OTWorld-Key­note zu Teil­ha­be, Bar­rie­re­frei­heit und Inklusion

Eine kämpferische und kritische Sicht auf den Stand von „Teilhabe, Barrierefreiheit und Inklusion“ wird Raúl Aguayo-Krauthausen mit seiner Keynote am 29. Oktober 2020 auch auf die OTWorld.connect in Leipzig tragen.

„Dies ist ein Auf­ruf. Hal­ten wir mit dem Inklu­si­ons­ge­re­de mal inne: Ent­we­der wir begin­nen den Umbau der Gesell­schaft aktiv selbst – oder wir kön­nen uns das alles spa­ren. Dar­um sam­meln wir jetzt aus der Com­mu­ni­ty Vor­schlä­ge für Bar­rie­ren, die wir gemein­sam eine nach der ande­ren abbau­en wol­len. Denn wir wol­len nicht mehr auf ande­re war­ten“, schrieb der Akti­vist im Janu­ar in sei­nem Blog 

Anzei­ge

„Viel zu oft urtei­len nicht behin­der­te Men­schen über Behin­de­rung“, sagt Kraut­hau­sen. Vie­le Pro­duk­te auf dem Markt sei­en „der letz­te Scheiß“, dies betref­fe auch die Ortho­pä­die-Tech­nik, kri­ti­siert er. „Da stellt sich die Fra­ge, ob der Desi­gner oder Tech­ni­ker jemals mit Men­schen mit Behin­de­rung Kon­takt hat­te. Oder ist das Pro­dukt nur gera­de so gut, dass die Kas­se zahlt?“ Eines der Pro­ble­me sei, dass die Per­son, die das Hilfs­mit­tel benö­ti­ge, nicht die­je­ni­ge sei, die dar­über ent­schei­de. „Da ent­ste­hen Pro­duk­te, die häss­lich sind, unbrauch­bar oder unprak­tisch“, lau­tet sein Urteil. „Ich wür­de gern den Ent­wick­ler mei­nes Elek­troroll­stuhls mal dar­in fah­ren sehen. Schein­wer­fer, die abste­hen und leicht abbre­chen. Räder, die an Bord­stein­kan­ten hän­gen­blei­ben. Das ist nicht all­tags­taug­lich.“ Über­haupt habe sich der Elek­troroll­stuhl in den letz­ten Jah­ren kaum grund­le­gend wei­ter­ent­wi­ckelt: „Inzwi­schen wer­den Elek­tro­au­tos gebaut mit viel bes­se­ren Akkus, mehr Reich­wei­te.“ Mit sei­nem Roll­stuhl kön­ne er 12 km/h fah­ren. Dies sei angeb­lich das Maxi­mum. „War­um aber schafft jeder Tret­rol­ler 20 km/h? Und war­um kann ich mein Smart­pho­ne mit jedem Klein­wa­gen ver­bin­den – nicht aber mit mei­nem Roll­stuhl? War­um kann ich mein Han­dy nicht an mei­nem Roll­stuhl auf­la­den? War­um kann kei­ne Assis­tenz auf dem Roll­stuhl mitfahren?“

Open-Source-Hilfs­mit­tel zum Nachbauen

Ein wei­te­res Man­ko, wel­ches den All­tag erschwe­re: „Unter dem Aspekt der Sicher­heit wer­den die Sys­te­me für Men­schen mit Behin­de­rung so geschlos­sen kon­stru­iert, dass man nur mit Spe­zi­al­werk­zeug bzw. Spe­zi­al­soft­ware ran­kommt – und immer in ein Sani­täts­haus fah­ren muss, um Anpas­sun­gen vor­zu­neh­men“, so Kraut­hau­sen. „Jeder Moun­tain­bi­ker kann sein Fahr­rad selbst modi­fi­zie­ren, war­um wird dies bei Roll­stüh­len nahe­zu unmög­lich gemacht? War­um wird einem Men­schen mit Behin­de­rung nicht zuge­traut zu wis­sen, was er oder sie braucht?“ Inzwi­schen gebe es Initia­ti­ven und Platt­for­men wie „Made for my wheel­chair“ oder „care­ab­les“. Hier ent­wi­ckeln Hacker, Tüft­ler, Desi­gner und nicht zuletzt Men­schen mit Behin­de­rung prak­ti­sche Open-Source-Lösun­gen. Dazu gehö­ren die Roll­stuhl­be­leuch­tung „Open Lights“ oder der Anhän­ger „Open Trai­ler“ als Zube­hör für elek­tri­sche Roll­stüh­le – zum Mit­neh­men einer Beglei­tung oder auch für Einkäufe.

Blick­win­kel ändern

„Die gan­ze Zeit wird in der Medi­zin und auch der Ortho­pä­die-Tech­nik-Bran­che über die Hei­lung des Pati­en­ten gespro­chen – jemand kann wie­der lau­fen, sit­zen, am Leben teil­ha­ben. Sel­ten wird dage­gen die Fra­ge gestellt, wie man die Umwelt bar­rie­re­frei­er machen kann“, erklärt Kraut­hau­sen und fragt: „Muss die Per­son mit einem Exo­ske­lett zum Lau­fen gebracht wer­den? Oder wäre nicht ein Auf­zug der rich­ti­ge Weg, vie­len mehr Teil­ha­be zu ermög­li­chen? Ich ken­ne auch Men­schen, die als Kin­der Pro­the­sen bekom­men haben und sie weg­wer­fen, sobald sie erwach­sen wer­den und selbst ent­schei­den kön­nen. Weil sie viel­leicht mit einem Arm bes­ser klar­kom­men.“ Letzt­lich bestim­me meist die Mehr­heits­ge­sell­schaft den Blick­win­kel. Zu häu­fig gehe es dar­um, einer gesell­schaft­li­chen Norm zu ent­spre­chen. „Dass die Per­son bei­spiels­wei­se zwei Arme und zwei Bei­ne hat, also mehr­heits­fä­hig ist“, ergänzt Kraut­hau­sen. „Das Anpas­sungs­pro­blem wird bei den Men­schen mit Behin­de­rung abge­la­den. Ich brau­che eigent­lich kei­nen trep­pen­stei­gen­den Roll­stuhl – son­dern einen Auf­zug.“ Zumal es außer­dem bereits heu­te eine Zwei­klas­sen­me­di­zin gebe: „Wer bekommt denn die­sen spe­zi­el­len Roll­stuhl über­haupt? Jemand, der einen Arbeits­un­fall hat­te. Wer von Geburt an eine Behin­de­rung hat, der bekommt ihn nicht.“

Auf die Bar­ri­ka­den gehen

Flos­keln wie „Wir haben uns auf den Weg gemacht“, wenn es um Inklu­si­on gehe – die stimm­ten ein­fach nicht: „Das ist ein Schutz­ar­gu­ment, denn die Mehr­heits­ge­sell­schaft will sich nicht anpas­sen.“ Gemein­sam mit dem Ver­ein Sozi­al­hel­den habe er des­halb das Pro­jekt „#Bar­rie­ren­Bre­chen“ ins Leben geru­fen – um Bar­rie­ren ein­zu­rei­ßen, die Men­schen mit Behin­de­rung aus­schlie­ßen. „Ob durch Pro­test oder auf ande­rem Weg“.

Key­note:

„Teil­ha­be, Bar­rie­re­frei­heit und Inklusion“ 

Don­ners­tag, 29. Okto­ber 2020, 10.15 Uhr, Kanal 1

Cath­rin Günzel

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