Springer Aktiv sieht Einlagenversorgung im Wandel

„Europas ältester Einlagenhersteller“ nennt sich die Springer Aktiv AG. Warum diese Tradition zum Fortschritt verpflichtet, zeigte das Berliner Unternehmen auch auf der OTWorld in Leipzig. Insbesondere während der „Innovation Walks“, den geführten Rundgängen des Verlags OT, hatten die Besucher die Möglichkeit, sich am Messestand intensiv zu informieren und mit den Experten in den Austausch zu gehen. Im Nachgang sprach die OT-Redaktion mit Jeannette Arend, Head of Marketing & Medical Affairs, über Trends in der Einlagenversorgung und welche Rolle die OTWorld für die Weiterentwicklung des Unternehmens spielt.
Rund 20 Prozent aller Deutschen bekommen eine Einlage verordnet. Aber Einlage ist nicht gleich Einlage. Wofür entscheiden sich Techniker und Kunden? Und lässt sich daraus ein Trend ableiten?
Jeannette Arend: Wenn man ehrlich draufschaut, gibt es nicht den einen Trend, sondern zwei Bewegungen, die parallel laufen und den Markt gerade spürbar verändern. Auf der einen Seite steht die klassische Regelversorgung. Hier entscheiden sich viele Betriebe bewusst für wirtschaftlich stabile und reproduzierbare Lösungen. Standardisierte Prozesse, verlässliche Qualität und kurze Durchlaufzeiten sind kein „Nice-to-have“ mehr, sondern Voraussetzung, um den Alltag überhaupt bewältigen zu können. Auf der anderen Seite wächst der Anspruch an die Versorgung deutlich: indikationsspezifische Konzepte, sensomotorische Ansätze, mehr Analyse, mehr Individualisierung. Patienten sind informierter, vergleichen stärker und sind zunehmend bereit, in ihre Versorgung zu investieren. Der eigentliche „Trend-Trend“ ist aus meiner Sicht aber: Techniker suchen vor allem Produkte, die unter Druck und bei steigendem Fachkräftemangel zuverlässig funktionieren, egal ob wirtschaftliche Basis- oder spezialisierte Versorgung. Wenn früher noch Designs und Materialien im Fokus standen, kommt jetzt immer öfter die Frage auf: Wer hilft mir, meine Werkstatt am Laufen zu halten? Wer sorgt dafür, dass ich lieferfähig bleibe? Das ist für viele inzwischen das entscheidende Kriterium.
Die Springer Aktiv AG bietet ein breites Portfolio an Produkten und Dienstleistungen an. Können Sie einen groben Überblick darüber geben?
Wir verstehen uns nicht mehr als reiner Produkthersteller, sondern als Versorgungs- und Prozesspartner. Unser Portfolio hat im Kern drei Ebenen: Die erste umfasst die Produkte, also Einlagenrohlinge von „fast fertig“ bis hoch individuell sowie Orthesen, Maßschuhe und Diabetikerschuhe. Die zweite Ebene meint digitale Werkzeuge. Mit Systemen wie „EasyCAD“ und webbasierten Konfiguratoren unterstützen wir Betriebe dabei, Versorgung zu standardisieren, zu dokumentieren und effizienter zu gestalten. Auf der dritten Ebene haben wir Fertigung und Services. Das ist der Bereich, der aktuell am stärksten wächst. Viele Kunden lagern gezielt Fertigungsschritte an uns aus – Fräsen, 3D-Druck oder Maßschuhfertigung.
Sie drucken bereits seit mehreren Jahren Einlagen für Ihre Kunden. Ist die additiv gefertigte Einlage in der Regelversorgung angekommen?
Kurz gesagt: technisch ja, strukturell noch nicht. Wir sehen eine kontinuierlich steigende Nachfrage. Viele Betriebe nutzen 3D-Druck heute ganz selbstverständlich vor allem dort, wo es um Reproduzierbarkeit und Entlastung geht. Aber: In der klassischen Regelversorgung ist die additiv gefertigte Einlage noch kein flächendeckender Standard. Das liegt weniger an der Technologie als an der strukturellen Realität im Alltag. Die Vergütung bildet die tatsächlichen Kosten oft nicht ab; ohne ein tragfähiges Mehrkostenmodell wird es wirtschaftlich schwierig. Gleichzeitig funktionieren eingespielte Abläufe in vielen Werkstätten stabil, sodass sie nicht leichtfertig verändert werden, auch wenn an anderer Stelle Zeit eingespart werden könnte. Und nicht zuletzt erfordert der Einstieg Zeit – genau die fehlt im laufenden Betrieb häufig. Hinzu kommt eine zweite Ebene, über die man offen sprechen muss: In vielen Betrieben entsteht aktuell eine gewisse Spannung zwischen strategischer Ausrichtung und handwerklichem Selbstverständnis. Während die Betriebsleitung stärker in Richtung Digitalisierung und Entlastung denkt, sehen viele Mitarbeitende ihre Stärke genau im handwerklichen Prozess. Für sie ist die Fertigung nicht nur ein Arbeitsschritt, sondern Teil der eigenen Identität. Wenn dieser Schritt plötzlich vom Drucker übernommen wird, geht das bei manchen durchaus an die Handwerkerehre. Daher braucht es Fingerspitzengefühl und die Perspektive, dass Technologie unterstützt und nicht ersetzt. Wo sich der 3D-Druck heute klar durchsetzt, ist im Kontext von Prozessoptimierung: als ausgelagerte Fertigung und Ergänzung zur eigenen Werkstatt oder als pragmatischer Einstieg in digitale Versorgung. Ich würde sagen, der 3D-Druck ist nicht mehr Zukunft, sondern Teil des Alltags. Aber seine Rolle wird sich noch weiter schärfen.
Bei der OTWorld waren wieder viele internationale Aussteller dabei und auch zahlreiche Besucher aus dem Ausland. Welche Inspiration kann man aus diesem Umfeld für die eigene Arbeit ziehen?
Die größte Inspiration kommt für mich nicht aus einzelnen Produkten, sondern aus dem Blick auf das große Ganze. Wenn man sich international umschaut, wird eines sehr deutlich: Viele Märkte orientieren sich an dem, was wir in Deutschland aufgebaut haben. Unser Versorgungsstandard, die handwerkliche Tiefe und die individuelle Patientenarbeit setzen nach wie vor Maßstäbe. Das macht stolz und das darf man auch so sagen. Gleichzeitig sieht man aber auch, dass andere Märkte in bestimmten Punkten schneller sind. Vor allem, wenn es um neue Technologien geht. Ob 3D-Druck, digitale Analyse oder KI – im Ausland wird oft pragmatischer entschieden und umgesetzt, während wir in Deutschland stärker prüfen, absichern und abwägen. Und ein dritter Punkt, der mich seit Jahren begleitet: das ungebrochene internationale Interesse an sensomotorischen Einlagen. Dieses Thema fasziniert weltweit und das seit über 25 Jahren. Viele kommen gezielt, um genau hier Impulse mitzunehmen. Interessant ist dabei auch der Blick auf die Rahmenbedingungen: Im Exportkontext spielen Fragen der Erstattungslogik eine deutlich geringere Rolle. Hier zählen vor allem die fachlichen Konzepte und die wissenschaftlichen Arbeiten als Grundlage, was die Diskussion an der einen oder anderen Stelle spürbar entspannter macht. Für mich ist die OTWorld deshalb keine reine Produktschau, sondern ein ehrlicher Abgleich: Wir sehen, wo wir als Branche stark sind und wo es sich lohnt, offen zu bleiben, ohne unsere Qualität aus der Hand zu geben.
Die Fragen stellte Heiko Cordes.
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