Hilfs­mit­tel­bran­che im Dia­log mit Minis­te­rin Nina Warken

Auf Einladung von Joachim Glotz, Inhaber des Vital-Zentrums Sanitätshaus Glotz in Gerlingen und Vorstandsmitglied des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik (BIV-OT), sowie des Landtagskandidaten Saschi  Thavakkumar (CDU) fand am 8. Februar 2026 in Stuttgart ein gesundheitspolitischer Dialog mit der Bundesministerin für Gesundheit Nina Warken statt.

Im Zen­trum des Aus­tauschs stan­den die wach­sen­de Büro­kra­tie in der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung, der Bei­trag ambu­lan­ter Ver­sor­gung zur Kos­ten­dämp­fung im Gesund­heits­sys­tem sowie die Aus­wir­kun­gen admi­nis­tra­ti­ver Über­las­tung und der Fachkräftemangel.

 Inves­ti­tio­nen in Hilfs­mit­tel sei­en Vor­aus­set­zung dafür, teu­re­re sta­tio­nä­re Behand­lun­gen, Kom­pli­ka­tio­nen und Pfle­ge­be­dürf­tig­keit zu ver­mei­den oder zumin­dest zu ver­zö­gern, wie Joa­chim Glotz in sei­nem Impuls­vor­trag beton­te. „Die Aus­ga­ben für die ambu­lan­te Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung wer­den stei­gen. Und sie müs­sen stei­gen – wenn wir Ver­sor­gung aus der Kli­nik nach Hau­se ver­la­gern wol­len“, sag­te Ortho­pä­die­tech­nik-Meis­ter Glotz.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­rin setzt auf Ambu­lan­ti­sie­rung und kla­re Strukturen

Die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­rin Nina War­ken unter­strich im Rah­men des Dia­logs die gesund­heits­po­li­ti­schen Ziel­set­zun­gen der Bun­des­re­gie­rung: „Ambu­lan­ti­sie­rung ist ein zen­tra­les Ziel mei­ner Gesund­heits­po­li­tik. Damit Ver­sor­gung wohn­ort­nah und effi­zi­ent funk­tio­niert, brau­chen wir kla­re und ver­läss­li­che Struk­tu­ren. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Gesund­heit wird des­halb Rege­lun­gen auf den Weg brin­gen, die mehr Effi­zi­enz und Ord­nung gewähr­leis­ten – bei gleich­zei­ti­ger Wah­rung des soli­da­ri­schen Prinzips.“

Kon­ser­va­ti­ve Ortho­pä­die stärken

Mit einem Blick auf bestehen­de Defi­zi­te in der Ver­sor­gungs­pra­xis nann­te Glotz kon­kre­te Bei­spie­le. Bei Knie­ar­thro­se und Rücken­schmer­zen wer­de das Poten­zi­al der kon­ser­va­tiv-tech­ni­schen Ver­sor­gung bis­lang zu sel­ten genutzt. Nur bei etwa der Hälf­te der Ver­si­cher­ten wer­de vor einer Ope­ra­ti­on über­haupt ernst­haft ver­sucht, die Mobi­li­tät zu ver­bes­sern. Nahe­zu jede zwei­te betrof­fe­ne Per­son habe vor einer Ope­ra­ti­on weder Phy­sio­the­ra­pie noch eine Mobi­li­sa­ti­on durch Ban­da­gen oder Orthe­sen erhal­ten. „Wenn nicht früh­zei­tig kon­ser­va­tiv ver­sorgt wird, wird es spä­ter teu­er – für das Sys­tem und für die Betrof­fe­nen“, erklär­te Glotz.

Ver­trags­wirr­warr statt Versorgungssicherheit

Wie stark Büro­kra­tie den Ver­sor­gungs­all­tag belas­tet, ver­deut­lich­te der BIV-OT anhand kon­kre­ter Zah­len, die den Teil­neh­mern des Dia­logs in einer „Wun­der­tü­te“ mit über­ra­schen­den Fak­ten zur Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung in Deutsch­land über­reicht wur­den. Dar­in unter ande­rem ent­hal­ten: Wenn ein Sani­täts­haus die Ver­si­cher­ten aller Kran­ken­kas­sen in Deutsch­land mit Hilfs­mit­teln ver­sor­gen kön­nen möch­te, muss es ca. 700 Ver­sor­gungs­ver­trä­gen bei­tre­ten. Die­se Ver­trä­ge fül­len 700 Ord­ner exakt so vie­le, wie nötig sind, um die Flä­che eines Fuß­ball­torsin Höhe und Brei­te zu bede­cken. Das ist kein geord­ne­tes Ver­sor­gungs­sys­tem. Das ist Ver­wal­tungs­wahn­sinn“, sag­te Glotz.

Auch im All­tag der Betrie­be zeigt sich die Schief­la­ge deut­lich. Die Ver­sor­gung eines Pati­en­ten mit einer Knie­ban­da­ge dau­ert durch­schnitt­lich 22 Minu­ten, die zuge­hö­ri­ge Ver­wal­tung wei­te­re 31 Minu­ten. Bei der Fol­ge­ver­sor­gung mit einem medi­zi­ni­schen Kom­pres­si­ons­strumpf fal­len 44 Minu­ten Ver­sor­gung und 42 Minu­ten Ver­wal­tung an. Für die­se Ver­sor­gung müs­sen 14 bis 18 Doku­men­te erstellt und über­mit­telt wer­den. „Bei­spie­le wie die­se zei­gen: Wir inves­tie­ren immer mehr Zeit in die Ver­wal­tung und immer weni­ger in die Ver­sor­gung der Men­schen“, so Glotz.

Büro­kra­tie ver­schärft den Fachkräftemangel

Er warn­te vor den Fol­gen die­ser Ent­wick­lung: Hilfs­mit­tel sind kein Kos­ten­trei­ber. Sie sind ein zen­tra­les Instru­ment, um Men­schen mobil und viel­fach in Arbeit zu hal­ten und sta­tio­nä­re Ver­sor­gung zu ver­mei­den. Wenn wir hier spa­ren, zah­len wir spä­ter dop­pelt. Der Fach­kräf­te­man­gel wer­de durch die Büro­kra­tie zusätz­lich ver­schärft: Auf 100 offe­ne Stel­len in der Ortho­pä­die-Tech­nik kom­men der­zeit nur 16 qua­li­fi­zier­te Arbeitssuchende.

Land­tags­kan­di­dat for­dert weni­ger Bürokratie

Mit Blick auf die anste­hen­de Land­tags­wahl in Baden-Würt­tem­berg erklär­te Land­tags­kan­di­dat Saschi Tha­v­ak­ku­mar (CDU): „Was wir heu­te gehört haben, ist ein Bei­spiel dafür, wie Büro­kra­tie gute Ver­sor­gung und wirt­schaft­li­che Ver­nunft zugleich aus­bremst. Wenn wir Fach­kräf­te hal­ten, Inno­va­ti­on ermög­li­chen und die Ver­sor­gung von Men­schen sichern wol­len, brau­chen wir weni­ger Ver­wal­tungs­auf­wand und mehr Ver­trau­en in qua­li­fi­zier­te Betrie­be. Das ist eine zen­tra­le Auf­ga­be der Landespolitik.“

Stan­dards statt Sonderwege

An die­se Ein­schät­zung knüpf­te Alf Reu­ter, BIV-OT-Prä­si­dent und Mit­glied des Prä­si­di­ums des Zen­tral­ver­ban­des des Deut­schen Hand­werks (ZDH), in der anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on an. Der BIV-OT habe gemein­sam mit dem Bünd­nis Wir ver­sor­gen Deutsch­land” kon­kre­te Vor­schlä­ge zur Absi­che­rung der Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung in Deutsch­land der Poli­tik vor­ge­legt. Ziel sei ein deut­li­cher Büro­kra­tie­ab­bau durch kla­re Vor­ga­ben für Qua­li­fi­ka­ti­on, Doku­men­ta­ti­on und Geneh­mi­gun­gen, die Ver­sor­gung plan­bar machen und wirt­schaft­lich trag­fä­hig hal­ten. „Wir brau­chen für die Regel­ver­sor­gung:  Stan­dar­di­sier­te Ver­trä­ge und ein­heit­li­che Rah­men­be­din­gun­gen. Dann fließt Geld in Ver­sor­gung – und nicht in Büro­kra­tie“, erläu­ter­te Alf Reu­ter. 

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