Oli­ver Leis­se: Auf­bruch in gol­de­ne Zeiten

Ein Zukunftsbild für die Branche entwirft Marketingexperte und Trendforscher Oliver Leisse in seiner OTWorld.connect-Keynote „Die goldenen Zwanziger und die Zukunft im Gesundheitswesen – Neue Aufgaben, neue Chancen“ am 27. Oktober 2020.

Leis­se war lan­ge Jah­re Stra­te­gie-Bera­ter bei inter­na­tio­na­len Wer­be­agen­tu­ren. In sei­nem Ham­bur­ger Trend­for­schungs­in­sti­tut See More, Future Rese­arch and Deve­lo­p­ment ent­wi­ckelt er Zukunfts­stra­te­gien und berät renom­mier­te Unter­neh­men. Im Inter­view beleuch­tet er sei­ne Sicht auf die Digi­ta­li­sie­rung im Gesundheitswesen.

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OT: Herr Leis­se, wor­in liegt die Haupt­in­spi­ra­ti­on, die Sie den Fach­leu­ten auf der OTWorld.connect mit auf den Weg geben wol­len – und wel­che Idee haben Sie für eine „gol­de­ne“ Zukunft im Gesundheitswesen?

Oli­ver Leis­se: Es beginnt eine neue Zeit, in der das Mensch­li­che wie­der mehr Bedeu­tung bekommt. Wir leben in den kom­men­den Jah­ren noch in einer Zeit der Kri­sen. Dabei geht es nicht nur um die aktu­el­le Pan­de­mie. Vie­le Men­schen haben auch Sor­gen um ihre finan­zi­el­le Zukunft. Die aktu­el­le R+V‑Befragung zu den Ängs­ten der Deut­schen zeigt, dass knapp die Hälf­te der Men­schen sich Sor­gen um die wirt­schaft­li­che Lage macht. Und auch der Kli­ma­wan­del beun­ru­higt uns. Die Belas­tung ist groß, auch wenn wir uns lang­sam auf das „neue Nor­mal“ ein­stel­len. Wir arran­gie­ren uns mit den Her­aus­for­de­run­gen. So ist das Tra­gen von Mas­ken schon fast Nor­ma­li­tät gewor­den. Doch je län­ger wir in Kri­sen­zei­ten leben, des­to wich­ti­ger wird der Aus­tausch zwi­schen den Men­schen. Nach einer Stu­die von Pri­ce­wa­ter­house­Coo­pers (PwC) seh­nen sich 75 Pro­zent der Men­schen welt­weit nach zwi­schen­mensch­li­chen Kon­tak­ten, mehr Emo­tio­na­li­tät in einer immer tech­ni­scher wer­den­den Welt. Dar­auf soll­ten wir uns ein­stel­len und vor­be­rei­ten. Mehr Aus­tausch! Aus­tausch zwi­schen Arzt und Pati­ent, zwi­schen Sani­täts­haus­mit­ar­bei­ter und Kun­den – aber auch der Aus­tausch zwi­schen den Pati­en­ten selbst, der zwi­schen den Ärz­ten sowie den in der Gesund­heits­bran­che Beschäftigten.

Mehr Digi­ta­li­sie­rung – mehr Zeit

OT: Wel­che Chan­cen erge­ben sich dabei zum Bei­spiel aus der Digi­ta­li­sie­rung? Spe­zi­ell auch für Ortho­pä­die­tech­nik-Betrie­be und Sanitätshäuser?

Leis­se: Mehr Digi­ta­li­sie­rung heißt mehr Daten. Je mehr Daten es gibt, des­to bes­ser wird die Prä­ven­ti­on sein. Lang­fris­tig wer­den wir weni­ger krank wer­den, da begin­nen­de Fehl­ent­wick­lun­gen in unse­rem Kör­per schon viel frü­her erkannt und behan­delt wer­den kön­nen. Mehr Digi­ta­li­sie­rung heißt mehr Zeit für uns alle. Die orga­ni­sa­to­ri­sche Arbeit, die Ver­wal­tung, die Erfas­sung und Aus­wer­tung von Daten, Auf­ga­ben in der Reha – all das wird die Tech­nik über­neh­men. Daher wird Zeit frei.

OT: Wie kön­nen die Unter­neh­men die Coro­na-Kri­se trotz aller Her­aus­for­de­run­gen posi­tiv nutzen?

Leis­se: Hier sehe ich zwei Arbeits­fel­der. Die ers­te Her­aus­for­de­rung: Unter­neh­men müs­sen sich schnell und ent­schlos­sen der Digi­ta­li­sie­rung öff­nen, um den inter­na­tio­na­len Anschluss wie­der­zu­fin­den. Digi­ta­li­sie­rung in der Orga­ni­sa­ti­on, in der Kom­mu­ni­ka­ti­on, in der Ana­ly­se. Über­all haben wir noch sehr viel auf­zu­ho­len, wenn man in aller Welt sieht, was bereits mög­lich ist. Die zwei­te Her­aus­for­de­rung: Unter­neh­men müs­sen „Cus­to­mer Centri­ci­ty“ ler­nen, also den Kunden/Patienten in den Mit­tel­punkt stel­len. Ihn ver­ste­hen, ihn ernst neh­men, ihm zuhö­ren. Dar­auf kommt es noch mehr an, als die Bemü­hun­gen zur Digi­ta­li­sie­rung – und die­se Her­aus­for­de­rung ist schwie­rig zu bewältigen.

Weni­ger Krank­hei­ten, weni­ger Kosten

OT: Wie wird sich durch die Digi­ta­li­sie­rung die Posi­ti­on der Pati­en­ten im Gesund­heits­we­sen verändern? 

Leis­se: Die Digi­ta­li­sie­rung ent­spannt auch die Situa­ti­on für den Pati­en­ten. Mehr Wis­sen, bes­se­re Daten, weni­ger unnö­ti­ge Arzt­be­su­che, weni­ger unnö­ti­ge Ope­ra­tio­nen, mehr Zeit für das Ein­zel­ge­spräch… Die Lis­te ist lang. So wer­den wir mehr Zeit für Empa­thie haben, aber auch mehr Zeit, unser Wis­sen zu meh­ren – denn in der aktu­el­len Dis­kus­si­on gibt es zu vie­le „Fake News“-Behauptungen und zu wenig fun­dier­tes Wis­sen. Sicher wer­den wir als Gesell­schaft auch Zeit in die Erfor­schung spi­ri­tu­el­ler Berei­che inves­tie­ren – die Suche nach Glück, Gelas­sen­heit, Zufrie­den­heit zum Beispiel.

OT: Gera­de im Gesund­heits­we­sen ist oft die Rede davon, Geld spa­ren zu müs­sen – auch die Digi­ta­li­sie­rung wird teils damit ver­bun­den. Wird sich hier in Zukunft ein ande­res Para­dig­ma durchsetzen? 

Leis­se: Wenn wir die Ent­wick­lung ein wenig in die nahe Zukunft wei­ter­den­ken, dann ist gera­de in der Medi­zin ganz viel Fort­schritt zu erken­nen. Durch bes­se­re, indi­vi­du­el­le Medi­zin, durch die Modi­fi­ka­ti­on von RNA, das Umbau­en von DNA-Bau­stei­nen und durch die enge­re Ver­bin­dung von Tech­no­lo­gie und Medi­zin. Die Fol­ge ist, dass Schritt für Schritt immer mehr Krank­hei­ten besiegt wer­den kön­nen. Die Ent­wick­lun­gen im Bereich der Medi­zin sind expo­nen­ti­ell und wir dür­fen hof­fen, dass sich die Situa­ti­on im Gesund­heits­we­sen ent­span­nen wird: Weni­ger Krank­hei­ten, weni­ger Kos­ten. Die Ortho­pä­die wie­der­um wird uns hel­fen, lan­ge mobil zu blei­ben und viel­leicht geht die Ent­wick­lung noch einen Schritt wei­ter. Viel­leicht sehen wir schon bald Metho­den, die unse­re Gelen­ke und Mus­kel­funk­tio­nen selbst im Alter noch stei­gern kön­nen. Mit 90 Jah­ren kann man dann geis­tig und kör­per­lich noch fit sein – und sich zu einem Mara­thon­lauf aufschwingen.

Gol­de­nes Jahr­zehnt, revo­lu­tio­nä­re Fortschritte

OT: Wird das Gesund­heits­we­sen viel­leicht auch auf­grund der Digi­ta­li­sie­rung ganz neue Play­er sehen?

Leis­se: Ja, hier muss natür­lich ein­mal mehr auf die gro­ße Gefahr hin­ge­wie­sen wer­den, dass wir den Zugriff auf unse­re Daten ver­lie­ren. Die Gefahr ist real, denn bei allen Gad­gets (klei­ne tech­ni­sche Gerä­te, bei denen neben Funk­tio­na­li­tät zudem der „Spaß­fak­tor“ nicht zu kurz kommt, d. Red.) und Weara­bles (am Kör­per getra­ge­ne oder in die Klei­dung inte­grier­te tech­ni­sche Gegen­stän­de, z. B. Smart­wat­ches, d. Red.), die wir uns frei­wil­lig umschnal­len, ver­lie­ren wir bereits jetzt das Recht auf die gesam­mel­ten Daten. So steht es im Klein­ge­druck­ten der Anlei­tun­gen die­ser Gad­gets. Wenn wir in Euro­pa nicht bald siche­re und unab­hän­gi­ge Daten­de­pots anle­gen, wer­den nicht euro­päi­sche Play­er die Gesund­heit domi­nie­ren, son­dern Asi­en und die USA. Wir müs­sen dann dafür zah­len, dass wir auf unse­re eige­nen, so ent­schei­den­den Daten zugrei­fen kön­nen, ohne die eine fun­dier­te Dia­gno­se gar nicht mehr mög­lich sein wird. Aber ich will nicht mit so einem düs­te­ren Bild enden. Ich bin zuver­sicht­lich, dass wir die Daten-The­ma­tik noch recht­zei­tig in den Griff krie­gen. Wenn alle sich der Her­aus­for­de­run­gen bewusst sind, wird die Gesund­heits­bran­che in ein gol­de­nes Jahr­zehnt vol­ler revo­lu­tio­nä­rer Fort­schrit­te eintreten.

Die Fra­gen stell­te Cath­rin Günzel.

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