Die Welt und unse­re Bun­des­re­pu­blik im Krisenmodus

Prof. Dr. med. habil. Wolfram Mittelmeier ist Klinikdirektor der orthopädischen Klinik und Poliklinik in Rostock. Darüber hinaus ist er Facharzt für Orthopädie, spezielle Orthopädische Chirurgie, Kinderorthopädie und Facharzt für Orthopädie & Unfallchirurgie. Seit September 2019 amtiert Mittelmeier als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für interprofessionelle Hilfsmittelversorgung e. V. (DGIHV). Im folgenden Gastbeitrag nimmt er Stellung zur aktuellen Corona-Krise.

In Chi­na fing es an – zunächst so ange­nehm weit weg… Und plötz­lich waren wir betrof­fen – wir? Mit­ten im Sät­ti­gungs­mo­dus einer rei­chen Indus­trie­ge­sell­schaft, dis­ku­tie­rend über Luxus­pro­ble­me und CO2. Chi­na war ange­kom­men. Unser angeb­lich bes­tes und unfehl­ba­res Gesund­heits­sys­tem wur­de plötz­lich auf die Pro­be – und in Fra­ge gestellt. Und schon muss­te ziel­ge­recht reagiert wer­den. Anfäng­lich noch wur­den War­nun­gen von Impor­teu­ren für Atem­mas­ken igno­riert, es könn­ten Eng­päs­se in der Ver­sor­gung von Schutz­aus­rüs­tun­gen ent­ste­hen. Vie­le Poli­ti­ker und vie­le Aktio­nen. Vor­an dann doch Gesund­heits­mi­nis­ter mit muti­gen Ent­schei­dun­gen und kri­sen­si­che­ren Auf­trit­ten – Respekt. Den­noch gelang kein bun­des­ein­heit­li­ches Han­deln. Eines aber glück­te: eine brei­te Ver­un­si­che­rung der Bevöl­ke­rung durch ver­schie­de­ne poli­ti­sche Akteu­re und zu vie­le selbst­dar­stel­len­de Auf­trit­te. Sper­re für Urlaubs­rei­sen­de, Rück­ho­len von Bun­des­bür­gern aus Urlaubs­re­gio­nen – mit oder ohne Qua­ran­tä­ne? Aus­gangs­sper­re oder Kon­takt­sper­re? Ein­kau­fen ja, aber nur mit einem nicht des­in­fi­zier­ten Ein­kaufs­wa­gen? Abstand hal­ten, aber kei­ne Des­in­fek­ti­ons­mit­tel an den Super­markt­kas­sen. Bemü­hun­gen um Scha­dens­be­gren­zung mit man­geln­der Kon­se­quenz. Lorenz Caf­fier, Innen­mi­nis­ter von Meck­len­burg-Vor­pom­mern, han­del­te dann klar ziel­ori­en­tiert und mutig, indem er Urlaubs­rei­sen in sein Bun­des­land ver­bot und setz­te dies dann auch mit straf­fen Poli­zei­kon­trol­len durch. Somit wur­de zumin­dest ziel­si­cher die mög­li­che schnel­le über­re­gio­na­le Ver­brei­tung der Pan­de­mie verhindert.

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Ein hoch­ent­wi­ckel­tes Medi­zin­sys­tem auf dem Krisen-Prüfstand

Wie schnell muss­ten wir aller­orts fest­stel­len, dass unser in den letz­ten Jah­ren nach dem Kal­ten Krieg ent­wi­ckel­tes Sicher­heits­emp­fin­den uns ver­lei­tet hat­te, unse­re Reser­ven an Schutz­aus­rüs­tun­gen und Fach­per­so­nal DRG-ori­en­tiert ein­zu­schmel­zen. Jetzt stel­len sich die Fra­gen: Schutz­mas­ken und Kit­tel spa­ren und wie­der­ver­wen­den, selbst nähen oder auf chi­ne­si­sche Nach­lie­fe­run­gen war­ten? Ein Sys­tem vol­ler Ein­zel­ak­teu­re zwi­schen Ernüch­te­rung und Hilf­lo­sig­keit, Fach­kom­pe­tenz und Aktio­nis­mus. Wie schmerz­haft muss­ten wir mer­ken, dass wir ein­fach grob fahr­läs­sig zu wenig auf eine der­ar­ti­ge Kri­se vor­be­rei­tet waren. Wie deut­lich wur­de klar, dass die eta­blier­te Kom­mer­zia­li­sie­rung des Gesund­heits­we­sens nicht nur Effek­ti­vi­tät, son­dern selbst das höchs­te Risi­ko für Kri­sen­fäl­le bedeu­tet? Wie glück­lich kön­nen wir sein, dass die­ses Coro­na-Virus erheb­lich weni­ger vital bedro­hend war als zunächst ange­nom­men. Das müh­sa­me Umrüs­ten von elek­tiv ver­plan­ten Kran­ken­haus­bet­ten in Inten­siv­bet­ten gelang dann vie­ler­orts doch nach­dem inter­es­san­te finan­zi­el­le Anrei­ze geschaf­fen wor­den waren. Man merk­te erst, wie wenig man vor­be­rei­tet war, pri­va­ti­sier­ten Kran­ken­haus­be­trie­ben eine kri­sen­be­zo­ge­ne Umor­ga­ni­sa­ti­on vor­zu­schrei­ben. Der Spa­gat zwi­schen Pri­va­ti­sie­rung und Kata­stro­phen­schutz wird blei­ben. Und dann wur­de im wei­te­ren Ver­lauf auch eine lukra­ti­ve Pau­scha­le für jedes nicht beleg­te elek­ti­ve Bett ver­spro­chen, m Reser­ven für den Kri­sen­mo­dus zu bil­den. Wie groß war die Ver­su­chung, dann doch noch ein­zel­ne elek­ti­ve „schnel­le“ Fäl­le durch den Betrieb zu schleu­sen. Schwie­rig wur­de es für die offen­bar mehr gefähr­de­ten älte­ren Pati­en­ten, die aber dann als dekla­rier­te Risi­ko­grup­pe eher den Arzt­be­such mie­den. Aber so man­che Kran­ken­haus- Vor­stän­de wur­den im Kri­sen­mo­dus über eng­ma­schig ver­schick­te, elek­tro­ni­sche Hand­brie­fe und Kri­sen­sit­zun­gen zu orga­ni­sa­to­ri­schen Hel­den – in der Ver­su­chung, ihre zuvor geschaf­fe­nen Defi­zi­te in der Vor­be­rei­tung einer mög­li­chen Gesund­heits­kri­se zu über­spie­len. Gut funk­tio­nier­te plötz­lich, was lan­ge trotz tech­ni­scher Ver­füg­bar­keit nicht aus­ge­schöpft wur­de – Videobe­ra­tung von Pati­en­ten und elek­tro­ni­sche Über­mitt­lung von Daten. Wie schön für ein­zel­ne, dass der Kran­ken­schein ein­fach so ins Haus kam, ohne ärzt­li­che Untersuchung.

Die Hilfs­mit­tel-Bran­che im Krisenmodus

Wie denn nun die Bevöl­ke­rung zu Hau­se im Rah­men der Kon­takt­sper­re mit not­wen­di­gen Hilfs­mit­teln ver­sor­gen? Wie kom­men Leis­tungs­er­brin­ger in die Kli­ni­ken? Mit oder ohne Pas­sier­schein? Wie kann das Ent­las­sungs-Manage­ment auf­recht erhal­ten blei­ben? Es ent­stan­den recht­li­che Unsi­cher­hei­ten bei jenen Leis­tungs­er­brin­gern, die gesetz­lich ver­si­cher­ten Pati­en­ten mit Hilfs­mit­teln ver­sor­gen. Auch für sie galt: Nur noch not­we­ni­ge Ver­sor­gun­gen. Für ein Gesund­heits­hand­werk, das an allen Schnitt­stel­len zwi­schen Kli­ni­ken, häus­li­cher Ver­sor­gung, Ergo- und Phy­sio­the­ra­pie agiert, bedeu­te­te die Auf­recht­erhal­tung ihrer Ver­pflich­tung zur Leis­tungs­er­brin­gung gegen­über Kran­ken­kas­sen und Pati­en­ten einen nie da gewe­se­nen Kraft­akt. So sank der Bedarf durch die redu­zier­ten Kli­nik­be­trie­be und die redu­zier­ten Ver­ord­nun­gen der nie­der­ge­las­se­nen Ärz­te erheb­lich. Wie in den Kli­ni­ken wur­de zunächst durch Abbau von Über­stun­den und Rest­ur­lau­ben reagiert. Aber vie­ler­orts hal­fen nur noch die Kurz­ar­beit und die Hoff­nung auf die klu­ger­wei­se von der Bun­des­re­gie­rung ver­spro­che­nen Ret­tungs­schirm und Kri­sen-Pau­scha­len. Letz­te­re war­te­ten – im Gegen­satz zu Ita­li­en – glück­li­cher­wei­se auf­grund guter Bilan­zen des Vor­jah­res in der  Bun­des­kas­se auf ihre sinn­vol­le und neid­freie Ver­tei­lung. Aber die­se ein­ma­li­gen Zah­lun­gen lie­ßen den­noch gro­ße Löcher in den Kas­sen der klei­nen Betrie­be der Bran­che; denn Löh­ne und Mie­ten muss­ten zugleich wei­ter­be­zahlt wer­den und die Pati­en­ten­ver­sor­gung auf­recht­erhal­ten blei­ben. Die Betrie­be muss­ten geöff­net blei­ben – kom­me was wol­le. Auch dies eine offe­ne Flan­ke des Gesund­heits­sys­tems – dach­ten doch vie­le, dass das Gesund­heits­hand­werk, weil über­wie­gend als KMU orga­ni­siert, für das GKV-Sys­tem nach­ran­gig sei. Pfif­fi­ge Betrie­be reagier­ten mit getrenn­ten Arbeits­schich­ten für die Her­stel­lung indi­vi­du­el­ler Pro­duk­te, schul­ten in enger Zusam­men­ar­beit mit Kran­ken­haus­be­trie­ben ihre Mit­ar­bei­ter in Hygie­ne nach, beschaff­ten sich recht­zei­tig Schutz­mas­ken und lie­fer­ten in die Pra­xis sowie zu Pati­en­ten nach Hause.

Nach­we­hen nach der Krise?

Was wird blei­ben? Es wird sich zei­gen, ob wir gelernt haben wer­den, dass wir in unse­rem hoch­ent­wi­ckel­ten Wirt­schafts­sys­tem den­noch über aus­rei­chen­de Reser­ven ver­fü­gen müs­sen – zumin­dest in den Uni­ver­si­täts­kli­ni­ka, in wei­te­ren staats­ge­führ­ten Kran­ken­häu­sern und für fest in das GKV-Sys­tem inte­grier­te Leis­tungs­er­brin­ger. Reser­ven wer­den benö­tigt – an Mate­ri­al wie Schutz­aus­rüs­tun­gen – aber auch an Medi­ka­men­ten und geschul­ten Per­so­nal, zumin­dest an staat­lich geführ­ten Kli­ni­ken. Was wäre denn bei hohen Aus­fall­ra­ten von Pfle­ge­per­so­nal und Ärz­ten pas­siert? Müs­sen nicht gene­rell noch mehr Pfle­ge­rin­nen und Pfle­ger, Ärz­tin­nen und Ärz­te inten­siv­the­ra­peu­tisch fit gehal­ten wer­den für den inten­siv­me­di­zi­ni­schen Not­fall? Wie schnell haben wir gemerkt, dass unse­re stän­dig über­ar­bei­te­ten Tari­fe für Ärz­te – ohne län­ge­re Dis­kus­si­on – auch mal aus dem beque­me­ren Modus in den Kri­sen­mo­dus geschal­tet wer­den müs­sen. Hof­fent­lich wird in den poli­ti­schen Köp­fen ankom­men, dass Kri­sen­maß­nah­men noch bes­ser bun­des­ein­heit­lich abge­stimmt wer­den müs­sen, anstatt sie schnell aus dem Hols­ter zu zie­hen. Unse­re Her­stel­ler aus der Hilfs­mit­tel­bran­che wer­den an den finan­zi­el­len Belas­tun­gen noch zu knab­bern haben. Die Ver­sor­gungs­be­trie­be der Bran­che wer­den bewei­sen kön­nen, dass sie schnell und wen­dig reagie­ren kön­nen. Wir alle wer­den danach ver­stan­den haben, welch hohe Rol­le sie als Fach­be­trie­be mit hoher Mobi­li­tät auch in Kri­sen­si­tua­tio­nen für die hoch­wer­ti­ge, brei­te Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung einnehmen.

Wolf­ram Mittelmeier

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