Deut­sche Meis­ter­schaft im Handwerk

„Je länger ich in dem Beruf arbeite, desto besser gefällt er mir“, sagt Annabelle Mißfeldt. Und diese Leidenschaft sollte sich auszahlen. Am 9. Dezember 2023 wurde die Orthopädietechnikerin vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) im Berlin Congress Center (BCC) zusammen mit allen 112 Sieger:innen aus den anderen teilnehmenden Gewerken als Bundessiegerin der „Deutschen Meisterschaft im Handwerk – German Craft Skills“ (DMH) ausgezeichnet.

Zuvor setz­te sich Miß­feldt im Bun­des­fi­na­le gegen neun wei­te­re Lan­des­sie­ger durch. In der Bun­des­fach­schu­le für Ortho­pä­die-Tech­nik (Bufa) in Dort­mund galt es für die Ham­bur­ge­rin eine Unter­schen­kel­or­the­se mit fle­xi­blen Laschen und tief­ge­zo­ge­nem Pols­ter zu fer­ti­gen. Dafür blie­ben ihr fünf Stun­den Zeit. Das mach­te ihr anfangs wenig Sor­gen, aber gegen Ende waren alle Teilnehmer:innen gestresst, berich­tet Miß­feldt. „Wir haben bis zur letz­ten Sekun­de geschlif­fen und gehofft, dass wir kei­ne Kan­te ver­ges­sen haben.“ Mit dem Ergeb­nis ist sie zufrie­den, wenn auch nicht zu hun­dert Pro­zent. Neben dem Zeit­druck war die unge­wohn­te Arbeits­um­ge­bung die größ­te Her­aus­for­de­rung: Das Harz war von einer Mar­ke, die sie vor­her noch nicht im Betrieb ver­wen­det hat­te und ver­hielt sich dem­entspre­chend anders. Zudem muss­te sie mit ande­rem Werk­zeug han­tie­ren. „Dadurch war ich nicht so im Fluss wie sonst.“ Im Nach­hin­ein beschreibt sie genau das als wert­vol­le Erfah­rung. „Jede Werk­statt ist anders. Jeder Mensch ist anders. Und dass ich es trotz des­sen gemeis­tert habe, hat mir gezeigt: Ich kann mit mei­nem Wis­sen und mei­ner Anpas­sungs­fä­hig­keit gute Arbeit leisten.“

Den Aus­tausch mit den ande­ren Landessieger:innen wäh­rend des Wochen­en­des in Dort­mund hat die 25-Jäh­ri­ge genos­sen. Wäh­rend der Fer­ti­gung der Arbeits­pro­ben unter­stütz­ten sie sich gegen­sei­tig. „Man kann viel von­ein­an­der ler­nen, wenn man fragt und zuhört. Und dann wird man auch bes­ser“, sagt Miß­feldt. Groß vor­be­rei­ten konn­te sie sich auf den Wett­be­werb nicht, hat dafür aber einen ande­ren Tipp für künf­ti­ge Teilnehmer:innen: „Es ist nicht vor­bei, ehe es vor­bei ist. Macht euch nicht ver­rückt, son­dern zieht durch.“

113 Bundessieger:innen wurden bei der Feier im BCC Berlin Congress Center geehrt. Foto: ZDH / Boris Trenkel & Peter Lorenz
113 Bundessieger:innen wur­den bei der Fei­er im BCC Ber­lin Con­gress Cen­ter geehrt. Foto: ZDH / Boris Tren­kel & Peter Lorenz

Den Weg ins Hand­werk ein­zu­schla­gen, lag für die 25-Jäh­ri­ge nahe, der Weg in die Ortho­pä­die-Tech­nik war dage­gen eher ein glück­li­cher Zufall. Vor ihrer Aus­bil­dung zur Ortho­pä­die­tech­ni­ke­rin, die sie im Juni 2023 beim Sani­täts­haus Stol­le abschloss, absol­vier­te sie eine Aus­bil­dung im Bereich Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign. Die Coro­na-Pan­de­mie erschwer­te es aller­dings, ihre Kunst auf Mes­sen und Co. aus­zu­stel­len sowie Kon­tak­te zu knüp­fen. Für Miß­feldt kein Zustand auf Dau­er. Mit ihren Hän­den und krea­tiv zu arbei­ten, gefiel ihr schon immer. Auf ein Gewerk woll­te sie sich zu die­sem Zeit­punkt aber noch nicht fest­le­gen. Dafür spra­chen sie zu vie­le an. Miß­feldt bewarb sich auf Stel­len in ganz unter­schied­li­chen Berei­chen – bei­spiels­wei­se Gold­schmie­de­hand­werk, Gei­gen­bau und eben Ortho­pä­die-Tech­nik. Bei Stol­le konn­te sie für ein paar Tage in den Beruf hin­ein­schnup­pern und star­te­te kurz dar­auf schon mit der Aus­bil­dung. „Mich hat von Anfang an fas­zi­niert, wenn Men­schen im Roll­stuhl in den Laden her­ein­kom­men und spä­ter lau­fend wie­der her­aus­ge­hen. Das ist sehr berüh­rend“, erzählt sie. An die kör­per­lich anstren­gen­den Tage muss­te sie sich aber erst ein­mal gewöhnen.

Schrän­ken, sin­tern, fei­len – schnell stell­te die 25-Jäh­ri­ge bei sol­chen Arbei­ten fest, was alles mög­lich ist und wel­che indi­vi­du­el­len Lösun­gen sie für Kund:innen wird ent­wi­ckeln kön­nen. Viel Raum für Gestal­tung hat Miß­feldt eben­falls in der Sili­kon­ab­tei­lung, in der sie aktu­ell tätig ist. Dazu gehört es z. B., kos­me­ti­sche Hand­pro­the­sen zu fer­ti­gen sowie Haut­tö­ne zu mischen – alles nur auf Vor­la­ge der noch vor­han­de­nen Hand. Mal fest, mal zäh wie Kauf­gum­mi: Auch die Arbeit mit den ver­schie­de­nen Här­te­gra­den fin­det sie span­nend. Künf­tig möch­te sie sich auf den Bereich Sili­kon­tech­nik spezialisieren.

Dazwi­schen blei­ben aus­pro­bie­ren und wei­ter ler­nen die Devi­se, auch wenn die Ortho­pä­die­tech­ni­ke­rin seit Som­mer 2023 „aus­ge­lernt“ ist. „Ich fan­ge selbst jetzt immer wie­der Sachen an, die ich bis­lang nicht gemacht habe. Mei­ne Aus­bil­dung habe ich in der Orthe­tik gemacht und wäh­rend­des­sen nie mit Sili­kon gear­bei­tet. Jetzt ler­ne ich, wie es ver­ar­bei­tet und ein­ge­färbt und wofür es alles ver­wen­det wer­den kann. Das ler­ne ich von mei­nen Kollegen.“

Durch ihre Aus­bil­dung fühlt sich die Ham­bur­ge­rin gut auf das Berufs­le­ben vor­be­rei­tet, sowohl durch den Betrieb als auch durch die Berufs­schu­le. Aus dem Aus­tausch mit ihren Mitschüler:innen konn­te sie stets viel mit­neh­men, auch weil jeder durch die Spe­zia­li­sie­rung sei­nes Aus­bil­dungs­be­triebs ande­re Kennt­nis­se in ande­ren Ver­sor­gungs­be­rei­chen mit­brach­te. „Jeder macht in der Aus­bil­dung ande­re Erfah­run­gen, hat ande­re Kun­den und macht ande­re Feh­ler“, sagt sie. Und in der Berufs­schu­le bedeu­te­te das oft: Was der eine noch nicht kann, kann der ande­re und macht kur­zer­hand vor, wie es geht.

„Ich fin­de es wich­tig, einen Beruf aus­zu­üben, der einem wirk­lich gefällt“, betont Miß­feldt. „Ich freue mich jeden Tag auf die Arbeit und auf mei­ne Kol­le­gen. Und ich freue mich, am Ende des Tages zu sehen und in den Hän­den zu hal­ten, was ich gemacht habe. Das ist sehr erfül­lend und motiviert.“

Pia Engel­brecht

Hin­ter­grund
Bei der „Deut­schen Meis­ter­schaft im Hand­werk – Ger­man Craft Skills“ mes­sen sich in mehr als 130 Gewer­ken in bis zu vier auf­ein­an­der auf­bau­en­den Ebe­nen die bes­ten Absolvent:innen einer beruf­li­chen Aus­bil­dung. In die­sem Jahr haben 113 den Bun­des­sieg errun­gen und sich damit gegen mehr als 3.000 Teilnehmer:innen durch­ge­setzt. Die DMH steht unter der Schirm­herr­schaft von Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter Stein­mei­er. Aus­rich­ter sind der Zen­tral­ver­band des Deut­schen Hand­werks (ZDH) und die Stif­tung für Begab­ten­för­de­rung im Hand­werk. Dabei wer­den sie vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Kli­ma­schutz (BMWK) unterstützt. 

 

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