Den Auftakt bildete das Symposium bei der Jahrestagung der AAOP Mitte Februar in Nashville. Mit dabei: Orthopädietechnik-Meisterin Beate Flügel und Dr. Stefan Hemmer von der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg, die sich auf eine Wiederholung des Programms bei der OTWorld im Mai in Leipzig freuen.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit wird in der Hilfsmittelbranche großgeschrieben. „P&O insights“ geht einen Schritt weiter und verbindet Fachleute nicht nur über Disziplinen hinaus, sondern auch über Ländergrenzen hinweg. Warum ist dieser transatlantische Austausch so bedeutsam für die Branche?
Beate Flügel/Stefan Hemmer: Unterschiedliche Ausbildungswege in Deutschland und den USA führen zu verschiedenen Herangehensweisen in der praktischen Arbeit. Diese unterschiedlichen Perspektiven bereichern die vielfältigen Möglichkeiten in der Versorgung. Der Wissensaustausch über Kontinente hinweg ist heute wichtiger denn je, zumal digitale Medien die „Welt“ immer weiter schrumpfen lassen und Informationen in Echtzeit verfügbar machen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass auch der zunehmend informierte und aufgeklärte Patient heute über den „großen Teich“ schaut, sich international informiert und nach den besten verfügbaren Versorgungsmöglichkeiten sucht. Daher ist es für uns als Fachleute essenziell, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, andere Herangehensweisen zu kennen und damit schlussendlich auch von internationalen Kollegen zu lernen.
In diesem Jahr steht Skoliose im Fokus der Vorträge. Welche Rolle spielt die Erkrankung in Ihrem beruflichen Alltag?
Die adoleszente idiopathische Skoliose ist ein komplexes und herausforderndes Versorgungsgebiet, das sowohl medizinisches als auch technisches Fachwissen erfordert. Wir in Heidelberg schauen hierbei auf eine sehr lange Historie zurück und leben die Zusammenarbeit zwischen Medizinern und Orthopädietechnikern.
Wir beide arbeiten auch im beruflichen Alltag in der Behandlung der idiopathischen Skoliose sehr eng miteinander und erreichen somit Versorgung auf höchstem Niveau. Daher war es uns auch eine große Ehre, unsere klinische und wissenschaftliche Erfahrung zusammen beim mittlerweile vierten transatlantischen Austausch in Nashville vortragen zu können. Wir konnten uns hierbei hervorragend ergänzen und von vielen Anekdoten aus unserem klinischen Alltag berichten.
Wenn Sie Deutschland mit den USA vergleichen: Wo stehen wir mit Blick auf die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Skoliose? Sind wir führend, gleichauf oder noch im Hintertreffen?
Diese Frage lässt sich nicht pauschal und nicht mit einem einfachen Satz beantworten. Grundsätzlich kann man sagen, dass wir aus rein technischer Sicht durchaus gleichauf sind mit unseren US-amerikanischen Kollegen. Im Rahmen des Workshops in Nashville und auch in den vielen intensiven Gesprächen mit unseren US-amerikanischen Kollegen konnten wir feststellen, dass es tatsächlich sehr viele Ähnlichkeiten in unseren Arbeitsweisen gibt.
Die Korsetttherapie stellt unbestritten einen massiven Einschnitt in das Leben eines Teenagers dar – dies ist hüben wie drüben gleich. Neben den grundsätzlichen körperlichen Beeinträchtigungen, die ein Korsett unweigerlich mit sich bringt, ist vor allem auch die soziale und psychologische Komponente nicht zu vernachlässigen. Hierauf wird bei unseren US-amerikanischen Kollegen ein besonderes Augenmerk gelegt. Beispielsweise werden Sensoren in die Korsetts integriert, um objektiv die tatsächliche Tragezeit zu erfassen und zu beobachten. Die US-amerikanischen Kollegen haben beobachten können, dass sich dieses Monitoring durchaus positiv auf die Motivation der jungen Patienten und damit auch auf die effektive Tragezeit des Korsetts auswirken kann. Dieser Ansatz ist sehr interessant und auch für uns in Deutschland nicht unbedingt neu, wird aber bisher nur sehr begrenzt eingesetzt.
Was die Herstellungsmethoden betrifft, sind wir definitiv auf Augenhöhe. Neben einer ausführlichen und sorgfältigen Anamnese zu Beginn der Versorgung ist auch die CAD/CAM-Technologie auf beiden Seiten des Atlantiks mittlerweile „state of the art“. Zum Teil werden hierbei sogar exakt die gleichen Softwareapplikationen verwendet, was die technische Vergleichbarkeit unterstreicht. Schlussendlich finden auch mehr oder weniger die gleichen bzw. sehr ähnliche Kunststoffe in der Fertigung Verwendung. Ein interessanter Aspekt am Rande: Auch wenn das klassische Bostonbrace in den USA nach wie vor im Rahmen der Ausbildung vermittelt wird, wird heutzutage in der praktischen Versorgung größtenteils das Chêneaukorsett mit seinen verschiedenen Derivaten und Weiterentwicklungen verwendet.
Bezugnehmend auf die ärztliche Versorgung sieht man auch hier die Behandlung in ähnlichen wissenschaftlich fundierten Algorithmen. In vielen persönlichen Gesprächen konnten hier Ideen und Forschungsansätze für zukünftige gemeinsame Forschungsprojekte angestoßen werden.
Welche Erkenntnisse haben Sie aus den Veranstaltungen in Nashville für sich persönlich mitnehmen können?
Eine der wichtigsten Erkenntnisse war die Bestätigung, dass die wesentlichen Aspekte der Versorgung von adoleszenter idiopathischer Skoliose länderübergreifend sehr ähnlich sind. Dies zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind. Gleichzeitig wurde deutlich, dass sehr viele verschiedene Faktoren den Erfolg der Korsetttherapie beeinflussen – beispielsweise der konkrete Korsetttyp, die tatsächliche Tragedauer, die Compliance des Patienten und begleitende physiotherapeutische Maßnahmen.
Was uns nachdenklich gestimmt hat, ist die Tatsache, dass die wissenschaftliche Studienlage in diesem Bereich noch weiter ausbaufähig ist und zum Teil keine klaren und eindeutigen Aussagen liefert. Hier besteht definitiv noch Forschungsbedarf, um evidenzbasierte Entscheidungen treffen zu können. Beispielsweise wären hier klare und eindeutige Erkenntnisse zur maximalen Tragedauer für den Patienten von immenser Bedeutung oder auch eine eindeutige Zuordnung, wann eine isolierte Versorgung für die Nacht ausreichend ist. Darüber hinaus konnte man einige kleinere Details und Kniffe mitnehmen, mit denen man die tägliche Arbeit optimieren kann. Ein Thema, das uns besonders fasziniert hat und das wir nun nochmal deutlich genauer und intensiver anschauen werden, ist das bereits erwähnte Sensor-Monitoring. Hier sehen wir Potenzial für die Zukunft unserer Versorgungsqualität.
Wer in Nashville nicht dabei sein konnte, hat in Leipzig erneut die Gelegenheit. Für wen lohnt sich der Besuch der Sessions besonders?
Der Besuch lohnt sich unserer Meinung nach für ganz unterschiedliche Zielgruppen und Erfahrungsstufen. Zum einen bietet die Veranstaltung eine hervorragende Möglichkeit, einen authentischen und praxisnahen Eindruck von der Arbeit unserer US-amerikanischen Kollegen zu erhalten. Man kann dadurch selber die Ähnlichkeiten in den Arbeitsweisen, aber auch die interessanten Unterschiede entdecken. Aus diesem Vergleich lassen sich wertvolle Impulse und neue Ideen für die eigene tägliche Arbeit gewinnen. Dieser Aspekt der Session ist mit Sicherheit besonders interessant für Kollegen, die bereits seit einiger Zeit in diesem Bereich tätig sind und schon eine gewisse Vertrautheit mit der Materie haben.
Aber – und das ist uns ebenso wichtig zu betonen – auch für Kollegen, die relativ neu in diesem speziellen Bereich der Skolioseversorgung sind oder sich gerade erst einarbeiten, bietet die Session wertvolle und fundierte Inhalte. Es wird auch medizinisches Grundlagenwissen zur idiopathischen Skoliose nachvollziehbar vermittelt, das für das Verständnis der gesamten Versorgungskette essentiell ist. Zudem wird das Standardprozedere bei einer professionellen Skolioseversorgung Schritt für Schritt erläutert und erklärt.
nsofern ist die Veranstaltung sowohl für Einsteiger als auch erfahrene Praktiker gleichermaßen lohnenswert und bietet jedem Teilnehmer die Möglichkeit, auf seinem individuellen Niveau etwas Neues dazuzulernen.
Die Fragen stellte Pia Engelbrecht.
Vom 19. bis 22. Mai 2026 wird das Format „P&O insights“ auf der OTWorld in Leipzig fortgesetzt. Das Symposium „Idiopathische Skoliose bei Kindern und Jugendlichen“ findet am Mittwoch, 20. Mai, von 12:15 bis 13:30 Uhr statt. Zudem wird der Workshop „Interdisziplinäre Versorgungspfade in der idiopathischen Skoliose – Ein binationaler Vergleich zwischen Deutschland und den USA“ angeboten. Dieser startet am Freitag, 22. Mai, um 9:15 Uhr.
Weitere Informationen zu den Veranstaltungen sowie zum gesamten Kongressprogramm.
- „P&O insights“ diskutiert Skolioseversorgung — 7. April 2026
- SpiOST tritt dem ZDH bei — 2. April 2026
- OT-Verlag bietet „Innovation Walks“ auf der OTWorld an — 1. April 2026


