Mehr Mobi­li­tät für „ver­nach­läs­sig­te Patientengruppe“

Nicht selten muss beispielsweise in Folge einer Diabetes-Erkrankung – oder einer anderen Ursache – ein Fuß amputiert werden. Manchmal auch „nur“ einige Zehen oder Teile des Fußes. Doch auch deren Verlust kann sich stark auf das Gangbild der Betroffenen auswirken und so die Mobilität einschränken oder zu einer Schonhaltung führen. Laut Frithjof Doerks, Doktorand an der Orthopädischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und wissenschaftlicher Mitarbeiter des zugehörigen OrthoGo-Labors, ist die Studienlage bislang dünn und die Therapiemöglichkeiten demnach begrenzt.

Das will Doerks ändern und führt unter dem Titel „Bewe­gungs­ana­ly­se zur Erfor­schung des Gehens nach Vor­fuß­am­pu­ta­ti­on“ eine Stu­die durch, die bis zum nächs­ten Som­mer lau­fen soll. Die Hin­ter­grün­de erläu­tert er im Gespräch mit der OT-Redaktion.

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OT: War­um ist die Stu­die not­wen­dig? Wel­che Zie­le ver­fol­gen Sie damit?

Frith­jof Doerks: Ampu­ta­tio­nen im Vor­fuß­be­reich ver­än­dern die Hebel­län­ge des Fußes und haben damit Aus­wir­kun­gen auf das Gang­bild. Tra­di­tio­nel­le Ver­sor­gungs­kon­zep­te haben häu­fig zwar eine kos­me­ti­sche Funk­ti­on, kön­nen aber die bio­me­cha­ni­schen Defi­zi­te nur teil­wei­se kom­pen­sie­ren. Bei der pro­the­ti­schen Ver­sor­gung exis­tiert dadurch noch viel unge­nutz­tes Poten­zi­al. Ziel die­ser Stu­die ist es, die bestehen­den Abwei­chun­gen im Gang­bild mit­tels Gang­ana­ly­se zu erfas­sen und damit das Fun­da­ment für die Anfor­de­run­gen inno­va­ti­ver Ver­sor­gungs­an­sät­ze zu lie­fern. Die Fra­ge­stel­lung ist dem­entspre­chend, wel­che Aus­wir­kung die Ampu­ta­ti­on auf das Gehen hat und inwie­fern sich die­ses vom gesun­den Gang­bild unter­schei­det. Damit soll die Stu­die einen Bei­trag lie­fern, um den betrof­fe­nen Per­so­nen in Zukunft ein mög­lichst phy­sio­lo­gi­sches Gehen zu ermöglichen.

OT: Wie vie­le Proband:innen neh­men teil? Wel­che Vor­aus­set­zun­gen müs­sen die­se mitbringen?

Doerks: Es wer­den 25 Patient:innen mit einer ein­sei­ti­gen Ampu­ta­ti­on im Vor­fuß­be­reich gesucht. Dabei rei­chen die Ein­schluss­kri­te­ri­en von einer Zehen­am­pu­ta­ti­on bis zu einem maxi­ma­len pro­xi­ma­len Ampu­ta­ti­ons­le­vel auf Höhe der Lis­franc-Gelenk­li­nie. Die Patient:innen dür­fen kei­ne mus­ku­los­ke­let­ta­len Beein­träch­ti­gun­gen über die Ampu­ta­ti­on hin­aus haben und müs­sen schmerz­frei und ohne Unter­arm­stüt­zen gehen kön­nen. Für die Mes­sung im Bewe­gungs­ana­ly­se­la­bor ist ein min­des­tens mode­ra­tes Akti­vi­täts­le­vel von Vorteil.

OT: Wie läuft die Mes­sung ab? Wie wer­den die Daten evaluiert?

Doerks: Die Mes­sung nimmt etwa eine Stun­de in Anspruch. Dabei wer­den zunächst all­ge­mei­ne Daten erfasst, wie Geschlecht, Alter, Kör­per­ma­ße und Gewicht. Anschlie­ßend wer­den meh­re­re klei­ne, licht­re­flek­tie­ren­de Mar­ker auf die Haut an den Bei­nen und auf den Fuß/Schuh geklebt. Wäh­rend der Mes­sung wer­den die Geh­be­we­gun­gen von zwölf Infra­rot­ka­me­ras und zwei Video­ka­me­ras erfasst. Die Ana­ly­se erfolgt, falls mög­lich, bar­fuß und mit der eige­nen indi­vi­du­el­len Ver­sor­gung sowie all­täg­li­chem Schuh­werk. Zusätz­lich wer­den Kraft­mess­plat­ten und Metho­den zur dyna­mi­schen Druck­ver­tei­lungs­mes­sung ein­ge­setzt. Die Mes­sun­gen haben kei­ne Neben­wir­kun­gen und ver­ur­sa­chen kei­ne Strah­len­be­las­tung. Eva­lu­iert wer­den schluss­end­lich unter ande­rem Gelenk­win­kel, Gelenk­mo­men­te, Boden­re­ak­ti­ons­kräf­te und Druckverteilungen.

OT: Wel­che Ergeb­nis­se hof­fen Sie, aus der Stu­die ablei­ten zu können?

Doerks: Durch den Ver­gleich der Daten der Patient:innen mit denen des phy­sio­lo­gi­schen Gehens der gesun­den Per­so­nen sol­len Defi­zi­te und kom­pen­sa­to­ri­sche Mus­ter quan­ti­fi­ziert wer­den. Basie­rend auf den Ergeb­nis­sen die­ser Stu­die soll das Ver­ständ­nis über die Aus­wir­kun­gen der Ampu­ta­tio­nen auf das Gang­bild erwei­tert wer­den. Gleich­zei­tig sol­len bio­me­cha­ni­sche Anfor­de­run­gen für zukünf­ti­ge Pro­duk­te in Abhän­gig­keit ver­schie­de­ner Para­me­ter wie Ampu­ta­ti­ons­le­vel, anthro­po­me­tri­sche Daten und Mobi­li­täts­le­vel abge­lei­tet werden.

OT: Wer soll von den Stu­di­en­ergeb­nis­sen pro­fi­tie­ren können?

Doerks: In der Lite­ra­tur sind bis­lang aus­schließ­lich Stu­di­en mit klei­nen Pati­en­ten­ko­hor­ten oder dem Fokus auf bestimm­te bio­me­cha­ni­sche Para­me­ter zu fin­den. Außer­dem sind Stu­di­en mit dem Fokus auf Zehen­am­pu­ta­tio­nen unter­re­prä­sen­tiert, obwohl die Mobi­li­tät der Patient:innen auch dabei ein­ge­schränkt wird. Die geplan­te Stu­die soll die­se Lücke schlie­ßen und zum grund­le­gen­den Ver­ständ­nis bei­tra­gen. In ers­ter Linie kön­nen Orthopädietechniker:innen und Patient:innen von den Ergeb­nis­sen pro­fi­tie­ren. Die Ablei­tung von bio­me­cha­ni­schen Anfor­de­run­gen bie­tet die Grund­la­ge für inno­va­ti­ve Ver­sor­gungs­kon­zep­te, die mög­li­cher­wei­se noch bes­ser die indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­se der Patient:innen adres­sie­ren. Außer­dem wer­den aber auch die indi­vi­du­el­len tra­di­tio­nel­len Ver­sor­gun­gen und deren bio­me­cha­ni­sche Wir­kung unter­sucht, sodass die Ergeb­nis­se die Orthopädietechniker:innen bei ihrer Ver­sor­gungs­ent­schei­dung unter­stüt­zen kön­nen. Aber auch Mediziner:innen kön­nen aus den Ergeb­nis­sen Rück­schlüs­se für die Pla­nung von Ampu­ta­tio­nen bezüg­lich des Ampu­ta­ti­ons­le­vels und der Stumpf­ge­stal­tung zie­hen. Ins­ge­samt soll die­se Stu­die einen Bei­trag zur Ver­bes­se­rung der Mobi­li­tät einer in der Lite­ra­tur ver­nach­läs­sig­ten Pati­en­ten­grup­pe liefern.

Die Fra­gen stell­te Pia Engelbrecht.

Kon­takt
Wer Inter­es­se hat, an der Stu­die teil­zu­neh­men oder wei­te­re Infor­ma­tio­nen benö­tigt, kann sich an Frith­jof Doerks unter Tel. 0511 5354–455 oder per E‑Mail an doerks.frithjof@mh-hannover.de wenden. 
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