Das beste Alter, in dem eine Versorgung starten sollte, kann Meinke nicht benennen. Dafür beeinflussen zu viele Faktoren die Entscheidung, zum Beispiel die Erkrankung des Kindes, sein Entwicklungsstand, seine Fähigkeiten und Compliance. Im Fokus steht immer das Therapieziel: Was wünschen sich Kind und Eltern? Und wobei soll das Hilfsmittel unterstützen? Während es in den ersten Lebensmonaten insbesondere um die Hygiene- und Sitzversorgung geht, steht später ebenfalls die Mobilität im Fokus. „Wir tragen zur Entwicklung der Kinder bei. Dafür wollen wir im richtigen Moment das richtige Hilfsmittel zur Verfügung stellen“, ist sich der Teamleiter seiner Verantwortung bewusst. In Hamburg stehen deswegen rund 60 Hilfsmittel, von Pflegebetten über Gehhilfen bis hin zu Rollstühlen, zur Verfügung, die auf dem Indoor-Parcours ausprobiert werden können. Oft zeigt sich dabei: Die Idee ist zwar richtig, aber es braucht eine individuelle Anpassung. Den Anteil an Sonderbauten schätzt Meinke auf rund 80 Prozent.
Von Farben umgeben
Damit sich die Mädchen und Jungen wohlfühlen, sind die Räumlichkeiten nicht mit denen eines klassischen Sanitätshauses vergleichbar, sondern bunt und – passend zur Hansestadt Hamburg – maritim gestaltet. Graffitis schmücken die Wände, ein Bullauge erlaubt den Blick in die Halle. Nicht nur die Arbeitsumgebung ist eine besondere, auch die Arbeit unterscheidet sich für Meinke, der über viele Jahre als Medizinprodukteberater im Außendienst tätig war, von der mit Erwachsenen. „Kinder geben ein anderes Feedback“, sagt er. Und: Die Eltern sitzen stets mit im Boot. „Für sie ist das eine super intensive Situation. Sie vertrauen uns ihre Kinder an. Dafür versuchen wir durch persönliche Gespräche eine Basis zu schaffen.“ Es benötige Zeit, viel Austausch und Möglichkeiten zum Ausprobieren. In einer ohnehin ungewohnten Situation soll sich niemand überfordert fühlen. Lieber langsam herantasten als vorschnell voranschreiten.

Mit einem Termin ist es für Meinke selten getan. Manchmal gehen die Familien auch ohne konkreten Versorgungsplan nach Hause, nicht aber mit leeren Händen. Zu Hause können die Hilfsmittel im gewohnten Umfeld und unter alltäglichen Bedingungen getestet werden. Die Erfahrung bestätigt die gängige Praxis: Ein damals zweijähriges Mädchen zeigte sich bei seinen ersten Gehversuchen sehr zaghaft. Nach der Erprobung in den eigenen vier Wänden konnte die Kleine beim Folgetermin dann bereits selbstständig mehrere Meter laufen. Dass sie mit der Zeit ein adäquates Gangbild erreichte, überrascht und freut Meinke gleichermaßen. Heute kann sie sich selbst mit dem Rollstuhl fortbewegen und fährt sogar Fahrrad. Solche Erfahrungen lassen das Team gern gemeinsam in Erinnerungen schwelgen und zeigen, dass das anfängliche Versorgungskonzept immer wieder hinterfragt werden muss. „Man darf nicht zu viel von den Kindern verlangen, sie aber auch nicht unterschätzen.“
Beobachten und verstehen
Kann ein Kind aktiv keine Rückmeldung geben, ist Meinke auf seine Beobachtungsgabe angewiesen: Wie verhält es sich beim Nutzen des Hilfsmittels den Eltern gegenüber? Nicht nur die Sprache gibt wichtige Hinweise, ebenso die Veränderung der Gestik, Mimik und die Bewegung der Augen können viel verraten. „Mit jedem Termin lernen wir die Kinder besser kennen und verstehen“, sagt Meinke.
Den Wünschen der Eltern möchte der „Rehakind-Fachberater“ gern nachkommen, kann diese aber nicht immer erfüllen. Das Team bleibt am Puls der Zeit, schaut, was der Markt bietet, und versucht, alles möglich zu machen. Doch nicht alles sei umsetzbar. Außerdem: „Ein Rezept bedeutet noch keine Genehmigung. Darauf muss man die Eltern vorbereiten.“

Austausch zwischen den Abteilungen
Für komplexe Versorgungen bietet das Zentrum laut Meinke die perfekten Bedingungen. Die Wege und der Austausch zwischen den beiden Abteilungen Reha-Technik und Orthopädie-Technik sind kurz – das erleichtert und beschleunigt die Abläufe. Das interdisziplinäre Team hält sich immer auf Stand. Dazu gehören oft die – zum Teil hauseigenen – Therapeuten, die die Entwicklung der Kleinen auch außerhalb der Betriebswände eng begleiten.
Ist ein Hilfsmittel gefunden, braucht es wenig später vielleicht schon ein anderes – oder keines mehr. „Kinder müssen engmaschiger als Erwachsene versorgt werden, weil sich entweder der Anspruch an ein Hilfsmittel verändert – von wenig bis viel Unterstützung – oder sich das Hilfsmittel an das Körperwachstum anpassen muss“, so Meinke. „Ich freue mich, je weniger Unterstützung sie benötigen.“
So bunt wie die Räumlichkeiten sind auch die Versorgungen selbst. Je „cooler“ das Hilfsmittel aussieht, desto höher ist die Akzeptanz. Was cool ist, verändert sich mit der Zeit. Seit 16 Jahren begleitet Meinke zahlreiche junge Kunden auf ihrem Weg zu mehr Selbstständigkeit und Teilhabe, erlebt dabei deren gesamte Entwicklung teils bis ins Erwachsenenalter. Wann trennen sich die Wege? „Sobald wir nicht mehr mit unseren bunten Autos vorfahren dürfen.“
Pia Engelbrecht
- 3D-Druck-Experten treffen sich in Erfurt — 4. Mai 2026
- Innovationsforum für die digitale OT-Zukunft — 4. Mai 2026
- Partnerland, Paralympics und Passion — 30. April 2026



