Bar­rie­re­frei ins Meer

Mit einer Fläche von 360.570.000 Quadratkilometern bedeckt Wasser rund 70 Prozent der Erdoberfläche. Selbst wenn also an Land überall Barrierefreiheit herrschen würde – der Großteil der Erde bliebe weiterhin unzugänglich für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Strände sollen dazu künftig nicht mehr zählen. Durch Seatrac, ein spezielles System, das das griechische Unternehmen Tobea (ein Spin-off der University of Patras) entwickelt hat, können Rollstuhlfahrer:innen bis ins Meer gleiten und losschwimmen.

Im Gespräch mit der OT-Redak­ti­on berich­tet Igna­ti­os Fotiou, Geschäfts­füh­rer von Tobea und Mit­ent­wick­ler von Sea­trac, war­um das längst über­fäl­lig war, wie das Sys­tem funk­tio­niert und war­um Bar­rie­re­frei­heit an Land nicht aufhört.

OT: Nach dem Über­ein­kom­men der Ver­ein­ten Natio­nen über die Rech­te von Men­schen mit Behin­de­run­gen darf es kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund einer Behin­de­rung geben. Der Zugang zu Strand und Meer ist sel­ten bar­rie­re­frei. Wie kann Ihre Erfin­dung das ändern?

Igna­ti­os Fotiou: Mit der The­ma­tik wur­den wir erst­ma­lig im Jahr 2009 kon­fron­tiert, als Gera­si­mos Fes­si­an (Grün­der von Sea­trac, Anm. d. Red.), der Mobi­li­täts­pro­ble­me hat, uns um Hil­fe bat. Er wohnt in der Nähe vom Meer und Schwim­men gehört zu sei­nen Lieb­lings­be­schäf­ti­gun­gen. Er wie­der­hol­te immer wie­der, dass er es leid war, sich her­um­tra­gen zu las­sen, beson­ders dann, wenn er im Meer schwim­men woll­te. Die Fra­ge war, ob wir ein Gerät ent­wi­ckeln könn­ten, um die­ses Pro­blem zu lösen. Zurück im Büro dach­te ich, wir suchen ein­fach in Goog­le, tra­gen mög­li­che Lösun­gen zusam­men, pas­sen eine davon an unse­ren ört­li­chen Strand an und hel­fen damit auch unse­rer Gemein­de. Ich war über­rascht, dass es eine sol­che Lösung nicht gab, und in die­sem Moment wur­de mir erst rich­tig klar, dass jede Per­son mit Mobi­li­täts­pro­ble­men ins Meer getra­gen oder beglei­tet wer­den muss. Das war der Start­schuss für unser Pro­jekt. Das hat mei­ne Lei­den­schaft für das Inge­nieur­we­sen dahin­ge­hend ver­än­dert, dass ich Tech­nik für die Besei­ti­gung von Zugäng­lich­keits­pro­ble­men und Bar­rie­ren ein­set­zen wollte.
Als ich die Lücken im Bereich der Bar­rie­re­frei­heit erkann­te, lös­te das etwas in mir aus: Ich könn­te Men­schen hel­fen, indem ich uner­füll­te Bedürf­nis­se erfül­le. Mein per­sön­li­cher Antrieb besteht dar­in, Pro­duk­te zu ent­wi­ckeln, die hilfs­be­dürf­ti­ge Grup­pen in der Gesell­schaft unter­stüt­zen. Als ich sah, wie älte­re Men­schen, Schwan­ge­re und an Mul­ti­ple Skle­ro­se (MS) Erkrank­te Sea­trac benutz­ten, wur­de mir klar, dass ich die­ses Sys­tem mög­lichst allen Men­schen zugäng­lich machen woll­te. Die Freu­de in ihren Gesich­tern und das spon­ta­ne Gemein­schafts­ge­fühl haben mich dazu bewegt, Din­ge schät­zen zu ler­nen, die ich für selbst­ver­ständ­lich gehal­ten hatte.

OT: Aus wel­chen Kom­po­nen­ten besteht das Sys­tem und wie funk­tio­niert es?

Fotiou: Es besteht im Wesent­li­chen aus einem fes­ten Schie­nen­me­cha­nis­mus, in dem ein beweg­li­cher Stuhl in das Was­ser hin­ein- und her­aus­ge­fah­ren wer­den kann. Das Gerät kann mit einer RF-Fern­be­die­nung (RF=Radio Fre­quen­cy; sie braucht nicht auf das zu steu­ern­de Gerät zu zei­gen, die Kom­mu­ni­ka­ti­on wird durch Hin­der­nis­se wie Möbel, Per­so­nen oder Wän­de kaum beein­träch­tigt, Anm. d. Red.) bedient wer­den, so dass kei­ne beson­de­re Schu­lung erfor­der­lich ist. Sea­trac nutzt eine Smart Com­pu­ting Unit. Per Tele­me­trie ermög­licht sie eine Fern­war­tung und Stö­rungs­pro­gno­sen. Wir ver­wen­den Com­pu­ter Visi­on mit künst­li­cher Intel­li­genz, um Men­schen mit Behin­de­run­gen Live-Bil­der vom Strand zu lie­fern. Für Men­schen mit Behin­de­run­gen ist es wich­tig, die Mee­res­be­din­gun­gen im Vor­aus zu ken­nen, da sie bei­spiels­wei­se mit Wel­len­gang nicht umge­hen können.

Ein Rei­se­ziel für alle

OT: Benö­ti­gen die Nutzer:innen exter­ne Hilfe?

Fotiou: Die Benut­zung ist ein­fach, der Ein­stieg in den Stuhl ist eine übli­che Bewe­gung, die die Betrof­fe­nen häu­fig machen. Es ist wie das Umset­zen vom Roll­stuhl auf ein Bett oder umge­kehrt. Für Quer­schnitts­ge­lähm­te ist es ggf. ein­fa­cher, aber im Grun­de hängt es von der Kon­di­ti­on des Schwim­mers ab. Schwim­mer oder Sea­tra­cer, wie wir sie nen­nen, sind Men­schen mit Mobi­li­täts­pro­ble­men, älte­re Men­schen, schwan­ge­re Frau­en und Men­schen mit MS.

OT: Wel­ches Feed­back geben die Nutzer:innen?

Fotiou: Als alles im Jahr 2009 begann, glaub­te nie­mand, dass wir ein sol­ches Gerät über­haupt ent­wi­ckeln kön­nen. Har­te Arbeit, kon­ti­nu­ier­li­che Ver­bes­se­run­gen, Fokus­grup­pen mit Behin­der­ten­ver­bän­den und das Erken­nen und Erfül­len der Bedürf­nis­se haben zu dem geführt, was wir heu­te sehen. Men­schen mit Mobi­li­täts­pro­ble­men ver­trau­en uns, wir haben sie davon über­zeugt, ihr Haus zu ver­las­sen und selbst schwim­men zu gehen. Seac­trac ist eine Erfah­rung, wir haben unse­re Web­site www.seatrac.gr/en/ geschaf­fen, um jedem, der bar­rie­re­freie Strän­de besu­chen möch­te, kos­ten­los Infor­ma­tio­nen zur Ver­fü­gung zu stel­len. Mehr als 40.000 Nut­zer im Jahr 2022, an 194 Strän­den. Die grie­chi­schen Regie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen fan­gen an zu begrei­fen, dass Grie­chen­land ein Rei­se­ziel für alle sein kann.

OT: Gibt es etwas, das man noch ver­bes­sern kann?

Fotiou: Es gibt immer etwas zu ver­bes­sern, und so wer­den auch die neu­en Updates durch­ge­führt. Der ers­te Sea­trac hat­te kei­ne ein­ge­bau­te Dusche, jetzt hat er eine, denn Roll­stuhl­fah­rer wol­len nicht, dass ihr Roll­stuhl nass oder beschä­digt wird.

OT: Vor wel­chen Her­aus­for­de­run­gen ste­hen Men­schen mit Behin­de­run­gen am Strand und am Meer? Was braucht es sonst noch für einen bar­rie­re­frei­en Strandurlaub?

Fotiou: Wir haben die Ket­te der Bar­rie­re­frei­heit ein­ge­führt. Von dem Moment an, an dem Men­schen mit Mobi­li­täts­ein­schrän­kun­gen den Strand errei­chen, brau­chen sie einen Park­platz, einen Geh­weg, eine bar­rie­re­freie Umklei­de­ka­bi­ne, ein WC und Schat­ten, um den Strand zu genie­ßen. Aber wir brau­chen auch mehr bar­rie­re­freie Unter­künf­te, Restau­rants und Plätze.

OT: Wie steht es all­ge­mein um die Bar­rie­re­frei­heit in belieb­ten Urlaubsorten?

Fotiou: In Grie­chen­land haben wir eini­ge bar­rie­re­freie Urlaubs­or­te, aber mit dem Erfolg von Seac­trac müs­sen jetzt wei­te­re dazu­kom­men. Unse­re Kun­den­dienst­num­mer und unse­re E‑Mail wer­den mit Anfra­gen nach Hotels in der Nähe der Sea­trac-Strän­de gera­de­zu bom­bar­diert. Auf unse­ren Social-Media-Platt­for­men und auf unse­rer Web­site gibt es vie­le Fra­gen und Anfra­gen von Men­schen aus der gan­zen Welt.

Mobi­les System

OT: Es gibt bereits in Grie­chen­land, Ita­li­en, Zypern und Lett­land Instal­la­tio­nen. Ist das Ziel eine welt­wei­te Expansion?

Fotiou: Jeden Tag fügen wir der Kar­te mehr Sea­tracs hin­zu, indem wir die 194, die wir letz­tes Jahr hat­ten, erneut instal­lie­ren, und wir fügen wei­te­re hin­zu, wenn neue Strän­de Sea­tracs haben. Momen­tan ste­hen wir bei 199. Die­sen Som­mer wer­den wir fast 220 Strän­de ausstatten.

OT: In Deutsch­land schwankt der Was­ser­stand an der Nord­see durch Ebbe und Flut stark. Kann das Sys­tem hier trotz­dem instal­liert wer­den? Ist es mobil?

Fotiou: Ja! Unser neu­er Sea­trac Mover, den wir die­ses Jahr auf den Markt brin­gen, ist die bes­te Lösung für die deut­sche Nord­see. Er ist ide­al für Gezei­ten­strän­de, da er tags­über bewegt wer­den kann, um die rich­ti­ge Tie­fe zu errei­chen, damit die Bade­gäs­te das Meer genie­ßen kön­nen. Wir wer­den auf der Reha­ca­re in Düs­sel­dorf ver­tre­ten sein, um das Pro­dukt dem deut­schen und euro­päi­schen Markt vorzustellen.

OT: Das Meer gilt als zu schüt­zen­der Lebens­raum. Stellt die Anla­ge einen Ein­griff in die Umwelt dar?

Fotiou: Sea­trac ist umwelt­freund­lich, da es erneu­er­ba­re Ener­gie nutzt und recy­celt wer­den kann. Ein Solar­mo­dul wird zum Auf­la­den einer Bat­te­rie ver­wen­det, die alle elek­tri­schen Kom­po­nen­ten mit der für ihren Betrieb erfor­der­li­chen Ener­gie ver­sorgt. Die­ser Ansatz macht Sea­trac zu einer voll­stän­dig auto­no­men Anla­ge, die für ihren Betrieb nicht von einem Strom­netz abhän­gig ist, und eli­mi­niert gleich­zei­tig strom­be­ding­te Gefahren.

OT: Pla­nen Sie wei­te­re Pro­jek­te oder Pro­duk­te, um das Leben von Men­schen mit Behin­de­run­gen zu erleichtern?

Fotiou: Das Herz von Tobea ist For­schung und Ent­wick­lung. Unse­re Mis­si­on ist es, die Welt bar­rie­re­frei­er zu gestalten.

Die Fra­gen stell­te Pia Engelbrecht.

 

Tei­len Sie die­sen Inhalt