Das Über­win­den von Trep­pen mit Beinprothesen

M. Pollmeyer
Treppen und Schrägen sind für einen oberschenkelamputierten Prothesenträger die mitunter größten Herausforderungen seines Geh-Alltags. Auf Treppen ist die Ausbalancierung des Gleichgewichts schwieriger und die Belastung der unteren Extremität um ein Vielfaches höher als auf einer ebenen Fläche. Die Orthopädie-Technik fokussiert sich eher auf das physiologische Laufen in der Ebene. Die Herausforderung Treppe dagegen wird, trotz ihrer häufigen Bewältigung im Alltag, eher unterschätzt. Das Stichwort „alternierendes Treppabgehen" scheint durch elektronische Kniegelenksysteme zwar schon als Standard etabliert zu sein. Aber haben wir dieses Ziel wirklich schon erreicht? Dieser Beitrag zur Biomechanik im Bereich Treppe zeigt die Möglichkeiten und die Grenzen einer modernen Beinprothese auf.

Gleich­ge­wicht und Ungleich­ge­wicht im Gangzyklus

Um die Her­aus­for­de­rung Trep­pe bzw. Schrä­ge für einen Pro­the­sen­trä­ger bes­ser zu ver­ste­hen, ist es wich­tig, den Gang­zy­klus unter den nor­ma­len Umstän­den eines zwei­bei­ni­gen Gan­ges und unter dem Gesichts­punkt des Gleich­ge­wichts und des Ungleich­ge­wichts zu betrachten.

Der Gang­zy­klus erfor­dert eine ste­ti­ge Bewah­rung des Gleich­ge­wichts. Stän­dig wird das Ungleich­ge­wicht, das beim Gehen erzeugt wird, durch kom­pen­sa­to­ri­sche Bewe­gun­gen aus­ge­gli­chen. Der Kör­per erfährt eine zyklisch immer wie­der­keh­ren­de Schwer­punkt­ver­la­ge­rung. „Lau­fen ist nicht nur die rhyth­mi­sche Bewe­gung der Hüft- und Knie­ge­len­ke, son­dern eine Ganz­kör­per­be­we­gung (…) in einem nahe­zu unsicht­ba­ren Wech­sel von Ungleich­ge­wicht und Gleich­ge­wicht” (www.gallerydiabolus.com/MAPPE1/ html/biomechanik.html) 1.

Gegen die Schwer­punkt­ver­la­ge­rung beim Gehen nut­zen wir in der Regel vier Akti­vi­tä­ten 2: Sobald die Schwung­pha­se für das eine Bein beginnt, bedeu­tet dies die Siche­rung des Gleich­ge­wichts durch das ande­re Bein, das Stand­bein. Dabei kommt es zu einer Viel­zahl von Aus­gleichs­be­we­gun­gen, die im gan­zen Kör­per voll­zo­gen wer­den. Eine der wich­tigs­ten Bewe­gun­gen in die­sem Zusam­men­hang ist die Absen­kung des Beckens auf der Schwung­pha­sen­sei­te. Die ers­te Stra­te­gie des Kör­pers gegen die­se Schwer­punkt­ver­la­ge­rung ist eine Viel­zahl von Mus­kel­kon­trak­tio­nen, um den Kör­per sta­bil zu hal­ten. Da die Mus­kel­kon­trak­tio­nen nicht aus­rei­chend sind, kommt es zu einer Becken­ver­la­ge­rung. Die­se bewirkt eine Ände­rung der Posi­ti­on des Ober­kör­pers, um in der Schwe­r­eli­nie des Kör­pers zu blei­ben. Wenn die­se bei­den Akti­vi­tä­ten nicht aus­rei­chend sein soll­ten, kommt es zu einer wei­te­ren Reak­ti­on, dem Aus­fall­schritt. Die­ser schützt uns vor dem Sturz, falls die Schwer­punkt­ver­la­ge­rung nicht unter Kon­trol­le zu bekom­men ist. Wenn auch der Aus­fall­schritt nicht aus­reicht, müs­sen wir uns anleh­nen oder abstüt­zen. Falls dazu nicht die Mög­lich­keit besteht, kommt es zum Sturz.

Der bein­am­pu­tier­te Pro­the­sen­trä­ger hat die­se vier Funk­tio­nen in ihrer Gän­ze nicht zur Ver­fü­gung, da er eine so kom­pli­zier­te und über die Gelen­ke des Bei­nes ver­ket­te­te Mus­kel­kon­trak­ti­on nicht aus­füh­ren kann. Knö­chel- und Knie­ge­lenk sind gar nicht ansteu­er­bar, das Hüft­ge­lenk abhän­gig vom Mus­kel­sta­tus des Stump­fes nur sehr bedingt.

Um spä­ter ver­deut­li­chen zu kön­nen, wie sehr sich das Gehen auf der Trep­pe vom Gang in der Ebe­ne unter­schei­det, soll­te man sich den Gang­zy­klus der Ebe­ne 3 vor Augen füh­ren. Die­ser ist gekenn­zeich­net durch die fol­gen­den acht Pha­sen (Abb. 1):

  1. Initia­ler Kon­takt (Fer­sen­kon­takt)
  2. Stoß­dämp­fungs­pha­se
  3. Mitt­le­re Standphase
  4. Ter­mi­na­le Standphase
  5. Vor­schwung­pha­se (Zehen­ab­lö­sung)
  6. Initia­le Schwungphase
  7. Mitt­le­re Schwungphase
  8. Ter­mi­na­le Schwungphase

Um einen Ver­gleich von Lau­fen auf der Ebe­ne und Lau­fen auf der Trep­pe zie­hen zu kön­nen, ist die Stand­pha­se von beson­de­rem Inter­es­se. Auf der Trep­pe ist näm­lich die Stand­pha­se der Teil des Gang­zy­klus, der dem Betrach­ter und dem Anwen­der als sicher­heits­re­le­vant am wich­tigs­ten erscheint.

Die Abroll­be­we­gung des Fußes in der Ebe­ne wäh­rend der Stand­pha­se beginnt an der Fer­se und endet bei den Zehen mit der Zehen­ab­lö­sung. Auf der Trep­pe wer­den wir fest­stel­len, dass sich eine ande­re Abfol­ge ergibt.

Trep­pen­ge­hen ist die Aus­nah­me­si­tua­ti­on des Gehens

Trep­pen­ge­hen stellt für die unte­re Extre­mi­tät eine deut­lich höhe­re Belas­tung dar als das Gehen in der Ebe­ne. Das Hüft­ge­lenk wird auf der Trep­pe beim Hin­auf- und beim Hin­ab­ge­hen um bis zu 300 % mehr belas­tet als beim Gehen in der Ebe­ne, beim Hin­set­zen, Auf­ste­hen oder sogar bei Knie­beu­gen 4.

Das Knie­ge­lenk wird beim Trepp­ab­ge­hen bis zum 3,5‑Fachen des Kör­per­ge­wich­tes belas­tet 5. Der ober­schen­kel­am­pu­tier­te Pro­the­sen­trä­ger steht dabei vor einer noch grö­ße­ren Her­aus­for­de­rung. Er kann eine sol­che Belas­tung nicht mehr erfüh­len, dämp­fen oder durch kom­pen­sa­to­ri­sche Bewe­gun­gen aus­glei­chen. Die­se Auf­ga­be muss das Pro­the­sen­ge­lenk über­neh­men. Doch kann es das über­haupt? Die moder­ne Pro­the­tik hat dar­auf mitt­ler­wei­le eine Viel­zahl von Ant­wor­ten gefun­den; wir spre­chen dabei vom „alter­nie­ren­den Trep­pen­ge­hen”, das heißt, das Bein mit der Pro­the­se wird nicht Stu­fe für Stu­fe “nach­ge­zo­gen”, son­dern bei­de Bei­ne bewäl­ti­gen die Stu­fen im Wech­sel. Mit dem ent­spre­chen­den Trai­ning kön­nen Pro­the­sen­an­wen­der dies erreichen.

Gang­zy­klus Trep­pe hinunter

Zunächst neh­men wir den Gang­zy­klus beim Trepp­ab­ge­hen in den Blick. Natür­lich sind wir unter nor­ma­len Umstän­den in der Lage, eine Trep­pe hin­un­ter­zu­ge­hen, ohne vor­her vie­le Über­le­gun­gen anzu­stel­len. Den­noch schau­en wir uns eine unbe­kann­te Trep­pe zuerst von oben an, bevor wir hin­un­ter­ge­hen. Ein Pro­the­sen­trä­ger tut dies sehr bewusst, um Tie­fe, Brei­te und Anzahl der Stu­fen ein­schät­zen zu kön­nen. Man kann daher von einer Schritt­ein­lei­tung spre­chen. Auch wenn sie streng genom­men nicht zum Gang­zy­klus gehört, hat die Schritt­ein­lei­tung ihren Platz in die­sem Zyklus. Die fol­gen­den Pha­sen des Trep­pen­gang­zy­klus tref­fen sicher nicht auf jeden Fuß­gän­ger zu, las­sen sich aber bei der Mehr­zahl der Per­so­nen wie folgt beschrei­ben (Abb. 2a – g):

  1. Schritt­ein­lei­tung
  2. Fer­sen­ab­lö­sung
  3. Zehen­ab­lö­sung
  4. Vor­schwung
  5. Initia­le Lastübernahme
  6. Mitt­le­re Standphase
  7. Ter­mi­na­le Standphase

Nach der ter­mi­na­len Stand­pha­se beginnt der Zyklus wie­der mit der Fer­sen­ab­lö­sung. Wir beob­ach­ten hier also kei­ne 8 Pha­sen mehr wie beim Gang­zy­klus in der Ebe­ne, son­dern nur noch 6.

In vie­len Ele­men­ten unter­schei­det sich der Trep­pen­zy­klus vom Gang­zy­klus in der Ebe­ne. Beson­ders fällt der initia­le Kon­takt nach der Schwung­pha­se auf: Auf der Trep­pe fin­det die initia­le Last­über­nah­me nicht mit der Fer­se statt, son­dern mit dem Vor­fuß. Der genaue Kon­takt­punkt am Fuß hängt zudem mit der Tie­fe und Brei­te der Stu­fe zusam­men. Je schma­ler die Stu­fe, umso mehr wird der Kon­takt­punkt im vor­de­ren Zehen­be­reich lie­gen, denn des­to grö­ßer muss die Plan­t­ar­fle­xi­on sein.

Trep­pe hin­un­ter mit Beinprothese

Was für eine nicht­am­pu­tier­te Per­son also schon eine gang­tech­ni­sche Aus­nah­me­si­tua­ti­on ist, bedeu­tet für den Pro­the­sen­trä­ger eine deut­lich höhe­re Her­aus­for­de­rung. Der oben gezeig­te Gang­zy­klus auf der Trep­pe trifft näm­lich für den Pro­the­sen­trä­ger nicht zu. Bei ihm ent­steht ein ganz ande­rer Gangrhyth­mus (Abb. 3a – f).

Der Zyklus beginnt mit zwei Vor­pha­sen. Die ers­te und durch­aus wich­ti­ge Vor­pha­se ist auch hier die Schritt­ein­lei­tung (a). Der Anwen­der schätzt dabei die Trep­pe ein und posi­tio­niert sich und die Pro­the­se, um den Abstieg begin­nen zu kön­nen. Die zwei­te Vor­pha­se ist die Fuß­ab­lö­sung (b). Dies sind Vor­pha­sen, da sie im Lau­fe des Abstiegs auf dem Trep­pen­seg­ment nur zu Beginn vor­kom­men. Sie kön­nen auch als vor­be­rei­ten­de Schrit­te bezeich­net wer­den. Die stets wie­der­keh­ren­den Pha­sen sind die drei fol­gen­den: Vor­schwung (1) des Pro­the­sen­fu­ßes, Last­über­nah­me (2) im Fer­sen­be­reich, Über­roll­pha­se (3) des Fußes über die Trep­pen­stu­fen­kan­te. Danach beginnt der Zyklus von vor­ne. Nach der Über­roll­pha­se muss der Fuß wie­der in den Vor­schwung gebracht wer­den, um danach wie­der im Fer­sen­be­reich die Kör­per­last zu übernehmen.

Der Gang­zy­klus des Pro­the­sen­trä­gers auf der Trep­pe besteht also nur noch aus 3 immer wie­der­keh­ren­den Pha­sen. Es ist somit ein sehr ver­kürz­ter Zyklus im Gegen­satz zum nicht­am­pu­tier­ten Trep­pen­ge­her. Man kann zwar auch hier­bei von einem alter­nie­ren­den Trepp­ab­ge­hen spre­chen, aber phy­sio­lo­gisch ist es des­we­gen nicht. Der Zyklus im Überblick:

  1. Schritt­ein­lei­tung
  2. Fer­sen­ab­lö­sung
  1. Vor­schwung
  2. Last­über­nah­me
  3. Über­roll­pha­se

Dann wie­der 1. Vor­schwung usw.

Der größ­te Unter­schied, der auch im Pra­xis­ver­hal­ten und im Anwen­der­trai­ning durch den Tech­ni­ker ver­mit­telt wer­den muss, ist sicher­lich die Last­über­nah­me. Der Pro­the­sen­trä­ger muss näm­lich gezielt mit der Fer­se bzw. mit dem letz­ten Drit­tel des Fußes auf­tre­ten, um die Über­roll­pha­se über den Schwer­punkt hin­weg aus­lö­sen zu können.

Was muss ein Pro­the­sen­knie­ge­lenk leisten?

Im Fol­gen­den wird auf die Leis­tungs­fä­hig­keit des Knie­ge­len­kes ein­ge­gan­gen, indem zunächst die mus­ku­lä­ren Reak­tio­nen in den Momen­ten betrach­tet wer­den, in denen das Knie­ge­lenk zum siche­ren und dyna­mi­schen Trepp­ab­ge­hen sei­ne Funk­tio­nen unter Beweis stel­len muss. Wel­che Haupt­mus­keln wer­den in wel­cher Bewe­gungs­pha­se beim nicht­am­pu­tier­ten Geher eingesetzt?

Initia­le Lastübernahme

(sie­he Abb. 2e)

M. tibia­lis ante­rior (Dor­salex­ten­si­on)
M. glutae­us max. (Hüft­ex­ten­si­on)
M. quadri­ceps (Fle­xi­ons­kon­trol­le, Fle­xi­ons­mo­ment Knie)

Mitt­le­re und ter­mi­na­le Standphase

(sie­he Abb. 2f u. g)

M. quadri­ceps (gestei­ger­tes Fle­xi­ons­mo­ment Knie)

Die Kon­trak­ti­on der Mus­ku­la­tur kon­trol­liert und sichert das Gleich­ge­wicht. Der Kör­per wird jeder­zeit in sei­nem Schwe­re­lot gehal­ten. Es gibt, auch beim Trepp­ab­ge­hen, kei­nen Moment, in dem der Geher gezwun­gen ist, den Sicher­heits­be­reich sei­ner Unter­stüt­zungs­flä­che zu ver­las­sen. Wenn der Vor­wärts­schritt auf die nächs­te Stu­fe nach unten erfolgt, ist jeder­zeit der Aus­gleich durch Mus­kel­kon­trak­ti­on vor­ge­se­hen und unter phy­sio­lo­gi­schen Umstän­den durchführbar.

Die­se umfang­rei­che Mus­kel­ak­ti­vi­tät ist dem Ober­schen­kel­am­pu­tier­ten nicht mög­lich, da die knie- und fuß­über­grei­fen­de Mus­ku­la­tur nicht vor­han­den ist. Das Pro­the­sen­knie­ge­lenk muss die­se sicher­heits­re­le­van­te Auf­ga­be über­neh­men. Hier wird die Wich­tig­keit der Knie­ge­lenks­funk­ti­on bereits deutlich.

Wel­che Haupt­mus­keln müs­sen in wel­cher Bewe­gungs­pha­se beim ampu­tier­ten Gehen ein­ge­setzt werden?

Last­über­nah­me

(sie­he Abb. 3d)

M. glutae­us max. (Hüft­ex­ten­si­on) kein knie­über­grei­fen­der M. quadri­ceps (Fle­xi­ons­mo­ment Knie)

Über­roll­pha­se

(sie­he Abb. 3e)

M. glutae­us max. (Hüft­ex­ten­si­on) kein knie­über­grei­fen­der M. quadri­ceps (gestei­ger­tes Fle­xi­ons­mo­ment Knie)

Unter Berück­sich­ti­gung von Sicher­heit und Dyna­mik steht in die­sen bei­den Pha­sen das Knie­ge­lenk in sei­ner Funk­ti­ons­wei­se am stärks­ten im Fokus. Dem Pro­the­sen­trä­ger fehlt die ent­spre­chen­de Mus­ku­la­tur, um den Kör­per kon­trol­liert auf die nächs­te Stu­fe her­ab­sin­ken zu lassen.

Anhand der Abbil­dung 4 wird deut­lich, dass der Pro­the­sen­trä­ger, um die Trep­pe mit Pro­the­se dyna­misch hin­ab­zu­stei­gen, eine ande­re Stra­te­gie anwen­den muss. Er muss das Knie­ge­lenk als „Fle­xi­ons­kon­troll­werk­zeug” benut­zen und dafür auf jeder Stu­fe in Stel­lung brin­gen. Dies tut das Knie­ge­lenk, auch wenn es elek­tro­nisch gesteu­ert ist, nicht von allein. Der Anwen­der muss fähig sein, die Pro­the­se zu beherr­schen und gezielt ein­zu­set­zen. Wenn er also die Trep­pe bewäl­ti­gen will, muss er die eigent­lich so gefürch­te­te Kniefle­xi­on in einem für ihn nicht mehr siche­ren Bereich selbst erzeu­gen. Dies erfor­dert Übung und viel Ver­trau­en in ein tech­ni­sches Gerät.

Die Schwe­r­eli­nie des Anwen­ders befin­det sich im Moment der Last­über­nah­me mit der Fer­se des Pro­the­sen­fu­ßes nicht mehr im Unter­stüt­zungs­be­reich. Im Moment der Last­über­nah­me wäre eigent­lich die Mus­kel­kon­trak­ti­on not­wen­dig, um die Kniefle­xi­on zu brem­sen bzw. zu kon­trol­lie­ren. Dafür ist nun das Pro­the­sen­knie­ge­lenk zustän­dig, wie Abbil­dung 4 zeigt.

Ein Pro­the­sen­ge­lenk, das zum alter­nie­ren­den Trepp­ab­ge­hen ver­wen­det wer­den kann, muss somit fol­gen­de fünf Grund­vor­aus­set­zun­gen erfüllen:

  1. Fle­xi­ons­kon­trol­le = ein­stell­ba­re oder auto­ad­ap­ti­ve Standphasendämpfung
  2. Schwung­pha­sen­kon­trol­le
  3. schnel­le Reaktionszeiten
  4. Ver­läss­lich­keit für den Anwender
  5. Nut­zer­freund­lich­keit für den Anwender

Was muss der Pro­the­sen­schaft leisten?

Für einen Pro­the­sen­trä­ger sind beim Über­win­den von All­tags­hin­der­nis­sen wie im Fall einer Trep­pe die Form des Pro­the­sen­schaf­tes, die Stumpf­län­ge und der Mus­kel­sta­tus des Anwen­ders wesent­lich. Bei den in die­sem Arti­kel beschrie­be­nen Beob­ach­tun­gen eines Pro­the­sen­an­wen­ders han­delt es sich um einen knie­ex­ar­ti­ku­lier­ten Anwen­der mit einem Geni­um-Knie­ge­lenk und einem Fuß­pas­s­teil Tri­ton Low Pro­fi­le, bei­des von Otto Bock.

Für den knie­ex­ar­ti­ku­lier­ten Anwen­der sind gute Hebel­ver­hält­nis­se durch einen lan­gen Stumpf, ein guter Mus­kel­sta­tus und die Trag­fä­hig­keit des Stump­fen­des auch auf der Trep­pe von Vor­teil. Durch das trag­fä­hi­ge Stump­fen­de erlebt er, auch pro­prio­zep­tiv, das Auf­tre­ten und die erhöh­te Belas­tung beim Über­win­den von Trep­pen viel direk­ter als ein trans­fe­mo­ral ampu­tier­ter Anwender.

Bei einem trans­fe­mo­ral ampu­tier­ten Anwen­der soll­te ein Schaft ein­ge­setzt wer­den, der nach dem hydro­sta­ti­schen Prin­zip das Anwen­der­ge­wicht per Voll­kon­takt tra­gen kann. Das Gewicht wird also vom gan­zen Stumpf über­nom­men. Dadurch fällt die Gewichts­über­tra­gung von der Boden­re­ak­ti­ons­kraft über den Schaft auf den Stumpf anders aus als bei einer Knie­ex­ar­ti­ku­la­ti­on, bei der ein direk­ter Kon­takt der dista­len Gelenk­flä­che der Femur­kon­dy­len mit dem Schaft­bo­den besteht.

Je kür­zer der Stumpf ist, des­to weni­ger Hebel­län­ge steht dem Anwen­der zur Ver­fü­gung und des­to weni­ger kann der vor­han­de­ne Mus­kel­sta­tus genutzt wer­den. Die Schaft­form kann bei trans­fe­mo­ral ampu­tier­ten Pati­en­ten für das Bewäl­ti­gen von Hin­der­nis­sen ent­schei­dend sein, wenn die ana­to­mi­schen Gege­ben­hei­ten nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt sind und kei­ne aus­rei­chen­de Über­nah­me des Kör­per­ge­wichts durch den Schaft gewähr­leis­tet wird. Der Anwen­der ist beim Hin­ab­stei­gen der Trep­pe dar­auf ange­wie­sen, da er einen nicht pas­sen­den Schaft durch schnel­le Belas­tungs­rück­nah­me auf das gesun­de Bein nur schwer kom­pen­sie­ren könn­te. Um die Trep­pe unter den oben beschrie­be­nen Sicher­heits­aspek­ten hin­un­ter­ge­hen zu kön­nen, muss er die Pro­the­se in den Belas­tungs­pha­sen voll belas­ten kön­nen. Das Glei­che gilt für die Haf­tung des Schaf­tes bei den Ent­las­tungs­pha­sen des Trep­pen­zy­klus. Wenn die Pro­the­se nicht genü­gend haf­tet und eine Hub­be­we­gung beim Ent­las­ten der Pro­the­se auf­tritt, ist die Ein­lei­tung der Stand- und Belas­tungs­pha­sen nur mit gro­ßem Unsi­cher­heits­ge­fühl oder gar nicht mög­lich. Dann wäre das alter­nie­ren­de Trepp­ab­ge­hen trotz eines mikro­pro­zessor­ge­steu­er­ten Knie­ge­lenks nicht durchführbar.

Fazit

In der Ebe­ne kann eine Ober­schen­kel­pro­the­se die Phy­sio­lo­gie des Gehens sehr gut nach­bil­den. Beim Hin­un­ter­ge­hen einer Trep­pe ist das nicht der Fall. „Alter­nie­rend” darf nicht mit „phy­sio­lo­gisch” ver­wech­selt wer­den. Der Zyklus, der auf der Trep­pe ent­steht, ist grund­sätz­lich anders als bei einem zwei­bei­ni­gen Geher und mit einem Pro­the­sen­knie­ge­lenk nicht in sei­ner Gän­ze nachzuahmen.

Um ein phy­sio­lo­gi­sche­res Gehen zu erzie­len, ist aber nicht nur das Knie­ge­lenk ein hin­der­li­cher Fak­tor, son­dern auch das Fuß­pas­s­teil. Die Fuß­pas­s­tei­le sind nicht in der Lage, die initia­le Last­über­nah­me mit dem Vor­fuß auf­zu­fan­gen, son­dern bedür­fen immer der Posi­tio­nie­rung des Fußes im hin­te­ren Drit­tel, um die Über­roll­pha­se über­haupt ein­lei­ten zu kön­nen. Wenn dies nicht geschieht, ist der Vor­fuß­he­bel zu groß, und das Knie­ge­lenk kann nicht in die Stand­pha­sen­dämp­fung bzw. Fle­xi­on gebracht werden.

Her­vor­zu­he­ben ist für den Pro­the­sen­an­wen­der, den Tech­ni­ker und auch den Kos­ten­trä­ger sicher­lich die beson­de­re Bedeu­tung der Bewäl­ti­gung von Trep­pen. Die Trep­pe ist bei mikro­pro­zessor­ge­steu­er­ten Knie­ge­len­ken meis­tens das Maß der Din­ge für den Kos­ten­trä­ger. Eine Trep­pe alter­nie­rend hin­auf- oder hin­ab­ge­hen zu kön­nen ist für den Pro­the­sen­trä­ger ein sehr gro­ßer Gewinn an Lebens­qua­li­tät. In der Ent­schei­dungs­fin­dung, ob für einen Ober­schen­kel­am­pu­tier­ten ein hoch­prei­si­ges Knie­ge­lenk­sys­tem von Nut­zen ist, spielt das Lau­fen auf der Trep­pe eine Schlüsselrolle.

Der Autor:
Maik Poll­mey­er
Ortho­pä­die-Tech­nik Münsterland
Bült­zings­lö­wen GmbH, Duisburg
Fug­ger­stra­ße 15
48165 Müns­ter
maik.pollmeyer@otmuensterland.de

Begut­ach­te­ter Beitrag/Reviewed paper

Zita­ti­on
Poll­mey­er M. Das Über­win­den von Trep­pen mit Bein­pro­the­sen. Ortho­pä­die Tech­nik, 2014; 65 (6): 44–49
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  2. Lipp­mann R. Das Ergo­no­mie­pro­gramm ANTHROPOS, ein Visua­li­sie­rungs­werk­zeug auch für Medi­zi­ner. In: Jerosch J, Nicol K, Pei­ken­kamp K (Hrsg.). Rech­ner­ge­stütz­te Ver­fah­ren in Ortho­pä­die und Unfall­chir­ur­gie. Darm­stadt: Stein­kopff Ver­lag, 1999: 173–189. http://link.springer.com/chapter/10.1007/978–3‑642–58699-6_11
  3. Götz-Neu­mann K. Gehen ver­ste­hen. Gang­ana­ly­se in der Phy­sio­the­ra­pie. Stutt­gart: Thie­me, 2003
  4. Klein P, Som­mer­feld P. Bio­me­cha­nik der mensch­li­chen Gelen­ke. Grund­la­gen, Becken, unte­re Extre­mi­tät. Mün­chen: Elsevier/Urban & Fischer, 2004
  5. Brink­mann P, Fro­bin W, Leivseth G, Dre­r­up B. Ortho­pä­di­sche Bio­me­cha­nik. Müns­ter: WWU, 2012
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