Kein Ver­gleich zu Deutschland

Geboren in Bremen, wuchs Jens Müller im Orthopädie-Technik-Umfeld des eigenen Familienbetriebs auf. die- sem Hintergrund entschloss er sich zu einer Ausbildung im Handwerk und verbrachte die ersten Arbeitsjahre im Familienunternehmen. 1992 wanderte Müller dann ins spanische Madrid aus, wo er bis 2007 als Technischer Direktor für den Hersteller Ottobock arbeitete. Danach folgte der Schritt in die Selbstständigkeit. Über die Arbeit eines Orthopädie-Technikers in Spanien und die Versorgung im Spitzensport erzählt Jens Müller im Interview.

OT: Herr Mül­ler, wur­de Ihnen das OT-Hand­werk in die Wie­ge gelegt?

Jens Mül­ler: Ja, mein Groß­va­ter Alfred Gie­sau sen. war Ban­da­gis­ten­meis­ter und grün­de­te 1966 sei­ne eige­ne Fir­ma. 20 Jah­re spä­ter über­nahm er die Oes­ter­reich Ortho­pä­die-Tech­nik die 1987 von mei­nem Onkel Alfred jun. (aus­ge­bil­de­ter Ortho­pä­die­tech­nik-Mecha­ni­ker-Meis­ter) und mei­ner Mut­ter Rena­te (gelern­te Ban­da- gis­tin) wei­ter­ge­führt wur­de. Heu­te füh­ren mei­ne bei­den Cou­sins Chris­ti­an und Andre­as das Unter­neh­men weiter.

OT: War­um haben Sie sich Anfang der 1990er-Jah­re dazu ent­schlos­sen nach Spa­ni­en auszuwandern?

Mül­ler: Ich woll­te neue Erfah­run­gen sam­meln und bin in Madrid gelan­det. Dort habe ich 14 Jah­re für Otto Bock Ibe­ri­ca als Tech­ni­scher Direk­tor gearbeitet.

OT: Wie sieht heu­te Ihr beruf­li­cher All­tag in Spa­ni­en aus?

Mül­ler: In Spa­ni­en sieht es zur­zeit nicht gut aus. Wir haben eine Art Bun­des­pro­the­sen­lis­te, die von 1986 ist. Die­se wur­de 1997 preis­lich auf­ge­stockt, aber seit­dem nicht wie­der über­ar­bei­tet. Zur­zeit sind wir dabei mit der spa­ni­schen Ortho­pä­die-Innung die­se Lis­te zu über­ar­bei­ten und hof­fen, dass das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um die­se akzep­tiert. Das heißt bei­spiels­wei­se, dass eine Ober­schen­kel­pro­the­se mit ca. 5.600 Euro finan­ziert wird. Den Rest muss der Pati­ent dazu zah­len. Inso­fern ist es nicht so leicht hoch­wer­ti­ge Pro­duk­te ein­zu­set­zen. Man kann sich vor­stel­len, wenn ein Pati­ent z. B. eine C‑Leg-Ver­sor­gung selbst zahlt, dann sind die finan­zi­el­le Belas­tung sowie der Post-Ser­vice sehr hoch. Die Pati­en­ten neh­men oft einen Bank­kre­dit auf, um die Ver­sor­gung bezah­len zu kön­nen. Gera­de bei Kin­dern wird es unan­ge­nehm wenn es um Pro­the­sen­ver­sor­gung geht. Daher ist auch die Fer­ti­gung von Sport­pro­the­sen ohne die Hil­fe eines Spon­sors völ­lig auszuschließen.

OT: Was sind aus beruf­li­cher Sicht die größ­ten Unter­schie­de zu Deutsch­land und wie hat sich die Ortho­pä­die-Tech­nik aus Ihrer Sicht entwickelt?

Mül­ler: Das größ­te Pro­blem ist die Aus­bil­dung. Ein Aus­bil­dungs­sys­tem wie in Deutsch­land gibt es hier nicht. Wir haben kei­ne ortho­pä­di­schen Fach­ärz­te, wel­che eine Pro­the­se beur­tei­len und ver­schrei­ben kön­nen. Oft­mals hilft der Ortho­pä­die-Tech­ni­ker bei der Ver­schrei­bung der Pro­the­se, wel­che vom Haus­arzt für den Reha­bi­li­ta­ti­on-Arzt aus­ge­stellt wird. Wir haben das Pro­blem, dass die Nach­sor­ge der Ampu­tier­ten in Spa­ni­en stark ver­nach­läs­sigt wird – von ärzt­li­cher aber auch von behörd­li­cher Sei­te. Ich könn­te Stun­den über die­ses The­ma erzäh­len, was aber den Rah­men spren­gen würde.

OT: Sie haben ihr Hand­werk in Deutsch­land gelernt. Wie wer­den die spa­ni­schen Kol­le­gen ausgebildet?

Mül­ler: Es gibt eine zwei­jäh­ri­ge Aus­bil­dung, wel­che vor­wie­gend Theo­rie ist. Die­se wird meis­tens von pri­va­ten Uni­ver­si­tä­ten aus­ge­führt. Wir Tech­ni­ker betei­li­gen uns, um die Aus­bil­dung zu unterstützen.

OT: Sie ver­sor­gen auch Para-Spit­zen­sport­ler wie Dani Moli­na. Wie ist es zu der Zusam­men­ar­beit gekommen?

Mül­ler: Ich kann­te Dani Moli­na von den Paralym­pi­schen Spie­len in Athen 2004, wo ich für zwei Wochen in der Werk­statt von Otto­bock ver­ant­wort­lich war. Dani war damals als Schwim­mer dabei. Er kam hin­ter­her wegen einer schlech­ten Schaft­ver­sor­gung zu mir in die Fir­ma und erzähl­te, dass er auf­grund sei­ner Fle­xi­ons­kon­trak­tur zehn Jah­re kein Fahr­rad mehr gefah­ren sei. Wir haben dann eine Lösung für ihn gefun­den und Dani begann mit dem Tri­ath­lon. Im Schwim­men war er bereits sehr gut, er muss­te also nur das Fahr­rad­fah­ren und Lau­fen optimieren.

OT: Wie sieht sei­ne Ver­sor­gung kon­kret aus?

Mül­ler: Zur Pass­for­merstel­lung benut­zen wir das Aqua-Sym­pho­nie-Sys­tem von Rome­dis, um eine genaue Abfor­mung des Stump­fes unter hydro­sta­ti­schem Druck zu errei­chen. Auf­grund des kur­zen Stump­fes und der Fle­xi­ons­kon­trak­tur arbei­ten wir mit dem Shut­tle­lock-Sys­tem mit Pin. Dani wird gespon­sert von der Fir­ma Össur. Wir arbei­ten mit deren Sport­li­ner und dem Che­e­tah-Xtre­me-Fuß. Das größ­te Pro­blem im Wett­kampf ist der Aus­tausch der ver­schie­de­nen Pro­the­sen. Er kommt aus dem Was­ser und muss die Fahr­rad­pro­the­se anzie­hen und spä­ter die Lauf­pro­the­se. Des­halb trai­niert Dani stän­dig den Wech­sel der Pro­the­sen, um sämt­li­chen Zeit­ver­lust zu vermeiden.

OT: Ist die Ver­sor­gung eines Para-Ath­le­ten eine beson­de­re Herausforderung?

Mül­ler: Auf jeden Fall, denn bei den Spit­zen­sport­lern las­ten doch immer ande­re Kräf­te auf die Pro­the­se. So hat Dani auch einen hal­ben „Iron­man“ absol­viert. Das sind hohe Bean­spru­chun­gen auf die Schaft­ver­sor­gung. Im End­ef­fekt kommt Schweiß­bil­dung, Druck­stel­len, Mus­kel­schwel­lung etc. dazu.

OT: Kön­nen Sie sich per­sön­lich eine Rück­kehr als Ortho­pä­die- Tech­ni­ker in Deutsch­land vorstellen?

Mül­ler: Ich den­ke nicht. Ich bin seit 1992 in Spa­ni­en und habe mei­ne beruf­li­che Kar­rie­re hier in Spa­ni­en gemacht. Außer­dem ist mei­ne Frau Spa­nie­rin und unser Sohn lebt auch hier.

Die Fra­gen stell­te Hei­ko Cordes.

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