Hervorgehoben

Neu­er Ottobock-Rhythmus

Ein Jahr nach dem Börsengang zieht Ottobock-CEO Oliver Jakobi Bilanz. Im Interview spricht er über Wachstum, Innovationen und die Zukunft der Hilfsmittelversorgung.

Als Hans Georg Näder vor gut zwölf Mona­ten erst­mals die Bör­sen­glo­cke für Otto­bock läu­te­te, erreich­te das Duder­städ­ter Unter­neh­men einen beson­de­ren Mei­len­stein. Dort in Frank­furt, in der Herz­kam­mer der deut­schen Wirt­schaft, stand die Fami­lie des Grün­ders Sei­te an Sei­te mit dem Füh­rungs­team um CEO Oli­ver Jako­bi und fei­er­te einen ein­ma­li­gen Moment in der Unter­neh­mens­ge­schich­te. Und so, wie jeden Abend an der Bör­se Bilanz gezo­gen wird, zieht auch Jako­bi im gro­ßen OT-Inter­view Bilanz über das ers­te Jahr am Finanzmarkt.

Herr Jako­bi, der 9. Okto­ber 2025 nimmt in der His­to­rie des Unter­nehmens einen ganz beson­de­ren Platz ein. Was ist Ihnen von die­sem Tag des Bör­sen­gangs beson­ders in Erin­ne­rung geblieben?

Oli­ver Jako­bi: Der ers­te Preis und das Läu­ten der Bör­sen­glo­cke waren natür­lich beson­de­re Momen­te. Aber was mir vor allem in Erin­ne­rung geblie­ben ist, sind die Men­schen, die dort gemein­sam stan­den. Ein Bör­sen­gang ist kein Ein­zel­er­folg. Das war eine gro­ße Teamleistung.

Ich bin seit mehr als 30 Jah­ren bei Otto­bock tätig. Wenn man dann mit Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen auf dem Frank­fur­ter Bör­sen­par­kett steht und ein neu­es Kapi­tel die­ser Unter­neh­mens­ge­schich­te beginnt, ist das schon ein Moment, der einen bewegt. In dem Augen­blick ver­gisst man auch ein Stück weit die sehr inten­si­ven Mona­te davor. Gleich­zei­tig war für mich klar: Der ers­te Han­dels­tag war nicht das Ende eines Pro­zes­ses, son­dern der Beginn einer neu­en Phase.

Wenn man damals die Bil­der gese­hen hat – das Frank­fur­ter Börsen­parkett in Otto­bock-Blau getaucht –, wird einem da die beson­de­re wirt­schaft­li­che und gesell­schaft­li­che Bedeu­tung des Unter­neh­mens noch ein­mal mehr bewusst?

Ja, abso­lut. Natür­lich steht an einem sol­chen Tag der wirt­schaft­li­che Mei­len­stein im Vor­der­grund. Aber Otto­bock ist eben mehr als Bilanz, Wachs­tum und Akti­en­kurs. Wir kön­nen wirt­schaft­lich erfolg­reich sein, weil unse­re Tech­no­lo­gien einen kon­kre­ten Nut­zen für Men­schen schaf­fen. Das Frank­fur­ter Bör­sen­par­kett in Otto­bock-Blau war des­halb für mich auch ein star­kes Bild dafür, dass gesell­schaft­li­che Wir­kung und wirt­schaft­li­cher Erfolg kei­ne Gegen­sät­ze sind. Sie gehö­ren bei uns zusammen.

Jetzt sind knapp zwölf Mona­te ver­gan­gen. Kön­nen Sie eine ers­te Bilanz zie­hen, wie der Gang an die Bör­se das Unter­neh­men ver­än­dert hat?

Der Bör­sen­gang hat unse­re Stra­te­gie nicht ver­än­dert. Er gibt uns aber zusätz­li­che finan­zi­el­le Fle­xi­bi­li­tät und erfor­dert gleich­zei­tig deut­li­che Transparenz.

Wir haben den finan­zi­el­len und stra­te­gi­schen Spiel­raum genutzt, um unser Kern­ge­schäft gezielt zu stär­ken. Dazu gehö­ren Inves­ti­tio­nen in die Neu­ro­or­the­tik und funk­tio­nel­le Elek­tro­sti­mu­la­ti­on eben­so wie der Aus­bau unse­res Pati­ent-Care-­Ge­schäfts. Gleich­zei­tig haben wir mit dem Ver­kauf von Human Mobi­li­ty unser Port­fo­lio geschärft.

Was sich eben­falls ver­än­dert hat, ist der Rhyth­mus. Als bör­sen­no­tier­tes Unter­neh­men ste­hen wir in einem regel­mä­ßi­gen und sehr direk­ten Dia­log mit Inves­to­ren und dem Kapi­tal­markt. Das schafft Klar­heit. Ent­schei­dend bleibt aber: Wir den­ken wei­ter­hin lang­fris­tig und set­zen unse­re Stra­te­gie kon­se­quent um. Wir wol­len ver­läss­lich sein und lie­fern, was wir ange­kün­digt haben.

Die Führungsmannschaft von Ottobock feiert den erfolgreichen Börsengang in Frankfurt im vergangenen Jahr. Foto: Ottobock
Die Füh­rungs­mann­schaft von Otto­bock fei­ert den erfolg­rei­chen Bör­sen­gang in Frank­furt im ver­gan­ge­nen Jahr. Foto: Ottobock


Sie haben sich unter ande­rem von Ihrer Roll­stuhl­s­par­te getrennt, um den Fokus mehr auf ande­re Ver­sor­gungs­be­rei­che zu legen. War­um sehen Sie in Pro­the­tik und Neuro­orthetik ­grö­ße­re Chan­cen für Ottobock?

Für Otto­bock ging es um die Fra­ge: Wo kön­nen wir mit unse­ren Kom­pe­ten­zen den größ­ten Unter­schied machen und gleich­zei­tig pro­fi­ta­bel wachsen?

Unse­re Stär­ke liegt in der Ver­bin­dung von Bio­me­cha­nik, Mecha­tro­nik, Digi­ta­li­sie­rung und direk­ter Pati­en­ten­nä­he. In der Pro­the­tik sind wir Tech­no­lo­gie­füh­rer. Dort sehen wir wei­ter­hin eine star­ke Nach­fra­ge und noch viel Poten­zi­al, höher­wer­ti­ge Ver­sor­gun­gen für mehr Men­schen zugäng­lich zu machen. Und auch in der Neu­ro­or­the­tik ist das lang­fris­ti­ge Poten­zi­al groß.

Gera­de in Deutsch­land wird aktu­ell im Bereich Gesund­heit ein Spar­zwang aus­ge­ru­fen. Zunächst ein­mal all­ge­mein gefragt: Was hal­ten Sie davon, dass Kos­ten ein­ge­spart wer­den sollen?

Dass ein Gesund­heits­sys­tem wirt­schaft­lich arbei­ten muss, ist selbst­ver­ständ­lich. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist aber, wo und wie gespart wird. Eine gute Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung ist nicht nur ein Kos­ten­fak­tor. Sie kann Men­schen wie­der in Arbeit brin­gen, Pfle­ge­be­darf redu­zie­ren, Folge­erkrankungen ver­mei­den und mehr Selbst­stän­dig­keit ermöglichen.

Des­halb soll­te man nicht nur auf den Preis eines Hilfs­mit­tels schau­en, son­dern auf die Gesamt­kos­ten und den gesam­ten Nut­zen für den Pati­en­ten und das Gesund­heits­sys­tem. Wer durch eine gute Pro­the­se oder Orthe­se wie­der selbst­stän­dig gehen, arbei­ten oder sei­nen All­tag orga­ni­sie­ren kann, ver­ur­sacht an ande­rer Stel­le häu­fig deut­lich weni­ger Kosten.

Spa­ren darf des­halb nicht bedeu­ten, Inno­va­tio­nen und Ver­sor­gungs­qua­li­tät pau­schal zu begren­zen. Wir müs­sen viel­mehr stär­ker dar­über spre­chen, wel­chen lang­fris­ti­gen medi­zi­ni­schen und sozio­öko­no­mi­schen Nut­zen eine Ver­sor­gung schafft. Die­se Dis­kus­si­on füh­ren wir auf Basis kli­ni­scher Evi­denz und kon­kre­ter Versorgungsergebnisse.

Dar­an anschlie­ßend zwei Nach­fragen. Ers­tens: Wie bewer­ten Sie die von der Bun­des­re­gie­rung beschlos­se­nen Maß­nah­men? Und zwei­tens: Es ist ein pau­scha­ler 3%-Abschlag für die Leistungs­erbringer – also Ihre Kun­den – ver­abschiedet wor­den – wie reagie­ren Sie als Indus­trie darauf?

Pau­scha­le Ein­grif­fe in ein Ver­sor­gungs­sys­tem sehe ich grund­sätz­lich kri­tisch. Unse­re Kun­den, die Sani­täts­häu­ser und ortho­pä­die­tech­ni­schen Betrie­be, erbrin­gen hoch­in­di­vi­du­el­le und per­so­nal­in­ten­si­ve Leis­tun­gen. Gleich­zei­tig müs­sen sie in Fach­kräf­te, Wei­ter­bil­dung, Digi­ta­li­sie­rung und Qua­li­tät investieren.

Wenn Ver­gü­tun­gen pau­schal gekürzt wer­den, besteht die Gefahr, dass wirt­schaft­li­cher Druck genau dort ent­steht, wo die Ver­sor­gung am Pati­en­ten statt­fin­det. Das kann nicht das Ziel sein. Als Indus­trie kön­nen wir Effi­zi­enz, digi­ta­le Pro­zes­se und ska­lier­ba­re Lösun­gen bei­tra­gen. Wir kön­nen aber nicht dau­er­haft struk­tu­rel­le Kür­zun­gen auf­fan­gen. Wir ste­hen dazu auch im engen Aus­tausch mit unse­ren Kun­den, um ­gemein­sam Wege zu fin­den, die finan­zi­el­len Belas­tun­gen zu bewäl­ti­gen und die Ver­sor­gung lang­fris­tig zu sichern.

Zur Per­son
Oli­ver Jako­bi über­nahm Mit­te ­Dezem­ber 2022 die Rol­le des Chief Exe­cu­ti­ve Offi­cer (CEO) bei Otto­bock. Zuvor war er, zusätz­lich zu sei­ner Funk­ti­on als Chief Sales Offi­cer (CSO), seit Mai 2022 inte­ri­mis­tisch als CEO tätig. Die Posi­ti­on des Chief ­Sales Offi­cer (CSO) beklei­det er seit Janu­ar 2020. Jako­bi ist bereits seit über 30 Jah­ren im Unter­neh­men tätig. Der inter­na­tio­nal erfah­re­ne Ver­triebs­ma­na­ger ist im Eichsfeld ­gebo­ren und hat eine Aus­bil­dung zum Indus­trie­kauf­mann bei Otto­bock absolviert. 

 

Ihr Unter­neh­men hat nicht nur im Blick, was heu­te in Sachen Ver­sor­gung mög­lich ist, son­dern gestal­tet die Zukunft der Ver­sor­gung mit Hilfs­mit­teln maß­geb­lich mit. Wie schnell kom­men Inno­va­tio­nen in der Regel­ver­sor­gung an?

Das ist sehr unter­schied­lich. Eine Inno­va­ti­on ist tech­nisch nicht auto­matisch am Ziel, wenn sie die Markt­zulassung hat. Wir müs­sen ihren kli­ni­schen Nut­zen bele­gen, Fach­kräf­te schu­len und mit den Kos­ten­trä­gern die Erstat­tung klären.

Wir haben aber gezeigt, dass wir Inno­va­tio­nen erfolg­reich in die Erstat­tung brin­gen kön­nen. In Deutsch­land wird das Geni­um X4 erstat­tet. Beim ­C‑Brace gibt es teil­wei­se noch Einzelfallentscheidungen.

Für uns ist wich­tig, früh an Evi­denz und Erstat­tung zu arbei­ten. Denn ein gutes Pro­dukt ent­fal­tet sei­nen eigent­li­chen Wert erst dann, wenn die Men­schen auch Zugang dazu haben. Unser Vor­teil ist, dass wir durch unser inter­na­tio­na­les Ver­sor­gungs­netz­werk sehr nah am Pati­en­ten, an den Fach­kräf­ten und an den tatsäch­lichen Ergeb­nis­sen sind.

Dar­an anschlie­ßend: Wie sieht der inter­na­tio­na­le Ver­gleich aus – wo ist man beson­ders innovationsfreudig?

Die Sys­te­me sind sehr unter­schied­lich. In den USA kön­nen neue Erstat­tungs­ent­schei­dun­gen schnell eine gro­ße Wir­kung ent­fal­ten. Das sehen wir bei­spiels­wei­se bei der erwei­ter­ten Erstat­tung mecha­tronischer Ver­sor­gungs­lö­sun­gen. Auch Frank­reich hat beim C‑Brace wich­ti­ge Schrit­te gemacht. Japan ist eben­falls ein Markt, in dem hoch­wer­ti­ge pro­the­ti­sche und orthe­ti­sche Ver­sor­gun­gen zuneh­mend Zugang zur Erstat­tung erhalten.

Deutsch­land ver­fügt über eine sehr hohe medi­zi­ni­sche und orthopädie­technische Kom­pe­tenz. Gleich­zei­tig sind Ent­schei­dungs­we­ge teil­wei­se klein­teiliger und stär­ker auf den ein­zel­nen Fall aus­ge­rich­tet. Das kann den flächen­deckenden Zugang zu Inno­va­tio­nen verlangsamen.

Aus mei­ner Sicht sind die erfolg­reichs­ten Sys­te­me die­je­ni­gen, die den kli­ni­schen Nut­zen, die Lebens­qua­li­tät und die lang­fris­ti­gen Gesamt­kos­ten gemein­sam betrach­ten. Wenn wir nach­wei­sen kön­nen, dass Men­schen durch unse­re Tech­no­lo­gie mobi­ler und selbst­stän­di­ger wer­den, sehen wir grund­sätz­lich auch die Bereit­schaft der Erstat­tungs­sys­te­me, sol­che Lösun­gen zu finanzieren.

Noch ein­mal kurz zurück zum Bör­sen­gang. Nach einem klei­nen zwi­schen­zeit­li­chen Tief hat sich der Akti­en­kurs sta­bi­li­siert, Finanz­experten sehen den Kurs sogar eher unter­be­wer­tet. Wie bewer­ten Sie die Performance?

Wir sind noch ein jun­ges bör­sen­no­tier­tes Unter­neh­men. Ein Akti­en­kurs ist immer auch eine Moment­auf­nah­me und wird von vie­len Fak­to­ren beein­flusst, die wir nicht unmit­tel­bar steu­ern können.

Wofür wir ver­ant­wort­lich sind, ist die ope­ra­ti­ve Ent­wick­lung. Und dort haben wir gelie­fert: Wir haben Wachs­tum und Pro­fi­ta­bi­li­tät ver­bes­sert, unser Port­fo­lio geschärft und unse­re Pro­gno­se für 2026 nach oben eingegrenzt.

Mei­ne Auf­ga­be ist des­halb nicht, den Akti­en­kurs täg­lich zu kom­men­tie­ren. Unse­re Auf­ga­be als Manage­ment ist es, unse­re Stra­te­gie kon­se­quent umzu­set­zen, trans­pa­rent zu kommu­nizieren und lang­fris­tig Wert zu schaf­fen. Wenn wir ver­läss­lich lie­fern, Inno­va­tio­nen in den Markt brin­gen und pro­fi­ta­bel wach­sen, schaf­fen wir aus mei­ner Sicht die rich­ti­ge Grund­lage dafür, dass sich die­se Ent­wick­lung lang­fris­tig auch in der Bewer­tung widerspiegelt.

Die Fra­gen stell­te Hei­ko Cordes.

 

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