Die ortho­pä­die­tech­ni­sche Ver­sor­gung mit einer dyna­mi­schen Fin­ger­streck­or­the­se als eigen­stän­di­ge The­ra­pie bei der Dupuytren’schen Kontraktur

Wolfgang Paul Lenze, Robert Knoke
Die Dupuytrenkrankheit mit ihren Fingergelenkkontrakturen ist nicht heilbar. Chirurgische Fingerbegradigungen, invasiv oder minimal invasiv, sind von begrenztem zeitlichem Erfolg. Vorgestellt wird eine dynamische Fingerstreckorthese, die nicht nur die Nachhaltigkeit jeder chirurgischen Fingerbegradigung erhöht, sondern auch postoperativ verbliebene Restkontrakturen, vor allem im Fingermittelgelenk, strecken kann. Zusätzlich ist mit dieser neuen Orthese die einzige atraumatische Behandlung der beginnenden Dupuytrenʼschen Kontraktur im Stadium 1 nach Tubiana möglich.

Ein­lei­tung

End­lich wis­sen wir es: Die Dupuy­tren­krank­heit mit den Fin­ger­ver­krüm­mun­gen haben wir nicht, wie bis­her ange­nom­men, von den Wikin­gern geerbt, son­dern von den Nean­der­ta­lern [1]. Inzwi­schen sind 200 Jah­re seit den ers­ten aus­führ­li­che­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen die­ser Krank­heit von Hen­ry Cli­ne Sr, Sir Ast­ley Pas­ton Coo­per und Baron Guil­laume Dupuy­tren ver­gan­gen und es gibt immer noch kei­ne kura­ti­ve The­ra­pie! Des­halb ist aus­nahms­los das Ziel jeder Behand­lung: Die kon­trak­ten Fin­ger so weit wie mög­lich zu begra­di­gen und die Pro­gres­si­on der Erkran­kung zu verzögern.

Anzei­ge

 

The­ra­pie­mög­lich­kei­ten

Zur The­ra­pie der Wahl ste­hen vor ­allem 2 chir­ur­gi­sche Techniken:

  • die inva­si­ve offe­ne Ope­ra­ti­on mit Haut­schnit­ten, die Par­ti­el­le Fas­ziek­to­mie (PF), die sich im 20. Jahr­hun­dert eta­blier­te und
  • die mini­mal­in­va­si­ve Per­ku­ta­ne Nadel­fas­zio­to­mie (PNF), die Ende des 20. Jahr­hun­derts von Frank­reich aus­ge­hend an Popu­la­ri­tät gewann [2]. Mit der soge­nann­ten erwei­ter­ten Nadel­fas­zio­to­mie (Exten­ded Per­cu­ta­neous Need­le Fascio­to­my, PNF+) wur­de sie für alle Sta­di­en der Dupuy­tren­krank­heit anwend­bar [3].

The­ra­pie­op­tio­nen sind in gerin­ge­rem Aus­maß die radio­lo­gi­sche Bestrah­lung oder auch (vor allem in den USA) die Injek­ti­on von Sub­stan­zen, die die kon­trak­ten Strän­ge schwächen.

Eine rein kon­ser­va­ti­ve atrau­ma­ti­sche Behand­lung der Dupuytren’schen Kon­trak­tu­ren gab es bis­her nicht. Sie wur­de erst durch die Ent­wick­lung einer kom­for­ta­blen dyna­mi­schen Fin­ger­streck­or­the­se mög­lich (Video). Die „Push Ortho Hand­orthe­se DPT“ (Fa. Ofa, Bam­berg) bewirkt eine mecha­ni­sche Auf­deh­nung der kon­trak­ten Bin­de­ge­webs­strän­ge in Hohl­hand und Fin­gern [4].

Die Dupuy­tren­krank­heit ver­läuft teils in Schü­ben, teils kon­ti­nu­ier­lich und mit lang­sa­mer oder schnel­ler Pro­gres­si­on über Mona­te und Jah­re. Man­che Men­schen ver­spü­ren nur ver­här­te­te Strän­ge oder Kno­ten in Hohl­hand und/oder Fin­gern, ohne dass es zu einer funk­tio­nel­len Beein­träch­ti­gung kommt. Bei ande­ren Men­schen ist die Erkran­kung der­art aggres­siv, dass ein oder meh­re­re Fin­ger sich immer wei­ter krüm­men und im Tages­ab­lauf behindern.

Die PF wird erst in spä­ten Krank­heits­sta­di­en durch­ge­führt, wenn die Fin­ger­krüm­mung schon weit fort­ge­schrit­ten ist. Grün­de dafür sind die mit dem Ein­griff ver­bun­de­nen Schmer­zen, die über Wochen dau­ern­de Hei­lungs­zeit mit regel­mä­ßi­ger Ergo- oder Phy­sio­the­ra­pie und eine lan­ge Arbeits­un­fä­hig­keit. Erst ein hoher Lei­dens­druck gibt dann den Aus­schlag zum Auf­schnei­den der Hände.

PNF und ggf. die PNF+ wer­den dage­gen schon bei gerin­ge­ren Fin­ger­kon­trak­tu­ren ange­wen­det, sobald sich die Fibro­sesträn­ge in Hohl­hand und Fin­gern bei pas­si­ver Stre­ckung der Fin­ger unter Span­nung set­zen und des­halb nach Schwä­chung durch Nadeln zer­rei­ßen lassen.

Eben­falls zu die­sem frü­hen Zeit­punkt im Sta­di­um Tubia­na 1, also bei gerin­gen Krüm­mungs­win­keln, kann jetzt mit der neu­en dyna­mi­schen Fin­ger­streck­or­the­se der Dupuy­tren-Fibro­se­strang durch eine gerin­ge Zug­kraft auf­ge­dehnt wer­den. Eine chir­ur­gi­sche Inter­ven­ti­on ist in die­sem Anfangs­sta­di­um, also bevor die Bin­de­ge­webs­strän­ge für eine mecha­ni­sche Auf­deh­nung zu dick wer­den, nicht erfor­der­lich (Abb. 1). Die Orthe­se ist der­art kom­for­ta­bel, dass sie über die not­wen­di­gen 1 bis 3 Stun­den durch­ge­hend getra­gen wer­den kann [5]. Die Zug­kraft muss mög­lichst gering und die Geduld der Pati­en­ten groß sein, um die Pro­gres­si­on der Kon­trak­tur nicht zu trig­gern. Die The­ra­pie­be­glei­tung durch das Sani­täts­haus ist obligat.

Im Fall der inva­si­ven offe­nen PF müs­sen auch die Ergo- und Phy­sio­the­ra­peu­ten in der Anwen­dung der dyna­mi­schen Fin­ger­streck­or­the­se geschult sein, um in Zusam­men­ar­beit mit dem Sani­täts­haus die Pati­en­ten anzuleiten.

Aber die dyna­mi­sche Fin­ger­streck­or­the­se begra­digt nicht nur begin­nen­de Kon­trak­tu­ren bei der Dupuy­tren­krank­heit: Sie kann auch post­ope­ra­tiv ver­blie­be­ne Rest­kon­trak­tu­ren im Fin­ger­mit­tel­ge­lenk (PIP-Gelenk) begra­di­gen (Abb. 2). Ursa­che die­ser mög­li­chen Rest­kon­trak­tu­ren, vor allem im Fin­ger­mit­tel­ge­lenk, ist kei­ne man­gel­haf­te chir­ur­gi­sche The­ra­pie, son­dern es han­delt sich dabei um Sekun­där­ver­än­de­run­gen, die bei der Dupuy­tren­krank­heit auf­tre­ten kön­nen und die sich allein durch eine Excis­i­on oder ein Zer­rei­ßen der Fibro­sesträn­ge nicht besei­ti­gen las­sen. Eine voll­stän­di­ge Fin­ger­be­gra­di­gung kann dann aber mit­tels mecha­ni­scher Deh­nung durch die dyna­mi­sche Orthe­se erreicht werden.

Die The­ra­pie­dau­er beträgt Mona­te bis Jah­re, ist aber die ein­zi­ge Chan­ce, ohne chir­ur­gi­schen Ein­griff die kon­trak­ten Fin­ger zu begra­di­gen oder zumin­dest das post­ope­ra­ti­ve Ergeb­nis mög­lichst lan­ge zu erhalten.

Und die neue Orthe­se hat einen wei­te­ren äußerst wich­ti­gen the­ra­peu­ti­schen Vor­teil: Sie erhöht die Nach­hal­tig­keit sowohl der inva­si­ven Par­ti­el­len Fas­ziek­to­mie als auch der mini­mal inva­si­ven Per­ku­ta­nen Nadel­fas­zio­to­mie. Des­halb soll­te bei kom­pli­ka­ti­ons­lo­ser Hei­lung nach PF die Push Ortho Hand­orthe­se DPT bereits weni­ge Tage nach der Ope­ra­ti­on getra­gen wer­den, bei noch lie­gen­den Haut­fä­den, wenn dies schmerz­frei mög­lich ist. Bei der mini­mal­in­va­si­ven PNF kann die Orthe­se bereits einen Tag nach dem Ein­griff ange­legt werden.

Es gibt 2 Grund­sät­ze bei der Anwen­dung der dyna­mi­schen Fingerstreckorthese:

  • indi­vi­du­el­le Ände­rung der mög­lichst gerin­gen Zug­kraft der Feder­pa­ke­te nur nach Rück­spra­che mit dem Orthopädietechniker
  • Geduld der Pati­en­ten im Ver­lauf der Anwen­dung und kon­se­quen­tes, täg­li­ches Tra­gen der Orthe­se 1 bis 3 Stun­den durch­ge­hend, z. B. abends in der Ruhe­pha­se vor dem Fern­se­her oder mehr­mals täg­lich in Ruhephasen

Ortho­pä­die­tech­ni­sche Versorgung

Der Ortho­pä­die­tech­ni­ker nimmt neben dem ver­ord­nen­den Arzt eine Schlüs­sel­rol­le in die­ser mini­mal­in­va­si­ven Art der Dupuy­tren­be­hand­lung ein. Des­halb sind eine spe­zi­el­le Schu­lung und Zer­ti­fi­zie­rung durch die Her­stel­ler­fir­ma erfor­der­lich. Im Fal­le einer PF müs­sen post­ope­ra­tiv zusätz­lich auch Ergo- oder Phy­sio­the­ra­peu­ten in der Anwen­dung der Orthe­se geschult sein.

Die Push Ortho Hand­orthe­se DPT besteht aus 2 Tei­len: einem Basis­teil für die Hand und den Fin­ger­tei­len mit dem jewei­li­gen Feder­pa­ket. Durch eine gerin­ge Zug­kraft wer­den die Dupuy­tren-Fibro­sesträn­ge nicht getrig­gert, son­dern lang­sam auf­ge­dehnt. Die Tra­ge­dau­er für eine kon­ti­nu­ier­li­che Fin­ger­be­gra­di­gung beträgt ohne Unter­bre­chung bis zu 2, nach Gewöh­nung even­tu­ell auch bis zu 4 Stun­den täg­lich am Stück oder mehr­mals täg­lich min­des­tens 1 Stun­de ohne Unterbrechung.

Ein ent­schei­den­der Fak­tor liegt hier bei der Aus­dau­er und Geduld der Pati­en­ten, da sich gera­de in der Anfangs­pha­se der Fin­ger zunächst lang­sam, aber kon­ti­nu­ier­lich an die neue Situa­ti­on der Stre­ckung gewöh­nen soll. Falls nach mehr­wö­chi­ger Tra­ge­zeit kei­ne posi­ti­ve Ver­än­de­rung der Fin­ger mit der Grund­ein­stel­lung ein­tritt, besteht die Mög­lich­keit, durch Ein­le­gen ver­schie­de­ner Feder­ele­men­te den Zug zu erhö­hen. Dies geschieht nur nach Abspra­che mit dem Ortho­pä­die­tech­ni­ker oder direkt vor Ort im Sanitätshaus.

Eine inten­si­ve Ein­wei­sung in das Pro­dukt, ver­bun­den mit der Erreich­bar­keit bei Rück­fra­gen an das Sani­täts­haus, sind daher wich­ti­ge Kom­po­nen­ten im Aus­tausch mit den Pati­en­ten. Da die­ses Hilfs­mit­tel kei­ne voll­stän­di­ge Hilfs­mit­tel­num­mer besitzt, besteht die Mög­lich­keit, bei vor­lie­gen­der ärzt­li­cher Ver­ord­nung eine Kos­ten­ge­neh­mi­gung im Ein­zel­fall bei der jewei­li­gen Kran­ken­kas­se zu bean­tra­gen. Die gesetz­li­chen und die pri­va­ten Kran­ken­kas­sen zeig­ten sich bereits durch­aus koope­ra­tiv und über­nah­men die Kos­ten bis auf weni­ge Aus­nah­men. Der Antrag für die Geneh­mi­gung wird bei den gesetz­lich Ver­si­cher­ten durch das Sani­täts­haus gestellt, die Pri­vat­ver­si­cher­ten kön­nen die Kos­ten­er­stat­tung durch Vor­la­ge eines Kos­ten­vor­anschlags aus dem Sani­täts­haus selbst beantragen.

Der Tra­ge­kom­fort und die hoch­wer­ti­ge Ver­ar­bei­tung der Hand­orthe­se sto­ßen bei den Pati­en­ten auf eine durch­weg posi­ti­ve Reso­nanz und stei­gern somit die Bereit­schaft, das Pro­dukt kon­ti­nu­ier­lich anzu­le­gen, um eine größt­mög­li­che Kor­rek­tur zu erzie­len. Das kon­se­quen­te Tra­gen die­ser Orthe­se kann im Anfangs­sta­di­um der Dupuy­tren­krank­heit einen chir­ur­gi­schen Ein­griff ver­hin­dern oder zumin­dest hinauszögern.

Fazit

Vor­ge­stellt wird die dyna­mi­sche Fin­ger­streck­or­the­se als eigen­stän­di­ge The­ra­pie im Anfangs­sta­di­um der Dupuytren’schen Kon­trak­tur. Auch in den fort­ge­schrit­te­nen Krank­heits­sta­di­en ist der Ein­satz der Orthe­se nach jeder chir­ur­gi­schen The­ra­pie, sei sie inva­siv oder mini­mal­in­va­siv, ange­zeigt. Sie erhöht deren Nach­hal­tig­keit und kann sogar post­ope­ra­tiv ver­blie­be­ne Rest­kon­trak­tu­ren, vor allem im Fin­ger­mit­tel­ge­lenk, verbessern.

Begut­ach­te­ter Beitrag/reviewed paper

 

Inter­es­sen­kon­flikt
Der Autor Dr. Len­ze hat an der Ent­wick­lung der bespro­che­nen Orthe­se mit­ge­wirkt und ist am Patent beteiligt.

Die Autoren:
Dr. med. Wolf­gang Lenze
Fach­arzt für Chirurgie
Zen­trum für Anäs­the­sie und Schmerztherapie
Nie­der­wall 39
33602 Bielefeld
Tel.: 0170–6718251
lenze@lenze-dupuytren.de
www.lenze-dupuytren.de

Robert Kno­ke
Sani­täts­haus Knoke
Haupt­str. 66
33647 Bielefeld
Tel.: 0521–441141

 

Zita­ti­on
Len­ze WP, Kno­ke R. Die ortho­pä­die­tech­ni­sche Ver­sor­gung mit einer dyna­mi­schen Fin­ger­streck­or­the­se als eigen­stän­di­ge The­ra­pie bei der Dupuytren’schen Kon­trak­tur. Ortho­pä­die Tech­nik, 2026; 77 (4): 62–64

 

Video
Wirk­mechanismus der Push Ortho Hand­orthe­se DPT.

 

Abbil­dun­gen

Quel­len­ver­zeich­nis

[1] Ågren R et al. Major gene­tic risk fac­tors for Dupuytren’s dise­a­se are inhe­ri­ted from Nean­der­tals. Mole­cu­lar Bio­lo­gy and Evo­lu­ti­on, 2023; 40 (6): msad 130

[2] Badois FJ, Ler­mu­siaux JL, Mas­sé C, Kuntz D. Trai­te­ment non chir­ur­gi­cal de la mala­die de Dupuy­tren par apo­né­vro­to­mie à l’aiguille [Non-sur­gi­cal tre­at­ment of Dupuy­tren dise­a­se using need­le fascio­to­my]. Revue du rhu­ma­tis­me (Ed. fran­çai­se), 1993; 60 (11): 808–813

[3] Len­ze WP. Die Tech­nik der erwei­ter­ten per­ku­ta­nen Nadel­fas­zio­to­mie (PNF+) bei der Dupuytren’schen Kon­trak­tur. Hand­chir­ur­gie, Mikro­chir­ur­gie und Plas­ti­sche Chir­ur­gie, 2017; 49 (1): 47–50

[4] Rei­chert B, Erfah­rungs­be­richt [des Erfin­ders und Dupuy­tren­pa­ti­en­ten Jörg Patt­ke]. In: Rei­chert B, Wach W. Mor­bus Dupuy­tren. Ein Pati­en­ten­rat­ge­ber. Ber­lin, Hei­del­berg: Sprin­ger, 2022: 138–141

[5] Gies­berts RB et al. Tis­sue adapt­a­ti­on rate in the tre­at­ment of Dupuy­tren con­trac­tu­re. Jour­nal of Hand The­ra­py, 2020; 33 (1): 80–86

 

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