Kin­der-Reha: Wann soll­te die Ver­sor­gung starten?

Je früher, desto besser – das gilt für viele Lebensbereiche. Aber ebenso für die Versorgung von Säuglingen und Kindern? Täglich begrüßt Jan Meinke seine jungen Kunden und deren Eltern im Kinder-Reha- und Ortho­pädietechnikzentrum (KiRO) in Hamburg und begibt sich gemeinsam mit ihnen auf die Suche nach dem richtigen Zeitpunkt und dem richtigen Maß an Unterstützung. „Man muss fördern, aber auch fordern“, ist er überzeugt.

Das bes­te Alter, in dem eine Ver­sor­gung star­ten soll­te, kann Mein­ke nicht benen­nen. Dafür beein­flus­sen zu vie­le Fak­to­ren die Ent­schei­dung, zum Bei­spiel die Erkran­kung des Kin­des, sein Ent­wick­lungs­stand, sei­ne Fähig­kei­ten und Com­pli­ance. Im Fokus steht immer das The­ra­pie­ziel: Was wün­schen sich Kind und Eltern? Und wobei soll das Hilfs­mit­tel unter­stüt­zen? Wäh­rend es in den ers­ten Lebens­mo­na­ten ins­be­son­de­re um die Hygie­ne- und Sitz­ver­sor­gung geht, steht spä­ter eben­falls die Mobi­li­tät im Fokus. „Wir tra­gen zur Ent­wick­lung der Kin­der bei. Dafür wol­len wir im rich­ti­gen Moment das rich­ti­ge Hilfs­mit­tel zur Ver­fü­gung stel­len“, ist sich der Team­lei­ter sei­ner Ver­ant­wor­tung bewusst. In Ham­burg ste­hen des­we­gen rund 60 Hilfs­mit­tel, von Pfle­ge­bet­ten über Geh­hil­fen bis hin zu Roll­stüh­len, zur Ver­fü­gung, die auf dem Indoor-Par­cours aus­pro­biert wer­den kön­nen. Oft zeigt sich dabei: Die Idee ist zwar rich­tig, aber es braucht eine indi­vi­du­el­le Anpas­sung. Den Anteil an Son­der­bau­ten schätzt Mein­ke auf rund 80 Prozent.

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Von Far­ben umgeben

Damit sich die Mäd­chen und Jun­gen wohl­füh­len, sind die Räum­lich­kei­ten nicht mit denen eines klas­si­schen Sani­täts­hau­ses ver­gleich­bar, son­dern bunt und – pas­send zur Han­se­stadt Ham­burg – mari­tim gestal­tet. Graf­fi­tis schmü­cken die Wän­de, ein Bull­au­ge erlaubt den Blick in die Hal­le. Nicht nur die Arbeits­um­ge­bung ist eine beson­de­re, auch die Arbeit unter­schei­det sich für Mein­ke, der über vie­le Jah­re als Medi­zin­pro­dukt­e­be­ra­ter im Außen­dienst tätig war, von der mit Erwach­se­nen. „Kin­der geben ein ande­res Feed­back“, sagt er. Und: Die Eltern sit­zen stets mit im Boot. „Für sie ist das eine super inten­si­ve Situa­ti­on. Sie ver­trau­en uns ihre Kin­der an. Dafür ver­su­chen wir durch per­sön­li­che Gesprä­che eine Basis zu schaf­fen.“ Es benö­ti­ge Zeit, viel Aus­tausch und Mög­lich­kei­ten zum Aus­pro­bie­ren. In einer ohne­hin unge­wohn­ten Situa­ti­on soll sich nie­mand über­for­dert füh­len. Lie­ber lang­sam her­an­tas­ten als vor­schnell voranschreiten.

Seit 16 Jahren im Einsatz für die Kleinsten: Jan Meinke. Foto: KiRO Hamburg
Seit 16 Jah­ren im Ein­satz für die Kleins­ten: Jan Mein­ke. Foto: KiRO Hamburg

Mit einem Ter­min ist es für Mein­ke sel­ten getan. Manch­mal gehen die Fami­li­en auch ohne kon­kre­ten Ver­sor­gungs­plan nach Hau­se, nicht aber mit lee­ren Hän­den. Zu Hau­se kön­nen die Hilfs­mit­tel im gewohn­ten Umfeld und unter all­täg­li­chen Bedin­gun­gen getes­tet wer­den. Die Erfah­rung bestä­tigt die gän­gi­ge Pra­xis: Ein damals zwei­jäh­ri­ges Mäd­chen zeig­te sich bei sei­nen ers­ten Geh­ver­su­chen sehr zag­haft. Nach der Erpro­bung in den eige­nen vier Wän­den konn­te die Klei­ne beim Fol­ge­ter­min dann bereits selbst­stän­dig meh­re­re Meter lau­fen. Dass sie mit der Zeit ein adäqua­tes Gang­bild erreich­te, über­rascht und freut Mein­ke glei­cher­ma­ßen. Heu­te kann sie sich selbst mit dem Roll­stuhl fort­be­we­gen und fährt sogar Fahr­rad. Sol­che Erfah­run­gen las­sen das Team gern gemein­sam in Erin­ne­run­gen schwel­gen und zei­gen, dass das anfäng­li­che Ver­sor­gungs­kon­zept immer wie­der hin­ter­fragt wer­den muss. „Man darf nicht zu viel von den Kin­dern ver­lan­gen, sie aber auch nicht unterschätzen.“

Beob­ach­ten und verstehen

Kann ein Kind aktiv kei­ne Rück­mel­dung geben, ist Mein­ke auf sei­ne Beob­ach­tungs­ga­be ange­wie­sen: Wie ver­hält es sich beim Nut­zen des Hilfs­mit­tels den Eltern gegen­über? Nicht nur die Spra­che gibt wich­ti­ge Hin­wei­se, eben­so die Ver­än­de­rung der Ges­tik, Mimik und die Bewe­gung der Augen kön­nen viel ver­ra­ten. „Mit jedem Ter­min ler­nen wir die Kin­der bes­ser ken­nen und ver­ste­hen“, sagt Meinke.

Den Wün­schen der Eltern möch­te der „Reha­kind-Fach­be­ra­ter“ gern nach­kom­men, kann die­se aber nicht immer erfül­len. Das Team bleibt am Puls der Zeit, schaut, was der Markt bie­tet, und ver­sucht, alles mög­lich zu machen. Doch nicht alles sei umsetz­bar. Außer­dem: „Ein Rezept bedeu­tet noch kei­ne Geneh­mi­gung. Dar­auf muss man die Eltern vorbereiten.“

Auf der Teststrecke können die Hilfsmittel ausprobiert werden. Foto: KiRO Hamburg
Auf der Test­stre­cke kön­nen die Hilfs­mit­tel aus­pro­biert wer­den. Foto: KiRO Hamburg

Aus­tausch zwi­schen den Abteilungen

Für kom­ple­xe Ver­sor­gun­gen bie­tet das Zen­trum laut Mein­ke die per­fek­ten Bedin­gun­gen. Die Wege und der Aus­tausch zwi­schen den bei­den Abtei­lun­gen Reha-Tech­nik und Ortho­pä­die-Tech­nik sind kurz – das erleich­tert und beschleu­nigt die Abläu­fe. Das inter­dis­zi­pli­nä­re Team hält sich immer auf Stand. Dazu gehö­ren oft die – zum Teil haus­ei­ge­nen – The­ra­peu­ten, die die Ent­wick­lung der Klei­nen auch außer­halb der Betriebs­wän­de eng begleiten.

Ist ein Hilfs­mit­tel gefun­den, braucht es wenig spä­ter viel­leicht schon ein ande­res – oder kei­nes mehr. „Kin­der müs­sen eng­ma­schi­ger als Erwach­se­ne ver­sorgt wer­den, weil sich ent­we­der der Anspruch an ein Hilfs­mit­tel ver­än­dert – von wenig bis viel Unter­stüt­zung – oder sich das Hilfs­mit­tel an das Kör­per­wachs­tum anpas­sen muss“, so Mein­ke. „Ich freue mich, je weni­ger Unter­stüt­zung sie benötigen.“

So bunt wie die Räum­lich­kei­ten sind auch die Ver­sor­gun­gen selbst. Je ­„coo­ler“ das Hilfs­mit­tel aus­sieht, des­to höher ist die Akzep­tanz. Was cool ist, ver­än­dert sich mit der Zeit. Seit 16 Jah­ren beglei­tet Mein­ke zahl­rei­che jun­ge Kun­den auf ihrem Weg zu mehr Selbst­stän­dig­keit und Teil­ha­be, erlebt dabei deren gesam­te Ent­wick­lung teils bis ins Erwach­se­nen­al­ter. Wann tren­nen sich die Wege? „Sobald wir nicht mehr mit unse­ren bun­ten Autos vor­fah­ren dürfen.“

Pia Engel­brecht

 

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