Kom­pe­ten­ter Aus­tausch zwi­schen Tech­ni­kern und Medizinern

Zwar bestimmte Ende September in Halle an der Saale der große Jahrmarkt in der Altstadt das öffentliche Geschehen, für eine Runde Riesenrad hatten die Teilnehmer der 63. Jahrestagung der Fortbildungsvereinigung für Orthopädie-Technik (FOT) vom 27. bis zum 29. September aber zumindest im Rahmen des reichhaltigen Vortragsangebots keine Zeit.

Die in der Spit­ze am zwei­ten Ver­an­stal­tungs­tag mehr als 200 Teil­neh­mer der Fach­ta­gung woll­ten sich schließ­lich kei­nen Bei­trag der ein­ge­la­de­nen Exper­ten ent­ge­hen las­sen. Zum Auf­takt am Frei­tag stand der kom­pe­ten­te Aus­tausch zwi­schen Tech­ni­kern und Medi­zi­nern im Fokus, den die FOT zusam­men mit dem ört­li­chen BG Kli­ni­kum Berg­manns­trost als Part­ner initi­iert hat­te. Im Anschluss an die offi­zi­el­le Begrü­ßung durch FOT-Prä­si­dent Ingo Pfef­fer­korn stell­ten unter ande­rem Ärz­te aus dem Berg­manns­trost ver­schie­de­ne Ver­sor­gungs­kon­zep­te zu den Schwer­punk­ten „Trau­ma, Hand­ver­let­zung, Brand­ver­let­zung“, „Ampu­ta­ti­ons­chir­ur­gie“ und „Schlag­an­fall“ vor. „Trotz moderns­ter medi­zi­ni­scher Ver­fah­ren sind nach Ver­let­zun­gen ver­blei­ben­de Funk­ti­ons­ein­bu­ßen oder gar Ampu­ta­tio­nen nicht immer ver­meid­bar. Die orthe­ti­sche und exo­pro­the­ti­sche Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung ist uns aus die­sem Grund ein beson­ders Anlie­gen“, beton­te Prof. Dr. Dr. Gun­ther O. Hof­mann, Ärzt­li­cher Direk­tor der Kli­nik für Unfall- und Wie­der­her­stel­lungschir­ur­gie am Berg­manns­trost. Einen uni­ver­sel­len Über­blick über die the­ra­peu­ti­schen Leis­tun­gen für Schlag­an­fall-Pati­en­ten in den Berei­chen Physio‑, Ergo- und Logo­pä­di­sche The­ra­pie gaben am zwei­ten Tag in auf­ein­an­der­fol­gen­den Bei­trä­gen drei Exper­ten vom Kli­ni­kum Karls­bad Lan­gen­stein­bach vor. Die Reso­nanz aus dem Publi­kum in der fol­gen­den Dis­kus­si­ons­run­de zeig­te, dass auf Sei­ten der Ortho­pä­die­tech­ni­ker auch der inter­dis­zi­pli­nä­re Fach­aus­tausch mit Ver­tre­tern ande­rer nicht-medi­zi­ni­scher Gesund­heits­be­ru­fe gewünscht ist.

Anzei­ge

Aller­dings doku­men­tier­ten im Ver­lauf der Ver­an­stal­tung gleich meh­re­re Fall­bei­spie­le, dass die Rol­le des Ortho­pä­die­tech­ni­kers in der soge­nann­ten Stro­ke-Unit, der spe­zi­el­len Akut-Ver­sor­gung von Schlag­an­fall­pa­ti­en­ten in der Kli­nik, nur spo­ra­disch aus­ge­füllt wird. „Der OTler kommt zu spät an den Pati­en­ten“, bemän­gel­te bspw. Bern­hard Preis­ler, Egels­bach, und führ­te fort: „Die Wei­chen wer­den auf der Inten­siv­sta­ti­on gestellt. Eine frü­he Orthe­sen­ver­sor­gung ist ent­schei­dend.“ Rund 40 Pro­zent der Betrof­fe­nen hät­ten im Anschluss mit mitt­le­ren oder star­ken Nach­wir­kun­gen zu kämp­fen. Preis­ler plä­dier­te in Hal­le für eine Früh­mo­bi­li­sa­ti­on ab dem 2. Tag nach einem Schlag­an­fall: „Eine Woche Immo­bi­li­tät kos­tet bis zu 25 Pro­zent der Mus­kel­mas­se.“ Auf letzt­ge­nann­ten Umstand hat­te bereits Jochen Schi­ckert, Mark­klee­berg, im Ver­lauf sei­ner Schil­de­run­gen zum Ein­satz von Orthe­sen im Bereich der obe­ren Extre­mi­tät (OEX) hin­ge­wie­sen. Ziel müs­se die Rück­füh­rung betrof­fe­ner Gelen­ke in eine neu­tra­le Stel­lung sein, wie auch Hei­ke Ober­län­der, Erfurt, in ihrem Vor­trag zur Schlag­an­fall­ver­sor­gung der unte­ren Extre­mi­tät (UEX) bestä­tig­te. Dabei sei zu beach­ten, die Orthe­se kon­ti­nu­ier­lich dem sich ver­än­dern­den Mobi­li­täts­le­vel des Pati­en­ten anzu­pas­sen. Anhand eines Ver­sor­gungs­bei­spiels doku­men­tier­te sie die ver­schie­de­nen Vor­tei­le der Mate­ri­al-Nut­zung von Car­bon­fa­sern bei der Maß­an­fer­ti­gung einer Ganz­bein- oder Unter­schen­kel­orthe­se, sowohl hin­sicht­lich der Belast­bar­keit als auch in Bezug auf das gerin­ge Volu­men: „Wir wol­len in den Schuh reinkommen.“

FOT-Präsident Ingo Pfefferkorn zeigte sich zufrieden mit der Publikumsresonanz auf die 63. Jahrestagung.
FOT-Prä­si­dent
Ingo Pfef­fer­korn
zeig­te sich zufrie­den
mit der Publi­kums­re­so­nanz
auf die 63. Jah­res­ta­gung. Foto: Det­lef Kokegei

Allein in Deutsch­land kommt es, so Bene­dikt Preis­ler, jähr­lich zu rund 200.000 Schlag­an­fäl­len. Dar­un­ter sei­en cir­ca 60.000 wie­der­hol­te Fäl­le. Eben­falls 60.000 Fäl­le ende­ten töd­lich. Mona Sei­fert-Macie­jc­zyk, Bad Kro­zin­gen, wies in ihrem Bei­trag dar­auf­hin hin, dass die Erkran­kun­gen kei­nes­falls in der Regel nur älte­re Per­so­nen betref­fe: „Das Pati­en­ten­kli­en­tel wird immer jün­ger.“ Sei­fert emp­fahl bei Unter­su­chun­gen des Gang­bil­des von  Schlag­an­fall­pa­ti­en­ten die Anwen­dung des stan­dar­di­sier­ten GAIT-Klas­si­fi­ka­ti­ons­sche­mas, um ein mög­lichst ein­deu­ti­ges The­ra­pie­ziel for­mu­lie­ren zu kön­nen und glei­cher­ma­ßen den inter­dis­zi­pli­nä­ren Ver­sor­gungs­dia­log zu ver­ein­fa­chen. Zwei Pro­dukt­vor­stel­lun­gen zur orthe­ti­schen Ver­sor­gung nach Schlag­an­fall ver­voll­stän­dig­ten den Vortragsblock.

Blick über den Tellerrand

Nach einer gesprächs­in­ten­si­ven Mit­tags­pau­se und aus­gie­bi­ger Aus­stel­ler­fre­quen­tie­rung wid­me­te sich die FOT-Tagung der Funk­tio­nel­len Elek­tro­sti­mu­la­ti­on (FES). Erneut wag­ten die Pro­gramm­ge­stal­ter hier einen Blick über den Tel­ler­rand und räum­ten Dr. Tho­mas Schau­er, Ber­lin, für sei­ne Aus­füh­run­gen zum the­ra­peu­ti­schen Schwim­men mit Elek­tro­sti­mu­la­ti­on in der Reha­bi­li­ta­ti­on nach Quer­schnitts­läh­mung sogar die dop­pel­te Vor­trags­zeit ein. Den Staf­fel­stab nahm Gün­ter Bieschin­ski, Trois­dorf, auf und ver­la­ger­te den Schau­platz der Ver­sor­gung ins Sani­täts­haus. Hier sei­en nicht nur geeig­ne­te Anwen­der zu identi_ zie­ren, die „voll hin­ter der Ver­sor­gung ste­hen“, son­dern eben­so Kennt­nis­se von Nöten, die das Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren mit den Kran­ken­kas­sen manag­ten. Zustim­mung in die­ser Sache bekam Bieschin­ski von Clau­dia Weichold, die in der Funk­tio­nel­len Elek­tro­sti­mu­la­ti­on einen „wich­ti­gen Bau­stein zum Bei­spiel in der Behand­lung von Pati­en­ten mit Cere­bral­pa­re­se“ sieht und an ande­rer Stel­le ihres Vor­trags Vor­tei­le der FES gegen­über klas­si­schen Fuß­he­ber­or­the­sen skizzierte.

Im letz­ten The­men­block des Tages stan­den ver­schie­de­ne Reha­tech­no­lo­gien auf der Agen­da. So befass­te sich Nor­bert Stock­mann, Dort­mund, mit der Roll­stuhl­ver­sor­gung bei Hemi­ple­gie nach Schlag­an­fall und ging im Zuge des­sen auf die Vor- und Nach­tei­le gän­gi­ger Antriebs­tech­ni­ken ein. Bei aller aktu­el­len und in vie­len Aspek­ten auch berech­tig­ten Popu­la­ri­tät des  Dop­pel­greif­rei­fens sei der Hebel­an­trieb laut Stock­mann alles ande­re als ein Aus­lauf­mo­dell. Den Schluss­punkt des Tages setz­te And­ree Bol­te, Ber­lin, mit einem Input zum The­ma „Exo­ske­let­te bei nicht geh­fä­hi­gen Pati­en­ten“. Der Indus­trie­ver­tre­ter stell­te die Vor­tei­le von Assis­tenz­sys­te­men für die Betrof­fe­nen vor, dar­un­ter die Schmerz­re­duk­ti­on, eine Ver­bes­se­rung der Darm-Akti­vi­tät sowie eine Deku­bi­tus- und Osteo­po­ro­se­pro­phy­la­xe. Die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten auf dem Gebiet der Robo­tik wähnt Bol­te erst am Anfang: „Die Büch­se der Pan­do­ra ist gera­de erst geöff­net worden.“

Stolz nahmen die Jungmeister in Halle ihr FOT-Oscar-Diplom in Empfang.
Stolz nah­men die Jung­meis­ter in Hal­le ihr FOT-Oscar-Diplom in Emp­fang. Foto: Det­lef Kokegei

Ehe die 63. Jah­res­ta­gung der  Fort­bil­dungs­ver­ei­ni­gung am drit­ten Ver­an­stal­tungs­tag mit zwei Vor­trags­blö­cken zur Pro­the­tik der OEX und UEX beschlos­sen wur­de – in deren Ver­lauf wur­den bspw. Endo-Exo-Ver­sor­gun­gen kon­ven­tio­nel­len Schaft­sys­te­men gegen­über­ge­stellt – gehör­te die Büh­ne dem Nach­wuchs. Absol­ven­ten der Meis­ter-Aus­bil­dung waren im Vor­feld auf­ge­ru­fen, sich mit ihren prak­ti­schen Abschluss­ar­bei­ten für die Aus­zeich­nung mit dem FOT-Oscar-Diplom zu bewer­ben. Aus den Ein­rei­chun­gen wähl­te eine Jury um Mona Sei­fert-Macie­jc­zyk die drei bes­ten aus. Vor dem ver­sam­mel­ten Fach­pu­bli­kum durf­ten Ste­fan Wands­leb („Myo­elek­tri­sche Teil­hand­pro­the­se, neue Möglichkeiten“/ Bern­burg), Alex­an­dros Papado­pou­los („Borg­gre­ve Umkehr­plas­tik als Ver­sor­gung zur Meisterprüfung“/ Wup­per­tal) und Simon May­er („Mein Meis­ter­stück – KAFO mit E‑mag Orthesengelenk“/ Han­no­ver) in Hal­le ihre Meis­ter­stü­cke in einem eige­nen Vor­trag prä­sen­tie­ren. Mit dem For­mat bie­tet die FOT den jun­gen Ortho­pä­die­tech­ni­kern nicht nur eine öffent­li­che Platt­form, son­dern reicht der nach­rü­cken­den Genera­ti­on die Hand zum fach­li­chen Aus­tausch. FOT-Prä­si­dent Ingo Pfef­fer­korn zog im Anschluss der Jah­res­ta­gung ein zufrie­de­nes Resü­mee – zum einen in Bezug auf die Teil­neh­mer­zah­len, zum ande­ren hin­sicht­lich der Vor­trä­ge, die pro­fes­si­ons­über­grei­fend für Inter­es­se beim Publi­kum gesorgt und die gewünsch­ten Dis­kus­si­ons­rei­ze gesetzt hat­ten. Die 64. Aus­ga­be endet vom 25. bis zum 27. Sep­tem­ber 2020 in Hei­del­berg zu den Schwer­punk­ten Kin­der­or­tho­pä­die, Quer­schnitt­läh­mung und Reha-Tech­nik statt.

Micha­el Blatt

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