Einleitung
Die weltweite Inzidenz von Querschnittlähmungen wird auf circa 250.000 – 500.000 pro Jahr geschätzt, was 40 bis 80 Fällen pro einer Million Einwohner entspricht1. Bekanntermaßen sind als Folgen von Rückenmarkverletzungen neben einer eingeschränkten Mobilität und vorwiegend sitzenden Lebensweise auch negative Auswirkungen auf den allgemeinen Gesundheitszustand, die Lebensqualität und die Lebenserwartung festzustellen. Auch wenn die einzelnen Akutbehandlungen und die daraufhin gewählten Therapiemethoden von persönlichen und krankheitsspezifischen Faktoren abhängig sind, so kristallisieren sich doch einige wesentliche Behandlungsaspekte heraus. Primär werden hierbei eine Mobilitätserhöhung und sekundär eine Verringerung von Komplikationen angestrebt. Es wird in diesem Zusammenhang Herz-Kreislauf- und Atembeschwerden, Druckgeschwüren und Schmerzen vorgebeugt. Schließlich versucht man, die Teilhabe an der Gemeinschaft und das emotionale Wohlbefinden so gut wie möglich wiederherzustellen und die Notwendigkeit erneuter Krankenhausaufenthalte zu reduzieren2.
Bei Rückenmarkverletzungen (englisch: spinal cord injury, kurz: SCI), die unter anderem eine wesentliche Ursache von Querschnittlähmung sind, werden häufig funktionelle Elektrostimulation, Bewegungstherapie im Wasser, komplexe manuelle Entstauungstherapie, Koordinationstraining, Kräftigungsübungen, physikalische Therapie, Mobilisation der artikulären Strukturen, Muskeldehnung und Physiotherapie erfolgreich eingesetzt3. Im Rahmen eines Steh- und Gehtrainings wird zudem die Verwendung von Stehtischen, Freistehbarren, Laufbändern und Exoskeletten empfohlen4. Auch kommen Kombinationen dieser Therapieansätze zum Einsatz. So zeigten unter anderem Studien mit Anwendung einer roboter-assistierten Gangtherapie zusätzlich zur konventionellen physiotherapeutischen SCI-Rehabilitation, dass bei höherer Trainingsintensität deutlich verbesserte neurologische und funktionelle Ergebnisse erzielt werden können, die sich positiv insbesondere auf die Gangparameter und die funktionelle Unabhängigkeit der Personen mit Rückenmarkverletzungen auswirken5 6.
In Anlehnung an die „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)“ 7 ist es zur Einschätzung des Therapieerfolges üblich, Veränderungen in der Fähigkeit der betroffenen Personen zur Durchführung von täglichen Aufgaben und Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) anhand von entsprechenden Assessments wie dem in dieser Studie angewendeten „Spinal Cord Independence Measure“ (SCIM) in seiner 3. Fassung zu bewerten8. Anhand der SCIM-III-Parameter wurde bereits der Erfolg von Therapien unter Nutzung verschiedener Exoskelett-Modelle (ExoAtlet [ExoAtlet Global SA, Luxemburg] und REX [Rex Bionics Ltd., Neuseeland]) in der Literatur bewertet. Hierbei war der Fokus darauf gerichtet, inwieweit dabei der Schweregrad der Rückenmarkverletzung9 10, die Verletzungsdauer11 12, die Anzahl der durchlaufenen Therapien13 oder die fortschreitende Therapie14 15 eine Rolle spielen. Es gibt zudem bereits Ausführungen über den Erfolg einer zweimonatigen therapeutischen Anwendung des Exoskeletts EksoGTTM (Ekso Bionics Inc., USA) und die entsprechenden positiven Veränderungen bei den SCIM-III-Werten, wobei hierbei der Vorteil einer raschen Therapieaufnahme für eine Subpopulation von Rückenmarkverletzungen unter einem Jahr gegenüber älteren Rückenmarkverletzungen bei inkompletter oder kompletter Querschnittlähmung herausgearbeitet wurde16.
In der hier vorliegenden retrospektiven Studie wird der Fragestellung nachgegangen, inwieweit sich eine einmonatige Exoskelett-Therapie mittels EksoGTTM (siehe Abb. 1 u. 2) – bestehend aus zehn einstündigen Behandlungen – zusätzlich zu weiteren interdisziplinären Versorgungsmaßnahmen im regulären stationären Betrieb eines Querschnittgelähmten-Zentrums funktionell auszahlt, das heißt, in welchem Ausmaß Veränderungen der funktionellen Parameter (SCIM III) sowohl für komplett als auch inkomplett querschnittgelähmte Personen im intermediaten und chronischem Stadium darstellbar sind.
Methoden
Analysiert wurden 35 Datensätze von Personen mit kompletter und inkompletter Querschnittlähmung, welche zu den Messzeitpunkten sowohl vor als auch nach zehn, innerhalb eines Monats durchgeführten, einstündigen Exoskelett-Anwendungen erstellt wurden. Die Personen wurden im Zentrum für Rückenmarkverletzte und Klinik für Orthopädie am BG Klinikum Halle/Saale Bergmannstrost GmbH im Zeitraum 2014–2019 behandelt. Erfasst wurden klinische und demographische Patienteneigenschaften (Alter, Geschlecht, Körpergröße, BMI, Läsionshöhe) sowie die Krankheitsdauer, Therapiedauer und Teilnehmeranzahl (siehe Tab. 1 u. 2).
Die Exoskelett-Therapie wurde an einer Personengruppe mit Rückenmarkverletzung durchgeführt, wie sie in ihrer variablen Zusammensetzung für den stationären klinischen Betrieb eines Querschnittgelähmtenzentrums typisch ist. Sie zeichnet sich unter anderem durch eine individuell schwankende Krankheitsdauer, Therapiedauer, ‑anzahl und ‑frequenz im klinischen Rehabilitationsprozess sowie Heterogenität in den klinischen und demographischen Patienteneigenschaften aus. So betrug die Zeit nach Rückenmarkschädigung, zu der die Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer eingeschlossen wurden, durchschnittlich 2197 Tage, wobei der kleinste Zeitraum 64 Tage und der größte Zeitraum 8617 Tage umfasste.
Um ein Exoskelett verwenden zu dürfen, müssen die Personen die vom Hersteller vorgegebenen Einschlusskriterien erfüllen und dürfen unter keine der Ausschlusskriterien fallen. So wurden für das EksoGTTM folgende Einschlusskriterien zur Durchführung einer Exoskelett-Therapie definiert: Querschnittlähmung sub C7, AIS-Klassifikation A‑D, neurologische Erkrankungen mit muskulärer Schwäche, Körpergröße zwischen 160 und 195 cm, Körpergewicht bis maximal 100 kg, Hüftbreite von maximal 45 cm, regelmäßige Nutzung von Stehgeräten, belastungsstabile Gliedmaßen im nahezu normalen Bewegungsbereich, Einwilligungsfähigkeit in die Therapiemaßnahme und Freigabe nach ärztlicher Untersuchung. Ausschlusskriterien für die Anwendung des Exoskelett-Systems in der Therapie sind: ernsthafte Begleiterkrankungen wie Infektionen, Herz-Lungen-Störungen, Herz- oder Lungenleiden, Druckstellen, schwere Spastizität (Ashworth ≥ 4), erhebliche Kontrakturen, heterotrope Ossifikation, kognitive Beeinträchtigungen, Kolostomie, eingeschränkte Gelenkbeweglichkeit, Unterschied in den Beinlängen, tiefe Beinvenenthrombose und Amputation17. Im Rahmen des Trainings fanden zudem routinemäßig Hautkontrollen zur Wundprävention statt.
Der Therapieumfang umfasste zehn Therapieeinheiten zu je maximal einer Stunde innerhalb eines Monats mit zwei bis drei Trainingseinheiten pro Woche. Der Therapiefortschritt wurde gemeinsam mit der teilnehmenden Person vor und nach der Therapie protokolliert.
Zur Beurteilung des Ausmaßes einer Querschnittlähmung wird die zum Zeitpunkt der Studiendurchführung aktuelle, von der American Spinal Injury Association entwickelte Beeinträchtigungsskala (AIS) herangezogen18.
Etwa die Hälfte der Gesamtkohorte war nach ihrer Rückenmarkverletzung inkomplett querschnittgelähmt (AIS-Kategorien B–D), während die zweite Hälfte den kompletten Verlust dieser Funktionalität zu beklagen hatte (AIS-Kategorie A). Es bot sich eine entsprechende Unterteilung der Gesamtkohorte in zwei Interventionsgruppen B–D und A an, um Exoskelett-Therapieerfolge differenzierter studieren zu können. Die in dieser Studie eingeschlossenen 35 Personen wurden daher sowohl als Gesamtkohorte als auch separat als Interventionsgruppe mit inkompletter Querschnittlähmung (18 Personen der AIS-Kategorie B–D) und als Interventionsgruppe mit kompletter Querschnittlähmung (17 Personen der AIS-Kategorie A) betrachtet.
Es wurde analysiert, ob durch die Therapie mittels EksoGTTM eine funktionelle Verbesserung in der Gesamtkohorte und in den Subgruppen, differenziert nach kompletter oder inkompletter Querschnittlähmung, festzustellen ist. Funktionelle Veränderungen wurden anhand des SCIM III und seiner 19 Einzelkategorien untersucht. Diese sind: Nahrungsaufnahme, Waschen Oberkörper, Waschen Unterkörper, Bekleiden Oberkörper, Bekleiden Unterkörper, Gesichtspflege, Atmung, Blasenmanagement, Darmmanagement, Toilettenhygiene, Bettmobilität und Dekubitusprophylaxe, Transfer zwischen Bett und Rollstuhl, Transfer zwischen Rollstuhl und WC, Mobilität im Haus, Mobilität bei mittleren Distanzen von 10–100 m, Mobilität außer Haus (Distanzen > 100 m), Treppensteigen, Transfer zwischen Rollstuhl und Auto sowie Transfer zwischen Boden und Rollstuhl. Die numerischen und ganzzahligen Antwortmodalitäten starten bei Null (unselbstständig) und steigern sich bis auf ein jeweiliges Maximum, welches keine Einschränkungen oder keinen Bedarf an zusätzlicher Hilfestellung beschreibt.
Die nach klinischer Bedeutung gewichtete Punktevergabe für die 19 SCIM-III-Einzelkategorien ermöglichte die Zusammenfassung der Teilerfolge durch Aufsummierung der Einzelkategorie-Mittelwerte zu den SCIM-III-Bereichscores „Selbstversorgung“, „Atmung und Sphinktermanagement“, „Mobilität (Zimmer, Bad)“ und „Mobilität (drinnen und draußen, auf ebenem Gelände)“ und letztlich zum jeweiligen SCIM-III-Gesamtscore, wodurch Therapieeffekte deutlicher herausgearbeitet werden konnten.
Statistische Auswertung
Der Vergleich von Therapiedauer, Alter, BMI, Körpergröße, Läsionshöhe und Geschlecht zwischen Personen mit kompletter und inkompletter Querschnittlähmung erfolgte skalenadäquat entweder mittels t‑Test für unabhängige Stichproben oder mittels Kreuztabellen (Chi-Quadrat-Test, exakter Test nach Fisher). Bei Unterschieden zwischen beiden Patientengruppen wird die jeweilige Variable als Kovariate berücksichtigt, um deren mögliche Einflüsse zu adjustieren. Der Vergleich beider Patientengruppen zu Beginn (prä) und am Ende (post) der Therapie erfolgte ebenfalls mittels Kreuztabellen und Chi-Quadrat-Test (exakter Test nach Fisher).
Die Analyse der SCIM-III-Einzelkategorien zum Zeitpunkt vor (prä) und zum Zeitpunkt nach (post) der Therapie erfolgte sowohl für die Gesamtkohorte als auch separat für jede der beiden Gruppen mittels Wilcoxon-Rangsummentest. Neben dem p‑Wert wurden hier zu Ergänzung die Effektstärken in Form des Pearson-Korrelationskoeffizienten aus der standardisierten Teststatistik (z‑Wert) und dem Stichprobenumfang berechnet und angegeben, um bessere Vergleichbarkeit zu erzeugen und die eigentliche Stärke der Änderung zum Ausdruck zu bringen. Die Interpretation erfolgt nach Cohen19 mit r = 0,1 als schwache Änderung, r = 0,3 als moderate Änderung und mit r = 0,5 als starke Änderung.
Die Analyse der vier SCIM-III-Bereichscores und des Gesamtscores zwischen Personen mit kompletter und Personen mit inkompletter Querschnittlähmung zu beiden Zeitpunkten (prä und post) erfolgte mittels t‑Test für abhängige Stichproben. Die Änderung im Zeitverlauf wurde mittels t‑Test für abhängige Stichproben analysiert, ebenfalls für die Gesamtkohorte und separat für beide Subgruppen. Auch hier wurden zur besseren Interpretation der Unterschiede und der Änderung Effektstärken (Cohen‘s d) berechnet und wie folgt interpretiert: d = 0,2 kleiner Effekt, d = 0,5 mittlerer Effekt und d = 0,8 großer Effekt20.
Als Schwelle für Signifikanz wurde ein p = 0,05 festgelegt. Bei dieser nicht-konfirmatorischen Studie wurde auf eine Korrektur von Messwiederholungen verzichtet. Die statistischen Analysen wurden mit der Software SPSS V.27 für Windows (IBM Corp. Released 2020. Armonk, NY: IBM Corp.) durchgeführt.
Ergebnisse
Der Vergleich zwischen den Personen mit kompletter oder inkompletter Querschnittlähmung zeigte keine signifikanten Unterschiede für Therapiedauer (p = 0,886), Alter (p = 0,971), BMI (p = 0,487), Körpergröße (p = 0,834), Läsionshöhe (p = 0,199) und Geschlecht (p = 0,264) 21.
Es folgen vergleichende Betrachtungen der SCIM-III-Einzelkategorie-Scores für die Gesamtkohorte zum Zeitpunkt vor (prä) und zum Zeitpunkt nach (post) der Therapie.
Für die Gesamtkohorte ergeben sich in dem Bereichsscore „Selbstversorgung“ mögliche positive Entwicklungen, da sich die Patientinnen und Patienten in Hinblick auf das Waschen und Bekleiden des Unterkörpers verbesserten (siehe Tab. 3). Auch zeigen sich mögliche positive Effekte auf das Darmmanagement, welche in der Tabelle „Atmung- und Sphinktermanagement“ (siehe Tab. 4) aufgezeigt werden. Im Bereich „Mobilität (Zimmer und Bad)“ konnten Erfolge durch erhöhte Bettmobilität/verringertes Dekubitusrisiko sowie einen selbstständigeren Transfer zwischen Rollstuhl und WC bei der Gesamtkohorte möglicherweise erzielt werden (siehe Tab. 5). Infolge der Therapie verbesserte sich die „Mobilität im Haus“ und der „Transfer Boden – Rollstuhl“ signifikant (siehe Tab. 6).
Es gelingt allerdings nicht, Therapieerfolge anhand der SCIM-III-Einzelkategorie-Scores in Abhängigkeit von der nach einer Rückenmarkverletzung verbliebenen Funktionalität unterhalb des neurologischen Niveaus separat für die Interventionsgruppe mit inkompletter Querschnittlähmung oder für jene mit kompletter Querschnittlähmung zu differenzieren. Weder zum Zeitpunkt vor (prä) noch zum Zeitpunkt nach (post) der Therapie zeigen sich signifikante Unterschiede zwischen den Interventionsgruppen mit inkompletter und kompletter Querschnittlähmung in Bezug auf die Häufigkeitsverteilungen der SCIM-III-Einzelpositionen im Rahmen von exakten Chi-Quadrat-Tests. Sämtliche berechneten p‑Werte überschreiten das für die Studie festgelegte Signifikanzniveau von α = 0,05. Zudem lassen sich aus der interventionsgruppeninternen Gegenüberstellung der Einzelkategorien im Zeitverlauf von prä zu post durch Wilcoxon-Tests keinerlei signifikante Therapieeffekte ableiten.
Die Auswertung von Unterschieden für die entsprechenden SCIM-III-Bereichsscores und den SCIM-III-Gesamtscore im Zeitverlauf von prä zu post beruht auf t‑Tests für abhängige Stichproben. Zur Interpretation der Veränderung wurden p‑Werte und Effektstärken22 berechnet (siehe Tab. 7). Die Ergebnisse zeigen, dass die Gesamtkohorte von der Exoskelett-Therapie in jedem der vier SCIM-III-Bereiche „Selbstversorgung“ (p = 0,017, d = 0,43), „Atmung- und Sphinkermanagement“ (p = 0,046, d = 0,35), „Mobilität (Zimmer und Bad)“ (p = 0,007, d = 0,49) und „Mobilität (drinnen und draußen, auf ebenem Gelände)“ (p = 0,017, d = 0,42) möglicherweise profitiert, und zwar mit kleiner Effektstärke. Auch für die einzelnen Interventionsgruppen konnten mit diesem Ansatz mögliche Erfolge statistisch belegt werden: Die Interventionsgruppe mit vollständiger Querschnittlähmung profitiert nachweislich im Bereich „Mobilität (Zimmer und Bad)“ (p = 0,039, d = 0,55), während die Interventionsgruppe mit inkomplett querschnittgelähmten Personen im Bereich „Mobilität drinnen und draußen, auf ebenem Gelände“ (p = 0,029, d = 0,56) punktet – die beiden Effektstärken sind mittelgroß. Nicht zuletzt führt die Exoskelett-Therapie womöglich zu einer deutlichen Verbesserung des SCIM-III-Gesamtscores: Sowohl für die Gesamtkohorte (p = 0,001, d = 0,60) als auch für die einzelnen Interventionsgruppen mit kompletter (p = 0,037, d = 0,55) oder inkompletter Querschnittlähmung (p = 0,011, d = 0,011) wird eine Steigerung um vier bzw. drei Punkte erzielt, was mit einer mittleren Effektstärke einhergeht.
Zusammenfassung
Die vorliegende Studie zeigt, dass sich der Einsatz eines Exoskeletts EksoGTTM bei der Rehabilitation von querschnittgelähmten Personen im stationären Umfeld bereits durch eine zehn Trainingsstunden umfassende einmonatige Behandlung möglicherweise positiv auswirken könnte.
Mittels Erhebung von SCIM-III-Parametern vor und nach der Trainingsserie für eine 35-köpfige Gesamtkohorte können mögliche Verbesserungen in wichtigen Aspekten der „Selbstversorgung“ – wie des Waschens und des An-/Ausziehens der Unterkörper der Patienten – dargestellt werden.
Auch wurden für die Gesamtkohorte mögliche positive Effekte im „Atmung und Sphinktermanagement“ – speziell beim Darmmanagement – verzeichnet.
Dass auch Personen mit kompletter Querschnittlähmung unterhalb des neurologischen Niveaus Exoskelette nutzen und sogar von einer Therapie profitieren könnten, zeigt sich wie folgt: Für diese Interventionsgruppe zeigte sich ein statistisch signifikanter Erfolg mittlerer Effektstärke im SCIM-III-Bereichscore „Mobilität (Zimmer und Bad)“, was vor allem für die Dekubitusprophylaxe bzw. bei Toilettengängen bedeutsam sein könnte.
Für die Interventionsgruppe mit verbliebenen Empfindungen unterhalb des neurologischen Niveaus zeigten sich durch das Exoskelett-Training im Hinblick auf den anspruchsvollen Bereich „Mobilität (drinnen und draußen, auf ebenem Gelände)“ mögliche Erfolge mit mittlerem Effekt, wobei es mehreren inkomplett querschnittgelähmten Personen gelang, im Haus unter pflegerischer Aufsicht alternative Bewegungsformen zur Fortbewegung mit einem mechanischen Rollstuhl anzunehmen. So stiegen unter anderem die Personenanteile, die zur Fortbewegung Unterarmstützen, zwei Stöcke im reziproken Gang oder Gehen mit einem Stock nutzten, nach der Anwendung einer zusätzlichen Exoskelett-Therapie an.
Zusammenfassend lassen sich die beobachteten Bereichserfolge der beiden Interventionsgruppen sowie der Gesamtkohorte in statistisch signifikant um drei bzw. vier Punkte erhöhten SCIM-III-Gesamtscores mit mittlerer Effektstärke beschreiben. Die Ergänzung bereits erprobter Therapiemaßnahmen durch das beschriebene roboterassistierte Gangtraining kann daher unter Berücksichtigung der Ein- und Ausschlusskriterien für den Stationsalltag empfohlen werden, da hierbei möglicherweise die Wiedererlangung von alltagsrelevanten Fähigkeiten unterstützt werden könnte.
Diskussion
Die Exoskelett-Therapie wurde an Personen mit Rückenmarkverletzung mit individuell schwankender Krankheitsdauer, Therapiedauer, ‑anzahl und ‑frequenz im klinischen Rehabilitationsprozess durchgeführt. Neben der Heterogenität in den klinischen und demographischen Patienteneigenschaften muss beachtet werden, dass die untersuchten Personen unterschiedlicher pathophysiologischer Phasen der Querschnittlähmung zuzuordnen sind. Bei der Wertung der Studienergebnisse müssen diese pathophysiologischen Regenerations- und Umbauprozesse nach primärer Rückenmarkschädigung berücksichtigt werden, die teilweise mit einer Erholung, aber auch mit einer Verschlechterung der Rückenmarksfunktion einhergehen kann23. Die zentrale Frage ist daher berechtigt, ob die beobachteten Ergebnisse durch eine größere Dauer eines funktionsorientierten Trainings oder durch Spontanerholung verursacht sind bzw. diese auch durch eine andere Therapieform erreicht werden könnte. Es wäre sicherlich sinnvoll, in zukünftigen Studien die Effekte der Exoskelett-Therapie auf SCIM III für Personen mit Therapiestart bis zu sechs Monaten bzw. mehr als sechs Monate nach Rückenmarkläsion separat voneinander zu betrachten oder sogar die Personen bis zu sechs Monaten nach Rückenmarkläsion aus der Analyse der entsprechenden Studien mit ähnlichem Studiendesign auszuschließen, da in diesem Zeitraum noch eine signifikante neurologische Spontanerholung auftreten kann.
Erwähnenswert ist zudem, dass die Aussagekraft der vorliegenden Studie durch eine geringe Probandenanzahl von 35 Personen begrenzt ist. Diese Limitierung wird erklärt durch die Vielzahl an festgelegten individuellen und gerätetechnischen Voraussetzungen.
Zuletzt spiegeln sich die beobachteten möglichen Bereichserfolge auch in einem statistisch signifikant um drei bzw. vier Punkte erhöhten SCIM-III-Gesamtscore jeder Interventionsgruppe mit mittlerer Effektstärke wider. Da eine Verbesserung von mindestens vier Punkten des gesamten SCIM III erforderlich ist, um eine kleine signifikante Verbesserung zu erreichen, stellt sich die Frage, ob die Gesamtheit der in den SCIM-III-Bereichen oder im gesamten SCIM-III-Score beobachteten Effekte groß genug ist, um den Erfolg der Exoskelett-Therapie als relevant einzustufen24.
Insgesamt könnten die beschriebenen Effekte im Ergebnisteil also möglicherweise durch eine zusätzliche einmonatige Therapie durch das Exoskelett bedingt sein und für querschnittgelähmte Personen in vielfältiger Hinsicht von Nutzen sein. Zur Stützung der Studienergebnisse und Differenzierung des Nutzens der Exoskelett-Therapie für die unterschiedlichen Schweregrade der Querschnittlähmung sowie hinsichtlich des Einflusses auf Sensibilität und Motorik sind jedoch weitere Analysen der Personen mit kompletter und inkompletter Querschnittlähmung mit größerer Probandenzahl und ähnlichen klinischen und demographischen Eigenschaften in den einzelnen pathophysiologischen Phasen der Querschnittlähmung nötig.
Hinweis
Die Studie wurde nicht finanziell gefördert.
Für die Autoren:
Dr. Stephanie Wedler
Ärztin in Weiterbildung
stephaniemwedler@gmail.de
Begutachteter Beitrag/reviewed paper
Wedler S et al. Evaluierung der Exoskelett-Therapie von Personen mit kompletter und inkompletter Querschnittlähmung. Orthopädie Technik, 2024; 75 (3): 44–55
Tabelle 1:
Demographische und klinische Merkmale der Studienpopulation.
Interventionsgruppe B‑D (n = 18) | Interventionsgruppe A (n = 17) | p‑Wert t‑Test | p‑Wert χ2-Test |
|
---|---|---|---|---|
Alter (in Jahren) | ||||
Mittelwert | 41 | 41 | 0,971 | |
Standardabweichung | 15 | 16 | ||
Body Mass Index | ||||
Mittelwert | 24 | 25 | 0,487 | |
Standardabweichung | 5 | 4 | ||
Körpergröße (in m) | ||||
Mittelwert | 1,76 | 1,74 | 0,834 | |
Standardabweichung | 0,07 | 0,08 | ||
Therapiedauer (in d) | ||||
Mittelwert | 31 | 33 | 0,886 | |
Standardabweichung | 24 | 35 | ||
Geschlecht | ||||
weiblich | 3 | 6 | ||
männlich | 15 | 11 | 0,264 |
Tabelle 2:
Höhe der Rückenmarkschädigung bei der untersuchten Studienpopulation.
Höhe der Rückenmarkschädigung | Personenzahl mit inkompletter SCI | Personenzahl mit kompletter SCI | Absoluter (prozentualer) Anteil der betroffenen Personen an der Gesamtkohorte |
---|---|---|---|
C4 | 3 | – | 3 (8,6 %) |
C6 | 2 | – | 2 (5,7 %) |
C7 | 1 | – | 1 (2,9 %) |
C8 | 1 | – | 1 (2,9 %) |
TH4 | 1 | 2 | 3 (8,6 %) |
TH5 | 1 | 3 | 4 (11,4 %) |
TH6 | – | 1 | 1 (2,9 %) |
TH7 | – | 2 | 2 (5,7 %) |
TH8 | 1 | 1 | 2 (5,7 %) |
TH9 | – | 2 | 2 (5,7 %) |
TH10 | 2 | – | 2 (5,7 %) |
TH11 | 1 | – | 1 (2,9 %) |
TH12 | 3 | 5 | 8 (22,9 %) |
L1 | 1 | 1 | 2 (5,7 %) |
L2 | 1 | – | 1 (2,9 %) |
Gesamt | 18 | 17 | 35 (100 %) |
Tabellen 3–7:
- Pflaster drauf und gut? ! Medizinische Kompressionstherapie bei Wunden — 7. März 2025
- Funktionsweise biomechanischer Prothesen nach Teilhandamputation – zurück ins Leben mit einer Teilhandprothese — 7. März 2025
- Knieexartikulationen – ein Beitrag zu Amputationshöhen und operativer Praxis — 6. März 2025
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