Stephan Scherzer lebt seit seinem zwölften Lebensjahr mit einer kompletten Fußheberschwäche. Durch intensiven Sport hat er die Einschränkung über viele Jahre kompensiert. Seit gut vier Jahren setzt der 61-Jährige auf eine individuelle Polymerorthese aus dem 3D-Drucker, die eigens für ihn entwickelt wurde.
Sport war für Scherzer schon immer Teil seines Lebens. Im Alter von zwölf Jahren traf ihn beim Fußballtraining ein Tritt gegen das rechte Knie. Die Folge: heftige Schmerzen und ein blauer Fleck. „Das geht wieder weg“, hieß es beim Arzt. Doch der Tritt hatte das Fibulaköpfchen getroffen. Der Bluterguss drückte auf den Peroneusnerv, der maßgeblich für das Anheben des Fußes und der Zehen zuständig ist. Als der Schmerz nicht nachließ und eine Fußheberschwäche offensichtlich wurde, war es für eine Operation bereits zu spät. Der Nerv war irreparabel durchtrennt.
Als Hilfsmittel erhielt Scherzer 1976 einen Heidelberger Winkel – eine feste Schiene, die den Fuß gerade hält. „Dazu sagte man mir: ‚Sport kannst du vergessen. Wenn du normal gehen kannst, bist du schon weit. Wahrscheinlich gehst du irgendwann an Krücken‘“, erinnert er sich. Doch der Ausschluss vom Schulsport hielt den energiegeladenen Jugendlichen nicht davon ab, zwei Jahre später mit Taekwondo zu beginnnen. Schon ein Jahr nach der OP legte er den Heidelberger Winkel endgültig ab. Ausschlaggebend war sein damaliger Physiotherapeut, der ihn dazu motiviert hatte. Die Peroneusparese glich er fortan durch Sport, Muskelaufbau und angepasste Bewegungen aus. Mit Erfolg: Scherzer erreichte im Taekwondo den 3. Schwarzen Gürtel und trat bei EM-Wettkämpfen im klassischen Taekwondo an. Parallel begann er mit Bergsteigen, Klettern und Skifahren. „Ich habe meine Einschränkung muskulär und mit viel Training kompensiert, auch wenn mein Gangbild immer auffällig war. Der Sport hat mich da durchgetragen. Und ich habe immer wieder meine Grenzen ausgetestet.“ Auf anspruchsvollen alpinen Routen wie der Watzmann-Ostwand war er genauso unterwegs wie auf Himalaya-Expeditionen oder beim Extremschwimmen „Escape from Alcatraz“ in der Bucht von San Francisco.
Standard reicht nicht aus
Eine Grenze erreichte Scherzer allerdings mit Mitte 50. Nachdem er bei einer Gratwanderung in den Alpen starke Hüftschmerzen bekommen hatte, diagnostizierte seine Orthopädin eine viertgradige Arthrose in der rechten, eine drittgradige Arthrose in der linken Hüfte und einen feinen Riss im Knochen. „Damit war klar, dass ich etwas tun muss. Und als technikaffiner Mensch habe ich mich gefragt, ob es mittlerweile nicht mehr gibt als den Heidelberger Winkel.“ Genau diese Frage stellte er 2021 Petra Menkel, Bandagisten-Meisterin, und Stephan Schildhauer, beide geschäftsführende Gesellschafter der Paul Schulze Orthopädie & Bandagen GmbH Berlin. Eins war klar: „Ich brauchte etwas für den Alltag, aber vor allem fürs Bergsteigen und anspruchsvolle Touren.“
„Wir haben zunächst standardisierte Fußheberorthesen ausprobiert, die sich an Schuhgröße und Wadenumfang orientieren“, erzählt Menkel. „Die haben aber nicht zu den besonderen Anforderungen gepasst. Herr Scherzer hatte die Peroneusparese schon über viele Jahre, der Muskel am Schienbein war dadurch nie gefordert und der Knochen lag sehr prominent. Das führte zu Druckstellen an der Schienbeinkante. Zugleich hatte er durch seine Aktivitäten hohe Ansprüche an die Belastbarkeit einer Orthese.“
Prototyp auf dem Prüfstand
Stephan Schildhauer war mit Tino Gallo, Geschäftsführer der Firma Neja, die auf computergestützte Fertigungsverfahren für die Orthopädie-Technik spezialisiert ist, früher gemeinsam auf der Bundesfachschule für Orthopädie-Technik (Bufa) in Dortmund. Gallo war von der Idee der Anfertigung einer individuellen Orthese ebenfalls angetan. Die größte Herausforderung war zunächst die genaue Formulierung der Anforderungen. „Immerhin wurde diese Orthese so noch nie hergestellt“, erklärt Menkel. Mit einem 3D-Scan des Unterschenkels und einem Gipsabdruck schickte sie die genauen Maße und die Beschreibung der gewünschten Orthese an das Ingenieursteam. „Die ersten Drucke waren Versuche mit unterschiedlichen Stärken und Materialien.“ Nach vier Monaten konnte Scherzer einen ersten Prototyp anprobieren und ihn bei Bergtouren intensiven Tests unterziehen. Durch seine Dokumentation von Druckstellen und schmerzenden Bereichen wurde der Prototyp immer weiter optimiert, das Gewicht angepasst und eine Sollbruchstelle am Übergang von der Sohle zum Schienbein verstärkt.
Belastbar, elastisch und leicht
Nach einem Jahr waren alle Beteiligten mit dem Ergebnis zufrieden: Die vollkommen neue Form von Beinorthese aus dem 3D-Drucker verläuft von einer dünnen Fußsohle über das Schienbein hinauf zum Knie und wird durch Klettverschlüsse an der Wade befestigt. Die Polymerorthese ist hochgradig belastbar, elastisch und wiegt kaum mehr als 130 Gramm. Sie ist so dynamisch, dass der Muskel am Schienbein wieder aktiviert wird. Damit ist das Unikat perfekt ausgerichtet auf die Bedürfnisse von Scherzer. „Ich war begeistert von der Bereitschaft, gemeinsam Erfahrungen zu sammeln. Das ganze Team hat sich auf diese Herausforderung eingelassen und geschaut, was wir gemeinsam rausholen können“, sagt er. Auch Menkel beschreibt den gemeinsamen Lernprozess als echte Bereicherung für ihre Arbeit und betont Scherzers Motivation: „Er hat diese ganze Entwicklungsarbeit mitgemacht und wurde nicht müde auszutesten, bis alles gepasst hat.“ Zugleich musste sich sein Körper nach rund 45 Jahren auf das neue Hilfsmittel einstellen. „Über ein Jahr hat sich mein gesamter Muskelapparat noch einmal verändert, was mitunter sehr schmerzhaft war“, erzählt er. Neben seinen sportlichen Aktivitäten halfen ihm Physiotherapie, Faszienyoga und eine antientzündliche Ernährung bei der Umstellung.
Lizenz zum Tüfteln
„Mein Kollege Stephan Schildhauer und ich können uns diese Entwicklungsarbeit leisten, weil wir beide begeisterte Handwerker und Chefs sind“, sagt Menkel. „Wir mussten niemandem erklären, warum wir so lange an einer Versorgung getüftelt haben. Das ist das Glück der Selbstständigen. Wir haben nie eine Kostenanalyse durchgeführt, wahrscheinlich ist es vom Wert her eine vergoldete Orthese.“ Der Profit stehe in solchen Fällen nicht im Vordergrund, sondern der Wunsch, einen Menschen mit dem möglichst besten Hilfsmittel zu versorgen. „Außerdem hat es super viel Spaß gemacht. In solchen Situationen liebe ich meinen Beruf ganz besonders und weiß, warum ich den besten Beruf aller Zeiten gelernt habe“, so Menkel weiter. „Dass wir in Bezug auf die Medical Device Regulation gemeinsam mit dem Patienten Kompromisse eingegangen sind, ist uns auch bewusst, aber es hat sich gelohnt, wie man an einem glücklichen Stephan Scherzer sieht.“
Und der sagt heute: „Ich gehe ohne Schmerzen – die künstliche Hüfte ist in weiter Ferne.“ Und er testet weiter seine Grenzen aus: 2025 meisterte er den Berglauf „Kilometre Vertical de Fully“ in der Schweiz – 1.000 Höhenmeter auf 1,9 Kilometern mit durchgehend 50 bis 60 Prozent Steigung. Im Mai 2026 wird er beim „Transvulcania Vertical Kilometer“ auf La Palma an den Start gehen. Auf sieben Kilometern erwarten ihn dann fast 1.200 Höhenmeter. „Meine größte Sorge – dass ich das Knie immer extra hochziehen muss, um beim Bergsteigen nicht zu stolpern oder hängenzubleiben – ist weggefallen. Die auf mich optimierte Orthese ermöglicht anspruchsvolle Bergtouren und im Alltag entspanntes Gehen – einfach großartig.“
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