangreiche Versorgung sein? Oder muss diese vielmehr zur Lebensweise und zum Alltag des Patienten passen? Für Michael Koehler vom Sanitätshaus Seeger ist die Frage einfach zu beantworten: Die Bedürfnisse des Patienten stehen an erster Stelle.
Deshalb hat er sich im Fall des 81-jährigen Wolfgang Hager für das Kniegelenk Avior aus dem Hause Blatchford entschieden. Warum kam es zu dieser Entscheidung? Dem Patienten wurde infolge einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) im September 2025 das linke Bein oberhalb des Knies amputiert.
Bereits früh äußerte er den Wunsch, die entstandene Behinderung durch eine Prothese auszugleichen. Deshalb kam das Sanitätshaus Seeger in Person von Michael Koehler und später auch Sandy Kühn zum Einsatz, die die prothetische Versorgung umsetzen sollten. Nachdem der Kostenvoranschlag von der privaten Krankenversicherung des Patienten grünes Licht erhalten hatte und sich die Wundheilung ebenfalls entsprechend gestaltete, konnte Ende November mit der konkreten Versorgung gestartet werden.



Klassischer Weg – neues Produkt
Die beiden Orthopädietechniker entschieden sich zunächst einmal für einen relativ klassischen Weg der Versorgung. Der Stumpf von Wolfgang Hager wurde von Hand angezeichnet und vermessen; die Werte wurden digital erfasst.
Im zweiten Schritt wurde der Calibry-Scanner eingesetzt und der Stumpf noch einmal eingescannt. Aus den gemessenen Werten wurde anhand eines Master-Modells die Form des Schaftes errechnet. Die gescannten Informationen wurden sozusagen „über“ das errechnete Modell gelegt, um eine noch individuellere Versorgung für den Patienten zu ermöglichen. Sobald alle digitalen Daten zusammengeführt waren, ging der Auftrag in die Zentrale Fertigung von Seeger, wo ein siebenachsiger Fräsroboter das Schaftmodell fertigte. Anhand des Modells wurde der Schaft hergestellt und mit einem mechanischen Kniegelenk für die Interimsversorgung aufgebaut. Durch die außerordentlich gute Verfassung des Patienten, da dieser zwei bis drei rund fünfstündige Rehamaßnahmen pro Woche in der Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin absolvierte, war den Technikern relativ schnell klar, dass in diesem Fall ein mikroprozessorgesteuertes Knie durchaus eine Alternative darstellen könnte.
Koehler entschied sich für das Avior-Gelenk, weil es – und das ist in größter Wertschätzung gemeint – eine solide Wahl ist. „Der Patient hat aufgrund seiner Lebenssituation und seines Alters einen Mobilitätsgrad von 2 Plus“, schätzt Koehler die Bedürfnisse ein und erklärt weiter: „Wir wollten eine gute Lösung, mit der der Patient noch ein bisschen Luft nach oben hat, aber auch eine, die zu ihm passt.“ Mit den drei Basiskonfigurationen Lock-Lock, Lock-Free und Yield-Free bietet das Avior genau den gewünschten Spielraum und eben nicht mehr.



Ein maximaler Einstellwinkel von 90 Grad beim Knie kann in verschiedenen Alltagssituationen für unangenehme Situationen für den Patienten sorgen. Beispielsweise, wenn er sich auf ein Sitzmöbel setzen möchte, das tiefer ist. Normalerweise bleibt nur die Möglichkeit, sich im wahrsten Sinne des Wortes „fallen“ zu lassen. Um hier Abhilfe zu schaffen, lässt sich das Avior bis auf 130 Grad beugen und unterstützt bis 105 Grad. So ermöglicht es einerseits ein besseres Hinsetzen und andererseits wird der Patient auch bereits beim Aufstehen unterstützt. Wie wird das erreicht? Mithilfe des polyzentrischen Kniedesigns. Das bedeutet, dass sich das Gelenk sowohl rotierend als auch gleitend bewegen kann. Damit ist es dem natürlichen menschlichen Knie nachempfunden und dreht sich nicht um einen einzigen festen Punkt. Wenn das Knie gebeugt wird, dann bewegt sich das Chassis nach hinten, äquivalent zum Oberschenkelknochen, der sich zum Schienbein in einem menschlichen Kniegelenk bewegt. Dadurch wird zusätzlich der Schaft nach hinten gedrückt, was von den Trägern als „angenehm“ empfunden wird und auch eine gewisse Sicherheit beim Tragen der Prothese vermittelt. Weitere Informationen
Selbst testen und überzeugen
Um sich einen ersten Eindruck von der Funktionsfähigkeit des Avior-Kniegelenks zu machen, ist, wie bei vielen weiteren Produkten von Blatchford auch, ein Praxistest möglich. So können sich Techniker und Patient davon überzeugen, ob das Produkt zu ihnen passt oder nicht. Etwaige Therapieerfolge lassen sich so auch für den Kostenträger dokumentieren.
App ist Kontrollzentrum
Einstellbar ist das Gelenk über die Blatchford-App. Diese gibt es in dreifacher Ausführung geben – je eine für den Techniker, eine für den Patienten und eine für den behandelnden Physiotherapeuten. Auch wenn letztgenannte noch nicht in der Anwendung ist, sondern gerade vor der Markteinführung steht, verspricht sich Koehler gerade von ihr einen Benefit: „Die Physiotherapeuten können selbst die Funktionen am Gelenk temporär einstellen und so den Patienten in dem Therapieumfeld neue Möglichkeiten eröffnen. Für den Techniker bedeutet das vor allem Zeitersparnis, weil man nicht für jedes Gelenk selbst diese Konifiguration vornehmen muss.“ OTM Wolf Schneider vom technischen Vertrieb Blatchford ergänzt: „Physiotherapeuten können nur zeitlich begrenzte Veränderungen vornehmen und diese dann den Technikern vorschlagen. Dort ist die Expertise für die Feinabstimmung, und nur der Techniker kann dauerhaft die Einstellungen ändern.“



Ähnlich sieht es im Bereich der Patienten-App aus. Sie zeigt den Batteriestatus, den Modus und Aktivitätsinformationen an und ermöglicht es den Patienten, Aktivitätserinnerungen von ihrem behandelnden Techniker und Physiotherapeuten zu erhalten. Hier können nur temporäre Anpassungen vorgenommen werden, um gegebenenfalls auf situative Herausforderungen zu reagieren. Dem Techniker steht dagegen die komplette Funktionsfähigkeit der App zur Verfügung: Feinabstimmungen des Gelenks, Ganganalyse und das Verbinden der erhobenen Daten mit Videoaufnahmen, zur Dokumentation des Fortschritts. Die Einrichtung des Gelenks nimmt laut Koehler per App ungefähr zehn Minuten in Anspruch. Danach kann der Patient seine ersten Kalibrierungsschritte machen.
„Ich persönlich finde zudem die Möglichkeit gut, per ‚Over-the-air‘ ein Update zu machen. Das bedeutet, dass der Orthopädietechniker OTA-Updates installieren kann, wenn der Patient sein Mobiltelefon mit dem Knie verbindet, ohne dass der Patient ins Sanitätshaus kommen muss“, so Koehler. Das Thema Datenschutz wird dabei natürlich nicht ausgespart. Nur der Versorger bringt Seriennummer mit Patientennamen zusammen. Auf allen anderen digitalen Kanälen wird dagegen sehr datensparsam gearbeitet.
Ein Kniegelenk plus Schaft allein ergibt noch keine prothetische Versorgung. Dazu braucht es noch einen Prothesenfuß. In der ersten Interimsversorgung wurde passend zum Kniegelenk auch ein Fuß eines isländischen Herstellers benutzt. Doch mit dem Wechsel zum mikroprozessorgestützen Kniegelenk entschied sich das Duo Koehler/Kühn für einen Fuß von Blatchford, Modell Avalon. „Wir fanden, dass die Eigenschaften des Fußes, kombiniert mit dem Knie, das beste Gesamtpaket für diesen Patienten liefert. Wir haben diese Kombination auch bei einem anderen Patienten erfolgreich getestet und umgesetzt. Deswegen wussten wir aus unserer Erfahrung heraus, dass das Bein schön durchschwingen würde“, so Koehler. Auch der Bodenkontakt spielt natürlich bei der Auswahl des Fußes eine Rolle. Durch die Möglichkeiten des hydraulischen Knöchelgelenksfußes wird zusätzlich zu Kiel und Profil die Dorsalflexion von 6 Grad ermöglicht und die Unterstützungsfläche so näher an den Körperschwerpunkt gelegt. „Das ist eine solide Wahl, die im Ausnahmefall dem Patienten auch kurz mal erlaubt, barfuß das Gelenk zu nutzen, ohne direkt nach hinten zu kippen.“


Prothesenaufbau: Vorgaben beachten
Natürlich sei es am Ende besonders wichtig, die Aufbaurichtlinien des Herstellers zu beachten, andernfalls gäbe es Probleme beim Einsatz des Kniegelenks. Beim Avalon-Fuß ist beim Ausmessen des Aufbaus zu beachten, dass ein Kunststoffkeil unter den Fuß gelegt wird, um eine Verfälschung der Messung zu verhindern. Zur Überprüfung der Interimsversorgung nutzen die Techniker von Seeger das Messgerät 3D L.A.S.A.R. Posture. Dabei nehmen Kameras den auf der Messplatte stehenden Patienten live auf und übertragen das Bild auf ein Tablet. Auf dessen Anzeige werden die gemessenen Horizontal- und Vertikalkräfte in Form von Linien millimetergenau über dem Patientenbild dargestellt.
Mit diesen ganzen Informationen geht es an die Definitivversorgung. Im edlen Look passt die Prothese perfekt auf den Stumpf des Patienten. Schon auf den ersten Schritten vermittelt dieser einen sehr sicheren Eindruck. Immer wieder nimmt er die Hände von den Barren und probiert bereits, selbstständig ohne Gehhilfen zu gehen. Auch beim Treppensteigen und dem Bergabgehen funktioniert die Abstimmung bereits. So gut, dass Techniker Wolf Schneider den Funktionsumfang erweitert und gerade beim Treppenabstieg Wolfgang Hager neue Möglichkeiten eröffnet. Und der Patient selbst? Der antwortet auf die Frage, ob er mit der neuen Versorgung zufrieden sei: „Ja!“. Seine Rehabilitation wird Hager auch weiter in dem Leistungszentrum für Orthopädie-Technik von Seeger fortführen, das Team aus Orthopädietechnikern und Physiotherapeuten vor Ort sorgt für ein optimales Umfeld, um sein Ziel zu erreichen: wieder mobil zu sein.
Heiko Cordes
Wie jedes mikroprozessorgesteuerte Kniegelenk auf dem Markt hat auch das Avior Sensoren verbaut. Um genau zu sein, sind es 15 Stück, die verschiedene Wirkungen auf das Gelenk messen. Ein einzigartiges Feature ist, dass aus den ausgelesenen Daten der Sensoren eine Ganganalyse erstellt werden kann und in der Blatchford-Applikation des Technikers sichtbar wird. So können die Techniker mit dem Gait Visualizer wichtige Datensätze in Echtzeit abrufen. Dieses Feature kann auch Physiotherapeuten bei deren Arbeit mit dem Patienten unterstützen, indem sie in der „Smartstep“-App die entsprechenden Einstellungen vornehmen.
Drei Grundkonfigurationen
Die drei Grundfunktionen des Avior sind Lock-Lock, Lock-Free und Yield-Free.Innerhalb dieser Konfigurationen können Funktionen an individuelle Bedürfnisse angepasst werden, dazu gehören erstens die Standphasenflexion zur Unterstützung der Dämpfung; zweitens die Schwungphasenkontrolle, die die Schwunggeschwindigkeit für gleichmäßige, volle Streckung steuert – dabei sind zwei Geschwindigkeiten möglich; drittens gibt es einen intuitiven Standmodus, der zusätzliche Stabilität beim Stehen bietet sowie einen dynamischen Schrägen- und Treppenabstieg. Außerdem kann man das kontrollierte Hinsetzen und Aufstehen einstellen und damit das Gleichgewicht während der Übergänge verbessern.
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