OTWorld-Sym­po­si­um: Sko­lio­se inter­dis­zi­pli­när betrachten

Viele Köche verderben den Brei, heißt es. Das gilt zwar in der Küche, nicht aber für die Versorgung von Patient:innen. Hier braucht es den Einsatz und die Kompetenz mehrerer Akteure. Und genau die holt Bernd Urban, Geschäftsführer Urban & Kemmler, auf der OTWorld 2024 als Chair des Skoliose-Symposiums auf die Bühne.

Gemein­sam mit sei­nem Kol­le­gen, Refe­rent Sebas­ti­an Hoe­bink, möch­te er dafür sen­si­bi­li­sie­ren, wie wich­tig inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit ist, und beson­ders Berufsanfänger:innen die Scheu neh­men, ein­fach mal zum Tele­fon­hö­rer zu grei­fen, um sich von den behan­deln­den Ärzt:innen und Therapeut:innen genaue­re Infor­ma­tio­nen über die Patient:innen geben zu las­sen, sich aus­zu­tau­schen und mög­li­che Ver­sor­gungs­op­tio­nen durchzusprechen.

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2022 führ­te das Sko­lio­se-Team der Ortho­pä­di­schen Kli­nik für die Uni­ver­si­tät Regens­burg im Askle­pi­os Kli­ni­kum Bad Abbach einen Kurs durch, der sich an Ärzt:innen, Orthopädietechniker:innen und Physiotherapeut:innen rich­te­te. Es wur­den Work­shops zur Kor­set­t­an­pro­be ange­bo­ten, Pati­en­ten­un­ter­su­chun­gen – inklu­si­ve Schroth-Übun­gen – durch­ge­führt sowie Pati­en­ten­fäl­le der Teil­neh­men­den dis­ku­tiert. „Wir ken­nen die rich­ti­gen Leu­te. War­um sol­len wir so etwas nicht für Leip­zig auf die Bei­ne stel­len?“, über­leg­te Hoe­bink, der 2022 die wis­sen­schaft­li­che Lei­tung des Kur­ses inne­hat­te. Die Idee nahm wei­ter Gestalt an, als er im ver­gan­ge­nen Jahr an einer Fort­bil­dung zum The­ma Schroth-The­ra­pie in Bad Sobern­heim teil­nahm. Zum Kor­sett­bau selbst, also zu den Grund­la­gen in der Ver­sor­gung, gebe es bun­des­weit aus­rei­chend Ange­bo­te, nicht aber zur Wei­ter­bil­dung in angren­zen­den Fach­be­rei­chen. Die Idee war gebo­ren, von der Umset­zung kön­nen sich die Besucher:innen im Mai dann selbst ein Bild machen. Auf der Büh­ne wer­den Medi­zin, Hand­werk und Phy­sio­the­ra­pie auf­ein­an­der­tref­fen. Berufseinsteiger:innen soll die­se Kom­bi­na­ti­on neue Impul­se geben und Hemm­schwel­len zwi­schen den Fach­be­rei­chen abbau­en. Von den Expert:innen im Publi­kum erhof­fen sich Urban und Hoe­bink kri­ti­sche Fra­gen, die Dis­kus­sio­nen anre­gen und ihnen selbst und ihrem eige­nen Arbei­ten den Spie­gel vor­hal­ten. „Dar­an wach­sen wir“, sind sie überzeugt.

Am Anfang jeder Ver­sor­gung steht die Leit­li­nie. Und die bil­det auch den Beginn des für die OTWorld kon­zi­pier­ten Sym­po­si­ums. Anfang 2023 ist die über­ar­bei­te­te S2k-Leit­li­nie erschie­nen, die allen am Ver­sor­gungs­pro­zess Betei­lig­ten als Weg­wei­ser die­nen soll. Davon pro­fi­tie­ren auch Hoe­bink und Urban im All­tag. Zum einen bei der Ver­sor­gung selbst, und zum ande­ren, um sich dar­auf in Gesprä­chen mit skep­ti­schen Patient:innen und Ange­hö­ri­gen bezie­hen zu kön­nen, Maß­nah­men damit begrün­den und erklä­ren zu kön­nen. Was den bei­den aller­dings nach wie vor fehlt: Wäh­rend der Nut­zen des Kor­setts selbst längst nicht mehr infra­ge gestellt wer­de, wür­den ande­re Emp­feh­lun­gen nach wie vor auf Erfah­rungs­wer­ten basie­ren. Evi­denz ist (noch) Man­gel­wa­re. „Wir müss­ten die Tra­ge­zeit viel mehr tra­cken“, nennt Hoe­bink ein Bei­spiel. Im eige­nen Betrieb wird das für Stu­di­en in Zusam­men­ar­beit mit der Uni­ver­si­tät Regens­burg bereits umge­setzt – auf eige­ne Kos­ten. Denn die Sen­so­ren wür­den von den Kran­ken­kas­sen auf­grund der Kos­ten kri­tisch gese­hen, sei­en für einen Evi­denz­nach­weis aber unver­zicht­bar, berich­tet Urban. „Der Tra­ge­sen­sor ermög­licht uns, den The­ra­pie­ver­lauf ent­schei­dend zu beein­flus­sen“, sagt er.

Nach der Vor­stel­lung der Leit­li­nie durch Prof. Dr. med. Flo­ri­an Gei­ger, Hes­sing Kli­ni­ken Augs­burg, geht Udo Röve­nich, Lei­tung Phy­sio­the­ra­pie Katha­ri­na-Schroth-Kli­nik Bad Sobern­heim, auf die Behand­lungs­stan­dards in der Phy­sio­the­ra­pie ein und damit ins­be­son­de­re auf die welt­weit aner­kann­te Schroth-The­ra­pie. Wie im prak­ti­schen Ver­sor­gungs­all­tag folgt auch beim Sym­po­si­um auf die Phy­sio- die Kor­sett­the­ra­pie. Wie hän­gen sie zusam­men? Wel­che posi­ti­ven Wech­sel­wir­kun­gen erge­ben sich? Das und mehr nimmt Hoe­bink in sei­nem Vor­trag in den Fokus. Die meis­ten wol­len es ver­mei­den, doch eini­ge Patient:innen kom­men nicht um eine Ope­ra­ti­on her­um. Dr. med. Sven Nagel, Askle­pi­os Kli­nik St. Georg Ham­burg, zeigt im Anschluss die Gren­zen der kon­ser­va­ti­ven Behand­lung auf. Zum Abschluss des Sym­po­si­ums geht PD Dr. med. Dipl.-Ing. Flo­ri­an Völl­ner (Gemein­schafts­pra­xis MedAr­tes) auf die Zukunft der Sko­lio­se­ver­sor­gung ein und erklärt, was es dafür braucht.

Wie die Zukunft aus­se­hen könn­te, dar­über spe­ku­lie­ren auch Urban und Hoe­bink. „So wie das Kor­sett gebaut ist, funk­tio­niert es“, sagt Hoe­bink. Dar­über herr­sche Einig­keit in der Bran­che. Bau­stel­len sieht er dage­gen an ande­rer Stel­le: der Com­pli­ance. Wie kann man die Patient:innen dazu moti­vie­ren, das Kor­sett dau­er­haft zu tra­gen? Wie kann man es ihnen leich­ter machen? „Das liegt in unse­rer Ver­ant­wor­tung.“ Der OTM legt Wert dar­auf, auf­zu­klä­ren, im Gespräch wenn mög­lich auf Fach­be­grif­fe zu ver­zich­ten, den Patient:innen das Gefühl zu ver­mit­teln, nicht allein zu sein und vor allem auf­zu­zei­gen: „Es gibt eine Lösung. Und zusam­men kom­men wir dort­hin.“ Zudem dür­fe man das The­ra­pie­ziel nicht aus den Augen ver­lie­ren. „Als Phy­sio­the­ra­peut und Ortho­pä­die­tech­ni­ker möch­te man oft zu viel. Man möch­te Per­fek­ti­on errei­chen, dis­ku­tiert und ver­bes­sert die kleins­ten Unstim­mig­kei­ten und Nuan­cen“, sagt Hoe­bink. Dabei kann ein Erfolg auch bedeu­ten: Die Sko­lio­se ver­schlim­mert sich nicht wei­ter. Wich­tig sei es, genau das den Patient:innen zu kom­mu­ni­zie­ren, klei­ne Fort­schrit­te zu loben und ihnen nicht das Gefühl zu geben, sie hät­ten nicht genug gemacht. Vom Begriff „Kor­sett“ wür­de sich der Ortho­pä­die­tech­nik-Meis­ter am liebs­ten ver­ab­schie­den. „Das klingt bra­chi­al, nach Ein­engung und Ein­schrän­kung.“ Für ihn stellt das Kor­sett viel­mehr ein Trai­nings­ge­rät dar – und das ver­sucht er auch sei­nen Patient:innen zu vermitteln.

In eini­gen Jah­ren hofft er, die­sen Begriff erneut gegen einen ande­ren aus­tau­schen und von „Mode­ac­ces­soire“ spre­chen zu kön­nen. Gemeint sind damit Kor­set­te, die in Klei­dung inte­griert wer­den. „Viel­leicht rei­chen zum Bei­spiel T‑Shirts mit ver­stei­fen­den Ele­men­ten aus“, mut­maßt er. Ein gro­ßer Schritt Rich­tung Com­pli­ance. Denn aktu­ell fal­len Kor­set­te auf oder wer­den unter wei­ten Pull­overn von den Patient:innen ver­steckt – einer der Haupt­grün­de, das Hilfs­mit­tel abzu­leh­nen. „Wir wer­den von den star­ren Kunst­stof­fen weg­kom­men“, ist auch Urban über­zeugt. Mit Blick auf die Zukunft denkt er zudem an die wei­te­re Erfor­schung der Erkran­kung. Denn bis­lang sind die Ursa­chen nicht abschlie­ßend geklärt. „Wenn man weiß, wie eine Sko­lio­se ent­steht, kann man viel bes­ser eingreifen.“

Pia Engel­brecht

OTWorld Kon­gress
Das Sym­po­si­um „Sko­lio­se“ fin­det am Mitt­woch, 15. Mai, statt. Rund um die Ver­sor­gung von Patient:innen mit Sko­lio­se gibt es zudem wei­te­re Ver­an­stal­tun­gen inner­halb des Welt­kon­gres­ses. Sil­ke Auler (Bun­des­fach­schu­le für Ortho­pä­die-Tech­nik) und Andre­as Wür­sching (3DScolio) laden am Don­ners­tag, 16. Mai, zu einem Work­shop rund um die „Leit­li­ni­en­ge­rech­te Ver­sor­gung von Jugend­li­chen mit AIS und deren indi­vi­du­el­le, prak­ti­sche Umset­zung“ ein. „Orthe­sen­ver­sor­gung aus dem Blick­win­kel der evi­denz­ba­sier­ten Medi­zin“ betrach­tet Dr. Franz Land­au­er (Uni­ver­si­täts­kli­nik Salz­burg) inner­halb des von den bei­den Kon­gress­prä­si­den­ten Prof. Dr. med. Tho­mas Wirth und Dipl.-Ing. (FH) Ingo Pfef­fer­korn aus­ge­rich­te­ten Sym­po­si­ums „Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der orthe­ti­schen Ver­sor­gung von Wir­bel­säu­len­de­for­mi­tä­ten im Wachs­tums­al­ter“ eben­falls am 16. Mai. Die kon­kre­ten Ter­mi­ne und Säle wer­den noch bekannt gegeben. 

 

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