Am 30. April 2026 tanzte das Team nicht nur gemeinsam in den Mai, sondern auch in den Jubiläumstag des Sanitätshauses. „100 Jahre – und wir geben Gas“, kündigt Andreas Kurda an. Feiern? Ja! Aber das Tempo drosseln und sich auf der Erfolgsgeschichte ausruhen, will er nicht. Tradition versteht er als Aufgabe, die kontinuierlich weitergedacht werden will. „Wir müssen zunehmend digitaler werden“, ist der gelernte Orthopädietechnik-Meister mit Blick auf Themen wie Künstliche Intelligenz und Additive Fertigung überzeugt. Ein kurzer Tritt auf die Bremse dient lediglich zum Innehalten: „Man muss neue Entwicklungen und Technologien immer hinterfragen und letztendlich bewerten, was für den eigenen Betrieb umsetzbar und sinnvoll ist.“ Eine zentrale Anlaufstelle, um am Puls der Zeit zu bleiben: die OTWorld in Leipzig. Auch in diesem Jahr ist der Besuch auf der Suche nach Trends und der Austausch mit Kollegen fest eingeplant.
Spezialisierung schafft Profil
Was braucht es noch, um als Sanitätshaus in einem wachsenden Markt zu bestehen? „Man muss mitwachsen“, lautet Kurdas ebenso einfache wie treffende Antwort. In Kiel und Umland sieht er großes Potenzial, den Namen weiter zu stärken. Dabei setzt er weniger auf Durchgangsverkehr, sondern vielmehr auf eine langfristige Bindung zu Kunden, die chronisch erkrankt sind, Gesprächsbedarf haben und eine individuelle, vertrauensvolle Begleitung im Alltag schätzen. Spezialisierung ist für Andreas Kurda ein weiterer zentraler Faktor, um sich abzuheben. „Wir konzentrieren uns auf die Bereiche, die bei uns stark nachgefragt werden“, sagt er. Als er 2001 die Geschäftsführung übernahm, baute er insbesondere die Versorgung brustoperierter Frauen aus – für den Orthopädietechnik-Meister ein Highlight in seiner Berufslaufbahn, das weitere Kreise zog. 2009 gründete er das Lymphnetz Kiel, 2012 beteiligte er sich als Autor am Fachbuch „Lymphologicum – Netzwerkfibel für Lymphologische Versorgungsstandards“. Zudem schrieb er weitere Fachbeiträge, hielt Vorträge auf der OTWorld zum Thema und ist bis heute bei der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie aktiv. „Für meinen Großvater war ein Meilenstein mit Sicherheit die Zusammenarbeit mit Prof. Hepp, dem damaligen Direktor der Orthopädie der Universitätsklinik Kiel“, so Kurda. Aus dieser Kooperation ging das Reklinationskorsett nach Hepp und Kurda hervor, das Einzug in sämtliche Fachliteratur fand. Ein besonderer Moment für Vater Friedhelm Kurda: die Auszeichnung für herausragende Ausbildungsleistungen durch den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens im Jahr 1984.

Invest in den Nachwuchs
Nachdem das Thema Nachwuchsförderung zwischenzeitlich in den Hintergrund geraten war, erhielt es durch Erik Kurda neuen Aufwind. Als er 2010 ins Unternehmen und 2021 dann in die Geschäftsführung einstieg, stand die Etablierung eines nachhaltigen Ausbildungskonzepts ganz oben auf seiner Agenda. „Als ich anfing, gab es keine Azubis und der Altersdurchschnitt des Teams war relativ hoch“, berichtet er. „Für mich war klar, dass wir das ändern müssen.“ Rückblickend macht sich das Invest in den Nachwuchs bezahlt: Die frischen Impulse jüngerer Generationen beleben das Team, Jung und Alt lernen und profitieren voneinander. Wichtig ist Kurda, dass die Kollegen in spe nicht nur fachlich überzeugen; sie müssen ins Team passen. „Wir nehmen uns Zeit, um den Richtigen zu finden“, sagt er. Auch Praktikanten bereichern regelmäßig das Team – bis Juli sind alle Plätze vergeben.
Um Mitarbeiter nicht nur zu gewinnen, sondern langfristig zu halten, bieten die Geschäftsführer neben Klassikern wie Jobticket und Wasser weitere Benefits. „Voiio“ ist eine Plattform, die psychologische Beratung anbietet und durch verschiedene Angebote wie Kinderbetreuung und Nachhilfe dabei unterstützt, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Mit „Hansefit“ steht dem Team die Möglichkeit offen, Firmenfitness in Anspruch zu nehmen. Sommerfest und Winterfest gehören zu den festen Feierterminen in jedem Jahr. „Ich muss sagen: Unser Team tut viel selbst dafür, sich wohlzufühlen. Nach Feierabend gehen die Kollegen gern mal gemeinsam in ein Restaurant“, berichtet Erik Kurda. Wo es menschelt, entsteht aber selbstverständlich auch Reibung. Der Schlüssel an dieser Stelle: Kommunikation. Das kennt Andreas Kurda aus seinen Anfängen noch anders. Als er seine Ausbildung zum Orthopädietechniker absolvierte, herrschte im Handwerk ein eher direkter und rauer Umgangston. „Da war mehr Ansage“, erinnert er sich. Seitdem hat sich viel getan. Er setzt darauf, seine Mitarbeiter in Prozesse und Entscheidungen einzubinden, ihre Meinungen anzuhören und gemeinsam Lösungswege zu finden. „Dadurch können sie neue Projekte als ihre begreifen und nicht als reine Aufgabe von oben.“
Begleiter in jeder Lebensphase
Während seine Schwester eine juristische Laufbahn einschlug, entschied sich Andreas Kurda damals bewusst, es seinem Großvater und Vater gleichzutun. Noch heute begeistert es ihn, Menschen in verschiedenen Lebenssituationen zu begleiten und Lösungswege aufzuzeigen. „Wir versorgen Schwangere, Menschen mit körperlichen Herausforderungen, junge Sportler, die ihre Leistungsfähigkeit verbessern wollen, und ebenso Menschen mit schweren Erkrankungen wie ALS während ihrer letzten Lebensphase.“
Innerhalb von 100 Jahren bleibt es nicht aus, auch mal ins Stolpern und Grübeln zu geraten. Kostenvoranschläge werden trotz intensiver Bemühungen abgelehnt, unerwartet fallen längerfristig mehrere Mitarbeiter aus oder – wie kürzlich erst geschehen – eine politische Hiobsbotschaft flattert ins Haus. „Wir sind schwer enttäuscht, dass die Anschlussfrist an die Telematikinfrastruktur erneut verschoben wurde“, so Andreas Kurda. „Wir können es nicht abwarten, so viel Papier wie möglich loszuwerden.“ An solchen Tagen holt ihn der Blick ins Fotoarchiv schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Firmengebäude einst zerbombt, sein Großvater stand nach erfolgreicher Expansion plötzlich vor dem Nichts, fand aber dennoch die Kraft, einen Neuanfang zu wagen. „Andere Generationen hatten mit viel größeren Herausforderungen zu kämpfen“, ist er sich bewusst. Aufgeben war gestern – und ist auch heute – keine Option.
Pia Engelbrecht
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